»Ja doch, ja doch,« sagte sie, »auch an dich soll die Reihe kommen, mein Getreuer,« sagte die Dame, »auch an dich soll gedacht werden, bist ja doch heute gar ein tapfrer Hund gewesen! hast solch liebem Knaben das Leben gerettet!«
Aber Wolf war mit den Brosamen, die auf seinen Anteil kamen, gar nicht recht zufrieden, sondern winselte weiter und liebkoste die Herrin noch immer mit den Pfoten. Da er noch pitschnaß war, wurde es der Dame endlich lästig, und sie gab einem Diener Befehl, das Tier hinauszubringen. Trotzdem es aber ein Diener war, an den der Hund gewöhnt war, kehrte er sich so lange nicht an die von der Herrin gegebene Weisung, und ließ den Diener nicht an sich herankommen, bis die Herrin selbst zur Türe schritt und ihn hinauswies. Da wandte der Hund sich nach dem Bette um, auf dem der Knabe lag, halb seiner Besinnung wieder mächtig, halb noch in Fieberträumen befangen, erhob ein dumpfes, wildes Geheul, fletschte die Zähne, die dem Gebiß eines richtigen Wolfs an Stärke und Schärfe nur wenig nachstanden, drehte sich knurrend zu dem Diener herum und ließ sich herausbringen.
»Merkwürdig,« meinte die Dame, »das Tier ist sonst so gutmütig, besonders gegen Kinder. Was kann ihn so erbittern gegen den kleinen Kerl, dem er doch das Leben gerettet hat?«
»Hunde,« sagte der Pfarrer, »gleichen dem Menschen in seiner Schwachheit nur allzusehr, obgleich die Natur sie seltener irre führt als den armen Sterblichen sein Verstand, wenn er der eignen Kraft vertraut und der göttlichen Hilfe entraten zu können meint. Eifersucht ist dem Hunde nicht unbekannt, meine liebe Dame, er verrät sie oft, nicht nur der eignen Gattung gegenüber, wenn ihr Herr einen andern Hund bevorzugt, sondern sehr oft Kindern gegenüber, wenn sie Nebenbuhler in der Gunst ihrer Herren zu werden drohen. Ihr habt das Kind mit Liebkosungen überschüttet, und nun wittert er einen Gegenstand in ihm, der ihn aus Eurer Gunst verdrängen wird.«
»Das ist ein wunderlicher Naturtrieb,« antwortete die Dame, »und aus dem Ernst mit dem Ihr auf die Frage eingeht, mein ehrwürdiger Freund, möchte, ich fast schließen, Ihr hieltet die wunderliche Eifersucht meines Lieblingshundes nicht bloß für vorhanden, sondern auch für begründet. Aber Ihr sprecht vielleicht im Scherz.«
»Ich scherze nicht oft,« erwiderte der Pfarrer, »das Leben ward uns nicht gespendet, daß wir es vertun sollen in eitlem Spiele. Ihr solltet aus meiner Rede, sofern es Euch beliebte, für Euch die Lehre entnehmen, daß unsre schönsten Empfindungen, wenn wir uns ihnen im Uebermaß hingeben, andern Geschöpfen Leid bereiten können. Nur eins gibt es, dem wir nachhängen dürfen mit aller Stärke unsers Denkens und Empfindens, ohne daß wir zu befürchten brauchen, Uebermaß könne schaden, das ist die Liebe zu unserm Schöpfer.«
»Aber dasselbe Gebot weist uns doch,« bemerkte die Dame, »auch auf die Liebe zu unserm Nächsten!«
»Allerdings, meine Gnädige,« antwortete Warden, »aber unsre Liebe zu Gott soll ohne Schranken sein, ihn sollen wir lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit ganzem Gemüte. Die Liebe hingegen, die wir für unsern Nächsten haben sollen, ist einer genauen Begrenzung und Bestimmung unterworfen. Unsern Nächsten sollen wir lieben wie uns selbst, und außerdem erläutert uns noch das große Gesetz dieses Verhältnis durch die Beiworte: daß wir ihm tun sollen, wie wir wollen, daß er uns tue. Hier ist der schönsten unsrer Empfindungen eine Grenze gesteckt, ein Ziel gesetzt, soweit dieselben auf irdische, vergängliche Dinge gerichtet sind. Wir sollen unserm Nächsten, gleichviel welches sein Rang und seine Stellung sei, jenen Grad von Liebe oder Zuneigung zuwenden, den wir von ihm selbst erwarten, auf den wir von ihm als Gegenleistung rechnen können, wenn er im selben Verhältnis zu uns stände wie wir zu ihm. Daraus ergibt sich, daß weder Mann noch Weib, weder Sohn noch Tochter, weder Verwandter noch Freund uns zu Gegenständen abgöttischer Liebe werden sollen. Denn der Herr unser Gott ist ein starker und eifriger Gott, welcher nicht duldet, daß wir einem seiner Geschöpfe die Anbetung zollen, die Er, der uns schuf, für Sich erheischet. Ich sage Euch, meine Gnädige, auch die schönsten und reinsten unsrer Empfindungen, die uns am meisten zur Ehre gereichen, haben jenen, Uranstrich von Sünde, der uns bestimmen muß, Einhalt zu tun und uns zu besinnen, ob wir recht tun, uns ihnen hinzugeben bis zum Uebermaße.«
»Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht, hochwürdiger Herr,« erwiderte die Dame, »noch vermag, ich mir zu erklären, wie das, was ich zurzeit getan oder gesagt haben mag, solche Zurechtweisung, die einen Beigeschmack von Tadel zu haben scheint, verdienen kann.«
»Verzeiht mir, bitte, meine Gnädige,« erwiderte Warden, »falls der Wunsch zu lehren mich über die Grenzen meiner Pflicht geführt haben sollte. Aber bedenket, ob bei dem feierlichen Gelöbnis, dem armen Kinde nicht bloß Beschützerin, sondern auch Mutter zu sein, Ihr Euch der Zustimmung jenes edlen Ritters, dessen Gemahlin Ihr seid, versichert halten dürfet. Die Zärtlichkeit, die Ihr dem unglücklichen und, wie ich gern gelten lasse, auch liebenswürdigen Kinde zuwendet, hat eine Regung in Eurem Lieblingshunde wachgerufen, die einem Vorwurfe nicht unähnlich ist. Gebt nun nicht Eurem edlen Gemahl noch Anlaß zu Mißvergnügen, zu Unzufriedenheit! Nicht bloß das Tier ist eifersüchtig auf die Neigungen derjenigen, denen sie ihre Zuneigung widmen, sondern auch der Mann.«
»Hochwürdiger Herr, Ihr geht zu weit,« sagte die Dame, denn sie fühlte sich tief gekränkt. -- »Ihr seid lange Gast in unserm Schlosse gewesen, habt vom Schloßherrn wie auch von mir alle Achtung, Ehre und Liebe genossen, die wir Laien Eurem Stande schuldig sind. Aber ich wüßte nicht, daß ich Euch je ermächtigt hätte, in unsre ehelichen Verhältnisse Euch zu mischen oder über unser Leben als Mann und Frau zu richten. Ich möchte doch bitten, dies in Zukunft zu unterlassen.«
»Meine Gnädige,« versetzte der Pfarrer mit einer den Angehörigen seines Standes damals eigentümlichen Unerschrockenheit, »seid Ihr meiner Erinnerungen müde, dann sehe ich, daß Euch und dem edlen Ritter, Eurem Gemahl, meine Dienste nicht länger mehr angenehm sind, daß meines Bleibens hier nicht länger mehr ist. Ich will also, indem ich die Fortdauer göttlichen Segens auf Euch und Euer Haus herabflehe, ausziehen, und wäre es selbst im härtesten Winter, nach jener Wüste jenseits der Berge, allein und ohne Beistand und in einem Zustande weit größerer Hilflosigkeit als damals, da ich zum ersten Male mit Euch zusammentraf im Tale von Glendearg. Aber so lange ich noch hier verweile, will ich Euch nicht abirren sehen vom rechten Pfade, nein, nicht um ein Haarbreit, ohne daß ich Euch die Warnerstimme eines Greises vernehmen lasse.«
»Nicht so, hochwürdiger Herr! nicht so,« sagte die Dame, die den wackern Geistlichen liebte und schätzte, wenn ihr auch der übergroße Eifer, mit dem er seines Amtes waltete, oft nichts weniger als genehm war, »nicht so wollen wir scheiden, lieber Freund! Frauen sind lebhaft und übereilt in ihren Empfindungen, aber, glaubt mir, meine Wünsche und Pläne bezüglich dieses Knaben bewegen sich in einer Richtung, die sowohl Eure, wie meines Gemahls Beifall haben dürfte.«
Der Pfarrer verbeugte sich und ging nach seiner Stube.
Zweites Kapitel
Kaum hatte Warden das Zimmer verlassen, so überließ sich die Dame von Avenel ganz der Liebe und Zärtlichkeit, die der Anblick des Kindes, die plötzliche Gefahr und die so unvermutete Rettung in ihr wach gerufen hatten, und überhäufte den Knaben, seit sie frei war von priesterlicher Strenge, wie sie das Verhalten des Geistlichen auffaßte, mit Liebkosungen.
Er hatte sich von den Folgen des Unglücks, das ihn betroffen hatte, halb und halb erholt und ließ sich die freundliche Behandlung der schönen Dame, wenn er auch seine Verwunderung darüber nicht verbarg, recht wohl gefallen. Das Gesicht der Dame war ihm völlig fremd und die Kleidung, die sie trug, so schön und kostbar, wie er sie in seinem Leben noch nie gesehen hatte. Aber der Knabe war von unerschrocknem Temperament und besaß jene den Kindern eigentümliche Gabe, rasch zu merken, wer es gut mit ihnen meint, in hervorragendem Grade. Das freundliche Wesen, das er infolgedessen zeigte, eroberte das Herz der Dame im Nu, und so fiel es ihr in der Tat schwer, sich von seinem Lager zu entfernen und ihm die Zeit zur Ruhe zu lassen, die ihm nach den schweren Minuten, die er nahe dem Ertrinken verlebt hatte, so not tat.