»Heda! Ihr junger Mensch dadrinnen, Ihr sollt auf der Stelle Bescheid geben, ob Ihr zur Schloßherrin kommen wollt oder nicht. Sie schickt mich her, Euch zu ihr zu holen!«
»Was sagt Eure Herrin?« fragte jetzt der Page von drinnen.
»Schockschwerenot!« rief die Zofe ärgerlich, »da steht man wie ein Ochs am Scheunentor! Könnt Ihr denn nicht aufmachen und Bescheid geben?«
»Der Name Eurer Herrin ist ein zu schöner Deckmantel für Eure Frechheit,« sagte der Page, noch immer von drinnen. ... »Sagt mir kurz, was die Dame von Avenel will.«
»In ihrem Kabinett sollt Ihr Euch sogleich einfinden,« rief ihm die Zofe zu. »Die Schloßherrin wird Euch wohl einige Winke geben wollen, wie Ihr Euch künftighin in der Kirche zu verhalten habt.«
»Sagt der Dame von Avenel,« erwiderte Roland Gräme, daß ich sogleich zu ihren Diensten stehen werde; Ihr aber macht, daß Ihr von meiner Tür wegkommt.«
»Ist das ein Flegel!« brummte die Zofe und ging; ihrer Herrin aber meldete sie, daß Roland Gräme sich bei ihr einfinden werde, sobald es ihm genehm sein werde.
»Wie?« fragte die Schlußherrin, »rührt der Zusatz von ihm her oder von Dir?«
»Je nun, gnädigste Herrin,« antwortete die Zofe, die eigentliche Frage umgehend, »es hörte sich so an, wie wenn er noch ganz andre Dinge auf den Lippen hätte; ich hielt es aber für besser, nicht erst zu warten, bis er sie gesagt hätte. Aber da ist er ja schon und kann Euch selbst Rede und Antwort stehen.«
Roland Gräme trat stolzer, und mit tieferer Röte auf den Wangen als sonst, in das Zimmer. Aus seiner Haltung sprach Verlegenheit, aber nicht Furcht oder Reue.
»Junger Mann,« redete die Schloßherrin ihn an, »was soll ich wohl von Eurer heutigen Aufführung denken?« »Wenn sie Euch gekränkt hat, meine gnädigste Herrin, so betrübt mich das sehr,« erwiderte der Jüngling.
»Ueber die Kränkung können wir schweigen,« antwortete die Dame von Avenel, »aber Ihr habt Euch eine Aufführung zu schulden kommen lassen, die Euren Herrn sehr erzürnen wird. Wie konntet Ihr so gewalttätig handeln gegen Eure Dienstgenossen und so unehrerbietig gegen Gott und seinen Stellvertreter? »Ich muß hierauf sagen, gnädigste Herrin,« antwortete Roland Gräme, »daß es mich aufrichtig betrübt, Euch gekränkt zu haben, aber dies ist's, was mich in diesem Falle mit Schuld belastet, und was mich mit Reue erfüllt. Zu dem weitern aber wollt Ihr gelten lassen, daß mich Sir Halbert Glendinning nicht seinen Diener nennt, und ich ihn nicht meinen Herrn ... er hat kein Recht, mich zu schelten darum, weil ich einen frechen Lümmel züchtigte, wie es ihm gebührte. Ebensowenig fürchte ich den Zorn des Himmels, weil ich einem Pfaffen zu verstehen gab, daß ich seine Einmischung in meine persönlichen Angelegenheiten mit Verachtung zurückweise.«
Vor diesem Auftritt hatte die Dame von Avenel an ihrem Lieblinge wohl Aeußerungen knabenhaften Mutwillens und Auflehnung gegen jeden Tadel und Vorwurf bemerkt, aus seinem jetzigen Benehmen leuchtete ein ernster und fester Charakter hervor, und sie wußte eine Zeitlang nicht, wie sie ihm entgegentreten sollte, denn er schien über Nacht zum Manne gereift zu sein, dem es an Kühnheit und Entschlossenheit nicht gebrach. Dann aber sagte sie mit der ihm eigentümlichen Würde:
»Solche Sprache gegen mich, Roland? Geschieht es in der Absicht, mir die Gunst zu verleiden, die ich auf Dich verwendet habe? Erklärst Du Dich deshalb für frei jeglicher Herrschaft des Himmels und der Erde? Hast Du vergessen, wer Du warst, und vergißt Du, in welche Lage Du gelangen mußt, wenn Du meines Schutzes entbehrst?«
»Gnädigste Herrin, ich habe nichts von alledem vergessen,« versetzte der Page, »nur zu lebhaft steht alles in meinem Gedächtnis. Ich bin mir wohlbewußt, daß ich ohne Euch in den blauen Fluten dort umgekommen wäre, und daß ich Eurer Güte und Liebe viel, sehr viel zu verdanken habe. Glaubt nicht, meine Dame, ich sei hierfür undankbar, aber ich habe hier doch auch manches ertragen müssen, was ich nicht ertragen hätte, wäre es nicht geschehen um Euretwillen.«
»Um meinetwillen?« wiederholte die Dame von Avenel, »habe ich Dir jemals zugemutet, etwas zu ertragen, was sich mit den Gefühlen der Dankbarkeit und Erkenntlichkeit nicht vertrüge, die ich bei Dir voraussetzen mußte?«
»Ihr seid zu gerecht, gnädige Frau, daß Ihr von mir fordern könntet, ich solle dankbar sein gegen die kalte, mit Widerwillen gepaarte Verachtung, mit der mich Euer Gemahl ständig behandelt hat; Ihr seid zu gerecht, daß Ihr von mir Dankbarkeit erwarten könntet für die ständigen Aeußerungen von Hohn und Mißgunst, mit denen mich andre in so überreichem Maße bedacht haben, oder gar etwa für die Bußpredigt, die mir der Herr Schloßkaplan heute gehalten hat!«
»Hat jemand wohl je solche Reden vernommen?« fragte die Zofe, indem sie die Hände zusammenschlug und die Augen gen Himmel hob; »redet er nicht, als sei er ein Grafensohn oder die letzte Auslese eines edlen Ritters?«
Der Page würdigte sie keiner Antwort, sondern warf nur einen Blick tiefer Verachtung auf sie. Ihre Herrin, aber, die sich ernstlich gekränkt fühlte und um der Torheit des Jünglings willen doch Sorge fühlte, schlug den gleichen Ton an.
»Roland, Du vergißt Dich in der Tat auf so seltsame Weise, daß ich mich versucht fühle, Deinen Dünkel in ernster Weise zu dämpfen, und zwar dadurch, daß ich Dich auf den Platz zurückversetze, der Dir im Leben und in der Welt zukommt.«
»Das beste wäre wohl, die gnädige Herrin spedierte ihn als die gleiche Bettelbrut wieder zum Schlosse hinaus, als die er seinen Weg hineingefunden hat,« rief Lilias.
»Lilias braucht eine derbe Ausdrucksweise,« meinte die Schloßherrin, »aber die Wahrheit spricht sie. Ich bin nicht der Meinung, daß es gut sei, ferner Rücksicht auf den Stolz zu nehmen, der Dir den Kopf, wie es scheint, so stark verdreht hat. Dadurch, daß ich Dich mit schönen Kleidern herausgeputzt habe und als Sohn eines Edelmannes behandelte, hast Du völlig vergessen, aus welch niedrigem Blute Du stammst.«
»Mit Verlaub, gnädigste Dame,« nahm jetzt der Page das Wort, »die Zofe hat nicht die Wahrheit gesprochen, und Euer Gnaden ist über meine Abkunft nicht das geringste bekannt. Ihr seid mithin keineswegs berechtigt, mit solch verächtlichen Worten davon zu sprechen. Ich bin keine Bettelbrut, denn meine Großmutter ist nie jemand um ein Almosen angegangen, weder hier noch anderwärts. Wir sind verjagt worden von Haus und Hof, ein Fall, der in unsrer Zeit durchaus nicht vereinzelt dasteht, und den auch andre Leute erlebt haben. War doch auch Schloß Avenel mit seinen Türmen und seinem See nicht immer fest genug, seine Bewohner vor Jammer und Elend zu schützen.«
»Ist das eine Frechheit!« rief die Zofe, »unsrer Herrin das Unglück ihres eignen Hauses in Erinnerung zu bringen!«
»Dieser Punkt wäre allerdings besser unbemerkt geblieben,« sagte die Schloßherrin, durch diese Anspielung sichtlich betroffen.
»Es war notwendig, gnädige Frau, dies zu erwähnen, wenn ich mich rechtfertigen sollte,« sagte der Page, »sonst hätte ich gewiß nicht von Dingen gesprochen, die für Eure Ohren nicht angenehm zu hören sind. Daß ich indes nicht von niedriger Herkunft bin, das dürft Ihr mir wohl glauben, wenn ich auch nicht sagen kann, woher ich stamme, aber das hat mir die einzige Verwandte gesagt, die ich gekannt habe, und das hat sich in mein Herz geprägt und wird aus meinem Herzen nicht schwinden. Und demnach verdiene ich die Behandlung, wie sie Leuten von Herkunft gehört.«
»Und auf solche unbestimmte Andeutung hin,« sagte die Dame, »meinst Du Anspruch zu haben auf all die Rücksichten und Vorrechte, die einem hohen Rang und einer vornehmen Geburt zustehen? Geh, geh, Bursche, und halte Einkehr, oder unser Hausmeier soll Dir sagen, daß einem vorlauten Bengel wie Dir die Hosen noch straff gezogen werden müssen. Dir gegenüber ist viel zu viel Nachsicht geübt worden.«
»Eher soll der Herr Hausmeier meinen Dolch zwischen seinen Rippen fühlen, als daß mich ein Schlag von ihm trifft. Ich merke schon, meine gnädige Dame, ich habe zu lange unter weiblichem Pantoffel gestanden und zu lange einem silbernen Pfeifchen pariert. Es wird gut sein, Ihr seht Euch nach einem andern Burschen um, der sich dazu besser eignet als ich, mag er auch von Geburt und Sinn so niedrig sein, daß er sich von Eurem Hausgesinde allen Spott und Hohn einsteckt und einen Lehnsmann der Kirche für seinen Herrn ansieht.«