Und indem sie sich scheu umsah, ob sie beobachtet seien, denn in den gefährlichen Zeiten hatten sie es gelernt, Vorsicht zu üben, zeigte sie Roland ein kleines Pförtchen und befahl ihm daran zu klopfen. »Aber leise,« setzte sie hinzu, mit einer zur Vorsicht mahnenden Gebärde. Als nach einer kurzen Weile keine Antwort kam, gab sie Roland einen Wink, das Zeichen zu wiederholen. Endlich trat ein hagerer, furchtsam dreinschauender Pförtner in die halb geöffnete Tür, halb in Sorge, sich den Blicken der draußen Stehenden zu entziehen, halb bemüht, zu erfahren, wer Einlaß ins Gotteshaus begehre. Wie verschieden von dem stolzen Selbstgefühl früherer Tage, mit dem sich der feiste Klosterwart den Pilgern, die nach Kennaqhueir kamen, zeigte! Das feierliche Wort »Introite, mei filii [Tretet ein, meine Söhne] «, mit dem er einst zum Eintritt aufforderte, erklang jetzt nicht, sondern mit ängstlich zitternder Stimme sprach er auf englisch: »Jetzt könnt Ihr nicht eintreten, denn die Brüder sind in ihren Zellen.« Als aber Magdalena Gräme mit gedämpfter Stimme fragte: »Heiliger Vater, hast Du mich vergessen?« da änderte er seine zurückweisenden Worte: »Tritt ein, geliebte Schwester im Herrn! schnell, schnell, denn es umlauern uns die Blicke der Argen!«
So traten sie ein. Der Pförtner verrammelte und verriegelte eilig die Pforte wieder, dann führte er sie durch eine Reihe von düstern, gewundenen Gängen.
»Unsre Väter,« sagte er unterwegs, »sind im Kapitelhause versammelt, würdige Schwester, um den neuen Abt zu wählen. Ach, und wir dürfen keine Glocken läuten, und kein Hochamt halten, die Hauptportale dürfen nicht geöffnet werden, damit das Volk seinen geistlichen Vater schaue und ehre. Unsre Väter müssen sich verstecken wie Räuber, die ihren Hauptmann, und nicht wie Mönche, die ihren insulierten Abt wählen.«
»Auf wen, mein Bruder, wird die Wahl fallen?« fragte die Gräme mit Eifer.
»Auf wen sie fallen kann?« versetzte der Bruder Pförtner, »oder, ach! wer wird es wagen, dem Rufe zu folgen, es sei denn der würdige Zögling des als heilig ausgerufenen Eustachius, der wackre, unerschrockne Bruder Ambrosius?«
»Wußte ich es doch, hat mir mein Herz doch den Namen zugeraunt!« sprach Magdalena. »Tritt vor, Du mutiger Kämpe, und verteidige die verderbliche Bresche! stehe auf, kühner Pilot, und nimm das Steuer in Deine Hand, dieweil der Sturm raset! wende die Schlacht, Du kraftvoller Bannerträger! schwinge Schleuder und Krummstab, Du edler Hirt einer zerstreuten Herde!«
»Verhaltet Euch, bitte, still, würdige Schwester,« sprach der Pförtner, »denn die Brüder werden gleich einziehen, die Wahl durch eine große Messe zu feiern; als Marschall muß ich sie zum Hochamt geleiten, denn alle Aemter dieser ehrwürdigen Stätte lasten jetzt auf den Schultern von mir armem, altem, müdem Manne!«
Behutsam verließ er die Kirche, und Magdalena und Roland standen allein, in dem großen, gewölbten Raume, der den edlen Baustil der Gotik des vierzehnten Jahrhunderts aufwies. Aber auch hier hatten die Vandalen gehaust, nicht einmal die Gräber der Helden und Fürsten hatten sie geschont, die Lanzen und Schwerter, die über den Särgen gehangen hatten, lagen mit den Reliquien, die andächtige Pilger gespendet hatten, zusammen auf wüstem Haufen, und die Gestalten, die einst, von Künstlerhand gemeißelt, die Sargdeckel geschmückt hatten, lagen zwischen. Heiligenfiguren und Engelsköpfen, die gewalttätige Hände von ihren Simsen gerissen hatten.
Das Traurigste aber war, daß die Mönche, obgleich nun Monate verstrichen waren, seit diese Greueltaten verübt worden waren, noch immer den Mut nicht gefunden hatten, den Schutt hinwegzuräumen und in der Kirche einen leidlichen Zustand von Ordnung zu schaffen. Und es wäre doch mit nicht allzuviel Mühe verbunden gewesen! Aber die ohnmächtigen Reste dieser einst so stolzen Gemeinschaft waren so kleinmütig, so verzagt, so schreckhaft geworden, daß sie sich, getragen von dem Bewußtsein, daß sie ihre Gegenwart bloß einem Uebermaß von Nachsicht und Milde verdankten, nicht dazu aufraffen konnten, irgend welche Schritte zu tun, die so hätten gedeutet werden können, als wollten sie alte Rechte wieder in Geltung setzen, sondern sich an der heimlichen und stillen Uebung ihrer kirchlichen Bräuche genügen ließen. Ein paar Brüder waren inzwischen dem Rufe ihres Herrn gefolgt, und zu ihrer Bestattung waren einige Aufräumungsarbeiten vorgenommen, aber auch auf das allernotwendigste beschränkt worden. Magdalena Gräme blieb vor einem dieser neuen Gräber stehen, das die sterblichen Reste des letzten Abtes Eustachius barg.
»Zu guter Stunde für Dich, Du Heiliger, aber zu gar unglücklicher Stunde für die Kirche wurdest Du von uns gerufen. Laß Deinen Geist mit uns sein, erfülle Deinen Nachfolger mit Mut, in Deine Fußtapfen, zu treten, gib ihm Deine Kühnheit, Deine Klugheit, Deine Gewandtheit, Deinen Eifer und Deinen frommen Sinn!«
Dieweil sie noch so sprach, tat sich eine Seitentür auf, und auf dem aus der einstigen Abtswohnung nach der Kirche führenden Gange, mitten zwischen Schutt und Trümmern, schritten sieben bis acht greise Männer, von Gram und Furcht gebeugt, und bebend und zitternd vor Alter, ebensoviel Gespenstern gleich, aufwärts zum Hochaltar, um dort ihr erwähltes Oberhaupt zum Vorsteher eines Schutthaufens zu weihen.
Der Priester, dem das Amt eines Abts vom heiligen Marienkloster überwiesen worden war, war ein Mann, zu dem schweren Amte, das seiner wartete, geeignet wie keiner, kühn und schwärmerisch, und doch edelmütig und versöhnlich, klug und bedacht und doch schnell und eifrig, -- und es bedurfte bloß eines bessern Anlasses, als der Stürzung eines im Niedergange begriffnen Aberglaubens, ihn in die Reihe wahrhaft großer Männer zu rücken. Ein solcher Mann war Pater Ambrosius, der letzte Abt von Kennaqhueir. Seine Haltung bei dieser Feierlichkeit, die doch aller sonst hierbei vorhandnen Herrlichkeit entbehrte, breitete eine hehre Würde über die heilige Stätte wie über die frommen Teilnehmer, die aus Furcht, Kummer und Scham, im Bewußtsein der Gefahr, in der sie schwebten, geneigt waren, die Handlung so viel wie möglich abzukürzen, gleich als ob sie etwas vorhätten, das sie entwürdigen oder in andre verdrießliche Lage bringen könne. Nicht so Pater Ambrosius! Wenn er auch in tiefer Schwermut den Hauptgang hinaufschritt, zwischen den Ruinen von Gegenständen, die ihm heilig gegolten hatten, so zeigte seine Stirn doch keine Spur von Niedergeschlagenheit, und sein Gang war fest und würdevoll. Auf seinem Gesicht stand zu lesen, daß er die Herrschaft übernehme als keineswegs abhängig von äußern Umständen, unter denen sie übertragen werde, daß sich seine Sorge nicht zu erstrecken habe auf die Sorge um die eine oder um fremde Personen, sondern einzig und allein mit allen Fasern des ihm gewählten Denkens und Seins um die Kirche, deren Dienst er sich geweiht hatte.
Der Weg, den er zu wandeln hatte, war beschwerlich, ein rechtes Abbild jenes andern Weges, der ihm im Leben bevorstand, aber endlich stand er doch auf den zertrümmerten Stufen des Hochaltars, barfuß, wie es vorgeschrieben stand, mit dem Hirtenstab in der bloßen Hand, denn Demantring und Inful, die mit kostbaren Juwelen besetzt gewesen waren, waren eine Beute der Plünderer geworden. Und keine Vasallen erschienen, ihre Huldigung darzubringen, ihr geistliches Oberhaupt mit Parade-Zelter und Prachtgeschirr zu versorgen; kein Bischof wohnte der Feierlichkeit bei, um den Prälaten, dessen Stimme bei der Gesetzgebung soviel galt wie seine eigene, in den Hochadel der Kirche aufzunehmen. Mit abgekürztem Zeremoniell traten die wenigen Brüder, die noch in der Abtei anwesend waren, an den Altar heran, um ihrem neuen Abte den Friedenskuß zu geben, der das Unterpfand sein sollte für brüderliche Liebe und geistliche Huldigung. Dann wurde die Messe gelesen, ebenfalls im beschleunigten Verfahren, und doch stockte der Priester, der sie las, und blickte sich wiederholt um, wie wenn ihn die bange Sorge befiele, mitten in der feierlichen Handlung gestört zu werden durch unheilige Elemente ... und die wenigen Brüder lauschten seinen Worten, wie von dem Wunsche beseelt, daß es bald, recht bald vorüber sein möge ...