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Aber selbst die Anmut ihres neuen Lieblinges war nicht im stande, die Besorgnisse zu verscheuchen, die das Ausbleiben ihres Mannes in ihrem Herzen wachrief. Endlich, endlich kam ein Reitknecht, der die Meldung vom Schloßherrn brachte, daß er noch am Hofe von Holyrood aufgehalten sei, daß ihm so ernste Geschäfte oblägen, daß er noch einige Zeit von seinem Schlosse fernbleiben müsse; aber auch die Zeit, die er als äußerste Frist für sein Fernhalten bezeichnet hatte, verstrich, und er kam nicht und kam nicht. Und so folgte auf den Sommer der Herbst, und auf den Herbst der Winter, und Sir Halbert Glendinning hatte noch immer den Weg zum Schlosse nicht zurückgefunden.

Drittes Kapitel

»So? Soldat willst Du auch werden, Roland?« fragte die Dame von Avenel, während sie, auf einer steinernen Ruhebank sitzend, dem Knaben zusah, wie er mit einem langen Stecken die Exerzitien der Schildwache nachmachte, die bald ihre Lanze schulterte, bald hinter sich her schleifte.

»Jawohl, gnädige Frau,« versetzte der Knabe, denn er war schon vertrauter geworden und gab auf alle Fragen schnell und frisch Antwort, »ich will Soldat werden, denn noch nie hat ein Adeling gelebt, der sich nicht mit dem Schwert gegürtet hätte!«

»Du und Edelmann?« meinte die Zofe Lilias, die wie gewöhnlich den Dienst bei der Schloßherrin hatte, »so einer, wie man ihn aus jeder Bohnenstange sich schneiden kann.«

»Still, Lilias, schilt mir den Jungen nicht!« sagte die Dame von Avenel, »denn ich glaube ganz bestimmt, daß er aus edlem Blute stammt. Sieh doch nur, wie er sich verfärbt bei Deinem Spott!«

»Wenn es nach mir ginge,« meinte die Zofe, »dann sollt ein strammes Birkenreis ihm die Blässe bald aus dem Gesichte treiben!«

»Aber, Lilias,« sagte die Dame, »fast sollte man meinen, das Kind hätte Dir was zu leide getan ... oder gönnst Du ihm die Gunst nicht, die ich ihm schenke, weil Du meinst, sie entginge Dir?«

»Da sei der Himmel vor, gnädige Herrin,« erwiderte die Zofe, »ich bin, gedankt sei Gott, zu lange im Dienst bei vornehmen Herrschaften gewesen, um mich in Widerspruch zu ihren Grillen und Launen zu setzen. Ob sich die Herrschaft interessiert für einen Hund oder einen Vogel oder einen Jungen, das ist mir alles ganz egal.«

Lilias war eine von jenen verwöhnten Kammerzofen, die sich mehr herauszunehmen, als sich manche Herrin mit Maß und Vernunft anzuhören vermag. Aber die Dame von Avenel pflegte, was ihr nicht gefiel zu überhören, und so tat sie es auch in diesem Falle. Sie nahm sich vor, den Knaben der Obhut der Zofe zu entziehen und sich hinfort selbst mehr um ihn zu bekümmern. Sie war der bestimmten Meinung, daß er von edlem Blute abstammen müsse, denn wie besäße er sonst eine so edle Gestalt und so vornehme, ansprechende Züge? ... Nicht minder ließen sein Ungestüm, das ihn zuweilen befiel, die Verachtung jeder Gefahr, das Widerstreben gegen jeden Zwang darauf schließen, daß er nicht von bäurischer Herkunft war. Nach dieser Ueberzeugung richtete sie ihr Verhalten hinfort ein. Die andre Dienerschaft, die nicht so ungebundnen Sinnes war wie die Zofe, verhielt sich wie sich Dienervolk in der Regel zu verhalten pflegt: sie suchte sich gemäß den Neigungen, von denen sich die Schloßherrin leiten ließ, zu verhalten. Der Knabe hingegen eignete sich bald jene überlegene Miene an, die sich leicht einzufinden pflegt, wenn jemand fortwährend unterwürfige Leute um sich sieht. Ihm schien Befehlen zur zweiten Natur zu werden, und es fiel ihm nicht schwer, für seine Grillen und Launen Beachtung nicht allein zu erwarten, sondern auch zu erlangen. Allerdings war der Pfarrer der Mann, solche Miene von Ueberlegenheit, wie sie Roland sich anmaßte, in ihre Schranken zu verweisen, und er hätte ihm solchen Dienst ganz sicher auch recht gern erwiesen, aber einige wichtige Auseinandersetzungen mit seinen Kollegen hatten ihn eine Zeitlang vom Schlosse fern gehalten.

Auf solche Weise hatten sich die Dinge im Schlosse gestaltet, als vom Seeufer herauf Hornstöße erschallten, die von den Turmzinnen lustig erwidert wurden. Die Dame von Avenel erkannte das Hornsignal ihres Mannes und stürzte zum Fenster. Ein Trupp von etwa dreißig Lanzenträgern, voran ein Mann mit fliegender Fahne, zog an den ausgefransten Ufern entlang zum Dammwege hin. Allen voran, im Abstande mehrerer Ellen, ritt ein Mann in glänzender Rüstung, auf der sich die Oktobersonne in Tausenden von Strahlen brach, und selbst auf den großen Abstand hin erkannte die Dame an dem stolzen Federbusche, der ihre Leibfarben, mit einem Palmenzweig geschränkt, zeigte, an der stolzen, festen Haltung und an dem würdevollen Anstand des Reiters ihren Gemahl, Sir Halbert Glendinning.

Die erste Regung, die die Dame von Avenel fühlte, war grenzenlose Freude. Dann beschlich sie eine unbestimmte Furcht, ihrem Gemahl möchte es nicht recht sein, daß sie den Knaben aufs Schloß genommen; noch ängstlicher aber wurde sie, wenn sie daran dachte, wie sie den Knaben bevorzugt und verhätschelt hatte, denn sie wußte recht gut, wie sehr ihr Mann in allen Dingen ein Freund der goldnen Mittelstraße war. Sie faßte deshalb einen raschen Entschluß, des Vorfalls mit dem Knaben erst am andern Morgen Erwähnung zu tun, und gab der Zofe die Weisung, sich mit ihm aus dem Zimmer zu begeben. Aber der verzogene Knabe, der schon öfter einmal seinen Willen durchgesetzt hatte und eine besondre Freude daran fand, sich in ein Ansehen zu setzen -- eine Schwäche, die er mit andern vornehmen Leuten teilt -- sagte laut und entschieden:

»Aber, gnädige Dame, ich will doch den tapfern Kriegsmann, der so stolz über die Zugbrücke reitet, auch mit ansehn -- warum soll ich denn mit der Lilias in das finstre Turmzimmer hinauf? ... Nein, dorthin gehe ich nicht mit ... ganz gewiß nicht! ganz gewiß nicht!«

»Roland,« sagte die Dame von Avenel streng, »Du darfst jetzt nicht bleiben.«

»Ich will aber bleiben,« versetzte eigensinnig der Knabe, denn er merkte, daß er schon wieder bei der Dame gewann.

»Roland, was ist das für ein Benehmen,« fuhr die Dame fort, strengern Tones, als sie sonst dem Knaben gegenüber ihn anzuschlagen pflegte -- »wie kannst Du mir gegenüber sagen, Du willst? Ich sage Dir doch, Du mußt mit Lilias mitgehen.«

»Nein, ich muß nicht,« rief der Knabe, »weil ich nicht will! Muß ist kein Wort, das sich für eine Frau schickt, aber will ein Wort, das sich für den Mann schickt.«

»Du wirst ja ein ganz ungezogenes Bürschchen, Roland,« verwies ihn die Dame ... »Lilias, bring ihn sofort aus der Stube!«

»Daß mein junges Herrchen dem alten noch einmal werde Platz machen müssen,« meinte die Zofe schnippisch, »das hab ich mir immer gedacht, und nun kommt's schneller, als ich dachte.«

»Sie liebt es ja auch, recht naseweis zu sein, Jungfer,« sagte die Dame von Avenel. »Haben wir etwa Mondwechsel, daß Ihr Euch alle so vergeßt?«

Lilias sagte nichts, sondern führte den Knaben hinweg, der zu stolz war, einen Widerstand fortzusetzen, der keinen Zweck hatte, aber einen Blick auf seine Wohltäterin schoß, der deutlich erkennen ließ, wie gern er auf seinem Willen bestanden hätte, wenn Aussicht vorhanden gewesen wäre, ihn durchzusetzen.

Noch rötete Mißmut die Wangen der Dame von Avenel, noch hatte sie die ungetrübte Heiterkeit der Seele nicht wiedergefunden, als ihr Gemahl, ohne Helm, aber mit den übrigen Waffen, angetan, eintrat. Seine Gemahlin dachte, als sie seiner ansichtig wurde, an nichts andres mehr; sie flog ihm entgegen, umschlang seine stahlbedeckte Brust mit ihren Armen und küßte sein kriegerisches, männliches Gesicht mit einer Inbrunst, die nicht bloß auffällig, sondern in höherm Grade noch aufrichtig war. Sir Halbert gab ihr Umarmung und Kuß mit gleicher Innigkeit zurück, denn wenn auch vielleicht die Zeit, die seit ihrer Vereinigung verstrichen war, die romantische Glut ihrer Liebe vermindert hatte, so war an ihre Stelle eine Zuneigung getreten, die mehr auf Vernunft fußte, und die wiederholte Abwesenheit des Ritters von seinem Schloß und seiner Gattin hatte verhütet, daß diese Zärtlichkeit nicht in Gleichgültigkeit überging.