»Ja,« gab sie lachend zur Antwort, »das ausfindig zu machen ist doch nicht meine, sondern einzig und allein Eure Sache. Bloß könnte es sein, daß ich bei der Eröffnung unsrer Unterhaltung zu weit gegangen bin.«
»Setzen wir den Fall, wir machten's wie in einem Märchenbuche,« sagte Roland, »und fingen damit an, daß wir einander fragten, wie wir denn eigentlich heißen.«
»Das war ein ganz nett ausgedachter Anfang,« erwiderte Katharina. »Macht Ihr also den Anfang, und ich will zuhören.«
»Mich nennt man Roland Gräme,« sagte Roland, »und die große alte Frau ist meine Großmutter.«
»Und Eure Vormünderin wohl auch?« fragte Katharina. »Schön! und wer sind Eure Eltern?«
»Die sind beide tot,« erwiderte Roland.
»Ja, aber wer waren sie? ... Eltern, denk ich, habt Ihr doch auch gehabt?«
»Das muß wohl sein,« erwiderte Roland, »aber viel gehört über sie hab ich nicht. Mein Vater ist ein schottischer Ritter gewesen, der den Tod auf einem seiner Streifzüge gefunden hat, und meine Mutter ist eine Gräme gewesen von Heathergill in dem bestrittnen Lande -- mehrere meiner Sippe sind umgekommen, als Lord Maxwell und Lord Herries von Caerlaverock das bestrittne Land mit Feuer und Schwert verheerten.«
»Ist das lange her?« fragte die Maid.
»Vor meiner Geburt ist's passiert,« erwiderte der Page.
»Das muß schrecklich lange her sein,« sagte sie, ernsthaft mit dem Kopfe schüttelnd, »denn seht nur, weinen kann ich nicht um sie.« --
»Zu beweinen brauchen wir sie auch nicht,« sagte der Jüngling, »denn sie starben beide in Ehren.«
»Soviel was Euren Stammbaum angeht,« erwiderte die Maid, »von dem mir übrigens die lebendige Probe« (hier blickte sie nach dem Fenster) -- »weit besser gefällt als die toten. Eure werte Großmama sieht ganz darnach aus, als könnte sie einen im bittersten Ernste weinen machen. Und was nun Euch selbst anbetrifft, mein schöner Herr, so werdet Ihr wohl, wenn Ihr Euch nicht mehr beeilt, mitten in Eurer Erzählung abbrechen müssen, denn Mutter Brigitte bleibt jedesmal stille stehen, sobald sie der Weg am Fensterkreuz vorbeiführt, und mit der zusammen darf man nicht lustig sein, bei der geht's immer zu, so ernst und still wie im Grabe Eurer Ahnen.«
»Was ich noch zu berichten habe, ist bald besorgt. Dann bin ich ins Schloß Avenel gegeben worden, wo ich den Pagen von der Schlossherrin hab abgeben müssen.«
»Sie ist eine strenge Hugenottin -- wie?« fragte die Maid. »Wie der Herr Calvin selbst nicht strenger sein kann,« versetzte Roland. »Aber meine Großmutter kann die Puritanerin ganz geschickt spielen, wenn es ihr grade mal beliebt, und sie hatte sich einen Plan zurechtgelegt, mich ins Schloß hinein zu bringen, woraus aber wohl nichts geworden wäre, trotzdem wir schon ein paar Wochen im Dorfe zugebracht hatten, wenn nicht ein Zeremonienmeister, auf den wir am allerwenigsten gerechnet hätten, sich --«
»Ei, und was war denn das für einer?« rief das Mädchen,
»Ein großer schwarzer Hund, Wolf mit Namen, der mich in seiner Schnauze wie eine angeschossne Wildente ins Schloß hinein trug und der Schloßherrin in den Schoß legte.«
»So etwas läßt man sich gefallen,« lachte Katharina, »solche Vorstellung passiert nicht alle Tage. Aber was habt Ihr im Schlosse gelernt? Das zu wissen, wozu Bekannte taugen können, ist immer von Wert.«
»Ich kann einen Falken aufsteigen lassen, kann einen Hund hetzen, ein Pferd satteln und Lanze, Schwert und Bogen führen.«
»Und prahlen mit all den Sachen auch, nicht wahr, schöner junger Herr?« sagte lachend die Maid, »wenigstens rühmt man die letztere Tugend allen Pagen drüben in Frankreich nach. Aber wie hab ich mir zu erklären, daß Eure hugenottische Schloßherrschaft sich dazu hat verstehen können, solch gefährliche Person wie einen katholischen Pagen unter ihre Dienerschaft aufzunehmen und auf ihrem Schlosse zu dulden?«
»Weil ihnen dieser Teil meiner Lebensgeschichte nicht bekannt war, denn es ist mir von Kindsbeinen an eingeschärft worden, über meinen Glauben zu schweigen, und weil meine Großmutter es durch Schöntun mit dem ketzerischen Kaplan verstanden hat, seinen Verdacht einzuschläfern, schönste Kallipolis,« und bei diesen Worten rückte der Page mit lächelndem Gesicht seinen Stuhl näher an den des Mädchens.
»Nicht doch, junger Herr, immer die angemessene Entfernung einhalten!« sagte sie und drohte lächelnd mit dem Finger, »denn ich kann mir lebhaft vorstellen, daß die beiden alten Damen unsre Unterhaltung geschwind abbrechen möchten, wenn wir ihren Wunsch, uns miteinander bekannt zu machen, nicht in streng züchtiger Weise erfüllen wollten. Also hübsch drei Schritte vom Leibe, schöner junger Herr!« rief sie unter hellem Lachen, »und dann gebt auch ein bißchen schneller Antwort auf meine Fragen! Durch welche Heldentaten habt Ihr denn Eure Pagenkünste bestätigt?«
Roland, der nun sich in den Geist und den Ton der Unterhaltung gefunden hatte, versetzte in gemessenem Tone:
»In keinem der Dinge, die dazu angetan waren, Unfug zu stiften, meine holde Kallipolis, hab ich mich unbewandert gezeigt,« versetzte Roland. »Ich habe Schwäne geschossen, Katzen gejagt, Dienstmädchen in Angst gejagt und das Vieh gehetzt und den Obstgarten geplündert, etc. Daß ich auch den Kaplan sekiert habe, wo es irgend ging, davon will ich nicht erst Worte machen, denn das ist meine Pflicht gewesen als ein getreuer Sohn unsrer Kirche.«
»Aber wie ist's denn gekommen, daß man Euch vom Schlosse jagte?« fragte mutwillig die Maid. »Welcher Anlaß wurde denn benützt, um solche Katastrophe herbeizuführen? ... Bitte, guckt mich doch nicht so, perplex an! ich habe auch meine Schule hinter mir -- also ohne gelehrte Worte: weshalb hat man Euch Eures Dienstes entlassen?«
Roland erzählte kurz den Vorfall mit dem Falkner und was im Anschluß daran sich auf dem Schlosse zugetragen hatte, und wie er sich dann, als ihm die Schloßherrin den längern Aufenthalt im Schlosse verboten, auf den Weg zur Großmutter gemacht hatte, und was er dort in der Kapelle gesehen und getan hatte. »Und nun wißt Ihr von mir, holde Kallipolis, was ich Euch irgendwie melden kann. Nun seid Ihr an der Reihe. Ich bitte, seid mit Eurer Schilderung nicht minder freigebig oder geizig als ich -- ganz wie Ihr's aufgefaßt habt!«
»Das ist doch Glück bei einer Großmutter,« sagte sie unter erneutem Lachen, »daß sie ihren verlaufenen Pagen grade in solchem Außenblick wiederfindet, da ihn die Herrin von der Koppel gelassen hat, und für solchen Pagen nicht minder, daß er vom Pagen im Handumdrehen zum Kammerdiener aufrückt!«
»Das ist aber kein Sterbenswort von Eurer Lebensgeschichte!« rief Roland, dem allmählich die Art der Maid recht angenehm zu werden schien. ... »Erzählung um Erzählung! nur so ist's ausgemacht! und so muß es Brauch bleiben unter Reisegefährten!«
»Dann wartet doch gefälligst, bis wir Reisekameraden sind,« erwiderte Katharina.
»O nein, so kommt Ihr mir nicht weg,« rief Roland, »und geht Ihr mit mir nicht ehrlich zu Werke, dann ruf ich die Dame Brigitte, oder wie sie sonst heißt, und beklage mich bei ihr, daß Ihr mich überlisten wollt.«