Ralph gaffte seinen einstigen Gespielen an mit einer Miene, die halb Staunen, halb Geringschätzung kündete.
»Na, was geht's, mich an?« sagte er dann, »jeder muß am besten wissen, was ihm frommt und wie er mit seinem Magen zurecht kommt. Aber ich wär froh gewesen, wenn ich so ins Blaue hinein laufen müßt, es hätt sich jemand gefunden, der mir die Taschen voll machen wollte. Ist's Euch vielleicht recht, auf eine Nacht mit mir beim Vater zu bleiben? freilich bloß auf eine Nacht, denn morgen kommt Onkel Menelaus mit seinem Jungen zu mir und da ist's dann vorbei mit dem Platze ... aber auf eine Nacht, wie gesagt ...«
Der Page fühlte sich, da das Anerbieten in so wegwerfendem Tone und mit solcher Einschränkung gemacht wurde, mehr verletzt dadurch als erfreut und erwiderte:
»Lieber schlaf ich aus offner Heide, wie bei geringerer Veranlassung schon in so manch andrer Nacht,« sagte er stolz, »als in Eures Vaters verräucherter Dachstube, die doch nach Torf und Branntwein stinkt wie ein Hochschottenplaid.«
»Das könnt Ihr ganz halten, wie Ihr wollt,« versetzte Ralph, »ich denk aber, es wird sich wohl noch mit dem spröden Wesen legen und seid Ihr erst mal ein paarmal ohne Obdach gewesen, dann wird Euch wohl eine Streu mit ein bißchen Torfqualm und einem Schnaps dazu gar so Unrecht nicht sein. Bedanken wenigstens hättet Ihr Euch schon können, wenn Euch jemand was anbietet, denn es ist schließlich nicht jedermanns Sache, sich Scherereien auszusetzen wegen eines aus dem Dienst entlassenen Lakeien.«
»Ralph,« versetzte Gräme, »vergiß doch lieber nicht, daß Du die Reitpeitsche, die ich noch in der Hand halte, schon ein paarmal gekostet hast. Es könnte Dir wohl noch einmal passieren.«
Ralph, ein strammer, untersetzter Bursche, der sich seiner Kräfte sattsam bewußt war und es sich wohl zutraute, einen Kampf mit dem Junker bestehen zu können, lachte ob der Drohung desselben hell auf.
»Was mich schlug, war der Stiel, die Hand tat dazu nicht viel,« sagte er und lachte hell auf. »Der Reim paßt so gut, wie wenn er in einer Ballade stände. Ich will Euch bloß sagen, junges Herrchen, wenn ich mir den Stiel von Eurer Peitsche hab gefallen lassen, dann war's um der Schloßherrin willen, bei der ich's nicht verderben wollte, aber jetzt wüßte ich nicht was mich abhalten sollte, alte Rechnungen hier mit dem Haselstocke wettzumachen und Euch fühlen zu lassen, daß ich nicht Eure Knochen, mein junger Herr Roland, sondern bloß Eure Livree hab schonen wollen.«
So ergrimmt auch Roland über diese bäurische Frechheit war, so riet ihm doch in diesem Falle die Klugheit, sich in die Gefahr eines Streits mit dem um so viel stärkeren Menschen nicht einzulassen, und während sein Widersacher ihn mit höhnischem Lachen zum Kampfe herausforderte, wurde ihm die Bitternis seiner gegenwärtigen Lage nur allzu bewußt und er brach in heftiges Weinen aus, außer stande, die Tränen zu verbergen. Selbst dem rauhen Bauernburschen ging der Schmerz des ehemaligen Gefährten nahe.
»Herr Roland,« sagte er gutmütig, »es war ja nicht so gemeint, und weh tun hab ich Euch nicht wollen, ganz gewiß nicht, schon um der alten Bekanntschaft willen nicht. Aber laßt Euch eins raten! Ehe Ihr von Eurer Reitpeitsche zu reden anfangt, dann seht Euch lieber den Kerl zuvor an, ob er nicht ein paar Zoll länger ist als Ihr und nicht bloß ein paar solche Spindelchen von Armen hat wie Ihr ... Aber, horch! da hör ich doch Adam Woodcok den Falken rufen! ... Kommt mit, Page, Zum Vater, wir wollen uns einen vergnügten Nachmittag machen; kehrt Euch nicht an das bißchen Torfqualm und an den Fusel! Wer weiß, ob sich nicht ein ganz anständiges Mittel zu Brot und Auskommen für Euch dabei finden läßt, wenn es auch eine gar schwere Sache heutzutage ist, ein Unterkommen zu finden.«
Roland fühlte sich so tief unglücklich, daß er kein Wort zur Antwort fand, sondern noch immer die Hand vor die Augen hielt, um die Tränen nicht sehen zu lassen, die ihm nach wie vor über die Wangen rannen. Ralph aber fuhr fort in dem Tone, der seiner Meinung nach der rechte war, ihn zu trösten:
»Seht, Freund, als Ihr noch Liebling der Gnädigen wart, da haben die Leute gesagt, Ihr seiet stolz, haben Euch für einen Papisten gehalten und alles mögliche. Drum müßt Ihr nun, da Ihr auf eignen Füßen stehn wollt, Euch befleißigen, recht hübsch manierlich und gesellig zu werden, auch mal ein gutes Wort jemand zu sagen wissen, müßt beim Prediger in die Nachmittagsbetstunde gehen, und dergleichen. Und wenn er sagt, Ihr hättet gesündigt, dann müßt Ihr mit dem Kopf unters Wasser fahren, und wenn Euch mal ein Adeling eins mit der Gerte überzieht, dann müßt Ihr Euch nicht mucksen, sondern bloß sagen, schönen Dank, daß Ihr mir das Wams ausgeklopft habt, oder so etwas, wie ich's ja auch mit Euch gemacht habe ... Aber da pfeift Adam schon wieder mit der Schalmei. Ich will Euch unterwegs alle Schliche lehren, wie man's machen muß, um durch die Welt zu kommen.«
Roland Gräme hatte sich inzwischen wieder so weit beruhigt, daß es ihm gelang, eine gleichgültige Miene zu machen, und er erwiderte: »Nun, ich weiß, daß es noch andre Wege gibt, und selbst wenn das nicht der Fall wäre, so möcht ich in Eure Fußtapfen doch nicht treten.«
»Wie gesagt, Herr Roland,« versetzte der Bauernbursche, »ganz wie Ihr wollt und denkt. Es muß jeder am besten wissen, wie er sich sein Leben einrichtet. Ich mag Euch nichts dreinreden. Noch einen Händedruck, Kamerad, um der alten Bekanntschaft willen. Was? auch nicht? Na, ein Dickkopf läßt sich eben von nichts abbringen, drum lebt wohl, noch einen guten Morgen auf den Weg!«
»Guten Morgen!« sagte Roland hastig, »guten Morgen!« während der Bauer sich schnell entfernte, offenbar froh, jemand los zu sein, der nichts mehr hatte, sich nützlich zu erweisen, aber einem leicht Dinge zumuten konnte, die einem Ungelegenheiten machen konnten.
Als sich sein Gemüt einigermaßen beruhigt hatte, trat die Erinnerung an seine Wohltäterin und an ihre Güte ihm wieder vor die Seele, und alle Kränkung, die er ihr angetan hatte, zeigte sich ihm jetzt in den schwärzesten Farben. Wie oft hatte sie ihn nicht in Schutz genommen gegen die Ränke andrer, und nie würde sie aufgehört haben es zu tun, hätte nicht er in seinem Uebermaß von Trotz und Herrschsucht sie vor die Notwendigkeit gestellt, die schützende Hand von ihm zu ziehen.
»Ja,« rief er bei sich, »und wenn ich auch Unwürdiges gelitten habe, so war es doch nur der verdiente Lohn für meinen Undank. War es wohl recht von mir, ihre Gastfreundschaft anzunehmen, mich mit mehr als mütterlicher Liebe von ihr behandeln zu lassen und ihr zu verschweigen, daß ich andern Glaubens bin als sie? ... Aber sie soll es noch hören, daß ich katholischen Glaubens bin, und daß ein Katholik ganz ebenso dankbar sein kann wie ein Puritaner, daß ich wohl unbesonnen war, aber nicht schlecht von Charakter, daß ich sie immer hochgeachtet habe, ihr immer in Liebe zugetan blieb, selbst in den zornigsten Augenblicken, daß ich wohl unüberlegt handeln konnte, aber nicht undankbaren Herzens bin.« Während diese Gedanken ihm durch den Sinn gingen, drehte er sich um und wandte die Schritte wieder dem Schlosse zu. Dann aber kam der Gedanke an den Hohn, mit dem ihm die Dienerschaft begegnen würde, und dämpfte die erste schnelle Regung von Reue, die ihn überkommen hatte. Hätten diese gemeinen Seelen denn andre Gründe für seine Umkehr finden können, als daß er um Verzeihung für sein unartiges Benehmen bitten, daß er sich wieder ins Schloss einvettern wolle? Er mäßigte wohl die Schnelligkeit seines Schrittes, blieb aber nicht stehen. »Mögen sie sagen, was sie wollen, mögen sie mit dem Finger weisen, mögen sie reden von Hochmut, der vor dem Falle kommt, und was sonst noch, ich will es nicht achten, ich will es ansehn als eine Buße, die mir gebührt, und will alles mit Geduld tragen. Aber wenn auch sie, meine Gönnerin, mich für so niedrig und schwachherzig ansehen sollte, daß ich nicht käme, bloß sie um Verzeihung zu bitten, sondern um mir wieder Vorteile zu schaffen, die mir ihre Gunst bisher gewahrte -- das vermöchte ich nicht zu ertragen, das will und werde ich nicht ertragen!«