»Hiervon später, mein Sohn,« sagte sie, »doch merke Dir, darüber, was Deine Pflicht gebeut, Bedingungen zu machen, kommt Dir nicht zu, auch nicht zu sagen, das paßt mir zu tun, und jenes nicht ... Nein, Roland, die Verworfenheit dieses Geschlechts können weder Gott noch Menschen länger ertragen. Siehst Du hier diese Trümmer? weißt Du, was sie bedeuten? Und meinst Du, es stehe Dir zu, einen Unterschied in dieser Rotte zu machen, auf der des Himmels Fluch lastet, daß sie alles zertrümmern und lästern und verleugnen, was noch zu glauben und zu verehren wert und geboten ist?«
Mit einer Miene schwärmerischer Andacht neigte sie das Haupt zu dem zertrümmerten Bilde, erhob die linke Hand in der Weise jemands, der ein Gelübde tut, und fuhr dann fort:
»Du heiliger Gottesmann, in dessen entweihtem Tempel wir stehen, sei mir Zeuge, daß mein Haß nicht diese Menschen verfolgt, um mich selbst zu rächen, so wenig wie ich aus Gunst oder irdischer Zuneigung zu einem unter ihnen meine Hand von der Pflugschar ziehen will, wenn sie über die dem Verderben geweihte Furche hinziehen soll. Sei mir des Zeuge, Du Heiliger! der Du einst selbst landesflüchtiger Pilger warest, wie jetzt wir -- sei mir des Zeuge, Du heilige Gottesmutter und Himmelskönigin! -- seid mir des Zeugen, Ihr Heiligen und Engel!«
Gespenstisch sah sie aus, wie sie dastand mit den gen Himmel gerichteten Augen und den über die Schultern wallenden langen grauen Locken, die der Wind von Zeit zu Zeit hob, daß sie flatternd wie Schleichen und Nattern in der Luft umherschossen.
Roland war von früher her gewöhnt, daß sie nicht litt, über das was sie im Schilde führte, gefragt zu werden. Auch drang sie selbst nicht weiter in ihn, sondern schlug, nachdem sie sich bekreuzigt hatte, die Hände zusammen zu frommem Gebet und wandte sich dann mit ruhiger, dem gewöhnlichen Verkehrston angemessener Stimme zu Roland:
»Deines Bleibens kann hier nicht lange sein. Du mußt schon morgen von hier fort. Für diese Nacht, wirst Du freilich ein hartes Lager haben, mit dem sich Deine durch weichen Pfühl verwöhnten Glieder kaum werden zufrieden erklären wollen.«
»Mutter,« sagte Roland, »als wir umherzogen, war ich Jäger und Fischer und Vogelsteller. Und von denen, die solchem Berufe angehören, ist jeder an rauhes Nachtlager gewöhnt. Ich kann hart liegen, ohne daß es mich hart zu sein dünkt.«
»Und was wirst Du essen?« fragte sie, als sie aus der Kapelle in die verödete Priesterzelle traten. »Armes Kind, für solch weite Reise hast Du Dich schlecht vorgesehen! Dabei fehlt es Dir auch an der Fähigkeit, Dir auf geschickte Weise über Mangel hinwegzuhelfen. Aber unsre liebe Frau hat Dir eine Gefährtin beigesellt, die mit dem Mangel in aller Gestalt vertraut ist, wie sie es früher war mit Pracht und Ueberfluß. ... Mit dem Mangel, Robert, finden sich all die Künste und Fertigkeiten ein, die ihn Vater nennen!«
Mit dienstfertigem Eifer, der von der schwärmerischen Begeisterung wunderlich abstach, begab sie sich nun an die Herrichtung der Speisen. Aus der Tasche, die sie trug, nahm sie Feuerstein und Stahl, und aus den in der Kapelle verstreut liegenden Holzstücken gewann sie, selbst mit sorgfältiger Ausscheidung aller Stücke, die von dem Bilde des Heiligen und von dem Kruzifixe herrührten, Späne genug, daß bald ein lustiges Feuer auf dem Herde der Zelle brannte. Dann sagte sie:
»Und nun, was zum Essen und Trinken von nöten ist.«
»Sorgt nicht dafür, Mutter, sofern Ihr nicht selbst hungert und dürstet. Für mich ist es ein kleines, eine Nacht hindurch zu fasten, und für die notgedrungene Übertretung der kirchlichen Vorschriften während meines Aufenthalts im Schlosse eine wahrlich nur geringe Buße.«
»Du fragst, ob ich selbst Durst und Hunger fühle? ... Wisse, Jüngling, keine Mutter kennt den Hunger, so lange sie nicht ihr Kind gesättigt weiß.« Und mit einer Zärtlichkeit, die zu ihrer sonstigen Strenge in seltsamem Widerspruche stand, sprach sie weiter: »Nein, Roland, Du mußt essen. Du hast Dispensation, Du bist jung, und für die Jugend sind Schlaf und Speise unabweisbare Bedürfnisse. Sei haushälterisch mit Deiner Kraft, Kind! denn Dein Fürst, Deine Religion und Dein Vaterland machen Ansprüche auf Deine Kraft. Alter mag sich kasteien durch Fasten und Nachtwachen, die Jugend soll aber ihre Glieder stählen durch Schlaf und Speise, daß sie die Kraft finde, die sie zur Arbeit braucht.«
Aus ihrer Tasche nahm sie nun auch, was für Robert zur Speise bestimmt war, und wachte mit Eifer darüber, daß er sich satt aß. Roland gehorchte willig, aber als er auch sie aufforderte sich zu stärken, schüttelte sie mit dem Kopfe, und als er nicht ablassen wollte mit Bitten und Vorstellungen, verwies sie ihm stolz alle weitere Rede in diesem Sinne. Dann machte sie aus dürrem Laub ein Lager auf dem Erdboden zurecht, suchte zur Decke ein paar Stücke Zeug zusammen, die auf dem Boden umherlagen, wobei sie jedoch mit frommer Scheu alles unangerührt ließ, was einen Teil der priesterlichen Gewandung ausgemacht hatte, und ebenso heftig wie sie Speise und Trank von sich gewiesen, so wies sie nun auch die Zumutung von sich, das hergerichtete Lager selbst zu benützen. Mit gebieterischer Handbewegung sagte, sie:
»Schlafe Du, Roland Gräme, schlafe Du! Du verfolgtes und enterbtes Waisenkind! Du Sohn einer unglücklichen Mutter! schlafe, schlafe Du! ... Ich gehe in die Kapelle nebenan, um zu beten!«
Siebentes Kapitel
Als sie von den Resten des gestrigen Abendbrots ihr Frühstück eingenommen hatten, machten sie sich auf die Wanderung. Magdalene Gräme ging festen und rüstigen Schrittes voran, und Roland, mißmutig über die ihm neuerdings aufgezwungene Abhängigkeit, schritt hinter ihr drein.
»Soll ich mich denn immer verzehren in der Begierde nach Unabhängigkeit und freier Tätigkeit,« sprach er bei sich, der Worte der Greisin eingedenk, daß er kein Recht haben solle zu wählen zwischen dem, was er tun und was er nicht tun wolle, »und soll ich demungeachtet durch die Umstände immerfort genötigt sein, mich dem Willen andrer Menschen zu beugen?«
Sie sprachen selten zusammen. Frau Gräme sang hin und wieder aus irgend einer schönen lateinischen Hymne mit gedämpfter Stimme einige Strophen, murmelte ein Credo oder ein Ave und versank tiefer und tiefer in ihre religiösen Betrachtungen. Die Aufmerksamkeit des Enkels war mehr auf irdische Dinge gerichtet, und wenn von Zeit zu Zeit einmal ein Sumpfvogel mit trotzigem Kampfgeschrei aus einem Busche aufstieg und über einen Sumpf hinschoß, da fiel ihm der muntre Woodcock ein und die prächtigen Falken, oder wenn sie an einem Dickicht vorbeigingen, das mit Heide- und Pfriemenkraut durchwachsen war zu einem sichern Versteck, dann träumte er von einem Rehbock oder von Windspielen. Oft aber wandte seine Seele sich zurück zu seiner gütigen Gebieterin, von der er geschieden war, ohne jeglichen Versuch von seiner Seite, sie wieder zu versöhnen, so daß sie mit vollem Recht ihm zürnte.
»Hätte ich mich doch nur noch einmal zu ihr begeben,« sprach er bei sich, und diesen Gedanken konnte er nicht los werden, »und wäre es nur auf einen Augenblick gewesen, um ihr zu sagen: Gnädigste Herrin, der Waisenknabe war wohl unbändig, aber undankbar war er nicht.«
Um die Mittagsstunde herum erreichten sie ein kleines, einzeln liegendes Dörfchen, das, wie die meisten Grenzorte, mit ein paar vorspringenden Türmen oder Schirmdächern, damaligem Brauche gemäß, aus Rücksicht auf die oft notwendig werdende Verteidigung gegen Ueberfälle, befestigt war. Ein kleiner Bach floß hindurch, und an einem Winkel, den er bildete, stand ein verfallnes Wohnhaus, das aber ehemals Personen von Rang und Stand zum Aufenthalt gedient haben mochte. Ein paar Maulbeerbäume milderten das düstre Aussehen des aus dunkelrotem Gestein aufgeführten Hauses, das einstmals ein stattliches Aeußere gehabt haben mochte. Der Hof vor der Tür, ehedem von einer niedern Mauer umschlossen, die aber jetzt in Verfall war, zeigte unter dem dichten Grase, das von Nesseln und anderm Unkraut überwachsen war, deutliche Spuren eines ehemaligen Steinpflasters. Der Bach hatte die Mauer unterwaschen, in seinem Bett lagen verschiedene von den Ecktürmchen, die sie vor Zeiten gekrönt hatten, und infolge der Trümmer, die es in seinem Laufe geschaffen, hatte es sich weiter an den Turm herangezogen und schickte sich nun an, auch den Grund zu unterhöhlen, auf dem das Gebäude selbst stand, sofern ihm nicht schnell noch durch einen Dammbau Einhalt getan wurde.