Er blieb stehen, und sein Stolz raunte ihm zu, daß er sich durch solchen Schritt weniger die Gunst der Dame von Avenel als ihre Geringschätzung verschaffen werde, und während er so stand und sann, da glitt ein Gegenstand an ihm vorbei, so dicht, daß er ihm die Augen blendete und die Feder seines Hutes streifte. Es war der Lieblingsfalke Sir Halberts, der seinen Kopf umflatterte und die Aufmerksamkeit des Pagen, der so oft mit ihm in den Wald hinaus gewandert war, auf sich lenken zu wollen schien. Roland ließ den gewohnten Lockruf ertönen, und sogleich setzte sich der Falke auf den ausgestreckten Arm des Pagen und fing sich zu putzen an und heftete von Zeit zu Zeit einen scharfen, funkelnden Blick aus den nußbraunen Augen auf ihn, wie wenn er fragen wollte, warum er ihn nicht mit der sonstigen Zärtlichkeit behandle.
»Ach, mein schöner Demant!« sagte da Roland zu dem Falken, wie wenn ihn der Vogel verstände, »wir müssen uns nun fremd werden. Hast manchen schönen Fang für mich gemacht, hast manchen kräftigen Reiher in den Sand gestreckt! aber das ist nun alles vorbei, denn für mich, schöner Demant, gibt es nun keine Beize mehr!«
»Ei, und warum nicht, Herr Roland,« sagte ein Stimme, und Roland erkannte sie als die Stimme Adam Woodcocks, des Falkners, der eben hinter Erlenbüschen hervortrat, die ihn Rolands Blicken verborgen hatten, »warum sollte es für Euch keine Beize mehr geben? Was wäre denn das ganze Leben ohne das edle Weidwerk?«
Er sprach's in zutraulichem, freundlichem Tone, aber die Erinnerung an den Zwist, den sie zusammen vor so kurzer Zeit erst gehabt, und an die Folgen, die für ihn so einschneidender Art gewesen waren, lähmte Roland die Zunge
»Herr Roland, meint Ihr denn als halber Engländer, ein ganzer Engländer wie ich könne Groll gegen Euch bewahren jetzt, da Ihr in Not und Verdruß seid? Das sähe doch den Schotten zu ähnlich, meinen Herrn natürlich ausgenommen, die von Gesicht freundlich tun und mit dem Herzen falsch sein können, die einem alles nachtragen, bis ihren Reden nach die rechte Stunde da ist; die mit Euch aus der gleichen Schüssel essen, mit Euch aus dem gleichen Becher trinken und beizen und jagen, und schließlich, wenn sich ein günstiger Anlaß bietet, eine alte Rechnung, die Ihr längst vergessen habt, mit der Dolchspitze ausgleichen! ... Drüben in Yorkshire hat man für solche Schulden kein Gedächtnis. Nein, mein junger Kamerad, Ihr habt mir wohl derb eins ausgewischt, aber es kann wohl sein, daß ich es von Euch noch lieber hingenommen hab als von jedem andern, denn Ihr habt wenigstens gute Kenntnisse von der Falkenbeize, wenn ich auch inbetreff des Auffütterns von Nestfalken andrer Meinung bin als Ihr. Drum gebt mir die Hand, Kamerad, und hegt nicht weiter gegen mich Groll.«
Wenngleich sich Rolands Blut gegen die vertrauliche Weise des Falkners auflehnte, so war er doch außer stande, der treuherzigen Offenheit desselben zu widerstehen, und indem er sich mit der einen Hand das Gesicht verdeckte, streckte er die andre dem Manne entgegen und erwiderte seinen freundschaftlichen Druck.
»Na,« sagte Adam Woodcock, »jetzt kommt's doch von Herzen, ich hab's ja doch immer gesagt, das Herz bei Euch sei gut, wenn Ihr auch ein Stück vom Teufel in Euch hättet. Ich war mit dem Falken unterwegs, um Euch zu suchen, und der ungeschlachte Lümmel dort sagte mir's, wohin Ihr den Flug genommen hättet. Von der Geiersbrut im Dorfe habt Ihr immer zuviel gehalten, Herr Roland, und ich Hab mit angesehn, was zwischen Euch passiert ist. Mit einem Donnerwetter hab ich den Kerl auf den Trab gebracht, als er sich an mich heranmachen wollte ... Und nun, Herr Roland, wohin soll Euer Flug sich wenden?«
»Wie es dem Herrn droben gefällt, Woodcock,« versetzte der Page mit einem Seufzer.
»Na, Kamerad, deshalb nicht so trübe dreingeschaut!« sagte der Falkner, »wer weiß, ob Ihr nicht bald weit bessern Aufflug nehmt, als es hier hätt sein können! Seid Ihr nicht mehr Page, so seid Ihr Euer freier Herr, könnt hingehn, wohin es Euch Paßt, und tun, was Ihr wollt. Und könnt Ihr Euch nicht mehr so schön kleiden, so braucht Ihr auch nicht mehr nach der Pfeife zu tanzen. Es hat eben immer jegliches Ding seinen Vorteil und seinen Nachteil. Und was Euch noch in der Zukunft gebacken wird, wer kann's wissen? Sir Halbert, mit Verlaub, denn er ist jetzt mein Brotherr, soll auch mal froh gewesen sein, daß er als Förster bei seinem Herrn ankam, und jetzt ist er Ritter und hat seine eigne Jagd und Hund und Falken und den Adam Woodcock als Falkner noch obendrein!«
»Recht habt Ihr, Woodcock,« antwortete der Jüngling, dem das Blut die Wangen färbte, »höher schwingt sich der Falkner ohne die Schellen und wenn sie gleich aus Silber wären!«
»Nun, das war auch recht gesagt, Herr Roland,« versetzte der Falkner, »aber nun noch einmal, wohin soll's gehen?«
»Ich wollte nach der Abtei Kennaquheir hinüber,« sagte Roland, »und den Abt Ambrosius um Rat fragen.«
»Nun, dann Glück auf den Weg,« erwiderte der Falkner, »aber Ihr werdet die Mönche wohl in einiger Unruhe finden, denn wie das Gerücht geht, so droht das Volk, sie aus ihren Klöstern und Zellen zu jagen, weil es der Meinung ist, sich ihren Spuk nun lange genug mit angesehen zu haben. Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so bin ich unumwunden der gleichen Meinung.«
»Dann wird's für den Pater Ambrosius um so erwünschter sein, einen Freund bei sich zu haben!« meinte Roland entschlossenen Tones.
»Aber, mein jugendlicher Unverzagt, für besagten Freund wohl weniger angenehm, denn er könnte grade hinzukommen, wenn die Schläge am dichtesten fallen, und das ist doch allemal die böseste Zeit des Kampfes.«
»Furcht davor, daß mich Schläge treffen könnten, wird mich nicht abhalten,« sagte Roland, »aber ich befürchte, ich könnte den Brüdern zur Last fallen, wenn ich den Vater Ambrosius aufsuche. Ich will heute in St. Cuthberts Zelle nächtigen, der Pater dort gibt mir schon Unterstand, und morgen früh will ich beim Pater Ambrosius im Kloster anfragen lassen, ob ich ihm recht komme.«
»Bei unsrer lieben Frau,« erwiderte der Falkner, »kein übler Gedanke!... und nun noch eins,« -- aber hier ging die bisherige Frische und Ungezwungenheit seines Wesens in etwas wie unbeholfene Verlegenheit über -- »Ihr wißt wohl, daß ich eine Futterschleppe für meine Falken bei mir trage, aber wißt Ihr auch, womit sie ausgefüttert ist . . he?«
»Doch wohl mit Leder,« meinte Roland, verwundert darüber, daß Woodcock bei einer Frage von so einfacher Natur solch merkwürdige Verlegenheit zeigte.
»Mit Leder, meint Ihr?« wiederholte Woodcock, »nein, aber mit Silber. Da seht,« und bei diesen Worten wies er auf einen verborgnen Schlitz in der Tasche ... hier stecken dreißig Heinrichsgroschen, echt wie sie nur je in den Tagen des lustigen Heinz geschlagen worden sind, und zehn davon könnt Ihr haben, wenn's Euch recht ist ... und nun ist's runter vom Herzen, Gott sei gedankt!«
Rolands erster Gedanke war, das Anerbieten abzuweisen, aber er besann sich auf das Gelübde der Demut, das er sich vor wenigen Augenblicken selbst geleistet hatte, und antwortete dem Falkner mit aller Unbefangenheit, die ihm zur Verfügung stand, daß er das Anerbieten nicht von sich weisen wolle, wenn es auch sonst wider seine Anschauungen laufe. Unterlassen konnte er jedoch nicht, seinen Stolz wenigstens durch die Bemerkung zur Geltung zu bringen, daß er suchen werde, diese Schuld so schnell wie möglich wieder auszugleichen.
»Damit haltet's nur nach Eurem Belieben, ich tret Euch nicht drum auf die Zehen,« erwiderte der Falkner treuherzig, indem er die zehn Silberstücke dem Pagen gewissenhaft in die Hand zählte; dann aber setzte er hinzu mit der alten Fröhlichkeit seines Wesens:
»So, Herr Roland! und nun könnt Ihr den Tanz mit dem Leben wagen! ... denn wer noch weiß, wie man einen Gaul sattelt und einen Hund hetzt und in ein Horn stößt und Schwert und Tartsche führt und einen Falken beizt, dabei ein gutes Paar Schuhe und ein grünes Wams und zehn Heinrichsgroschen im Sack hat, der kann's mit ansehn. Und nun laßt's Euch gut draußen gehen, Herr Roland. Gott befohlen!«