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Alles dies erregte Rolands lebhafte Aufmerksamkeit, als er sich mit seiner Begleiterin auf einem gewundenen Pfade, der ihnen die mannigfachsten Ausblicke eröffnete, dem eigentümlichen Gebäude näherte. »Führt unser Weg nach diesem Hause?« fragte er die Großmutter, »dann hoffentlich nur auf kurzen Besuch, denn das Haus sieht ganz so aus, als genügten ein Paar Tage mit Böen aus Nordwest her, es in den Bach hinein zu befördern.«

»Du siehst bloß mit den Augen des Leibes,« sagte die Greisin, »Gott wird sein Besitztum schützen, wenn es gleich von den Menschen verlassen und verachtet ist... Besser unter seinem Schutze auf Sand zu wohnen, als auf Felsen menschlichen Selbstvertrauens zu flüchten.«

Unter dem Austausch dieser Worte traten sie in den Hof des alten Hauses, und hier merkte Roland sofort, daß das Haus ehedem eine stattliche Fassade besessen hatte aus dem gleichen dunkelroten Stein, aus dem das Haus selbst gebaut war. Aber die Fassade war zertrümmert, und nur verwitterte Spuren von Nischen und Gebälk bedeckten die Stelle, die sie einst eingenommen hatten. Der Haupteingang an der Vorderseite war vermauert, aber ein schmaler, wenig betretener Pfad führte zu einer engen Pforte, die durch eine dicht mit eisernen Nägeln beschlagene Tür Zugang zu dem Hause gewährte. Hier klopfte die Frau Gräme dreimal hintereinander, bei jedem Schlage eine bestimmte Weile inne haltend. Nach dem dritten Schlage gab drinnen ein leises Pochen Antwort, und bald darauf wurde die schmale Pforte geöffnet, und ein bleiches, hageres Weib begrüßte die Ankömmlinge mit dem Spruche: »Gesegnete, die da kommen im Namen des Herrn!« Als sie eingetreten waren, schloß die Pförtnerin die Pforte schnell wieder zu und schob die starken Riegel wieder vor.

Die hagere Frau führte sie durch ein niedriges Portal in ein Vorzimmer von ziemlich bedeutender Größe, das mit Steinplatten gepflastert war und an dessen Wänden Steinplatten entlang liefen. Am obern Ende befand sich ein Bogenfenster, das aber zum Teil mit Heubündeln verbaut war, wodurch der Raum ein sehr düstres Aussehen gewann.

Hier verweilten sie, und die Besitzerin, denn das war die Pförtnerin -- umarmte nun Magdalena und küßte sie auf beide Wangen und bewillkommnete sie mit dem Namen Schwester.

Dieses Wort ließ in Roland keinen Zweifel über die Religion der Frau. Sie sprachen dann heimlich noch ein paar Worte, und dadurch gewann Roland Zeit, die äußere Erscheinung der neuen Bekannten genauer zu betrachten.

Sie mochte zwischen fünfzig und sechzig Jahren alt sein. In ihren Blicken lag eine Mischung von Trübsinn und Not, die an Mißmut grenzte, aber die trotz ihres Alters noch deutlich erkennbare Spuren der einstigen Schönheit verrieten. Sie trug sich in einfachster Weise, dunkel, in gewisser Hinsicht ebenso klösterlich wie die Gräme. Ein hoher Grad von Sauberkeit schien darauf hinzudeuten, daß sie wohl arm, aber nicht so weit heruntergekommen war, daß sie den Sinn für Anstand im Leben verloren hatte. Ihr Benehmen sowohl wie ihre Gesichtszüge und ihre äußere Erscheinung verrieten deutlich, daß sie früher in andern Verhältnissen gelebt haben und auch eine Erziehung genossen haben mußte, die weit über die beschränkte Lage, in der sie sich jetzt befand, gereicht hatten. Je länger Roland die Greisin betrachtete, desto deutlicher war es ihm, daß diese Frau Dinge erlebt haben müsse, die des Erzählens wohl wert sein mochten.

Mittlerweile, hörte das flüsternde Gespräch der beiden Frauen auf. Die Besitzerin des Hauses trat zu ihm und betrachtete ihn scheinbar mit reger Aufmerksamkeit und Teilnahme.

»Also dies ist das Kind Deiner unglücklichen Tochter, Magdalene, sagte die Frau zu der Gräme, »und diesen letzten Sproß Eures unglücklichen Stammes wollt Ihr der guten Sache weihen?«

»Ja, beim heiligen Kruzifix,« antwortete die Gräme in ihrem gewöhnlichen Tone unbeirrbarer Festigkeit, »der guten Sache weihe ich ihn, mit Haut und Fleisch, mit Armen und Sehnen, mit Seele und Leib.«

»Du bist ein glückliches Weib, Magdalene, daß Du so hoch erhaben bist über menschliche Neigung und menschliches Gefühl, um ein solches Opfer dem Altare zuführen zu können. Ich hätte mit weit schwererem Herzen nur ein solches Opfer bringen können.«

Und wieder betrachtete sie den Jüngling, aber in ihren Blick hatte sich ein Ausdruck wehmütiger Teilnahme geschlichen. Endlich trieb ihre unausgesetzte Betrachtung dem Jüngling das Blut in die Wangen und er wollte sich schon ihrer Nähe entziehen, aber seine Großmutter hielt ihn mit der einen Hand zurück, während sie ihm mit der andern das Haar aus der von Schamröte überflognen Stirn strich und mit unerschütterter Festigkeit, in die sich aber eine innige Zuneigung mischte, die Worte sprach: »Ja, sieh ihn Dir nur an, Schwester, denn nie ruhte Dein Blick auf einem schöneren Gesichte. Auch mir kam, als ich ihn zum ersten Male sah, eine Empfindung, wie sie jedem irdisch empfindenden Wesen auch wohl kommen muß. Aber von dem verwitterten Baume, der seinen Blätterschmuck schon längst verlor, kann kein Sturm ein Blatt mehr reißen, und ebensowenig kann eine zufällige Erscheinung des menschlichen Daseins noch Empfindungen wecken, die in der Stille frommer Andacht schon lange entschlummert sind.«

Aber während die Greisin so sprach, strafte ihr Benehmen sie Lügen, denn als sie jetzt hinzusetzte: »Aber, je reiner und fleckenloser das Opfer ist, desto würdiger, nicht wahr, Schwester, ist es der Annahme.« Es schien, als ob sie den Gefühlen, die sie erschütterten, mit Freuden entränne, denn sie fuhr gleich darauf fort: »Aber er wird sich retten können, meine Schwester, und es wird sich ein Widder fangen in dem Dickicht, und die Hand unsrer abtrünnigen Brüder wird nicht, über unsern Joseph kommen. Kann doch der Himmel seine Rechte verfechten selbst durch die Hand von Kindern und Säuglingen, von Frauen und unmündigen Knaben!«

»Der Himmel hat uns verlassen,« sagte die andre; »um unsrer Sünden, um der Sünden unsrer' Väter willen ist von diesem fluchbeladnen Lande die Hilfe aller gebenedeiten Heiligen gewichen. Die Krone des Märtyrertums können wir wohl gewinnen, nicht aber die Krone des irdischen Triumphs. So wurde wiederum einer hinüber in eine bessre Welt gerufen, dessen Weisheit uns in solch schwerer Zeit gar sehr fehlen wird. Der Abt Eustachius ist nicht mehr von dieser Erde.«

»Möge seine Seele Gnade finden!« betete Magdalene Gräme, »und möge der Himmel auch uns Gnade schenken, die wir jetzt ohne ihn weiter leben müssen in diesem blutigen Lande. Unersetzlich ist für uns freilich sein Verlust, denn wer besäße seine Erfahrung, seinen Eifer, seine Weisheit, seinen Mut? Mit der Fahne in der Hand ist er gefallen im Kampfe, und doch wird Gott einen Nachfolger ihm erwecken, der das geweihte Panier tragen wird gleich ihm! Sprich, wen hat das Kapitel ernannt als Nachfolger in seinem Amte?«

»Es geht, die Rede, es getraue sich keiner der wenigen überlebenden Brüder, das von ihm hinterlassene Amt zu übernehmen. Die Ketzer haben sich verschworen, keine neue Wahl geschehen zu lassen, und sollen entschlossen sein, keinem neuen Abt den Einzug in das heilige Marienkloster zu erlauben.«

»Quousque tandem, Domine [Wohin (soll das) schließlich (führen), o Herr] ,« erwiderte Magdalene, »das wäre freilich ein gefahrvoller Riß in unsern Bund, aber ich bin fest in meinem Glauben, daß sich ein andrer für uns erheben wird an Stelle des von uns abgerufenen Streiters. Doch sprich, wo ist Deine Tochter Katharine?«

»Im Sprechzimmer, Magdalene,« versetzte die Matrone, »aber« -- sie stockte, blickte auf den Jüngling und wisperte der Freundin ein paar Worte ins Ohr.