Bilden in kristallnem Glanz,
Steigen, schwellen, platzen, springen,
Plänen gleich, die nicht gelingen.
O, des Schicksals Knoten schau!
Bau'r ist Lord, und Maid ist Frau!
Umsonst hatt ich durch Zaubers Macht
Den Liebsten von ihr weggebracht.
Welke, Strauch! versiege, Quell!
Tief herab sank Avenel!«
Und während dieses leisen, verschwommenen Gesanges war es, wie wenn die Gestalt Tränen vergösse ... und ihr Singsang führte herbes Weh in Edwards Herz, denn ihm war, als senke sich über Marys Ehe mit seinem Bruder eine finstre Wolkenlast, die ihnen Schlimmes zuführte. ...
Schluß
Der Abt
oder
Maria Stuarts Glück und Ende
Roman in zwei Bänden
Übersetzt von Erich Walter
The Abbot
Edinburgh 1820
Erster Band
Erstes Kapitel
Unmerklich eilt die Zeit dahin, und stufenweis wandelt sie, wie die äußern Verhältnisse, Tracht und Sitten und Charakter. Ist der Mensch fünf Jahre älter geworden, so ist er ein andrer geworden, und doch derselbe geblieben: die Welt um ihn her hat sich nicht geändert, er sieht sie aus andern Gesichtspunkten an, er beurteilt Grundsätze und Handlungen anders.
Halbert Glendinning und seine Frau waren um zweimal fünf Jahre älter geworden, seit wir sie in der Erzählung »Das Kloster« verließen, in der sie eine so hervorragende Rolle spielten. Das Band, das so glücklich für sie war, wie es gegenseitige Liebe nur immer zu schließen vermag, hatte sich nicht gelockert, aber ihr Glück war durch einen doppelten Umstand getrübt worden: einmal durch die wirtschaftliche Not, die über ganz Schottland hereingebrochen war, dann durch die zerrütteten Verhältnisse dieses unglücklichen Landes, in welchem ein Bürger den andern mit der Spitze seines Schwertes bedrohte. Gegen Murray hatte sich Glendinning bewährt, wie Murray es erwartet hatte: unwandelbar in der Freundschaft, tapfer im Kampfe, besonnen im Rat. Drum wurde er auch, war Gefahr im Anzuge, und das war nicht selten der Fall, von seinem Patron immer entboten zur Teilnahme auf Kriegszügen oder bei mühseligen Unternehmungen, wie er auch immer seinen Rat einholte bei den Ränken und Intrigen eines halb in Verwilderung versunknen Hofes.
Daher kam es denn, daß Sir Halbert Glendinning -- denn er war inzwischen zur Ritterswürde gelangt -- oft und lange von seinem Schloß und seiner Gemahlin fern war, und der Umstand, daß ihre Ehe nicht mit Kindern gesegnet war, die während seines Fernseins die Herrin von Avenel hätten trösten können, war auch nicht danach beschaffen, ihr Mißvergnügen hierüber zu lindern.
Sie lebte zu solchen Zeiten völlig abgeschieden von der Welt, im Bereiche der Wälle ihrer väterlichen Burg. Von Besuchen der Nachbarn untereinander war nicht die Rede, besondre Festlichkeiten ausgenommen, und auch dann beschränkte sich der Verkehr immer nur auf die allernächste Verwandtschaft. Bei der Schloßherrin von Avenel war solche aber nicht vorhanden, und die Damen der in der Schloßnachbarschaft sässigen Barone betrachteten sie nicht sowohl als Erbin von Avenel, als vielmehr als Frau eines Bauern, der als Sohn eines Kirchenvasallen durch Murrays launenhafte Gunst wie ein Pilz emporgeschossen war. Dieser Adelsstolz trat schärfer noch bei den Frauen zu Tage als bei den Männern, und nicht wenig trugen auch die Fehden der damaligen Zeit dazu bei, den zwischen den Geschlechtern vorhandnen Zwiespalt zu mehren, denn die meisten Adelinge des Südens waren auf Seite der Königin und auf das Uebergewicht Murrays in hohem Grade eifersüchtig. All diese Umstände trugen dazu bei, das Schloß Avenel für die Schloßherrin zu einem recht traurigen und einsamen Aufenthalte zu machen. Der Vorzug der Sicherheit wurde hierdurch freilich nicht verkümmert. Wie der Leser noch aus der Erzählung »Das Kloster« weiß, war es auf einer kleinen Insel in einem kleinen See erbaut, ein Dammweg bildete seinen einzigen Zugang, und ein doppelter Graben, der von zwei Zugbrücken verteidigt wurde, durchschnitt diesen Damm, so daß das Schloß für damalige Zeiten, wo man noch keine Geschütze kannte, als unbezwinglich galt. Ein halbes Dutzend Bewaffneter reichte aus, es vor Ueberrumpelung zu schützen, und bei ernsterer Gefahr wurde aus der männlichen Bewohnerschaft eines kleinen Dörfchens, das sich zwischen See und Hügel auf einer schmalen Landzunge, unfern der Stelle, wo der Dammweg das feste Land erreichte, unter Halberts wirksamer Förderung angesiedelt hatte, rasch ein Besatzungskorps herangezogen. Dem Schloßherrn von Avenel, dessen Leutseligkeit als Lehnsherr bekannt war, wurde es nicht schwer, Hörige zu finden. Seine Eigenschaft als Günstling des mächtigen Grafen von Murray, wie als kriegserfahrner Herr, war hierzu auch nur förderlich, denn wer unter seinem Banner sich niederließ, durfte auch rechnen, Schutz und Verteidigung zu finden. Auf dreißig rüstige Mannen durfte er auf diese Weise immer rechnen, und zur Verteidigung für seine Burg war diese Anzahl völlig hinreichend. Die Angehörigen der Dörfler fanden während solcher Zeit mit ihrem Vieh Zuflucht in den Schluchten der Berge und überließen es dem feindlichen Kriegsvolk, sich in den leeren Hütten zu behelfen.
Bloß ein Mann verweilte, wenn auch nicht als regelmäßiger, so doch als häufiger Gast im Schlosse Avenel. Das war Heinrich Warden, der sich jetzt wieder frisch genug fühlte, das recht mühevolle Amt eines reformierten Geistlichen auf sich zu nehmen. Da er sich nun durch seinen Eifer mit mehreren angesehenen Adelingen und Parteiführern in Zwist gesetzt hatte, meinte er sich auf dem Rittersitze eines befreundeten Herrn, der obendrein Parteigänger eines Grafen von Murray war, am sichersten zu befinden. Demungeachtet unterließ er nicht, mit der Feder seiner Sache ebenso freudig und rührig zu dienen wie vordem mit der Zunge, und verfocht einen grimmigen Streit mit dem Abte Eustachius, ehedem Unterprior von Kennaquihr, über das sogenannte Meßopfer, der in einer Flut von Schriften und Gegenschriften schon eine Zeitlang die Gemüter lebhaft beschäftigte. Selbstverständlich kann nun aber solch schreibseliger Theologe auch keinen anziehenden Gesellschafter abgeben für eine einsame Dame. Sein strenges, in sich gekehrtes Wesen war vielmehr eher Ursache, die Düsterkeit im Schloß zu mehren, statt zu mindern. Die Aufsicht über die zahlreiche weibliche Dienerschaft machte die wichtigste Beschäftigung der Schloßherrin aus. Rocken und Spindel waren ihr ebenso vertraut wie die Bibel, und die einzige Zerstreuung, die sie sich gönnen durfte, war ein Spaziergang auf der Schloßmauer oder auf dem Dammwege oder dann und wann einmal, aber nicht oft, am Seeufer.
Indessen war die Unsicherheit in jenen Zeiten so groß, daß der Turmwächter, wenn sie einmal den Einfall bekam, ihren Spaziergang ins Dörfchen auszudehnen, immer erst Weisung bekam, die Gegend fürsorglich abzuspähen, ob auch kein Feind in der Nähe sei, und vier bis fünf Mann sich bereit hielten, beim geringsten Anzeichen eines Ueberfalls aufzusitzen und zum Dorfe hinaus zu sprengen.
So sah es im Schlosse von Avenel aus, als nach mehrwöchentlicher Abwesenheit der Heimkehr des Schloßherrn entgegengesehen wurde. Ein Tag um den andern verging, und der Ritter von Avenel, wie Sir Halbert Glendinning gemeinhin genannt wurde, kam nicht. Briefe zu schreiben war damals noch nicht Brauch. Der Ritter hätte auch, wenn er es gewollt hätte, sich der Hilfe eines Schreibers bedienen müssen. Zudem hatte man damals keinen regelmäßigen Beförderungsdienst, sondern war auf zufällige Gelegenheiten angewiesen, und es fiel niemand ein, von Zeit und Richtung einer Reise, die er vorhatte, etwas verlauten zu lassen, weil er dann mit ziemlicher Gewißheit hätte, drauf rechnen können, mehr Feinden als Freunden zu begegnen.