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Viertes Kapitel

Unter den gleichen Verhältnissen war Roland in sein siebzehntes Lebensjahr getreten, als ihn an einem Morgen in aller Frühe sein Weg in die Falknerei Sir Halbert Glendinnings führte, wo er nachsehen wollte, wie es einem Nestfalken ging, den er aus einem berühmten Horste der Umgegend selbst gehoben hatte. Er fand hier jedoch keine Ursache, mit der Abwartung des Lieblingsvogels zufrieden zu sein, und stellte den Burschen des Falkners, der sich besser um ihn hätte kümmern sollen, zur Rede. Da sich der Junge hierzu nicht still verhielt, versetzte ihm Roland ein Paar Püffe, und auf sein Geschrei hierüber kam der Falkner selbst, ein Engländer von Geburt mit Namen Adam Woodcock, herbei und verwies Roland, seinen Burschen zu schlagen, was er, wenn's nötig sei, schon selbst zu besorgen wisse.

»Ihn und Dich prügle ich,« rief Roland heftig, »wenn Du Dich nicht besser um das zu kümmern weißt, was Deines Amts ist. Ist das wohl eine Art, einen Nestfalken mit ungewaschnem Fleisch zu füttern? Er soll mir wohl die Räude kriegen?«

»Sei doch nicht so vorlaut, Rolandchen,« erwiderte der Falkner spöttisch, »bist doch selbst noch ein kleines Nestkücken, und was verstehst du groß von der Fütterei? Ein ungewaschner Vogel muß auch noch ungewaschnes Fleisch haben, denn gewaschnes verträgt er erst, wenn er flügge ist, andernfalls kriegt er den Pips, und das weiß jeder, der einen Geier von einem Falken zu unterscheiden weiß.«

»Du falscher englischer Kujon, bist ja selbst so faul, daß Du Dich den Geier drum kümmerst, was Dein Junge macht. Schlafen und saufen, das ist Deine liebste Arbeit, und Dich weißbrennen, wenn Dein Junge was anrichtet, das verstehst Du freilich!«

»Ist der Page der gnädigen Dame etwa mit Arbeit so überhäuft, daß er ein Recht hätte, mich zu hofmeistern? Ich hab drei Falkenhecken zu beschicken, und das gibt für einen Mann schon Arbeit so viel, wie er haben muß. Und was meine englische Herkunft angeht, so ist die wohl immer noch edler, als wenn ich wie Du hinterm Zaune geboren wäre. Soll Dich der Geier holen dafür, daß Du als gemeiner Geier so gern den Edelfalken herausbeißen mochtest.«

Die Antwort hierauf war eine derbe Ohrfeige, die so sicher gezielt war, daß sie den Falkner direkt in den Trog hinein warf, worin die Falken sich badeten. Adam Woodcock war wie vom Teufel besessen wieder auf den Beinen und hatte nach einem Knüppel gegriffen, den er auf Roland hob, und hätte diesen sicher nicht schlecht traktiert, hätte er nicht im Nu die Hand am Dolche gehabt und bei allem, was ihm heilig sei, geschworen, ihn kalt zu machen, wenn er sich erfrechen wollte, einen Schlag nach ihm zu führen.

Der Lärm war so laut geworden, daß sich andre Personen vom Hausgesinde einfanden, darunter der Hausverwalter Wingate, eine Respektsperson sondergleichen, wie die goldne Kette, die er um den Hals trug, und der weiße Stab in seiner Hand deutlich bekundeten. Sobald er sich zeigte, wurde zwischen den streitigen Parteien Ruhe, nichtsdestoweniger hielt es der »Majordomus« für angezeigt, Roland Gräme Vorhaltungen über die unziemliche Art, wie er mit dem Gesinde umgehe, zu machen. »Es sei recht schade,« schloß er seinen Sermon, »daß der Schloßherr grade wieder auf einer seiner Ritterfahrten abwesend sei; dessen dürfe der jugendliche Unband sich aber versichert halten, daß seines Bleibens auf dem Schlosse nicht mehr lange sein werde, wenn er sich so etwas herausnehmen wolle in Gegenwart des Schloßherrn. Seine Pflicht sei es jedoch, von diesem Vorfalle der Schloßherrin Kenntnis zu geben, und das wolle er auch auf der Stelle tun.«

»Recht so, recht so,« rief die Dienerschaft, »die Schloßherrin mag darüber entscheiden, ob man gegen uns wegen eines Wortes zuviel gleich den Dolch vom Leder ziehen darf, und ob sich das verträgt mit der Gottesfurcht, die sonst im Hause herrscht!«

Roland, das Ziel dieses allgemeinen Unwillens, schob den Dolch in die Scheide, warf einen geringschätzigen Blick auf die um ihn her stehenden Leute, schob beiseite, wer ihm nicht freiwillig Platz machte, und ging.

»In diesem Baume mag ich nicht nisten,« brummte der Falkner, »wenn solcher Spatz uns über den Kopf wachsen soll.«

»Mich hat er gestern mit der Reitpeitsche geschlagen,« sagte einer von den Reitknechten, »weil dem Wallach der Schweif nicht so gestutzt war, wie er es wollte.«

»Und ich sag Euch,« fiel die Waschfrau ein, »keine Minute besinnt er sich, uns Vettel und Schlampe zu titulieren, wenn sich auch nur ein unsaubres Fleckchen an seiner Halskrause vorfindet.« Der allgemeine Refrain lautete: »Wenn Herr Wingate es nicht der Dame von Avenel meldet, dann ist keines Bleibens mehr hier in diesem Schlosse.«

Herr Wingate schien sich aber, je mehr die Dienerschaft in ihn einredete, desto reiflicher zu überlegen, ob es auch für ihn geraten sei, um eines Falkners willen Stellung bei der Schloßherrin gegen ihren ausgesprochnen Günstling zu nehmen. Da kam er aber der Zofe Lilias ins Gehege, die sich unter keinen Umständen die Gelegenheit entgehen lassen mochte, »dem Teufelspagen« eins auszuwischen, dem sie noch immer den alten Groll nachtrug.

»Ich meine bloß,« sagte der Majordomus auf ihren Vorhalt, daß er in solchen Dingen viel zu wenig seine Würde zu wahren wisse, »daß es keinem gut bekommen ist im Leben, wenn er die Partie der Dame gegen den Herrn nahm, aber miserabel ist's immer solchen gegangen, die es mit dem Herrn gegen die Dame hielten.«

»Also sollen wir uns, Mann oder Weib, Hahn oder Henne, von solch jungem Schößling ankrähen lassen? ... Nichts da, und wenn ich zuerst von allen mir das Maul verbrennen soll. Soviel wenigstens erhoffe ich von Euch, Herr Wingate, daß Ihr, wenn die gnädige Frau sich nach dem Sachverhalt erkundigt, der Wahrheit gemäß berichten werdet, wie Ihr den Fall hier mit eignen Augen mit angesehen habt.«

»Der Wahrheit gemäß zu berichten, wenn ich von der Schloßherrin nach dem Verlaufe des Auftritts gefragt werde, ist meine Pflicht und Schuldigkeit, Jungfer Lilias, immer freilich solche Fälle ausgenommen, in denen sich die Wahrheit nicht sagen läßt, ohne Unheil und Unsegen über mich selbst wie über das Gesinde im allgemeinen zu bringen.« »Aber der grüne Junge gehört nicht zum Gesinde und ist auch mit keinem vom Gesinde befreundet. Drum weiß ich, daß es Euch wohl kaum beikommen dürfte, Euch durch Parteinahme für ihn mit dem ganzen Hauspersonal in Feindschaft zu setzen.«

»Glaubt mir, Jungfer Lilias, von Herzen gern bisse ich zu, wenn ich die rechte Zeit zum Beißen für gekommen erachten könnte.«

»Genug, genug, Wingate,« versetzte die Zofe, »da die Dinge so stehen, soll ihm bald sein letztes Brot im Schlosse gebacken sein. Sofern die Herrin binnen jetzt und zehn Minuten nicht selbst sich danach erkundigt, was es denn gegeben habe, so rück ich ihr selbst damit vor die Ohren, oder ich will nicht länger mehr Lilias Bradbourne sein.« Sie ließ keine Zeit verstreichen, um ihren Plan zur Ausführung zu bringen, sondern wußte es einzurichten, daß ihre Herrin bald merkte, ihre Zofe wollte etwas sagen, fände aber nicht die rechte Veranlassung oder die rechten Worte, es anzubringen. Lilias kannte infolge der vielen Jahre, die sie um die Schloßherrin gelebt hatte, dieselbe wie »einen bunten Dreier.« Neugierig war auch sie, wie alle Evastöchter, und so dauerte es nicht lange, bis sie sich erkundigte, was es denn mit dem komischen Wesen der Zofe auf sich habe. Die aber ließ eine Weile fragen und fragen, ohne mit der Sprache herauszurücken, seufzte bloß und verdrehte die Augen, meinte, man müsse eben das Beste hoffen, daß es nicht noch schlimmer werde, und reizte natürlich auf diese Weise die Herrin bald so, daß sie die Geduld verlor und der Zofe befahl, ihr offen und unverblümt zu sagen, wie es sich um die Sache verhalte, mit der die Zofe in Gedanken so lebhaft beschäftigt sei.

»Gott sei Dank, die Ohrenbläserei ist mir immer zuwider gewesen, und als Zuträgerin habe ich mich noch nie ausgewiesen. Ich habe auch noch keinem mißgönnt, was er besser hatte als ich, und hab's mir auch noch nie angelegen sein lassen, jemand bei der Herrschaft anzuschwärzen ... und bis jetzt ist's ja, Gott sei Dank, im Schlosse noch immer gegangen ohne Mord und Totschlag ...«