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»Das sollt Ihr nicht brauchen,« versetzte die Maid, denn meine Geschichte ist das Gegenstück zu der Eurigen, es könnten's ganz die gleichen Worte tun, bloß Umrisse und Namen wären zu ändern. Ich heiße Katharina Seyton und bin eine Waise.«

»Sind Eure Eltern auch schon lange tot?«

»Das ist die einzige Frage,« antwortete sie, indem sie mit einem plötzlichen Ausdruck schmerzlichen Gefühls die schönen Augen niederschlug, »die einzige, zu der ich nicht lachen kann?«

»Und die Frau Brigitte, bitte, ist Eure Großmutter?«

Die plötzliche Wolke zog vorüber, wie zur Sommerszeit ihre Kameradin, die einen Moment lang die Sonne verhüllte -- und in ihrem gewöhnlichen Tone antwortete sie: »Schlimmer als so 'was, weit schlimmer! die Brigitte, bitte, ist meine Muhme im zweiten Gliede und obendrein jungfräuliche Muhme!«

»Daß sich Gott erbarm!« lachte Roland, »ach, daß Ihr so was habt erzählen müssen! und was folgt nun weiter noch Grausiges?«

»Ganz dieselbe Geschichte, wie Ihr sie erzählt habt ... ich kam auf Probe in Dienst ...«

»Und seid weggejagt worden, weil Ihr die Herrin sekiertet, oder schnippisch waret gegen ihre Zofe?« sagte Roland.

»Nein, in diesem Punkte verläuft meine Geschichte anders,« sagte die kleine Dame. »Unsre Herrin hob ihr Hauswesen auf oder es würde ihr aufgehoben, was übrigens auf ein und dasselbe hinausläuft, und ich bin nun frei, wie der Vogel in der Luft.«

»Und das macht Euch mehr Freude, als wenn mein Wams mit Goldstücken gefüttert wäre,« sagte der Jüngling.

»Vielen Dank für Eure Teilnahme,« erwiderte sie, aber der Handel, scheint's, geht Euch doch nichts an!«

»Nun, erzählt doch weiter,« drängte der Page, »denn Ihr werdet, wie mir scheint, auch bald unterbrochen werden. Die beiden wackern Damen sind nun auf dem Altan genug herumgeflattert und werden wohl einfliegen und sich auf ihre Stange hocken ... Wer, bitte, war denn die Herrin, bei der Ihr im Dienste waret?«

»O, die steht in gar großem Ansehen in der Welt,« versetzte Katharina Seyton, »und nur wenige Damen werden ein größeres Haus gemacht haben als sie, und nur wenige soviel Weibsvolk im Dienste gehabt haben wie sie ... meine Muhme Brigitte war eine von den Hausvorstandsdamen ... wir haben freilich das Antlitz unsrer gebenedeiten Herrin nie vor Augen bekommen, aber gehört haben wir genug von ihr, mußten früh auf sein und kamen erst spät zu Bett und wurden angehalten zu schmaler Kost und langem Gebet.«

»Also auch eine Hexe, wie sie im Buche steht?« meinte der Page.

»Ums Himmels willen lästert nicht!« rief das Mädchen und guckte sich scheu um. »Verzeih uns Gott! ich hab nichts Arges sagen wollen. Ich sagte es ja doch bloß mit Bezug auf unsre gebenedeite Heilige, Katharina von Siena! Und die Stätte, wo wir weilten, war ihr Kloster. Ein Dutzend Nonnen waren drin unter einer Aebtissin. Und das war meine Muhme, und so lange war sie's, bis die Ketzer alles verwüsteten.«

»Und wo sind die, welche mit Euch dort waren?« fragte Roland.

»Verstreut in alle Winde! zerschmolzen wie Schnee vor der Frühjahrssonne! manche nach Frankreich, andre nach Flandern, andre wohl noch weiter hinaus in die Welt, noch andre, wie ich fürchte, auf und davon zu irdischen Freuden und Freunden! Uns hat man zu bleiben erlaubt oder vielmehr das Hierbleiben nicht verwehrt, denn meine Muhme hat viel Verwandtschaft unter den Ketzern und die haben jedem, der uns zu nahe träte, mit Todfehde bedroht, und Bogen und Speer sind nun mal in Zeiten wie diesen die besten Waffen.«

»Nun, holde Kallipolis, was sagtet Ihr wohl zu folgendem Vorschlag?« fragte Roland, »wenn wir, beide auf so wunderliche Art unsers Dienstes ledig geworden, die Brandfackel in den Händen unsrer so überaus achtbaren Duennas ließen und mitsammen in lustigem Zweitritt durch dieses Jammertales Auen wandelten?«

»Das wäre kein übler Vorschlag zur Güte,« sagte Katharina, »so recht würdig dem Tollkopf von Pagen, der in seinem Dienst nicht gut getan! Und wovon gedenken Euer Gnaden ihr Leben zu bestreiten? Von Bänkelsängerei oder Beutelschneiderei? oder von Abenteuern à la Jack Sheppard auf der Heerstraße? Beim letztern Handwerk möchten, glaub ich, noch die meisten Späne fallen.«

»Ihr braucht ja nur zu wählen, stolzeste aller Püppchen!« versetzte der Jüngling, zu seinem lebhaften Aerger durch den unbedingt lächerlichen Klang in der Stimme, mit der die Antwort gegeben wurde, abgeführt.

Aber grade als er die Worte gesprochen hatte, erschienen zwei Schatten vor der Fenstertür und verdunkelten die Helligkeit im Zimmer ... dann tat sich die Tür auf, und die beiden Greisinnen traten wieder ins Zimmer, die Aebtissin voran, und die Gräme hinterdrein.

Neuntes Kapitel

»Nun, Kinder, habt Ihr miteinander gesprochen?« fragte die Gräme, »und seid ihr bekannt zusammen geworden? wie Reisekameraden, die Zufall zusammenführte, und die ermitteln müssen, wie sie sich am besten in die auf dunklem Pfade vorhandnen Gefahren teilen?«

Katharina konnte selten einen Scherz bei sich behalten und redete öfter einmal in Fällen, wo sie besser geschwiegen hätte.

»Euer Enkel findet solche Freude an der Reise, daß er am liebsten schon jetzt aufgebrochen wäre,« antwortete sie.

»Das heißt vorwitzig sein, Roland,« verwies ihn die Dame, »und ist ebenso ein Fehler wie gestern, da Ihr zu bedächtig waret. Die rechte Mitte liegt im Gehorsam, der das Zeichen zum Aufbruch ebenso abwartet, wie er ihm Folge leistet, wenn es gegeben wird. Aber noch einmal, Kinder! steht eins dem andern so fest im Gedächtnis, daß jedes von Euch, wenn Ihr einander begegnet, gleichviel in welcher Verkleidung, in dem andern den geheimen Beförderer des großen Werkes erkennt, zu welchem Ihr Euch verbinden sollt? ... Seht Euch einander an! faßt jeder des andern Züge, des andern Mienen auf! Lernt am Gange, an der Stimme, an der Bewegung der Hand, an dem Blick des Auges den Genossen erkennen, den der Himmel einer dem andern sandte, zur Vollstreckung seines Willens ... Roland Gräme, wirst Du dieses Mädchen wiedererkennen, gleichviel wann und wo Du ihr begegnen wirst?«

Ebenso freudig wie der Wahrheit gemäß antwortete Roland auf diese Frage mit einem kräftigen Ja.

»Und Du, meine Tochter, wirst Du Dich der Gesichtszüge dieses Jünglings wieder entsinnen?«

»Nun, liebe Mutter, ich dächte, in letzter Zeit nicht so viel Mannsgesichter gesehen zu haben, daß ich Euren Enkel so im Handumdrehen wieder vergessen sollte, wenngleich ich eben nicht viel an ihm sehe, was der Aufbewahrung im Gedächtnisse sonderlich wert wäre.«

»So reichet einander die Hände, meine Kinder,« sagte Magdalene Gräme, wurde aber von ihrer Genossin unterbrochen.

»Nein, Schwester,« sprach sie, denn sie hatte mit steigendem Verdruß all diese Worte mitangehört, die ihren klösterlichen Vorurteilen so unbedingt zuwiderliefen, daß sie nicht länger sie mit anhören, noch dazu schweigen mochte. »Nein, Schwester,« wiederholte sie bestimmter, »Du vergißt, daß Katharina dem Himmel verlobt ist, daß also dergleichen Vertraulichkeiten nicht stattfinden können.«

»Es geschieht doch in Sachen des Himmels, daß ich sie auffordre, die Hände ineinander zu legen, Schwester,« erwiderte die Gräme mit der vollen Kraft ihrer gewaltigen Stimme, »der Zweck, Schwester, heiligt die Mittel, deren wir uns bedienen, weil wir uns ihrer bedienen müssen.«

»Wer mich anredet, der redet mich an als Frau Aebtissin oder wenigstens doch als Mutter,« sprach Dame Brigitte und warf sich in die Brust, wie wenn sie sich durch das herrische Wesen der Freundin gekränkt fühlte -- »Lady Heathergill vergißt, daß sie das Wort an die Aebtissin des Klosters der heiligen Katharina richtet.«

»Als ich den Namen führte, den Ihr mir beilegt,« erwiderte die Gräme, »da waret Ihr allerdings das, was Ihr aussprecht, aber jetzt sind beide Namen verschwunden mit dem Range, den die Welt und die Kirche ihnen geliehen hat; jetzt sind wir in den Augen der Welt nichts weiter als ein paar arme, verachtete alte Weiber, die nur wenige Jahre noch von einem gemeinen Grabe trennen. Und was sind wir in den Augen des Himmels anders als Mägde, die seinen Willen zu erfüllen haben? in deren Ohnmacht die Macht der Kirche soll offenbaret werden, vor denen die Macht eines Murray soll zunichte werden! Und auf solche wolltest Du die einschränkenden Vorschriften klösterlicher Abgesondertheit angewandt wissen wollen? ... Oder hast Du den Befehl Deines Vorgesetzten vergessen, den ich Dir zeigte, und der Dich in solchen Dingen mir unterwirft?«