»Ohne Mord und Totschlag?« wiederholte die Schloßherrin, »was sollen solche Worte aus solcher Närrin Munde? ... Das laß Dir gesagt sein, Lilias, sofern Du Dich nicht deutlicher ausdrückst, so hab ich Dir was zugedacht, was Dir kaum Freude bereiten dürfte.«
»Nun, gnädige Herrin,« hub die Zofe an, »sofern Ihr mir befehlt, die Wahrheit zu sagen, dürft Ihr denn auch nicht ungehalten sein, die Wahrheit zu hören! und dürft mir nicht gram werden, wenn ich was sage, das Euren Ohren nicht angenehm klingt.«
»Was ist's, das Du sagen willst und zu sagen so hinhältst?« fuhr die Herrin sie an.
»Nun, gnädige Frau, der Roland hat bloß dem Adam Woodcock eins mit dem Dolche versetzt ...«
»Gott im Himmel!« rief die Dame von Avenel, »ist der Mann erstochen?«
»Nein, gnädige Herrin, so schlimm ist's zum Glück nicht ausgegangen, aber geschehen wär's wohl, wenn nicht so schnell andre beigesprungen wären. Na, vielleicht ist's der gnädigen Herrin recht so, daß der junge Herr nach uns armem Bedientenvolk sticht und haut und schlägt.«
»Was läßt Du Dir denn beikommen, mein Püppchen?« rief die Schloßherrin, »Du wirst ja recht naseweis! Geh hin zum Hausmeier und sage ihm, er solle sich ja auf der Stelle zu mir herbemühen.«
Lilias ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern lief zum Herrn Wingate und meldete ihm, was die Herrin ihr befohlen. Aber sie unterließ es nicht, ihm zuzuraunen: »So! nun ist der Stein ins Rollen gebracht. Sorgt bloß, daß er nicht unterwegs wo hängen bleibt.«
Der Hausmeier, ein gar kluger Mann, blinzelte der Zofe wohl zu, hütete sich aber vor jedem Worte und trat gleich darauf, entschlossen, sich der äußersten Vorsicht zu befleißigen, mit einer ehrfürchtigen Verbeugung bei der Schloßherrin ein.
»Wingate,« fragte die Dame kurz, »was ist das für Ordnung im Schloß in Abwesenheit des Schloßherrn, daß seine Dienerschaft mit Knütteln und Dolchen aufeinander losschlägt, wie in einer Diebes- und Mörderhöhle? ist der verwundete Mann noch am Leben? und was ist aus dem unseligen Knaben geworden?«
»Zurzeit, gnädigste Herrin, ist überhaupt niemand verwundet und in Gefahr ist auch noch keines Menschen Leben,« versetzte der Hausmeier ... »es übersteigt aber meinen Wissensbereich, wenn ich sagen sollte, wieviel am Ende bis zum Passahfeste noch verwundet werden können, wenn nicht ernstliche Maßregeln getroffen werden, den jungen Menschen in Räson zu halten. Man muß ja gelten lassen, daß er ein ganz hübscher junger Mensch ist,« setzte er sich selbst verbessernd hinzu, »und geschickt in all seinem Tun ist er auch, aber leider zu vorschnell im Handeln, es scheint, als jucke es ihm in den Fingerspitzen, wenn er die Reitpeitsche in der Hand oder den Dolch in der Scheide fühlt.«
»Und wessen Schuld ist das als Eure?« sagte die Dame erzürnt. »Ihr solltet ihn Bessres gelehrt haben, als sich herumzustreiten und seine Meinung mit dem Dolche zu verfechten.«
»Wenn es Euer Gnaden belieben mich in solcher Weise zu tadeln, so muß ich es über mich ergehen lassen, das steht außer Zweifel. Aber erlauben werdet Ihr mir wohl mögen darauf hinzuweisen, daß ich seiner Waffe den Weg aus der Scheide nicht zu wehren vermag, wenn ich sie ihm nicht nehmen oder festnageln darf. Denn das ginge noch über die Kunst des Raimund Lullus, der auch das Quecksilber nicht in seiner Röhre zum Stillstande hat bringen können.«
»Laßt mir den Raimund Lullus aus dem Spiele,« erwiderte die Dame von Avenel, der nun die Geduld riß. »Aber schickt mir den Kaplan her! Ihr wachst mir alle über den Kopf, infolge der leider so häufigen Abwesenheit meines Herrn und Gemahls. Möchte Gott es geben, daß seine Geschäfte ihm bald längeres Verweilen in seinem Haus und Hof gestatteten, denn es geht wirklich über meine Kräfte, allem immer so allein vorzustehen.«
»Verhüt's Gott, daß es Eure ernstliche Meinung sei, was Ihr jetzt ausgesprochen habt,« sagte der Hausmeier, »denn Eure alten Diener sollten doch hoffen dürfen, nach so langen Jahren eifrigen Dienstes Gerechtigkeit zu finden. Zum wenigsten verdienen sie darum nicht Mißtrauen, weil sie nicht im stande sind, den Mutwillen eines jungen Brausekopfs im Banne zu halten.«
»Laßt mich allein,« sagte die Dame von Avenel, »Sir Halbert ist jeden Tag zu erwarten, er mag diese Sache selbst untersuchen. Ihr braucht mir weiter nichts darüber zu sagen, denn ich weiß wohl, daß Ihr gewissenhaft und pünktlich seid, und daß der junge Bursche leicht über die Stränge schlägt. Immerhin kann ich mich der Meinung nicht verschließen, daß Ihr ihm hauptsächlich darum so gram seid, weil er sich meiner Gunst zu erfreuen hat.«
Der Majordomus verneigte sich und ging, nachdem ihm die Dame den Versuch, sich gegen die letzte Insinuation zu verwahren, direkt untersagt hatte. Darauf erschien der Kaplan, aber auch von ihm bekam die Dame keinen Trost. Sie fand ihn im Gegenteil nur geneigt, die Unruhe, die der Jüngling im Schlosse stifte, einzig und allein auf Schuld ihrer allzu großen Milde gegen ihn zu setzen.
»Es wäre wohl besser gekommen, gnädigste Herrin,« sagte Warden, »wenn Ihr meinen ersten Worten mehr Gehör gewährt hättet. Ein Uebel an der Quelle zu hemmen ist leicht, aber eine mühsame Sache ist es, sich dagegen zu stemmen, wenn es zum wilden Gießbach angeschwollen ist -- Euch aber, edle und verehrte Dame, und ich nenne Euch so nicht, weil es dem höflichen Brauch entspricht, sondern weil es meine tiefste Ueberzeugung ist, weil ich Euch immer lieben und ehren konnte als eine edle vortreffliche Frau, Euch aber sage ich, daß es Euch zu Unrecht beliebt hat, den Knaben aus seinem Stande zu einem Stande emporzuheben, der sich dem Eurigen nähert.«
»Was wollt Ihr damit sagen, hochwürdiger Herr?« fragte die Dame, »ich habe den Knaben zum Pagen genommen ... liegt etwas hierin, was sich mit meinem Stand und Charakter nicht vertrüge?«
»Eure wohltätige Absicht, meine Gnädige, verkenne ich nicht,« sagte der hartnäckige Priester, »Euch des jungen Menschen anzunehmen; auch Eure Befugnis, dem Knaben das müßige Amt eines Pagen zu geben, lasse ich gelten, ob es auch über meine Weisheit hinausgeht zu erforschen, was aus einem Jungen, wenn seine Erziehung ausschließlich in Frauenhand gelegt wird, anders soll werden können als ein auf eitle Dinge eingebildeter Fant. Aber entschiedenen Tadel muß ich Euch aussprechen deswegen, weil Ihr es unterließet, ihn über die Gefahren, die solcher Stand für ihn birgt, aufzuklären und seinen von Natur herrschsüchtigen und heftigen Sinn zu bändigen.«
»Herr Barden, sagte die Dame, tiefgekränkt, »Ihr seid ein alter Freund meines Gemahls und Eure Liebe zu ihm und seinem Hause halte ich für ehrlich und aufrichtig. Aber ich muß Euch sagen, daß ich solch herben Vorwurf nicht von Euch erwartete, wenn ich um Euren Rat bat. Habe ich den armen, verwaisten Knaben mehr geliebt als andre seines Standes, so verdient solche Irrung meines Dafürhaltens solch scharfer Zurechtweisung nicht, und wenn strengere Zucht am Platze war, so sollte nicht außer Berücksichtigung bleiben, daß ich doch nur ein Weib bin und daß es dem Freunde wohl besser hätte anstehen dürfen, mich über Fehler, die mir als Frau dabei unterlaufen sind, zu belehren statt zu schmälen. Indessen lassen wir diese Auseinandersetzungen! Es ist ein Herzenswunsch von mir, diese Zwistigkeiten beseitigt zu, sehen, ehe mein Gemahl zurück ist -- -- -- er ist häuslichem Zwist abhold, und ich möchte nicht, daß er die Meinung bekommt, daß solcher Zwist ausgehe von jemand, der sich meiner Gunst erfreut hat. Was ratet Ihr mir zu tun, hochwürdiger Herr?«
»Entlaßt den Burschen aus Eurem Dienste, gnädige Dame,« versetzte der Pfarrer.
»Das könnt Ihr nicht von mir verlangen, weder als Christ noch als Mann, der seine Nächsten liebt,« erwiderte die Dame von Aveneclass="underline" »ein Wesen soll ich von mir weisen, das keinen Beschützer hat, dem meine Gunst, mögt Ihr sie auch unbedacht nennen, so manchen Feind erweckt hat?«