»Herr Abt,« erwiderte Murray, »Eure Redeweise hätte sich für ein früheres Jahrhundert besser geeignet und für geringere Personen, als Ihr in uns vor Euch seht. Wir stehen nicht hier, um Fragen von Euch zu beantworten, sondern um an Euch Fragen zu stellen. – Warum habt Ihr den Frieden gebrochen dadurch, daß Ihr Eure Vasallen unter die Waffen riefet und die Lehnsleute der Königin aufbotet?«
»Lupus in fabula!« erwiderte voll Verachtung der Abt, »auch der Wolf warf ja dem Lamme vor, es habe das Bächlein getrübt, dieweil er doch oben am Laufe stand ... aber das gab ihm den Vorwand, das Lamm zu verschlingen. Ich hätte die Lehnsleute der Königin aufgeboten? Ich tat es, um das Land der Königin gegen Fremdlinge zu verteidigen! Ich tat also nichts, als meine Pflicht, und bedaure nur eins, daß ich zu schwach an Mitteln war, meine Pflicht mit stärkerm Nachdruck zu erfüllen.«
»Und Eure Pflicht war es auch, Verrätern und Empörern wider die Königin von England in Euern Klostermauern Unterstand zu geben?«
»In meinen jüngern Jahren,« erwiderte der Abt mit der gleichen Unerschrockenheit, »war es kein so schlimmes Ding, ein Krieg mit England, daß deshalb ein infulierter Abt einem Fremdling, der Gastfreundschaft bei ihm suchte, sie hätte weigern sollen. In meinen jüngern Jahren,« setzte der Abt hinzu, »hätte sich jeder Bauer geschämt, aus Furcht vor einem Zwiste mit England einem Fremden die Tür zu weisen. Allein in jenen Zeiten sahen Engländer selten das Gesicht eines schottischen Ritters anders als durch sein Visier.«
»Mönch!« sprach mit Nachdruck der Graf von Murray, »es soll Dir wenig frommen, daß Du versuchst, Dich in Ungezogenheiten zu überbieten! Wir leben nicht mehr in jenen Zeiten, da sich ein römischer Priester herausnehmen durfte, einem Edelmanne ungestraft Hohn zu sprechen! Den Piercie Shafton gib uns heraus, oder, bei meines Vaters Helmbusch! Deiner Abtei wird der rote Hahn aufs Dach gesetzt!«
»Sofern dieser Fall eintreten sollte, so werden die Trümmer meiner Abtei auf die Gräber Deiner Ahnen stürzen. Möge der Ausgang werden, wie er wolle, der Abt des Liebfrauenklosters liefert keinen Menschen aus, der Schutz in den Mauern des heiligen Zufluchtsortes gesucht hat!«
»Abt, bedenke Dich,« erwiderte Graf Murray, »und nötige uns nicht zu harten Maßregeln! Die Hände von Kriegern wie diesen,« setzte er hinzu, auf seine Mannen, zeigend, »werden in Zellen und zwischen Heiligtümern keine Euch genehme Arbeit verrichten. Also zwingt uns nicht zu einer Haussuchung, denn wir müssen den englischen Hund haben.«
»Das sollt Ihr nicht notwendig haben,« rief eine Stimme aus der Menge, und der Schönschwätzer, den Mantel von sich werfend, in den er sich gehüllt hatte, trat mit allem Anstand eines Edelmannes vor die Grafen und Edelleute, »hinweg mit der Wolke, die Piercie Shafton verdunkelte! hier, Mylords, erblickt den Ritter von Wilverton, der Euch die Schuld erspart, Gewalttat und Kirchenraub zu begehen.«
»Vor Gott und der Menschheit protestiere ich wider jeden Eingriff in die Rechte meines heiligen Klosters und seiner Schirmherrschaft,« rief der Abt mit lauter Stimme, die weithin über den Platz erschallte, »und mithin gegen die Festnahme dieses edlen Ritters. Sofern das Parlament Schottlands noch über ein Atom von Macht und Ansehen verfügt, werden wir diesen Fall anderswo zur Sprache bringen.«
»Erspart Euch Eure Drohungen,« erwiderte der Graf. »Möglich, daß mein Plan mit Sir Piercie Shafton anders ist, als Ihr vermutet, aber das beschäftigt uns hier jetzt nicht. Nehmt ihn in Haft, Herold, als unsern Gefangnen! Die Folgen treffen uns.«
»Ich gebe mich selbst in Gefangenschaft,« erklärte der Schönschwätzer, »behalte mir aber mein Recht vor, die beiden Mylords von Murray und von Morton zum Zweikampfe zu fordern für die mir als Edelmann angetane Schmach!«
»Still, Freundchen, still!« rief da eine Stimme aus der Schar der Hauptleute, und Stalwarth Bolton trat vor. »Nur ruhig, ganz ruhig, Kerlchen! Deiner Mutter Vater war nichts weiter als ein Schneiderlein, ich hab ihn gar gut gekannt, den alten Fadenspuler von Holderneß! Meinst, wir solltens vergessen, weil Du Dich erfrechst, Deine Herkunft zu verleugnen, und Dich wie ein aufgeblasner Vogel in unbezahlten Samt und Seide zu stecken und mit Kavalieren und Kammerherren Umgang zu halten? Molly Kreuzstich, Deine Frau Mama, war das niedlichste Marjellchen im ganzen Lande. Die ging mit dem wilden Shafton von Wilverton auf und davon, und der war, wie man sagt, mit den Piercies linker Hand verwandt. Ob sich die beiden hinterher noch geheiratet haben, kann sein. Bestreiten will ich es nicht, aber gehört davon hab ich nichts.«
»Holt doch dem edlen Ritter ein bißchen geweihtes Wasser!« rief höhnend Morton, »er ist so hoch herabgepurzelt, daß ihn schwindelt, infolge all des vielen Schwindels, den er uns aufgetischt hat!«
Wirklich sah Sir Piercie Shafton aus, als wenn ihn der Donner gerührt hätte, während sich niemand, selbst der heilige Abt nicht, eines Lachens enthalten konnte. »Lacht nur, Ihr ärgert mich damit doch nicht,« sagte Sir Piercie endlich, »aber erlaubt mir, an diesen Squire hier die Frage zu richten, zu welchem Zweck er diesen unseligen Flecken in einer sonst makellosen Abkunft an die große Glocke gehängt hat?«
»Ich?« fragte tief verwundert Glendinning, der mit am lautesten gelacht hatte, denn ihm galt die pathetische Frage des Gefoppten; »ich habe bis zur Stunde ja selbst keine Ahnung von diesem Zusammentreffen der Dinge gehabt.«
»Wie? nicht von Euch hätte dieser alte Krieger diese Kunde bekommen?« fragte mit steigender Verwunderung der Ritter.
»Nein! beim Himmel! von ihm nicht!« beteuerte Stalwarth Bolton, »denn ich hab den Jüngling ja mein Lebtag noch nie gesehen als hier und als heute!«
»O, würdiger Herr,« sagte da Frau Glendinning, die jetzt aus der Menge heraustrat. »Ihr habt ihn doch schon früher einmal gesehen ... Halbert, mein Sohn, das ist ja Stalwarth Bolton, dem wir unser Leben und die Mittel zu seiner Erhaltung verdanken. Und wenn er, wie es den Anschein hat, Gefangner im Heere der Schotten ist, so tue, was in Deinem Vermögen steht, ihm seine Lage zu erleichtern. Er hats um uns verdient! ...«
»Ach ja, gute Frau,« sagte Bolton, »in meine Stirn haben sich Furchen gegraben, seit wir uns nicht mehr gesehen haben, aber Deine Zunge hält die Probe besser als mein Arm. Dein Junge hat mir heut morgen weidlich zugesetzt! Er ist ein tüchtiger Kriegsmann geworden, der braune Wicht. Aber was ist denn aus Deinem andern, aus dem Weißkopfe, geworden?«
»Ach, mein Edward ist Mönch hier in der Abtei geworden,« erwiderte die Witwe.
»Ein Mönch und ein Landsknecht. Schlimm ausgesucht von allen beiden! besser hätten sie getan, wenn der eine ein Schneider geworden wäre wie der alte Fadenspuler von Holderneß. ... Damals hab ich sie Euch geneidet, die beiden schmucken Jungen, aber heut beklag ich Euch drum. ... Der Landsknecht stirbt auf offnem Felde, und der Mönch lebt knapp im Kloster.«
»Mutter, Mutter!« rief Halbert, »wo ist Edward? Kann ich nicht ein paar Worte mit ihm reden?«
»Er ist jetzt unterwegs mit einer Botschaft für den Lord-Abt,« beschied ihn Pater Philipp.
»Und Mary, Mutter?« fragte Halbert. Mary war in der Nähe, und bald waren die drei Menschen abseits von den andern, um sich zu erzählen, wie es ihnen in der Zeit, da sie sich nicht gesehen hatten, ergangen war.
Inzwischen hatte sich der Abt mit den beiden Grafen über die zukünftige Lage seines Klosters unterhalten und war durch kluge Nachgiebigkeit einer-, durch unbedingte Zähigkeit anderseits zu Abmachungen gelangt, die den bisherigen Fortbestand der uralten Gottesstätte einigermaßen sicherten. Dann legte der Abt ein gutes Wort für Piercie Shafton ein.
»Freilich, wohl ist er ein Geck, Mylords,« sprach er »aber er ist doch ein edelsinniger Geck, und Ihr mögt ihm heute wohl weher getan haben, als wenn ein Dolchstoß sein Herz getroffen hätte.«