»Ihr braucht ja Eure Hand nicht gleich von ihm zu ziehen, wenn Ihr ihn anderswohin in Dienst gebt oder zu einem Berufe bestimmt, der seinem Charakter und Stande sich besser schickt,« antwortete der Pfarrer. »An anderm Ort, in andrer Sphäre kann er ein nützliches Glied der Gesellschaft werden, hier aber ist er bloß Friedensstörer und Stein des Anstoßes. Ich lasse gern gelten, daß der junge Mensch Fähigkeiten besitzt, aber an Fleiß fehlt es ihm entschieden. In Leyden an der Universität ist meines Wissens das Amt eines Unterpedellen frei. Ich will ihm gern Empfehlungsschreiben dorthin mitgeben. Neben freiem Unterricht, sofern er sich dieses Vorteils versichern will, erhält er fünf Mark jährlichen Sold und einen abgetragnen Anzug von einem der Professoren, die an der Universität lesen.«
»Das wird wohl nicht das richtige sein, lieber Herr,« erwiderte die Dame von Avenel, und sie konnte kaum ein Lächeln unterdrücken, »indessen soll die Sache in reifliche Erwägung genommen werden. Euch jedoch bitte ich, hochwürdiger Herr, der Dienerschaft ihre Pflichten gegen Gott und ihre Dienstherrschaft in recht nachdrücklicher Weise einzuschärfen, damit uns solche Auftritte in Zukunft erspart bleiben.«
»Ich werde tun nach Eurem Befehle,« versetzte Heinrich Warden, »und sofern mir der liebe Gott nicht seinen Segen vorenthält, wird es wohl gelingen, den Wolf aus dem Schafstalle zu jagen.«
Er wählte für seine nächste Predigt den Text: »Und wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen,« und eiferte gegen alle die Sünder, die nach einer Waffe greifen, die der Mensch ersann, um offne Feindseligkeit zu üben, um sich auf gewalttätige Weise zu einem Vorteil zu helfen, der ihm auf ehrliche und grade Weise nicht werden könne. Dann eiferte er gegen diejenigen, die sich solcher Waffen bedienen, trotzdem sie im Dienste von Frauen stehen und in den Zimmern von ehrenwerten Damen die Aufwartung zu befolgen haben, die also milden Sinnes sein sollten und doch in die Sünde des Zornes verfallen, und sich dadurch zu weibischen Zwittern machten, daß sie zur Hinterlist und Feigheit des Weibes noch die Schwächen und Leidenschaften ihrer Natur als Männer gesellten.« Bei diesen Worten heftete er die Blicke unverwandt auf die Stelle, wo der Page Roland zu Füßen seiner Gebieterin mit einem zierlichen Dolch in karmesinrotem Gürtel saß. Die Wirkung, die die auf diesen Hauptsätzen beruhende Philippika des Pfarrers gegen Roland Gräme auf die kleine Gemeinde hervorbrachte, war erstaunlich. Die Dame von Avenel schien zugleich betroffen und verletzt, die Dienerschaft vermochte kaum ihre Freude über diese Donnerkeile zu, verstecken die Zofe Lilias warf den Kopf in die Höhe, daß er schier in Gefahr geriet, aus dem Halsgelenk zu gleiten, und der Hausmeier heftete in dem eifrigen Bemühen, strenge Neutralität. zu wahren, seine Blicke auf ein altes Wappenschild an der andern Mauerseite. Der mißliebige Gegenstand dieser Strafrede geriet in heftigen Zorn darüber, daß er dem Spott und Tadel der ganzen Dorfgemeinde auf solche Weise öffentlich ausgesetzt werde, ballte die Faust und fuhr unwillkürlich wieder nach der Waffe, die den Unwillen des Kanzelredners so heftig erregt hatte. Dunkle Röte stieg auf seine Wangen, aus seinen Lippen dagegen wich alle Farbe, und als der Pfarrer in immer heftigerer Weise zu eifern fortfuhr und seinem Grimm gegen ihn in immer schärfern Ausdrücken Luft machte, da sprang er, von der Besorgnis befallen, er könne sich an heiliger Stätte zu einem Racheakt hinreißen lassen, von dem Polster auf, auf dem er saß, und verließ eiligen Schrittes die Kapelle. Der Pfarrer schwieg nun eine Weile. Dann aber hub er an in langsamer feierlicher Weise, um den schweren Bann zu künden:
»Hinweg von uns ist er gegangen, weil er keiner war von den Unsern, weil er den Stachel fühlte, der wider ihn löckte. Das Schaf entfloh der Hürde und gab sich selbst preis dem Wolfe, weil es sich nicht bequemen mochte zu dem stillen Wandel, den der große Hirt uns auferlegt. Ach, meine Lieben in Christo, hütet Euch vor dem Zorn, hütet Euch vor dem Stolz, jener todbringenden, verderblichen Sünde, die sich unsern verblendeten Augen so oft im Lichtgewande zeigt. Was ist irdische Ehre? Stolz! Was sind irdische Gaben und Vorzüge? Stolz und Eitelkeit! Stolz zerrte den Lucifer vom Himmel zur Tiefe der Hölle, Stolz und Eigendünkel entzündeten das flammende Schwert, das uns aus dem Paradiese entgegenblitzt, Stolz machte Adam zum Sterblichen und müden Wandrer auf dem Erdenrund, Stolz brachte die Sünde unter uns. Drum reißt ihn heraus mit der Wurzel, nehmt Euch das Beispiel dieses kläglichen Sünders zu Herzen, der eben unsre Gemeinde verlassen, ergreifet die Mittel der Gnade, ehe der andre Tag erscheint, ehe Euer Gewissen wie mit Feuerbränden ausgetrocknet ist, ehe Eure Ohren Taubheit verschließt, ehe Euer Herz verhärtet wie der härteste Mühlstein. Ringet und überwindet! wachet und betet! Aber für den, der heute von Euch ging, für den hebet die Hand nicht mehr! ihn laßt laufen und dort sich Wohnstatt und Mitmenschen suchen, wo die Sitte herrscht, mit dem Dolche auf seinen Mitmenschen loszugehen. Wehe, wehe über den Sünder!«
Lebhaft erregt verließ auch die Dame von Avenel die Kirche. Sie war erzürnt auf den Pfarrer, daß er eine Privatsache, an der sie selbst in nicht geringer Weise beteiligt war, zum Thema für seine Predigt genommen hatte; aber sie wußte, daß sich der Mann in seinem christlichen Eifer hierzu für berechtigt hielt, entsprechend dem Brauche, der zur damaligen Zeit in der christlichen Kirche herrschte. Schweren Kummer bereitete ihr das eigenwillige Benehmen ihres Lieblings. Daß er auf eine so auffallende Weise aller Rücksicht ins Gesicht schlug, die er auf ihre Gegenwart hätte nehmen müssen, obendrein an einer so heiligen Stätte, gegen die zu jener Zeit solcher Verstoß als schwere Versündigung galt: das mußte auch ihr als ein Zeichen seines unfügsamen Geistes gelten, das mußte auch in ihren Augen die Nachreden für wahr erscheinen lassen, die im Hause über ihn geführt wurden. ... Und doch bemächtigte sich ihrer der Gedanke an den elternlosen Jüngling, der ihr so manche Stunde der Einsamkeit verscheucht, so manche frohe Minute bereitet hatte, wieder mit solcher Zärtlichkeit, mit solcher Inbrunst, daß sie sich nicht entschließen konnte, zu lassen von ihm, der ihr immerdar vorkam, wie ihr vom Himmel gesendet, auf daß er die Leeren ausfülle, die ihr das Leben so traurig gestalteten. ... Nein! sie wollte ihn nicht von sich lassen, so lange er nicht selbst den Schutz von sich weisen sollte, den sie ihm bislang in so reichem Maße gespendet hatte; und in der Absicht, darüber zur Gewißheit zu gelangen, in welchem Maße sie sich hierzu noch für berechtigt halten dürfe, ließ sie Roland Gräme zu sich bescheiden.
Fünftes Kapitel
Roland Gräme kam nicht gleich, sondern ließ eine Zeit warten. Die Botin, die ihm den Bescheid bringen sollte, hatte zuerst an seiner Tür geklinkt, ohne Zweifel in der liebevollen Absicht, sich an der Verwirrung des Schuldigen zu weiden und zu beobachten, wie er sich verhalte.
Aber Roland hatte den Riegel vorgeschoben, und dies kleine Stück Eisen hinderte sie daran. Lilias klopfte nun und rief ein paarmal hintereinander:
»Roland Gräme! Roland Gräme!« dann (mit Nachdruck auf dem Worte »Herr«) -- »Herr Roland Gräme« -- dann fragte sie: »Aber fehlt Euch denn was, Gräme? und wollt Ihr nicht öffnen, Roland? seid Ihr etwa in stillem Gebet begriffen, das Ihr so plötzlich im Stich gelassen? Redet doch, was los ist! wenn Ihr Euch noch einmal so in der Kirche aufführt, dann wird der Herr Pfarrer wohl Sorge tragen müssen, daß Ihr in einem eingefriedeten Raum zu sitzen kommt, damit Euer Benehmen nicht der ganzen Gemeinde zum Aergernis werde!«
Aber Roland Gräme rührte sich nicht in seiner stillen Klause. Die Zofe begann nun das Thema fallen zu lassen, das bisher ihren Rufen zu Grunde gelegen hatte, und fragte kurz und grob: