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»Benedicite! [Seid gesegnet!] « antwortete die Aebtissin, und dann schieden sie. --

»So, so!« meinte Roland Gräme bei sich, »also nach Kennaqhueir soll's morgen gehen? Da will ich die Stunde Schlaf, die ich eingebüßt habe, gern missen, denn sie ist mir nicht zu teuer dafür. In Kennaqhueir werde ich den Pater Ambrosius treffen, und in Edinburg will ich schon Mittel und Wege finden, mich allein durch die Welt zu bringen. In Edinburg soll ich ja auch die kleine Fee wiedersehen, die mir, scheints, den Kopf doch ein bißchen verdreht hat.«

Mit diesen Gedanken schlief er ein, um von Katharina Seyton zu träumen.

Zehntes Kapitel

Als Roland Gräme aufwachte aus seinem langen, festen Schlafe, da stand die Sonne schon hoch am Himmel und die Reisegefährtin stand an seinem Pfühl und weckte ihn. Er kleidete sich schnell an, und sie waren bald mitten in dem fruchtbareren und bewohnteren Teile des Tales, das sie durchschreiten mußten, um das Ziel ihrer Wanderschaft zu erreichen. So fanatisch die Greisin auch gesinnt war, und so wenig sie für mehr zu gelten im Sinne hatte, als sie zurzeit in der Welt war, so schien es ihr doch Freude zu machen, wenn Reisende, die sie auf ihrer Wanderung trafen, mehr Achtung ihr zollten, als sich mit ihrer äußern Erscheinung auf den ersten Blick in Einklang setzen ließ. Ein paar Bauernburschen, die eine Viehherde vor sich hertrieben, ein paar lose Dirnen, die unterwegs zu irgend welcher Lustbarkeit sein mochten, ein vagabondierender Student und ein vagabondierender Kriegsknecht zogen wohl an unserm seltsamen Menschenpaare vorüber, ohne ihm sonderliche Beachtung zu schenken, ja ein paar ungezogene Straßenkinder, die Anstoß nahmen an der düstern, an Pilger erinnernden Kleidung der Greisin und sich weideten an der schmucken Tracht des Pagen, riefen ihm wohl auch hinterher: »Junge, wie kommst Du zu der alten Meßtrude?« aber es kamen auch andre, und ihrer waren es mehr, die noch Ehrfurcht im Herzen trugen vor der gefallenen Priesterherrschaft und, wenn sie sich auch erst scheu umherguckten, dann doch in Eile ein Kreuz über der Brust schlugen, das Knie vor der hohen Gestalt der Magdalena Gräme beugten, ihr die Hand oder gar den Saum ihres Gewandes küßten und in Demut aus ihrem Munde das »Benedicite!« entgegennahmen, dann scheu wieder in die Höhe fuhren und sich umguckten, ob sie auch ja von niemand gesehen worden seien, und raschen Schrittes ihre Wanderung fortsetzten. Die Gräme unterließ nicht, den Enkel auf diese Zeichen der Achtung und Ehrfurcht aufmerksam zu machen, die ihr von Zeit zu Zeit unterwegs zu teil wurden.

»Du siehst, mein Sohn,« sagte sie dann, »unsre Feinde haben nicht vermocht, allen guten Geist aus dem Herzen unsers Volks auszurotten, die treue Saat keimt nach wie vor und mitten unter Ketzern und Schismatikern, mitten unter Gotteslästerern und Kirchenschändern erhält sich ein gläubiges Häuflein.«

»Das ist wohl wahr, Mutter,« antwortete Roland, »aber mich will bedünken, als ob diese Kundgebungen in einer Weise erfolgten, die uns nicht von großem Nutzen sein wird. Ihr seht doch, daß alle, die ein Schwert tragen, oder sonstwelches Abzeichen höhern Standes führen, die Nase rümpfen, wenn sie an uns vorbei sind, als seien sie gemeinem Bettelvolk begegnet. Und wer uns Beweise von Teilnahme gibt, gehört doch immer bloß den niedrigen Ständen an, den ärmsten der Armen, dem Auswurf der Dürftigen. Die haben kein Brot für uns übrig und kein Schwert zu unserm Schutze, und wenn sie eins fänden, dann möchte es ihnen an der Festigkeit fehlen, es zu führen. Wie kann aus solchen Kreisen Gutes für uns kommen?«

»Und doch, mein Sohn,« sprach die Gräme, »kehrt auch nur einer von diesen mit Gebrechen behafteten Armen geheilt aus der Kapelle des heiligen Ringan zurück,« -- und die Stimme der Greisin fand einen Klang so sanft und weich, wie er ihn noch nie bei ihr gehört hatte, -- »dann wird der Ruhm seines Glaubens und der Preis des ihm gewordnen Lohnes beredter zu unserm irregeführten schottischen Volke dringen als jenes Wort- und Phrasengeklingel dieser ketzerischen Leute, die sich auf die heiligen Kanzeln zu begeben wagen, allwo sie doch nichts zu suchen haben!«

»Ich befürchte bloß, Mutter, dieser Heilige hat die Hand von uns gezogen, denn er hat sich in der letzten Zeit recht träge gezeigt und uns von seiner Heilkraft so gut wie gar kein Zeichen mehr gegeben!«

»Und hat es unser Land wohl anders verdient?« fragte die Matrone, rasch vorwärtsschreitend, bis sie die Anhöhe gewonnen hatte, über die der Weg sie führte. Dann ließ sie den Blick um sich schweifen und sprach weiter: »Hier stand das Kreuz, die Mark des heiligen Marienklosters, -- hier, auf dieser Anhöhe, von der aus das Auge des frommen Pilgers zuerst das Kloster erschaute, die Grabstätte von Königen, die Wohnstatt von Heiligen, des Landes Licht und Fröhlichkeit! ... Und wo ist es nun, dieses Sinnbild unsers Glaubens? Tief am Boden liegt es, ein formloser Trümmerhaufen! Zu den gemeinsten Zwecken hat man sie hinweggeschleppt, seine Bruchstücke und Splitter, so daß alle Aehnlichkeit mit seiner ursprünglichen Gestalt geschwunden ist. Blicke gen Osten, mein Sohn, wo einstmals stattliche Türme von der Sonne bestrahlt wurden ... jetzt sind sie ihrer Kreuze beraubt, und ihre Glocken sind zerschellt -- blicke hinauf zu jenen Zinnen, deren Trümmer wir selbst auf solche Ferne zu erkennen vermögen -- und frage Dich, mein Sohn, ob solches Land von seinen gebenedeieten Heiligen, deren Kapellen es niedergerissen, deren Bilder es entweihet hat, andre Wunder erwarten darf als Wunder der Rache? Ha, wie lange,« rief sie, den Blick gen Himmel gerichtet, mit weithin schallender Stimme, »wie lange wird sie noch warten lassen, wie lange noch zögern?« Sie schwieg, dann hub sie wieder an mit Begeisterung, und ihre Worte jagten sich förmlich: »Ja, mein Sohn, alles hienieden währet nur seine Zeit, Freud folgt auf Leid, Sieg auf Niederlage, Regen auf Sonnenschein! ... Nicht immer wird der Weinberg zertreten, es kommen auch Tage, an denen die fruchtbringenden Reben wieder aufgebunden und ausgeputzt werden. Noch heute, noch in dieser Stunde erwarte ich wichtige Kunde zu vernehmen. Drum zögre nicht, mein Sohn, eilen wir! die Zeit ist kurz und das Gericht ist unausbleiblich!«

Sie schlug wieder den zur Abtei führenden Weg ein, der keine Spur mehr von der früheren Sauberkeit an sich hatte, dessen Geländer niedergerissen war und stellenweis den Weg sperrte; und binnen einer halben Stunde standen sie vor dem prächtigen Kloster, das der Wut der Kirchenschänder nicht entgangen war, während sie die Kirche selbst verhältnismäßig geschont hatten. Die lange Zellenwand, die zwei Seiten des großen Vierecks eingenommen hatte, lag jetzt in Trümmern, das Innere war vom Feuer verzehrt, und nur die massiven Außenmauern waren verschont geblieben. Die Wohnung des Abtes, die die dritte Seite des Vierecks gebildet hatte, hatte zwar ebenfalls stark gelitten, war aber noch immer leidlich bewohnbar und diente jetzt den wenigen Brüdern als Unterkunft, denen aus besondrer Nachsicht der Aufenthalt in Kennaqhueir noch gestattet worden war. Die schönen Wirtschaftsgärten, der prächtige Blumengarten, die ernsten Kreuzgänge, einst den Brüdern zur Erholung bestimmt, alles war verwüstet, zertrümmert, geplündert.

Mit Grausen betrachteten unsre beiden Pilgrime das Bild, das ihren Augen sich bot, aber weder die Greisin noch der Jüngling fanden Worte für die Empfindung des Abscheus, die ihre Herzen füllte.

Roland wollte sich dem Hauptportal nähern, das nach Morgen zu gelegen war, aber die Greisin hielt ihn zurück.

»Dieser Eingang,« sagte sie, »war lange verrammelt, um die ketzerische Rotte nicht wissen zu lassen, daß es noch Männer unter den Brüdern des Marienklosters gibt, die an der Stätte, wo ihre Vorgänger einst beteten und nun begraben liegen, Gott nach wie vor anzubeten wagen ... Folge mir auf diesem Wege, mein Sohn!«