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»Auf Dein Haupt also falle Anstoß und Sünde!« sagte mißmutig die Gräme ... »und nochmals sage ich, umarmet Euch, meine Kinder!«

Aber Katharina, die vielleicht ahnen mochte, wie der Zwist enden würde, schlüpfte aus dem Zimmer und machte auf diese Weise dem Enkel einen empfindlicheren Strich durch die Rechnung als der Großmutter.

»Sie geht, um eine kleine Erfrischung zu besorgen, die aber denen, die weltlich gesinnt sind, wenig behagen dürfte. Wenigstens kann ich mich von den Regeln nicht freisprechen, an die ich durch mein Gelübde gebunden bin, um deswillen, weil es Gottlosen unter den Menschen gefällt, das Heiligtum zu zertrümmern, innerhalb dessen man sie zu achten gewohnt war.«

Die Aebtissin, furchtsam, engherzig und unzufrieden, hing an den alten Gebräuchen und Rechten, die durch die Reformation aufgehoben worden waren, und war im Unglück nicht anders als im Glück, ängstlich, kleinmütig und bigott. Die Gräme hingegen ließ sich in ihrem feurigen höher strebenden Sinne durch Regeln und Vorschriften nicht in den außerordentlichen Plänen, die ihre glänzende Phantasie geschmiedet hatte, einschränken. Roland aber, statt sich um diese Abweichungen in dem Charakter der beiden Damen zu kümmern, wartete bloß mit Ungeduld auf das Wiedererscheinen von Katharina, weil er noch immer hoffte, die Umarmung werde dann nochmals angeregt werden, auf die er sich so sehr gefreut hatte. Aber er wurde in diesen Erwartungen oder richtiger, Hoffnungen, doch getäuscht, denn als Katharina nun wieder in das Zimmer trat und einen irdenen Wasserkrug auf den Tisch stellte, nahm die Dame von Heathergill, indem sie sich an der Energie genügen ließ, mit der sie sich ihrer Kameradin entgegengestellt hatte, Abstand davon, ihren Sieg weiter zu verfolgen, freilich ohne zu ahnen, in welch geringem Maße sie sich für diese Mäßigung des Beifalls ihres Enkels zu erfreuen hatte.

Mittlerweile stellte Katharina die mageren Gerichte für den Abendtisch auf die Tafel, die aus einer Kohlsuppe, in irdener Schüssel hergerichtet, und ein paar Gerstenbrötchen bestanden. Das in der Flasche schon vorher aufgetragene Brunnenwasser blieb das einzige Getränk, das auf die Tafel kam. Bei den Frauen, die zwar mäßig aßen, aber nichtsdestoweniger an Appetit keinen Mangel verrieten, schien die Einfachheit der Gerichte kein Mißbehagen zu wecken. Roland Gräme dagegen war an bessere Kost gewöhnt, denn bei Sir Halbert Glendinning pflegte die Tafel immer auf das reichhaltigste ausgerüstet zu sein. Um so unzufriedener war er, als ihm auch nachher jede Hoffnung, noch einmal mit der hübschen Novize ins Gespräch zu kommen, vereitelt wurde, denn Katharina, sei es nun aus besonderem Zartgefühl, aus Laune oder vielleicht aus einer Mischung von beidem, erinnerte die Aebtissin gleich nach dem Essen daran, daß sie sich vor der Vesper noch auf eine Stunde zu entfernen habe, und die Aebtissin nickte ihr sogleich bereitwillig zu. Katharina machte den beiden Matronen einen Knicks, so tief, daß sie fast in die Kniee sank, verneigte sich dann flüchtig vor Robert und war zu dessen Verdruß rasch aus dem Zimmer verschwunden.

»Hol sie der Geier,« dachte er bei sich, wenn auch die Gegenwart der Aebtissin alle unheiligen Gedanken aus seiner Seele hätte ausmerzen sollen. »Sie ist harten Herzens und gleicht der lachenden Hyäne, von der man in den Reisebeschreibungen liest; jedenfalls werde ich mich ihres Herzens noch manche Zeit erinnern, wohl lange über diese Nacht hinaus!«

Die beiden alten Damen zogen sich zurück, nachdem sie Roland noch bedeutet hatten, daß er sich keinesfalls aus dem Bereiche des Klosters entfernen oder sich an den Fenstern zeigen dürfe.

»Das geht aber doch weit über Wardens verbohrte Sittenstrenge,« meinte Roland bei sich, sobald er allein war, »denn das muß man ihm lassen, so scharf wir auf seinen Vortrag beim Unterricht aufpassen mußten, in der übrigen Zeit ließ er uns doch ungeschoren, ja wenn wir uns manierlich betrugen und nicht über die Stränge schlugen, war er sogar häufig Mitspieler von uns. Aber diese beiden alten Damen sind ja die reinen mixta composita aus Trübsinn, Geheimniskrämerei und Selbstverleugnung ... Was haben sie gesagt? nicht vors Tor soll ich gehen? nicht ans Fenster treten soll ich? nicht zum Fenster hinausgucken soll ich? Hm, aber mich im Innern umzusehen, das haben sie mir nicht verboten, also will ich zum wenigsten sehen, ob sich im Innern des Hauses nicht irgend was findet, was einem als Zeitvertreib dienen kann. Und wer weiß, vielleicht findet sich im einen oder andern versteckten Winkel gar meine blauäugige Lachmöwe?«

Er entfernte sich in entgegengesetzter Richtung wie die Matronen aus dem Zimmer, denn es läßt sich wohl denken, daß es ihn nicht danach verlangte, von den geheimen Unterhaltungen, die sie zusammen führten, noch mehr zu hören, als er bereits wußte. Er ging aus einem Zimmer ins andre, auf eifriger Suche nach einem Gegenstande, der seine Neugierde reizen oder ihm Unterhaltung schaffen könnte. So kam er durch einen langen Gang, zu dessen beiden Seiten die kleinen Zellen lagen, die den Nonnen zur Unterkunft gedient hatten, die aber jetzt alle verödet waren und keinen einzigen jener Gegenstände mehr aufwiesen, deren Benützung die Ordensregel ihnen gestattete.

Zu einer Reihe von Zimmern im Erdgeschoß des Hauses führte eine Wendeltreppe, so eng und schmal, als hätte sie die Nonnen immer an die Pflichten erinnern sollen, die ihnen oblagen, an Fasten, Kasteiung und dergleichen. Diese Räume im Erdgeschoß waren noch ärger verwüstet als alles andre im Hause; sie waren wohl der ersten Wut der Klosterstürmer ausgesetzt gewesen, und kein Fenster, keine Tür hatten sie ganz gelassen, ja sogar die Scheidewände zwischen den einzelnen Räumen hatten sie zum großen Teil niedergerissen. So führte ihn sein Weg von Trümmer zu Trümmer, und schon beschlich ihn der Gedanke, von einer so unerfreulichen Schaubühne sich wieder hinwegzuheben, als er zu seiner lebhaften Verwunderung ganz dicht in seiner Nähe eine Kuh brüllen hörte. Für solche Zeit und solchen Ort war das ein Laut so seltsam, daß Roland in die Höhe fuhr, wie wenn er das Gebrüll eines Löwen vernommen hätte, und mit der Hand im Nu am Dolche war. Aber fast im selben Augenblick tat sich die Tür eines Verschlags auf, und die liebliche, lustige Gestalt der Maid erschien im Rahmen derselben.

»Ei, recht schönen guten Abend, mein wackerer Ritter vom Bratspieß,« sagte sie lachend, »seit Walter Warwick hat's niemand besser verdient, einer braunen Kuh in die Augen zu schauen.«

»Kuh?« erwiderte Roland, »na, ich hab doch wahrhaftig gemeint, es sei der Gottseibeiuns, der sich das Vergnügen mache, mir einen Ohrenschmaus zu bereiten. Wer hat wohl gehört, daß ein Nonnenkloster und ein Kuhstall sich unter ein und demselben Dache befinden?«

»Jetzt stehen uns keine Mittel mehr zu Gebote, Kalb und Kuh den Eingang zu wehren,« versetzte Katharina, »drum können sie ungehindert herein. Aber ich möchte Euch doch raten, lieber Herr, daß Ihr Euch wieder dorthin verfügtet, woher Ihr gekommen seid.«

»Erst wenn ich gesehen habe, schön Schwesterchen, was Ihr hier treibt,« versetzte Roland, indem er sich, ohne der halb ernstlich gemeinten, halb scherzhaften Einwendungen des Mädchens zu achten, in den Raum hineindrängte, der ehedem als Speisesaal gedient hatte, jetzt aber einer Kuh als Stall diente, die neben Gras und Heu, das zum Futter für sie bestimmt war, in einer Ecke lag.