Выбрать главу

»Es geschieht mir recht, daß mich solche Kränkung jetzt aus Deinem Munde trifft,« sprach tief errötend die Dame von Avenel; »warum habe ich Deinen Trotz so lange genährt und Deine Unarten so ruhig mitangesehen! Geh Deiner Wege, Bursche; noch heute nacht verläßt Du das Schloß! Die Mittel zum Unterhalt, bis Du ein Unterkommen gefunden hast, will ich Dir geben, sofern Du nicht in Deinem Dünkel alles verschmähst außer Mitteln, die Du Dir durch Gewalttätigkeiten verschaffen kannst. ... Fort, sage ich, Bursche! und komm mir nicht wieder vor die Augen!« Der Page warf sich, von schrecklicher Angst ergriffen, der Dame zu Füßen.

»Meine teure, innig verehrte Herrin --« Hub er an, war aber außer stande, eine Silbe weiter zu sprechen.

»Steh auf, Bursche,« rief die Dame von Avenel unwillig, »und nimm die Hand von meinem Mantel. Heuchelei ist eine zu schnöde Hülle für Undank.«

»Ich bin weder des Undanks fähig noch der Heuchelei,« sagte der Page, indem er mit einem Ungestüm aufsprang, wie es seinem heftigen Temperament angemessen war. »Meint nicht, ich wolle um Erlaubnis betteln, hier bleiben zu dürfen. Mein Entschluß, Avenel den Rücken zu wenden, steht schon lange fest, und nie werde ich es mir verzeihen, daß ich es darauf ankommen ließ, daß Ihr mir das Wort: »Fort!« früher gesagt habt, als ich Euch Lebewohl geboten habe. Ich sank vor Euch auf die Kniee, um Euch um Verzeihung zu bitten wegen eines ungestümen Wortes aus meinem Munde, das den Weg in einem hohen Grade von Unmut über meine Lippen nahm, das ich aber nicht hätte aussprechen sollen. Um andre Gnade wollte ich nicht bitten und um andre Gnade bitte ich nicht, denn Ihr habt mir der Gnaden schon zuviel erwiesen, aber ich wiederhole, daß Euch besser bekannt ist, was Ihr selbst getan, als was ich geduldet habe.«

»Roland,« nahm jetzt die Dame in einem sanfteren Tone das Wort, denn die Liebe zu dem schönen Jüngling brach wieder hindurch, »wenn Du meintest, daß man Dich nicht angemessen behandle oder gar Dich beleidige, so war es Deine Pflicht, Dich an mich zu wenden. Unrecht hinzunehmen, war so wenig Deine Sache, wie Dir ein Recht zustand, es selbst zu ahnden, denn Du standest unter meinem persönlichen Schutze.«

»Und wenn mir Unrecht widerfuhr von Personen, die Ihr liebtet, sollte ich dann Eure Ruhe stören durch ewige Klagen, durch Klatscherei und Zwischenträgerei? Nein, gnädige Herrin, lieber trug ich, was mir widerfuhr, in Ruhe und ohne Murren. Ich hätte es nicht über das Herz bringen können, Euch fort und fort in den Ohren zu liegen mit meinem Leid, dazu verehrte ich Euch zu innig. Und darum, gnädigste Herrin, ist es gut, daß wir scheiden. Ich eigne mich nicht dazu, so lange mich in Gunst zu wiegen, bis mich Verleumdungen von Subjekten aus dieser Gunst verdrängen. Ich werde immer zum Himmel flehen, daß er sein reiches Segensfüllhorn über Euch ausschütte und, um Euretwillen, auch über alle diejenigen, die Euch teuer sind.«

Er war schon bis zur Tür gegangen, da rief ihn die Schloßherrin von Avenel zurück. Der Page blieb stehen, und die Dame sagte:

»Daß ich Dich ohne Mittel zum Unterhalt ziehen lassen sollte, kann weder meine Absicht gewesen sein, noch entspräche es der Billigkeit, und wenn meine Unzufriedenheit mit Dir größer noch wäre als sie ist. Also nimm hier diese Börse!«

»Bitte um Eure gütige Nachsicht, gnädigste Herrin,« sagte der Jüngling, »aber laßt mich scheiden mit dem Bewußtsein, daß mir die Erniedrigung, Almosen entgegenzunehmen, erspart geblieben ist. Selbst angenommen, meine bescheidnen Dienstleistungen hätten wettmachen können, was Ihr an Kost und Kleidung für mich aufgewandt habt, so bleibe ich Euch noch immer Schuldner für die Rettung meines Lebens, und das allein schon ist eine Schuld, die ich zeitlebens nicht zu tilgen im stande wäre. Drum nehmt Eure Börse wieder zu Euch, meine gnädigste Herrin, und laßt mich gehen mit dem Bewußtsein, daß Ihr nicht im Zorne von mir scheidet.«

»Nein, Roland, nicht im Zorne wollen wir scheiden,« wiederholte die Dame, »aber in schwerer Sorge um Deines Starrsinns willen sehe ich Dich ziehen. Nimm hier das Geld, Du wirst es brauchen können.«

»Möge Gott Euch segnen, beste Herrin, für und für, aber dies Geld kann ich nicht nehmen. Ich habe Kräfte genug, mir Geld zu verdienen, und auch an Freunden fehlt es mir nicht so völlig wie Ihr zu meinen scheint. Vielleicht kommt einmal noch eine Zeit, da ich meine Dankbarkeit auf andre Weise zu bezeigen vermag als durch bloße Worte.«

Er ließ sich auf ein Knie nieder und küßte die Hand, die sie ihm nicht entzog. Dann verließ sie schnellen Schrittes das Zimmer.

Die Dame von Avenel stand ein paar Augenblicke da, so bleichen Gesichts und so unsichrer Haltung, daß sie einer Ohnmacht nahe zu sein schien. Die Zofe wollte ihr zu Hilfe eilen, aber die Dame winkte ihr, sich zu entfernen. Sie faßte sich schnell und begab sich in ihre Gemächer.

Früh am Morgen nach diesem Auftritte verließ der in Ungnade gestürzte Liebling der Dame von Avenel das Schloß, in welchem er den Stoff noch zu mancher Unterhaltung zwischen der ihm aufsässigen Dienerschaft liefern sollte, und wanderte fürbaß, ohne alles Ziel. Das Boot, worin er über den See gesetzt war, hatte er nach der vom Dörfchen am weitesten abgelegnen Stelle gerudert, um über die Richtung, die er einschlüge, völlige Ungewißheit bestehen zu lassen. In seinem Stolze sagte er sich, daß er als Ausgewiesener bei den Dörflern nur Verwunderung, höchstens noch Mitleid wecken werde, und von beidem mochte er nichts wissen. Anderseits mußte er sich sagen, daß jeder Beistand, der ihm etwa geleistet werde, zu den Ohren der Leute auf dem Schlosse den Weg und dort mißgünstige Deutung finden könne.

Ein nichtiger Vorgang sollte ihn bald lehren, daß er sich um seiner Freunde am jenseitigen Ufer willen keine Sorge zu machen brauche.

Ein junger Mensch, um ein Paar Jahre älter als er, begegnete ihm, der sich früher, als Roland noch in Gunst bei seiner Herrin stand, überglücklich gefühlt hatte, wenn er an Rolands Spielen und Zerstreuungen hatte teilnehmen dürfen, wenn auch nur in der untergeordneten Rolle eines jugendlichen Dienstmannes. Er kam mit der schmeichlerisch-frohen Miene eines sklavischen Freundes auf ihn zu und sagte ihm guten Morgen.

»Ei, ei, Junker Roland, unterwegs auf dieser Seeseite und schon so früh und ohne Hund und Falken?«

»Falken und Hund,« erwiderte Roland, »werde ich wohl kaum wieder Halloh rufen. Ich bin weg vom Schlosse, das heißt, ich bin auf dem Wege wo anders hin.«

Ralph Fischer -- so hieß der junge Mensch -- war höchlich verwundert.

»Wie? also im Begriff, in die Dienste des Ritters zu treten?« das Panzerhemd wollt Ihr anlegen und die Lanze nehmen?«

»Nein, so ist's nicht gemeint,« versetzte Roland, »ich stehe im Begriff, den Dienst auf dem Schlosse Avenel ganz aufzugeben.«

»Und wohin, gedenkt Ihr den Fuß zu setzen?« fragte der junge Dörfler.

»Darauf läßt sich so schnell nicht antworten, wie es sich fragen läßt,« sagte Roland Gräme, »darüber bin ich noch nicht mit mir einig.«

»Nun, nun, es wird wohl auf eins herauskommen, wohin Ihr Euch wendet,« meinte Ralph Fischer, »denn die gnädige Dame von Avenel wird ja nicht vergessen haben, Euch Euer Wams tüchtig mit Geld zu Polstern.«

»Niedriger Sklave,« versetzte Roland stolz, »meinst Du, ich ließe mich traktieren von einer Frau, die mich in Mißgunst fallen ließ und mich von sich wies um der Klatschereien einer Zofe und eines salbadernden Pfaffen willen? Am kleinsten Bissen Brot, den sie mir noch gegeben hätte, wär ich erstickt.«