Zufolgedessen war niemand auf dem Schlosse über den Tag genau unterrichtet, an welchem Sir Halbert eintreffen werde, aber die Frist, die seine Gemahlin sich ausgerechnet hatte, war schon lange verstrichen, und ihre Ungeduld weckte langsam Mißmut und Groll, und schwermütige Betrachtungen erfüllten ihr Gemüt.
Es war ein schwüler Sommerabend, und die Sonne war schon ziemlich hinter den Bergen von Liddesdale verschwunden, die man im Westen aufsteigen sah, als die Dame sich zu einem Spaziergang längs der Zinnen, die an einer Reihe von Vordergebäuden entlang führten und auf breitem, bequemem Pfade zu gehen erlaubten, entschloß. Glatt wie ein Spiegel lag der See, kein Lüftchen kräuselte seine Fläche und die niedrigen Höhen, die ihn umfriedeten, zeigten in den Fluten ihr Abbild. Die Einsamkeit wurde nur gestört durch helle Kinderstimmen aus dem Dorfe oder durch einen fernen Hirtenruf. Dann und wann ließ eine Kuh ihre dumpfe Stimme hören, die Mägde zum Melken rufend, die mit der Gelte auf dem Kopfe unter hellklingendem Gesang zum Stalle zogen. Und sie gedachte an frühere Tage, als es ihre liebste Arbeit und ihre größte Freude war, der Frau Glendinning und der Magd Tibb Tacket beim Melkgeschäft an die Hand zu gehen.
»Warum bin ich nicht die Bauerndirne gewesen, für die ich in aller Augen galt?« sprach sie bei sich; »wir hätten friedlich unser Leben in diesem Tale verlebt, Halbert und ich, ungestört von den Truggebilden der Furcht und des Ehrgeizes. Dann wäre Halberts höchster Stolz gewesen, Herr über die schönste Herde in Halidome zu sein, und keine andre Gefahr hätte er kennen gelernt, als einen Dieb aus unserm Grenzbezirk zu verscheuchen, auch wären wir nicht länger getrennt voneinander gewesen als Zeit notwendig war, einen Hirsch oder ein andres Standwild zu jagen. Aber ach! was wiegt das Blut auf, das Halbert vergossen hat, was macht die Gefahren wett, denen er entgegengeht, um Rang und Namen zu behaupten, die ihm wert sind, weil er sie durch mich besitzt, die wohl aber nimmer auf unsre Nachkommen sich fortpflanzen werden, denn mit mir muß der Name Avenel verlöschen!« Sie seufzte schwer, und sie blickte zum Seeufer hinunter, wo sich Kinder verschiedenen Alters die Zeit im lustigen Spiele damit vertrieben, ein geschickt aus Holz gezimmertes Schiffchen die Probefahrt machen zu lassen.
»Warum hab ich nicht ein paar solcher Wildfänge?« sprach sie bei sich, denn die trübe Stimmung war noch immer nicht von ihr gewichen. »Die Leute, denen sie gehören, sind kaum im stande, sie zu ernähren und zu kleiden, und ich könnt sie aufziehn im Ueberfluß, aber mir ist der Muttersegen verschlossen!«
Bitter fiel ihr dieser Gedanke aufs Herz, und Neid erfüllte ihre Seele. So tief ist dem Weibe das Sehnen und Verlangen nach einem Kinde eingeimpft! Schmerzvoll, wie ringend unter dem Uebermaß der trostlosen Empfindung, vom Himmel also gestraft zu sein, preßte sie die Hände ineinander. Ein großer Jagdhund, von der Windspiel-Rasse, kam zu ihr herangesprungen und leckte ihr, wie veranlaßt durch diese Gebärde, die Hände. Sie gab ihm die Liebkosung zurück, indem sie ihn am Kopfe kraute, aber ihre trübe Stimmung wollte nicht weichen.
»Wolf,« sagte sie zu ihm, »bist ein, schönes Tier, ein edles Tier, aber ich wünsche mir Liebe und Zuneigung bessrer Art, so lieb ich ja auch dich habe.«
In diesem Augenblick erklang vom See her angstvolles Wehgeschrei. Die Dame blickte voll Unruhe auf. Sie erkannte sogleich den Grund dazu, und war heftig erschrocken. Das kleine Schiffchen war in eine Untiefe getrieben und zwischen Wasserlilien hängen geblieben, und ein kecker, kleiner Kerl hatte sich ohne Zaudern ins Wasser hinein gewagt, um das Schiffchen heranzuholen, war aber, obwohl des Schwimmens kundig, mittwegs vom Ufer entweder mit der Brust an einen Felsen gestoßen oder von einem Krampfe befallen, kurz, schwebte in Gefahr zu ertrinken, denn er war schon ein paarmal unter Wasser geraten, hatte sich aber immer wieder in die Höhe gearbeitet; doch drohten ihn die Kräfte langsam zu verlassen, und nun erhoben seine Kameraden ein Zetermordio, aber keiner fand den Mut, ihm zu Hilfe, zu eilen. Die Dame schrie nun auch angsterfüllt um Hilfe, und befahl den ersten ihrer Leute, die sich daraufhin sehen ließen, das Boot herbeizuschaffen und dem Kinde zu Hilfe zu eilen. Das brauchte jedoch ein paar Minuten Zeit, denn das Boot lag in dem Kanal hinter dem Dammwege. In der Zwischenzeit verfolgte die Dame mit unsäglicher Pein die Anstrengungen des Knaben, sich über Wasser zu halten, aber es fing ihm sichtlich die Kraft zu schwinden an, und sicher wäre er untergegangen, ehe ihm Hilfe durch das Boot hätte werden können, wenn nicht plötzlich von andrer Seite her unvermuteter Beistand gekommen wäre. Das Windspiel, ein geübter Schwimmer, war mit einem Satze im See. Mit dem bewunderungswürdigen Instinkt, der diese Tiere auszeichnet, schwamm es direkt auf die Stelle hin, wo seine Hilfe von nöten war, packte den Knaben am Gesäß und zog ihn in der Richtung zum Dammwege hin, wo ihm zunächst fester Boden winkte. Inzwischen war das Boot herbeigekommen und traf den Hund mittwegs. Die Männer nahmen ihm seine Last ab und legten am Dammwege grade unterhalb des Schlosses an. Die Schloßherrin kam ihnen mit ein paar Mägden entgegen. Der Knabe, aus dem alles Leben gewichen zu sein schien, wurde ins Schloß getragen und auf ein Bett gelegt. Heinrich Warden, der nicht ohne einige Kenntnis in der Heilkunde war, ordnete die notwendigste Behandlung an, doch schien es lange, als wenn es nicht gelingen sollte, Leben in den Körper zurückzuführen.
Die Dame sah mit gespannter Erwartung auf das bleiche schöne Gesicht des Knaben, der etwa zehn Jahre alt sein mochte. Er trug Sachen vom gröbsten Stoff, das lange gelockte Haar und der edle Ausdruck seiner Züge stimmten jedoch nicht mit dieser Dürftigkeit seines Aeußern überein. Kein stolzer Adeling hätte solches Kindes sich zu schämen gebraucht, jeder hätte sich glücklich geschätzt, solches Kind als Stammhalter und Erben sein eigen zu nennen.
Noch immer betrachtete die Dame das schöne Kindergesicht, und noch immer zeigte es keine Spur von Leben wieder. Tiefer Ernst lagerte sich auf das freundliche Antlitz der holden Frau, und deutlich erkannte man, wie tief sie der Schmerz über dieses Unglück traf. Fast schien es, als solle alle Mühe verloren sein, die Heinrich Warden sich gab, fast schien es, als wenn sich der wackre Wolf umsonst bemüht hätte, da plötzlich trat ein leichter Anflug von Röte auf das Gesicht des Knaben, dann hob ein schwerer Seufzer die kleine Brust, und dann schlug er die Augen auf und streckte die Arme aus nach der Frau, die an seinem Bette stand, und stammelte das für jedes Frauenohr so süße Wort: »Mutter«.
»Meine Gnädige,« sprach der Pfarrer, »Gott hat Euch ein Kind gesandt; Euch liegt es nun ob, das Kind zu erziehen, auf daß es dereinst nicht wünsche, in seiner Unschuld umgekommen zu sein.«
»Dafür will ich sorgen,« erwiderte die Dame, umschlang das Kind und küßte und liebkoste es. So stürmisch war ihr Gemüt erregt worden durch den Schrecken, den sie ausgestanden hatte, und so stark war die Freude über solch unerwartete Rückkehr zum Leben. »Aber Du bist ja nicht meine Mutter,« sagte der Knabe, der nun auch das Bewußtsein wiederfand und trotz aller Schwäche doch Kräfte, genug besaß, die Liebkosungen der Schloßherrin von Avenel von sich abzuweisen. »Du bist doch nicht meine Mutter! ... Ach, ich habe keine Mutter, ich träumte nur, als hätte ich eine.
»Den Traum, lieber Knabe, will ich Dir deuten,« sagte die Dame von Avenel, »ich selbst will Dir hinfort Mutter sein. O, hat mein Gott mich, nicht erhört und mein Sehnen endlich gestillt? hat er in seiner Gnade mir nicht, ein Wesen gesandt, dem ich all meine Liebe schenken soll?«
Der Pfarrer wußte nicht recht, was er auf diesen leidenschaftlichen Gefühlsausbruch eines Frauenherzens antworten solle, der ihm im ersten Augenblick wohl überschwenglich erscheinen mochte. Jetzt wurde auch der große Jagdhund, der sich bei allen Mitteln, die man angewandt hatte, den toten Knaben, wieder zu sich zu bringen, ruhig verhalten hatte, ungeduldig und mochte nicht länger leiden, daß sich niemand um ihn mehr kümmerte, sondern fing an zu winseln und seine Herrin mit seinen Pfoten zu liebkosen.