»Lieber Edward, ich bin vorhin wohl etwas warm geworden, aber daran seid bloß Ihr schuld gewesen. Ein sprödes Wort oder ein hochfliegender patriotischer Gedanke Floras hat Euch erzürnt, und nun grollt Ihr wie ein Kind dem Spielzeuge, nach dem Ihr zuvor geschrieen habt, und weil mein Arm nicht bis nach Edinburg reicht, es Euch in die Hand zu legen, so schlagt Ihr mich, Euren getreuesten Beschützer... Aber ich will nach Edinburg reisen und alles wieder ins Gleis bringen, vorausgesetzt natürlich, daß Ihr nichts dawider einzuwenden habt, denn nimmermehr kann ich glauben, daß Ihr Eure gute Meinung von Flora, wenn sie wirklich das ist, als was Ihr sie oft mir gegenüber gepriesen habt, so plötzlich geändert haben solltet.«
Aber Edward war nicht gewillt, sich in einer Sache, die er schon für abgebrochen ansehen mußte, weiter oder schneller fortreißen zu lassen, als er selbst es für gut und angemessen erachtete, und erwiderte deshalb:
»Für die guten Dienste, Obrist Mac-Ivor, die Ihr mir in dieser Sache geleistet, und die für mich ganz ohne Frage sehr ehrbar sind, bin ich Euch aufrichtig dankbar. Da indessen Miß Mac-Ivor die freie Herrin ihres Willens war und meine Aufmerksamkeiten in Edinburg mit rücksichtsloser Kälte aufnahm, kann ich nicht dulden, daß sie um meinetwillen mit dieser Sache noch einmal behelligt werde. Solche Rücksicht bin ich ihr schuldig. Ich hätte Euch das bereits früher gesagt, aber es konnte nicht unbemerkt von Euch bleiben, auf welchem Fuße wir zueinander standen, und trotzdem hätte ich früher das Wort dazu genommen, hätte mich nicht ihr begreiflicher Widerstand davon abgehalten, eine Angelegenheit, die für uns beide so schmerzlicher Natur ist, zu berühren.« »O, recht so, recht so, Mr. Waverley, die Sache ist aus. Meine Schwester einen Manne aufzudringen, habe ich nicht nötig.«
»Und ich meinerseits nicht, mich von einer Dame wiederholt abweisen zu lassen.«
»Aber genau erkundigen muß ich mich doch,« fuhr der Häuptling fort, ohne dieser Unterbrechung Waverleys zu achten, »was meine Schwester zu dem allen sagt, und dann werden wir sehen, ob es in der Tat zu Ende ist.«
»Daß Ihr ob solcher Fragen und Feststellungen tun und, lassen könnt, was Ihr wollt, ist allerdings richtig,« versetzte Waverley. »Indessen kann meines Wissens Miß Mac-Ivor ihre Anschauungen in solcher Sache unmöglich ändern. Sollte jedoch ein solch unglaublicher Zufall sich ereignen, so steht es meinerseits hingegen fest, daß ich an den meinigen kein Jota ändre. Ich erwähne dies nur, um jeder Möglichkeit eines Mißverständnisses von vornherein den Boden zu entziehen.«
An Mac-Ivor lag es wahrlich nicht, den Zwist auf der Stelle zum endgültigen Austrag zu bringen. Seine Augen sprühten Blitze, und er maß Edward von Kopf zu Fuß, wie wenn er die Stelle ermitteln wolle, wo er ihn tödlich verwunden könne. Aber daß man zu einem Zweikampf auf Leben und Tod eines triftigen Vorwands bedürfe, und daß die Abneigung, sich weiter um eine Dame zu bemühen, die sich ablehnend verhält, für Männer solch triftiger Vorwand nicht sei, mußte sich auch Fergus sagen, und so verbiß er die vermeintliche Kränkung mit dem Vorsatze, keine andre Gelegenheit zu verpassen, die sich ihm böte, Rache an Waverley zu nehmen.
Ueber dieses herrische und rücksichtslose Verhalten seines bisherigen Freundes aufgebracht, verließ Waverley die Front und begab sich zum Nachtrab, wo sein Diener mit seinem Rosse sich befand. Er schwang sich darauf und beschloß, den Baron von Bradwardine aufzusuchen, in der Absicht, sich bei ihm als Freiwilliger zu melden und den Zug Mac-Ivors zu verlassen.
Der Baron, der für seine gelehrten Brocken in seiner jetzigen Umgebung keine Ablagerungsstätte mehr fand, und dem daran lag, sie nicht à la Sancho Pansas Witzen verschimmeln zu lassen, ergriff Waverleys Anerbieten mit Freuden; nichtsdestoweniger gab sich der brave Mann alle mögliche Mühe, den Zwist zwischen den beiden jungen Männern gütlich beizulegen, aber Fergus blieb gegen alle Vorstellungen taub, und Waverley sah nicht ein, weshalb er der erste sein sollte, die Hand zu bieten, nachdem der andre sie so böswillig von sich gestoßen hatte. Der Baron meldete den Vorfall dem Prinzen, und dieser, aus Besorgnis, solche Fehde könne Anlaß zu weiterm Umsichgreifen in seinem kleinen Heere werden, versprach, dem Obersten Mac-Ivor über solchen Unglimpf Vorhaltungen zu machen. Aber bei der Eile, mit der der Weitermarsch erfolgte, vergingen ein paar Tage, bis sich ihm Gelegenheit hierzu bot. Inzwischen suchte Waverley die während seiner Dienstzeit bei den Dragonern gewonnenen Kenntnisse bei dem Zuge des Barons zu verwerten und stand demselben in seinem Kommando nach Kräften bei. Wie es im Sprichwort heißt, »ist unter den Blinden ein Einäugiger König«, und so gewann auch Waverley bei der zumeist ans unterländischem Adel zusammengesetzten Kavallerie schnell ein ziemlich hohes Ansehen.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Waverley ritt hin und wieder, um sich über die Vorgänge bei der Avantgarde zu unterrichten, dem Kommando Bradwardine voraus. Das Heer war inzwischen in Lancashire einmarschiert, und hier hatte ein altes, burgähnliches Schloß sein Interesse geweckt. Um es in Augenschein zu nehmen, hatte er sich ein kleines Stück seitab von dem Zuge begeben, und als er zurückritt, kam ihm Evan Dhu Maccombich, der Fähnrich des Häuptlings, entgegen. Evan Dhu hatte seit der Zeit in Tully-Veolan eine gewisse Zuneigung zu Waverley gefaßt. Es war, als ob er Waverley direkt auflaure, um mit ihm über etwas zu sprechen. Indessen ließ er es, als Waverley bei ihm vorüberritt, dabei bewenden, daß er an den Steigbügel herantrat und das einzige Wort »Vorsicht« ihm zuraunte.
Edward, hierüber verwundert, folgte Evan Dhu, der einen Seitenpfad einschlug, mit seinem Blicke. Gleich darauf ritt sein Bursche, Mick Polwarth, zu seinem Herrn heran.
»So wahr ich lebe, Herr, Ihr seid unter diesen Strauchdieben von Hochschotten Eures Lebens nicht sicher.«
»Wie meinst Du das, Mick?«
»Die Mac-Ivors haben sichs in den Kopf gesetzt, Ihr hattet die Lady ihres Clans, Miß Flora, in ihrer Ehre gekränkt und beschimpft. Ich habe schon mehr denn einmal von ihnen gehört, es solle ihnen nicht drauf ankommen, Euch eine Kugel auf den Pelz zu brennen. Ihr wißt doch auch selbst, daß mancher drunter ist, der sich nicht scheuen würde, dem Prinzen gleiches anzutun, sobald bloß bekannt wäre, daß ihrem Häuptling was dran gelegen sei.«
Waverley hatte es zwar nicht für möglich gehalten, daß Fergus sich solcher Hinterlist schuldig machen werde, aber auf irgend welche Ritterlichkeit seiner Clansleute in solcher Sache baute er nun auch nicht. Im Gegenteil wußte er, daß es sich jeder zur Ehre anrechnen werde, der erste zu sein, der einem dem Häuptling oder dem Clan angetanen Schimpf durch einen Mord sühne. Hatte er doch oft genug das arge Wort aus ihrem Munde vernommen: »Schnelle Rache ist die wirksamste Rache.« Er hielt es für das Sicherste, seinem Gaul die Sporen zu geben und zur Schwadron des Barons zurückzureiten. Aber noch hatte er das Ende der langen Schloßallee nicht erreicht, als, ihn auch schon ein Schuß streifte.
»Das war der Lümmel Callum-Beg,« rief Mick. »Ich habe ihn deutlich durch die Büsche schlüpfen sehen.«
In heftiger Entrüstung über diesen verräterischen Anschlag machte Edward wieder Kehrt und ritt direkt auf den Clan Mac-Ivor zu, der sich eben in kurzem Abstande über einen freien Platz bewegte. Ein Mann rannte in voller Jagd auf den Clan zu. Es war Callum-Beg.
Kaum im stande, sich zu mäßigen, befahl Waverley seinem Burschen, zum Baron Bradwardine zurückzureiten und ihn von dem Vorfalle zu unterrichten. Er selbst sprengte direkt auf den Häuptling zu, der eben zu seinem Clan heranritt, auf dem Rückweg von einer Audienz beim Prinzen befindlich.