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Als die ersten Begrüßungen gewechselt waren, blickte die Dame von Avenel ihrem Gemahl liebevoll ins Antlitz und sagte: »Aber, Halbert, ich finde, Du hast Dich recht verändert. Hast Du etwa heut einen weiten Ritt gemacht, oder ist Dir nicht wohl gewesen?«

»Ich hab mich nie unwohl befunden, Maria, die ganze Zeit, seit ich weg bin,« erwiderte Sir Halbert, »und ein starker Ritt kommt bei mir alle Tage vor. Das weißt Du doch. Wer als Adeling geboren ist, der mag das Leben in den Mauern seines Schlosses verträumen. Wer aber sich den Adel selbst erworben hat, darf nie aus den Steigbügeln, sondern muß zeigen, daß er seines Adels auch würdig ist.«

Die Dame von Avenel blickte ihren Gemahl liebevoll an, wie wenn sie versuchen wollte, in seiner Seele zu lesen, denn der Ton, in welchem die Worte gesprochen worden waren, war nicht frei von einer gewissen Entmutigung.

Sir Halbert Glendinning war noch der gleiche wie früher, und doch ein andrer geworden, als er in früheren Jahren gewesen war. Die heiße Ungebundenheit war verschwunden, um der ruhigen, strengen Haltung des Kriegs- und Staatsmannes das Feld zu räumen. Die Sorge hatte die edlen Züge gefurcht, über die sonst jede Gemütsbewegung spurlos hinweg zog, wie leichtes Gewölk über sommerlichen Himmel. Die Stirn war höher und kahler geworden, die dunklen Locken wallten wohl noch immer dicht um das Haupt, an den Schläfen waren sie aber, wenn noch nicht verschwunden, so doch merklich dünner geworden, eine Wirkung nicht sowohl der verwichenen Jahre, als vielmehr des Druckes, den die Stahlhaube übte. Den Bart trug er der herrschenden Sitte gemäß dicht und kurz, in Zwickelbartform, und spitz zulaufend. Die von Sturm und Regen gebräunte Wange hatte ihren jugendlichen Glanz verloren, kündete aber von gestählter Manneskraft. Mit einem Worte, Sir Halbert Glendinning war ein Ritter, wie geschaffen, zur Rechten eines Königs zu reiten, das Banner eines Königs im Felde zu tragen, der Berater eines Königs im Frieden zu sein.

Und doch lagerte jetzt über diesen stolzen Zügen eine Niedergeschlagenheit, deren er sich vielleicht selbst gar nicht recht bewußt war, die aber dem scharf beobachtenden Blicke der zärtlichen Frau nicht entging.

»Es ist etwas vorgegangen oder soll etwas vorgehen,« sagte die Dame von Avenel, »denn solcher Unmut umwölkt nicht grundlos Deine Stirn; ich fürchte, es ist ein Unglück im Anzuge gegen uns selbst oder gegen unser Vaterland.«

»Es hat sich nichts Neues ereignet, nicht daß ich wüßte,« versetzte Sir Halbert; »aber es gibt wenig Unglück, das sich nicht in unserm unglücklichen, durch schweren Zwist geschiedenen Reiche befürchten ließe.«

»Du machst mich nicht irre,« sagte die Gattin. »Ich sehe es Dir an, daß sich etwas Unangenehmes ereignet haben muß. Sonst hätte Lord Murray Dich nicht so lange in Holyrood festgehalten. Es muß eine ernste Sache gewesen sein, für die ihm Dein Rat von Wichtigkeit war.«

»Ich bin nicht in Holyrood gewesen, Maria,« versetzte der Ritter, sondern mehrere Monate außerhalb des Landes.«

»Außerhalb unsers Landes,« rief die Dame, »und Du hast mir keine Botschaft gesandt?«

»Was konnte die Nachricht Dir frommen? sie hätte Dich doch höchstens in Sorge und Herzeleid gestürzt!« versetzte der Ritter. »Deine Besorgnis hätte den leisesten Hauch, der über Deinen kleinen See hier gestrichen wäre, zu einem rasenden Orkan entfacht.«

»Also über See bist Du gewesen?« fragte die Dame von Avenel erschrocken. »Deine Heimat hast Du verlassen, hast an fernen Gestaden geweilt, wo man die schottische Sprache nicht versteht und spricht?«

»Freilich, freilich,« antwortete Sir Halbert, mit zärtlichem Getändel ihre Hand erfassend und streichelnd, »solche bewundernswerte Tat habe ich vollbracht, drei Tage und drei Nächte habe ich mich auf dem Meere schaukeln lassen, und bloß ein dünnes Brett hat mich von den Wellen geschieden.«

»Wie konntest Du die göttliche Vorsehung so in Versuchung setzen, Halbert?« fragte die Dame voll stillen Vorwurfs. »Ich hab Dich nie gedrängt, das Schwert von der Hüfte zu lösen oder die Lanze beiseite zu tun; hab Dich nie gebeten, die Hand in den Schoß zu legen, wenn Dich Geschäfte riefen. Aber sind Schwert und Lanze nicht Gefahren genug für einen Mann? Mußtest Du auch noch das grimmige Meer dazu gesellen?«

»Wir haben in Deutschland und in den Niederlanden, Maria,« nahm der Ritter wieder das Wort, »Männer mit uns verbunden im gleichen Glauben, denen es nützlich erschien, mit uns in ein Bündnis zu treten. Zu einigen bin ich gesandt worden in vertraulicher Angelegenheit. Wohlbehalten bin ich an ihrem Gestade gelandet und wohlbehalten heimgekehrt. Aber schwerere und mannigfachere Gefahren birgt das Leben zwischen hier und Holyrood, als in allen Gewässern, die die niederländischen Gestade bespülen.«

»Und Land und Volk, Halbert, sind wie Schottland und die Schotten? ebenso gutmütig? Und wie sind sie gegen Fremde?« fragte Maria.

»Holland ist mächtig durch seinen Reichtum, Maria,« antwortete Sir Halbert, »der alle andren Völker schwächt, aber schwach in den Künsten des Kriegs, die alle andren Völker stark machen.«

»Ich verstehe Deine Rede nicht,« versetzte die Dame.

»Der Sinn des Holländers ist bloß auf Erwerb gerichtet, Maria, und zur Kriegsführung wirbt er sich fremdes Kriegsvolk, und durch fremdes Kriegsvolk verteidigt er seinen Reichtum. Er baut Dämme am Gestade des Meeres, zum Schirm für sein Land, und aus den Scharen der Schweizer und Deutschen holt er sich die Besatzung dazu. So ist der Holländer mächtig in seiner Ohnmacht, denn eben der Überfluß, der den Machtvollern zum Raube reizt, bewaffnet fremde Mannen in holländischem Dienst.«

»Solch feige Knechte!« rief die Dame von Avenel empört, denn sie war die echte Schottin damaliger kriegerischen Zeit, »Hände haben sie und gebrauchen sie nicht? Abschlagen sollte man sie ihnen unterm Ellbogen!«

»Nicht doch,« wagte ihr Gemahl, »ihre Hände dienen dem Vaterlande nicht minder, wenn auch in anderer Weise. Schau hin auf diese kahlen Hügel, Maria, auf dieses tiefgewundne Tal, durch das eben die Herde von ihrer magern Weide heimkehrt. Die Hand des fleißigen Niederländers würde diese Berge mit Wald bedecken, ließe Getreide aufsprießen, wo wir jetzt bloß dürre Heide sehen. Mir tut's weh, Maria, wenn ich die Blicke auf dieses Land lenke, und mir vorstelle, welchen Reichtum ihm Menschen bringen könnten, wie ich sie jüngst kennen gelernt habe, Männer, die nicht nach eitlem Ahnenruhme trachten, nicht nach der blutigen Ehre, sich in täglicher Fehde aufzureiben dürsten, die ihr Land bewohnen, nicht um seinen Wohlstand zu hindern und zu unterdrücken, sondern ihn zu erhalten und zu fördern.«

»Solche Kultur, wie es dort wohl heißt, lieber Halbert, wäre hier wenig am Platze,« bemerkte Maria, »denn die uns feindlichen Engländer würden sie verwüsten, ehe sie aus dem gröbsten heraus wäre, und der erstbeste Nachbar, der mehr Reiter besäße als der andre, würde die Saaten, die Deinen Schweiß gekostet haben, niedermähen! Warum willst Du Dich deshalb grämen? Das Geschick, das Dir Schottland als Vaterland gab, gab Dir auch Kopf und Herz und Hand, Dich als Schotte zu behaupten, wie es einem Schotten geziemt.«

»Mir gab es keine Ursache, mich als Schotte zu behaupten,« versetzte Halbert, langsam durch das Zimmer schreitend. »Mein Arm hat sich hervorgetan in jedem Kampfe, meine Stimme hat sich vernehmen lassen bei jeder Beratung, und selbst die Weisesten verschmähten nicht meinen Rat. Der schlaue Lethington, der düstre Morton pflogen mit mir geheimen Rat, und Grange und Lindsay haben nicht in Abrede gestellt, daß ich in jeder Feldschlacht meinen Mann gestellt habe, wie es einem Ritter zukommt. Aber laß die Zeit der Not, in der sie mich brauchen, vorüber sein, und keiner von ihnen wird sich des unbekannten Herrn von Glendinning, der über keine Ahnen verfügt, noch erinnern.«