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»Um ihn sei ohne Sorge,« erwiderte Magdalene Gräme, »freilich ist's ebenso recht wie von nöten, aber von seiner Seite sei ohne Sorge, denn mir sollt's eine Freude sein, war er so fest im Glauben, wie er fest ist in seinen Grundsätzen, wie sein Gemüt frei ist von schlechten Gedanken, Reden und Handlungen. Denn das muß man an der ketzerischen Erziehung bestehen lassen, Schwester, in strenger Sitte ziehen sie dort«die Jugend heran und lassen keinerlei jugendlicher Torheit eine Pforte!«

»Nun, so soll er meine Katharine sehen, da Du es für unbedenklich und zweckmäßig hältst, Schwester. Folge mir also, Jüngling,« setzte sie hinzu und ging der Freundin voraus, langsamen Schrittes, allerhand Gänge entlang und durch mehrere Gemächer. Unterwegs fand der Page Gelegenheit, über die neue Lage, die ihm sein Schicksal bereitet hatte, Betrachtungen anzustellen, die von keiner seinem feurigen Charakter besonders angemessenen Art waren. Statt einer Gebieterin, sagte er sich, habe er nun ihrer zwei erhalten, und zwar zwei Greisinnen, die sich verbündeten, jeden seiner Schritte nach ihrer Willkür zu lenken, im Verfolg eines Planes, an dem er selbst keinen Anteil habe. Das aber ginge, wie er bei sich dachte, zu weit, denn wenn auch seine Großmutter zufolge der Wohltaten, mit denen sie ihn überhäufte, ein Anrecht besäße, seine Schritte zu leiten, so sei sie doch nicht berechtigt, solches Recht an ihm auf fremde Personen zu übertragen oder mit ihnen zu teilen, und höchst unangenehm war ihm zu beobachten, daß die Greisin seiner neuen Bekanntschaft ganz ohne Umstände den gleichen Ton ihm gegenüber annahm wie seine Großmutter, und die gleiche Gewalt über ihn auszuüben sich anschickte wie jene.

»Aber so soll es nicht lange bleiben,« dachte Roland Gräme bei sich, »es soll mir nicht einfallen, mein ganzes Leben nach den Pfeifen von Weibern zu tanzen, ihr Brot zu essen, zu laufen und zu stehen, wenn sie mich rufen. Nein, beim heiligen Andreas! eine Hand, die eine Lanze zu schwingen versteht, ist der weiblichen Zuchtrute entwachsen. Bei der ersten besten Gelegenheit, die sich mir bietet, sollen sie das Halsband in der Hand behalten, und ich will meiner Wege gehen, frei und ungebunden. Mögen sie dann zusehen, wie sie mit dem Plane, den sie im Schilde haben, allein zurechtkommen. Und ich glaube, das rettet beide noch aus einer Gefahr, die ihnen selbst an den Kragen gehen könnte, denn meines Wissens ist doch Graf Murray mit seiner Ketzerpartei zu weit schon im Lande vorgedrungen, als daß es noch geschehen könnte, daß ein paar alte Weiber dagegen aufkämen!« Während er solchen Gedanken nachhing, traten sie in ein niedriges Gemach, worin ein drittes Frauenzimmer saß. Es war der erste Wohnraum in dem Gebäude, der mit beweglichen Sitzen und einem hölzernen Tische ausgestattet war. Der Tisch war mit einem Stück Tapete verdeckt. Auf dem Boden lag ein Teppich, auf dem Herde stand ein Rost, kurz, die Stube sah aus, als sei sie bewohnbar und werde auch bewohnt.

Rolands Augen fanden indessen eine schönere Weide, als eine Zimmereinrichtung, und sei sie noch so schön gewesen, ihm hätte sein können: dieser andre weibliche Insasse des Wohnhauses schien von allem bisher gesehenen wesentlich verschieden zu sein. Mit einer stummen, aber tiefen Verbeugung hatte sie die beiden alten Frauen begrüßt. Als ihr Auge dann auf Roland fiel, zog sie züchtig den Schleier über ihr Gesicht, aber ohne alle erkünstelte Eile und Schüchternheit, die von Verlegenheit hätte künden können. Roland war jedoch Zeit genug geblieben, zu erkennen, daß es ein Gesicht war, das einem Mädchen von kaum sechzehn, siebzehn Jahren angehörte, und das ein Paar Augen hatte, die einen wundersam milden und doch gleichzeitig feurigen Glanz hatten. Das Mädchen verlor in Rolands Augen dadurch nicht, daß sie eine volle Gestalt hatte, die eher zu einem Vergleich mit einer Hebe, als mit einer Sylphide gepaßt hättet aber die vollen Formen verrieten zugleich einen lieblichen Reiz von Zartheit, der durch das knapp sitzende Leibchen und den nicht grade weiten Rock noch auf das vorteilhafteste herausgehoben wurde. Rock und Leibchen trug sie nach fremdem Schnitte, und der erstere war auch kurz genug, um ein zierliches Füßchen sehen zu lassen, das auf einer Querleiste des Tisches ruhte, an dem sie saß, während ihre zierlichen Finger eifrig an einem Stück Tapete nähten, das so zerrissen war, daß die Näherin, die es wieder in stand bringen wollte, schon über eine gute Portion Geduld und Fertigkeit verfügen mußte.

Es ist notwendig, hier zu bemerken, daß sich Roland über diese Einzelheiten nur durch verstohlene Blicke zu unterrichten vermochte, und daß es ihm vorkam, als habe sich das Mädchen bemüht, sich in ähnlicher Weise über seine Person zu unterrichten, trotz des ihr Gesicht verdeckenden Schleiers. Mittlerweile setzten die beiden Frauen ihre heimliche Unterredung fort und warfen von Zeit zu Zeit einen Blick auf die jungen Leute, der Roland Gräme keine Minute darüber im Zweifel ließ, daß ihre Unterhaltung sich um sie drehte. Endlich hörte er deutlich, wie seine Großmutter die folgenden Worte zu der andern Greisin sprach:

»Nein, Schwester, Gelegenheit miteinander zu sprechen und bekannt zu werden, müssen wir ihnen schon lassen; sie müssen einander doch persönlich kennen lernen; wie sollen sie sonst ausführen können, was ihnen zustehen wird?«

Es war ihm, wie wenn die andre Greisin Einwendungen dagegen erhöbe, seine Großmutter aber sie nicht gelten lassen wollte.

»Es muß so sein,« hörte er noch aus dem Munde der letztern, »drum laß uns auf den Erker hinaustreten, Schwester, wo wir unser Gespräch in Ruhe fortsetzen können.« Dann wandte sie sich an Roland und das Mädchen: »Es wird gut sein, wenn Ihr miteinander besser bekannt werdet, als Ihr es bis jetzt seid.«

Mit diesen Worten trat sie auf das Mädchen zu und schlug ihr den Schleier zurück, ein Gesicht enthüllend, das jetzt, mochte seine Farbe sein wie sie wollte, im Augenblick von jäher Schamröte übergossen wurde.

»Licitum sit [Es sei erlaubt] ,« sagte Magdalene mit einem Blick auf die andre Greisin.

»Vix licitum [Kaum erlaubt] , sagte darauf die andre und legte dem Mädchen den Schleier wieder so über das Gesicht, daß er ihre Züge, wenn nicht verhüllte, doch überschattete; dann flüsterte sie laut genug, daß Roland es hören konnte:

»Katharine, vergiß nicht, wer Du bist, und was Deine Bestimmung Dir vorschreibt.«

Hierauf entfernten sich beide Greisinnen durch eine der Fenstertüren, die auf einen langen, breiten Altan führte, der einen angenehmen Spaziergang im Freien ermöglichte,, ohne daß man das Haus selbst zu verlassen brauchte. Hier verweilten die beiden Frauen in geheimer Zwiesprach, ohne jedoch so vollständig darin aufzugehen, daß sie nicht Zeit gefunden hätten, einen Blick hin und wieder in das Zimmer hinein zu werfen, um sich zu unterrichten, wie dort die Sachen ständen.

Achtes Kapitel

Katharina stand in jenem glücklichen Alter geistiger Unschuld und Harmlosigkeit, daß sie die Situation, in die sie auf einmal versetzt worden war, die Bekanntschaft eines hübschen Jünglings machen zu sollen, den sie nicht einmal dem Namen nach kannte, von der komischen Seite auffaßte, sobald sie über die erste Verlegenheit hinaus war. Die erste halbe Stunde, während der die beiden Matronen auf und ab vor der Fenstertür schritten, hielt sie mit bewunderungswürdiger Ernsthaftigkeit aus. Als sie sich dann aber durch einen Seitenblick von der Verlegenheit unterrichtete, mit der Roland kämpfte, und sah, wie er bald auf seinem Stuhle hin und her rückte, bald die Mütze zwischen den Fingern drehte, und aus jeder Miene und Gebärde erkennen ließ, daß er sich keinen Rat wisse, wie er die Unterhaltung beginnen solle, da konnte sie nicht länger mehr an sich halten, sondern mußte hell auflachen, und dabei glitzerten ihre muntern Augen so blank, und ein Paar Lachperlen von Tränen schimmerten so lustig, und ihre lieblichen Locken flatterten so ungebunden um das hübsche Köpfchen, daß die Göttin des holden Lachens nicht reizender ausgesehen haben kann wie Katharina in diesem Augenblicke aussah. Kein andrer Page, wenn er Hofluft geatmet, hätte sich besonnen, in dieses Lachen mit einzustimmen, aber Roland hatte seine Jugend auf dem Lande verlebt, und war einesteils infolgedessen blöde, andernteils aber auch nicht frei von Eitelkeit, und so setzte er es sich in den Kopf, das Mädchen lache ihn aus. Katharina sah ihm das an und hatte große Lust, von neuem aufzulachen, aber sie hielt an sich. Roland seinerseits sagte sich nun aber auch, daß es hier wenig am Platze sein dürfte, eine Miene verletzter Würde zu zeigen, daß es sich den blauen Augen gegenüber, die so allerliebst zwischen Tränen hatten lächeln können, besser schicke, auch ein fröhliches Gesicht zu schneiden, und fragte jetzt, indem er nun ebenfalls hell auflachte: »wie die junge Dame sich die Fortsetzung einer so lustig begonnenen Bekanntschaft wohl dächte?«