Diese Zeichen von Unruhe mehrten sich, je länger die heilige Handlung währte, und es gewann allmählich den Anschein, als sei nicht bloß Angst die Ursache dazu, denn jetzt ertönten in den Pausen des Festgesangs allerhand Klänge, von außen her, dazwischen. Schwach und in der Ferne begannen sie, kamen aber näher und näher an die Kirche heran, bis sie endlich anschwollen zu mißtönendem Geschrei, das den Festgesang der frommen Brüder übertönte. Dazwischen Hornstöße ohne Rücksicht auf Wohlklang, und Schellengeklingel und Trommelwirbel, Dudelsack-Pfiffe und Cymbelschläge, dann Johlen und Kreischen einer vielköpfigen Menge, Weiber- und Kindergekreisch, untermischt mit Männergebrüll, kurz ein Durcheinander von Lärm, daß es an das heidnische Babel erinnerte, zuerst die kirchlichen Hymnen übertönte, dann einschüchterte und gänzlich verstummen machte.
Elftes Kapitel
Die Mönche verstummten, und gleich einer Herde Küchlein, in die ein Habicht hineinfährt, stoben sie zuerst auseinander und suchten nach verschiedenen Richtungen zu entfliehen, dann drängten sie sich, verzweifelnd an Rettung, um ihren neuen Abt. Er aber, mit dem gleichen unerschrocknen und festen Blicke, der während der ganzen feierlichen Handlung nicht von ihm gewichen war, stand auf der obersten Altarstufe, als wenn er sich des Platzes, der ihn zur Zielscheibe für die im Nahen begriffne Gefahr machte, in keinem Falle freiwillig begeben wolle, vielmehr seine Brüder durch die Gefährdung der eignen Person vor Gefahren zu schützen bedacht sei.
Unwillkürlich traten Magdalena Gräme und Roland Gräme von dem Platze, an dem sie bislang geweilt, hinweg und an den Altar heran, wie wenn ihre Herzen sie trieben, der Gefahren, denen die Brüder entgegengingen, teilhaftig zu werden. Beide neigten sich tief vor dem Abt, und während Magdalena das Wort nehmen wollte, legte Roland die Hand an den Dolch und richtete den Blick fest auf die Pforte, vor der jetzt der Lärm am meisten zu toben anfing.
Aber beiden gebot der Abt mit einer leichten Handbewegung Ruhe.
Mit jedem Augenblick schwoll jetzt das Getöse. Es wurden Stimmen laut, die ungeduldig Einlaß begehrten. Der Abt trat ruhig und würdevoll an die Pforte und forderte in strengem, Achtung gebietendem Tone, wer hierher gekommen sei, fromme Andacht zu stören, und in welchem Begehr? ... Eine kurze Weile trat draußen Ruhe ein. Dann aber erscholl schrilles Gelächter. Und endlich antwortete eine höhnische Stimme:
»Einlaß in die Kirche begehren wir, und wenn Ihr aufmacht, dann seht Ihr ja im Nu, wer wir sind.«
»Auf wessen Vollmacht fordert Ihr hier Einlaß?« fragte der Abt. --
»Der hochwürdige Herr Abt hat's also verfügt,« versetzte die Stimme von außen, und dem Gelächter nach zu schließen, das auf diese Worte folgte, mußte es ein ganz besondrer Ulk sein, der draußen sich der Menge zeigte.
»Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht und will ihn nicht verstehen,« sagte darauf der Abt, »denn jedenfalls ist es etwas Ungeziemendes. Indessen geht in Gottes Namen und laßt seine Diener zufrieden! Und' wenn ich solches Euch künde, so geschieht es, weil ich Vollmacht besitze, hier zu befehlen.«
»Aufgemacht!« rief eine grobe Stimme, »wir wollen Eure Vollmacht mit der unsern vergleichen, mein liebes Mönchlein, denn auch wir gehorchen einem Oberhaupt das gewohnt ist, ersten Baß zu spielen.« »Brechstangen her!« rief ein dritter, »wenn der Kerl noch lange salbadert!« Ein wüstes Geschrei folgte auf die Worte. »Wir haben keine Lust, die schuftigen Mönche noch lange zu betteln, die uns bloß unsre Gerechtsame verkürzen!« rief ein vierter.
»Jawohl, unsre Gerechtsame!« johlte die Menge. »Schlagt die Türen ein! Rückt dem faulen Gesindel, die unserm Herrgott den Tag abstehlen, zu Leibe!«
Jetzt schlugen die Missetäter mit eisernen Hämmern gegen die Tore, und bei der Wut, mit der die Schläge geführt wurden, bestand keine Aussicht, daß die Tore lange sich halten würden. Der Abt sah ein, daß Widerstand müßig sein würde, und um die Kirchenstürmer nicht durch solchen Versuch noch zu stärkerer Wut zu reizen, bat er ernstlich um Ruhe, erlangte über nur mit Mühe Gehör.
»Meine Kinder,« redete er die Menge an, »ich will versuchen, ob es meinen Worten gelingen mag, Euch vor schwerer Sünde zu bewahren, die Ihr zu begehen Euch anschickt. Der Pförtner wird gleich zur Stelle sein, das Tor zu öffnen. Er ist auf dem Wege nach den Schlüsseln. Inzwischen geht mit Euch zu Rate, ob Ihr in einer Stimmung seid, wie sie vorhanden sein soll, um den Fuß über eine heilige Schwelle zu setzen.«
»Lirum larum mit Eurem Gewäsch!« wurde draußen geschrieen, »niemals war's den Mönchen so wohl, als wenn sie Brühsuppe aßen mit Kohl. Drum, hat Euer Pförtner nicht Zipperlein vom Bier und Wein und Branntewein, so bringt ihn trab trab auf die Schemelbein', kommandiert ihm ein bißchen Eile, sonst brechen wir ein sonder Weile! ... »Na, Jungens, war das nicht fein geredt?«
»Fein geredt!« brüllten draußen ein paar Dutzend Kehlen, »und so sein wie Eure Rede war, so sein wollen wir uns auch benehmen!«
Und wäre nicht im selben Augenblick der Pförtner mit den Schlüsseln gekommen, so hätte der Pöbel draußen ihn der Mühe des Aufschließens ganz sicher enthoben. Der Pförtner aber; kaum, daß er den Schlüssel herumgedreht hatte, flüchtete erschrocken wie ein Schleusenmeister, der das Wehr aufgezogen hat und von der hereinbrechenden Flut ereilt zu werden fürchtet. Die Mönche hatten sich, wie scheues Wild, hinter ihren Abt geflüchtet, der allein ein paar Schritte vorm Eingange dastand, ohne weder Bestürzung noch Furcht zu zeigen.
Ein lautes Gelächter brach aus, als die Pforte sich auftat, aber es flutete keine Schar wilder Frevler, wie Abt und Mönche erwartet hatten, in das Gotteshaus. Im Gegenteil dröhnte der Ruf über die Menge:
»Halt, Ihr Herren, halt! laßt den beiden ehrwürdigen Patres doch Zeit, sich zu beschnopern! Also geziemt es sich, und keiner verstoße dagegen!«
Ein wieherndes Gelächter folgte der Rede.
Es war ein wunderlicher Schwarm, dem diese Stimme Ruhe gebot, und abenteuerlich im höchsten Maße. Männer, Weiber, Kinder, in buntem Durcheinander und auf die possierlichste Weise herausgeputzt! Da war einer vorn mit einem Pferdekopf und hinten mit einem Pferdeschweif, in eine große Pferdedecke gehüllt, die ihm das Aussehen eines Pferdes geben sollte. Ein andrer war als Drache vermummt, mit mächtigen Flügeln aus Goldpapier und einem Rachen voll gräßlicher Zähne, zwischen denen eine spitzige, scharlachrote Zunge spielte. Der Drache schnappte nach einem Buben, der als Königin von Saba herausstaffiert war und mit langen Beinen vor ihm ausriß, und zwischen beide drängte sich ein martialischer Sankt-Georgsritter, statt eines Helms mit einem Punschnapfe auf dem Kopfe und statt der Lanze mit einem Bratspieß in der Faust. Dem Jungen aber gelang es, dem Drachen, und dem Drachen, dem Ritter zu entkommen. Dann kam ein Bär und ein Wolf und noch ein paar andre wilde Bestien, und alle suchten es dem Schneider Snug in Shakespeares Sommernachtstraum gleichzutun und waren die echten Muster von Vorsichtskommissarien, die durch den beschränkten Gebrauch ihrer künstlichen Hinterfüße niemand im geringsten Zweifel ließen darüber, daß sie nur armselige Zweifüßler waren. Dann kam eine Gruppe von Bösewichtern à la Robin dem Roten oder Kohlhaas, und das war entschieden die beste Gruppe in der ganzen tollen Gesellschaft, was übrigens insofern erklärlich war, als es dem Gewerbe nach zumeist Komödianten waren, die sie darstellten. Männer waren kostümiert als Weiber, und Weiber waren kostümiert als Männer, Kinder liefen als Greise an Krücken und mit Stöcken, in großen Flausröcken und mit wollnen Hauben auf den Flachsköpfen, während Großväter und Großmütter als kleine Kinder sich herausgeputzt hatten. Und wem die Mittel oder die Gedanken zu einem Kostüm gefehlt hatten, der hatte sich wenigstens Gesicht und Hände rot oder schwarz bemalt und das Futter seines Wamses nach außen gewandt, und so war mit einem Male die ganze Menschheit hier vor dem Kloster in einen Trupp der tollsten Maskerade verwandelt, die man sich selbst mit der buntesten Phantasie nicht bunter ausmalen konnte.