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Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, die die Dame von Avenel immer scheute, denn der Rang, in den ihr Mann erhoben worden war, die Gunst, deren er sich bei dem Grafen von Murray, dem mächtigsten Manne im Reiche, erfreute, sowie die Eigenschaften, die ihn zu diesen Auszeichnungen befähigt hatten, konnten begreiflicherweise den Neid, mit dem man ihn betrachtete, nicht vermindern, sondern nur vermehren. Zog man doch vor allem die niedrige Herkunft in Betracht, neben der die persönlichen Tugenden, durch die er sich emporgerungen hatte, in den Augen seiner Zeitgenossen zu einem Nichts zusammenschrumpften. Die ihm angeborene Charakterfestigkeit befähigte ihn nicht dazu, die in der öffentlichen Meinung als feststehend erachteten Vorzüge einer hohen Abkunft als geringwertig anzusehen, ja es gab Augenblicke, -- so leicht finden eifersüchtige Grillen Eingang auch in die edelsten Gemüter -- wo es ihn bitter verdroß, daß sein Ansehen als Besitzer von Avenel darin fußte, daß er es bloß besaß, als Erbe seiner Frau. Er war nicht so ungerecht, solcher Regung die Herrschaft über sein Gemüt zu lassen, aber so recht los wurde er diese Regung eigentlich nie, und das entging der Aufmerksamkeit seiner Gemahlin nicht. »Wären wir mit Kindern gesegnet,« sagte sie dann bei sich, »die sich in die Vorteile meiner Abkunft und in die Tugenden des Vaters hätten teilen können, dann hätten solche schmerzlichen Empfindungen unser Glück nicht einen Augenblick gestört. Aber solcher Segen ist uns nun einmal versagt geblieben.«

Es war mithin nicht zu verwundern, daß es die Dame von Avenel nicht gern sah, wenn ihr Gemahl die Rede auf dieses Thema brachte, das ihrem Verdruß so reiche Nahrung gab. Und wie jedesmal, so suchte sie auch jetzt diesen Gedanken eine andre Richtung zugeben.

»Wo ist denn Wolf?« rief da plötzlich der Ritter, »ich habe ja den Kerl noch mit keinem Blick gesehen, und sonst war er doch immer der erste, der mir entgegensprang!«

»Wolf liegt an der Kette,« antwortete die Dame mit einem Anflug von Verlegenheit, von der sie sich vielleicht selbst kaum einen rechten Grund hatte angeben können. »Er benahm sich recht garstig gegen meinen Pagen.«

»Wolf an der Kette? Wolf hätte sich unfreundlich gegen einen Pagen benommen?« rief Sir Halbert Glendinning, »Wolf ist doch niemals gegen jemand unfreundlich gewesen, und die Kette lähmt entweder seinen Mut oder macht ihn wild ... Heda, macht mir auf der stelle meinen Hund los von der Kette!«

Sofort wurde sein Befehl vollzogen, und der große Hund kam ins Zimmer hinein gerast, warf durch seine unbändigen Sprünge alles in den buntesten Haufen, so daß es Alias, die alles wieder in Ordnung zu bringen hatte, nicht zu verargen war, daß sie vor sich hin brummte:

»Der Hund des Laird ist grade so abscheulich wie der Page der gnädigen Frau.«

»Und was ist denn das für ein Page?« fragte der Ritter, durch die Bemerkung der Zofe wieder auf diesen Gegenstand hingelenkt, »den jeder hier mit meinem alten Freund und Liebling zusammenzustellen scheint? Seit wann erhebst Du Anspruch auf das Vorrecht einen Pagen zu halten ... und wer ist der Knabe?«

»Ich denke doch, Du wirst Deiner Frau gleiches vergönnen, Hillbert, wie es andern Frauen ihres Standes auch vergönnt wird,« sagte die Dame, nicht ohne zu erröten. »Das ist selbstverständlich, Maria,« versetzte der Ritter, »es genügt vollständig, daß Du Dir solch einen Diener wünschest. Aber unnützes Gesinde zu halten ist nie meine Sache gewesen, und ich meine, es stehe den stolzen englischen Damen vielleicht an, sich solch ein Bürschchen zu halten, das ihnen die Schleppe nachträgt, Kühlung zuweht und die Laute schlägt, aber unsre schottische Jugend müsse für Lanze und Steigbügel erzogen werden.«

»Es war ja doch bloß ein Scherz, mein Gemahl,« bemerkte die Dame, »daß ich den Knaben meinen Pagen nannte. Es ist ja bloß ein kleiner Waisenjunge, den wir vom Tode des Ertrinkens retteten, und den ich seit der Zeit aus Mitleid im Schlosse behalte habe ... Lilias, geh und hol den kleinen Roland her!«

Alsbald trat nun Roland herein und eilte an die Seite der Dame, sich an den Falten ihres Kleides festzuhalten suchend. Dann wandte er sich um und staunte, nicht ohne Furcht, die stattliche Gestalt des Ritters an.

»Roland,« sagte die Dame, »geh hin und küsse dem edlen Ritter die Hand! Bitt ihn darum, daß er Dir seinen Schutz gewährt.« Aber Roland gehorchte der Dame nicht, sondern fuhr fort, sich dichter an sie drängend, starr und furchtsam auf den Ritter zu blicken.

»Geh doch hin zu dem Ritter und küß ihm die Hand, Knabe,« mahnte ihn die Dame.

»Ich küsse niemand die Hand, außer Euch, gnädige Dame!« sagte Roland Gräme.

»Nicht doch, Kind,« sagte die Dame, »tu', wie Dir geheißen wird, und sei artig zu dem Ritter ... Er ist durch Deine Anwesenheit geängstigt,« sagte sie, ihn gegen ihren Gemahl in Schutz nehmend, »aber ist es nicht ein hübsches Kind?«

»Auch Wolf,« sagte Sir Halbert, »ist ein hübscher Hund,« und dabei streichelte er seinen ungeschlachten Liebling, »und hat vor Deinem neuen Liebling den Vorzug, daß er tut, was man ihm befiehlt, und nicht hört, wenn man ihn lobt.«

»Nun, Halbert, jetzt bist Du böse auf mich!« sagte die Dame, »und doch, hast Du dazu Grund? Ein armes Waisenkind zu unterstützen ist doch kein Unrecht, und was einem der Zuneigung wert erscheint, dem darf man doch auch gut sein. Aber Du hast in Edinburg den Herrn Warden gesprochen, und der war schon hier auf den armen Jungen nicht zu best zu sprechen.«

»Meine geliebte Maria,« erwiderte ihr Gatte, »Herr Warden weiß zu genau, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen, als daß er sich beikommen ließe, sich in Deine oder meine Dinge zu mischen. Ich tadle Dich doch auch nicht, daß Du freundlich gegen den Knaben bist. Durchaus nicht. Ich meine nur, in Rücksicht auf seine Herkunft wäre es richtiger, ihn mit einem bescheidneren Maße von Zärtlichkeit zu behandeln und ihn nicht so zu verwöhnen, daß er die Tauglichkeit verliert für die beschränkteren Verhältnisse, die ihm für sein Leben nun einmal angewiesen bleiben.«

»Aber, Halbert, sieh doch nur das Kind an!« versetzte die Dame, »hat er denn nicht ganz das Aussehen, als sei er vom Himmel zu etwas Besserm ausersehen als einem bloßen Bauern? Kann er nicht ebensogut, wie andre Menschen auch, sich aus einer beschränkten Lage zu Ansehen und Ehre emporarbeiten?«

Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, als sie inne wurde, einen Fauxpas gemacht zu haben. Sie brach jäh ab, und tiefe Röte zog über ihr Gesicht, während sich auf das von Sir Halbert düstre Wolken zu lagern schienen. Aber nur für einen kurzen Augenblick, denn jede Annahme, als habe seine Frau ihn kränken wollen, war ihm ebenso unmöglich, wie die Worte, die sie eben gesprochen, auf die Goldwage zu legen.

»Tue ganz, wie es Dir genehm ist,« sagte er, »ich bin Dir zuviel schuldig, als daß ich Dir auch das Geringste nicht sollte gönnen wollen, was Deine einsame Lebensweise einigermaßen erträglich zu machen vermag. Mach aus dem Jungen, was Dir gefällt. Ich will Dir nicht dawider sein. Aber behalte immer in Deiner Erinnerung, daß er Dein Pflegesohn ist und nicht meiner! Vergiß nicht, daß er kräftige Glieder hat, den Menschen zu dienen, und einen Geist und eine Zunge, um Gott zu ehren. Erziehe ihn treu gegen seinen Herrn und gegen den Himmel! Im übrigen verfüge über ihn ganz nach Deinem Belieben, er ist Deine Sache und soll es bleiben.«

Dieses Zwiegespräch entschied über das Schicksal Roland Grämes, von dem hinfort der Ritter von Avenel wenig Kenntnis nahm, während die Schloßherrin ihm nach wie vor vieles nachsah und allerhand Gunst zuwandte, die Dienerschaft hingegen zwischen Schloßherrn und Schloßherrin balanzierte, freundlich mit dem Jungen tat, wenn es die Dame, ihn ignorierte, wenn es der Herr von Avenel sah. Und so wuchs Roland Gräme zum Jüngling heran, frei von der strengen Zucht, unter der er sonst, als Diener eines Herrn von Stande, der in jenem Zeitalter herrschenden Strenge gemäß gestanden hätte.