Die Krone der Maskerade war aber der »Abt der Unvernunft«, eine Maske, die jetzt in vollem Kostüm ihren Aufzug nach dem Haupteingange der Klosterkirche hielt, und zwar als lebendiges Konterfei des wirklichen Oberhauptes, zu dessen Begrüßung sie an seinem Weihetage, in Gegenwart seiner Klosterbrüder und im Chore seiner Amtsbrüder, sich eingefunden hatten. Dieses Konterfei eines Prälaten war ein stämmiger, untersetzter Mensch, der sich einen echten Falstaffswanst ausgestopft hatte, eine Inful aus Leder trug, die vorn wie ein Grenadiershelm, mit allerhand verrückter Stickerei und Flitterwerk aus Blech verziert, aussah, die aber noch unendlich stark von einem Gesicht übertroffen wurde, dessen wichtigster Bestandteil die Nase war, die sich als ein »Lötkolben« von ganz ungewöhnlicher Größe erwies und reicher als der reichste Hals- und Kopfschmuck mit Rubinen besetzt war. Sein Chormatel war aus Wachsleinwand und das Meßgewand aus Segeltuch, mit seltsamer Malerei versehen und aufgeschlitzt. Auf der einen Schulter war das Bild einer Eule befestigt und in der rechten Hand trug er den Hirtenstab, in der linken aber einen kleinen Spiegel mit einem langen Griff, so daß er dem bekannten Hansnarren Eulenspiegel, und zwar solchem in der Kutte, glich.
Die Begleiter dieses Eulenspiegel-Prälaten trugen ihre eigne Tracht mit dem dazu passenden Zubehör und äfften auf die gleiche verrückte Weise die verschiedenen untern Klosterämter nach, wie ihr Führer den Klosterabt. Sie folgten demselben in langer Prozession, und die buntscheckigen Masken drangen nun hinter ihm her in die Kirche mit dem Geschrei: »Platz, Platz dem ehrwürdigen Pater Eulenspiegel, dem gelahrten Mönche Ohnezucht, dem hochwürdigen Abte der Unvernunft!«
Dazu stimmte die Kohorte ein wüstes Konzert an von allerhand Klängen und Tönen. Die Kinder quiekten und heulten, die Männer lachten und tobten, die Weiber kreischten und kicherten, die Bestien heulten, der Drache zischte, das Steckenpferd wieherte, bockte und schmiß, und alles hüpfte und tanzte durcheinander, stampfte mit den Nägelschuhen gegen die, Steinplatten, daß die Funken stoben, kurz es waren ein Tohuwabohu, wie man es sich toller und verrückter gar nicht denken konnte.
Die Mönche blickten mit Angst und Bangen auf ihren Abt, und der Abt schien selbst in großer Verlegenheit. Er fühlte zwar keine Furcht, hingegen konnte er sich nicht verhehlen, daß es in hohem Grade gefährlich werden konnte, wenn er oder einer seiner Mönche Unwillen laut werden liehen. Er gab mit der Hand ein Zeichen, als wolle er Ruhe gebieten, das jedoch im ersten Augenblick nur mit wieherndem Gelächter beantwortet wurde. Aber als die gleiche Handbewegung zum andern Male Stille gebot, da leisteten die unwirschen Patrone ohne weiteres Gehorsam, denn sie erhofften sich von einer Zwiesprach zwischen dem wirklichen Abte und dem von ihnen ausstaffierten Konterfei das größte Gaudium. Deshalb begannen sie jetzt zu schreien:
»Munter, munter, ihr Patres! flott ins Geschirr, Bruder Mönch! flott ins Geschirr, Pfaff Eulenspiegel! Abt gegen Abt ist kein übler Fall, und Vernunft gegen Unvernunft ein feiner Strauß!«
»Silentium, Kumpane!« rief Eulenspiegel-Abt, »sollen zwei wohlgelahrte Kirchenpatres sich nicht zusammen ausquatschen können, ohne daß Ihr dazwischen quakt wie die Frösche? Silentium, sage ich. Gönnt dem weisen Pater und mir Zeit und Weile, uns zu beraten über Dinge, die unser beiderseitiges Verhältnis und Ansehn betreffen.«
»Meine lieben Kinder,« hub Pater Ambrosius an.
»Dito, meine lieben Kinder, und meine Glückspilze von Kindern!« sagte sein Konterfei, »es läuft so manches Kindlein unter der Sonne herum und kennt seinen eignen Vater nicht, und da ist's wohl schön und gut, wenn sie die Auswahl haben zwischen zweien!«
»Ist Dir noch sonst etwas geblieben außer Spott und Hohn und Eulenspiegelei?« fragte der Kirchen-Abt, »dann laß mich, um Deines eignen Seelenheiles willen ein paar Worte sprechen zu diesen irre geleiteten Menschen!«
»Ob mir andres geblieben außer meiner Eulenspiegelei?« wiederholte der Abt der Unvernunft. »Ei, ei, würdiger Bruder in Christo, mir ist alles geblieben was der Mensch braucht, um Mensch zu sein, mein Rind- und Schweinefleisch, mein Bier und Schnaps, und andrer Leckerbissen gar nicht zu erwähnen, Kollega! ... Na, quatsch Dich nur aus, wir wollen uns messen, wie es Brauch ist zwischen ein Paar ehrlichen Streithengsten ... gleiche Kappen, gleiche Waffen!«
Der Zorn der Frau Gräme war auf den Höhepunkt gestiegen. Sie trat zu dem Abt und sprach mit leiser Stimme, aber in festem, entschiedenem Tone:
»Wachet auf und erhebet Euch, frommer Vater! Das Schwert des heiligen Petrus ruhet in Deiner Hand. Zieht es und rächet das Erbe Sankt Petrus'! Schlagt sie in Ketten, mit denen auch im Himmel gefesselt bleibt, wen die Kirche auf Erden in Fesseln gelegt hat!«
»Ruhe, Schwester!« sprach der Abt, »ihre Torheit soll uns nicht der Fassung berauben! sei still und laß mich meines Amtes walten! es ist das erste und mag vielleicht das letztemal sein, daß ich mich hierzu berufen fühle.«
»Nicht doch, mein frommer Bruder in Christo,« sagte darauf Eulenspiegel-Abt, »richte Dich doch nach den Worten der alten Madam. Ist doch noch kein Kloster gediehen ohne Weiberhilfe!«
»Sei still, Du Tor!« erwiderte der Kirchen-Abt, »und Ihr, meine Brüder --«
»Nicht doch,« fiel ihm Eulenspiegel-Abt in die Rede, »keinen Quatsch mit dem Laienvolk, als bis Ihr Euch mit Eurem Bruder mit der Schellenkappe besprochen und beraten habt. Ich schwör es bei Meßbuch und Glocke und Kerze, daß keiner von meiner Sippe Euch anhören soll. Also wendet Euch an mich mit Eurer Rede, denn mich findet Ihr bereit zu hören und Antwort zu geben.«
Abermals versuchte der Kirchen-Abt, an die Empfindungen bessrer Art zu appellieren, die einst unter den Gliedern dieses geistlichen Distrikts verbreitet waren, aber der Abt der Unvernunft brauchte nur seinen Schellenstab zu schwingen, und das Schreien und Toben der Menge nahm wieder überhand, daß es den Zungen der stärksten aller Stentorstimmen widerstanden hätte.
»Und nun, Kumpane,« nahm der Abt der Unvernunft wieder das Wort, »haltet noch einmal die Mäuler, und laßt uns erproben, ob der Kampfhahn von Kennaqhueir kämpfen oder vom Kampfplatze fliehen wird.«
Wiederum trat eine Pause ein, die Pater Ambrosius wahrnahm, sich an den Gegner zu wenden, weil er keine andre Möglichkeit ersah, sich auf andre Weise Gehör zu schaffen.
»Armer Mann,« sagte er, »weißt Du keine bessre Anwendung für Deinen ungeschlachten Witz, als daß Du ihn nützest, diese verblendeten Menschen in den Abgrund der Finsternis zu führen?«
»Bruder in Christo,« versetzte mit Lachen der andre, »auf die Art kriegen wir die Karre nicht in Gang! Noch immer stehen wir einander nicht anders gegenüber, als daß Ihr aus einem Jux einen Sermon, und ich aus einem Sermon einen Jux mache.«
»Wollt Ihr denn wirklich dulden,« wandte der Kirchenabt sich wieder an die Menge, »daß ein von Gott abtrünniger Possenreißer Gottes Diener an heiliger Stätte verhöhne? So mancher von Euch hat unter meinen heiligen Vorgängern gelebt, vielleicht ihr alle! Unter meinen Vorgängern, die berufen waren zu herrschen dort, wo ich berufen sein soll zu leiden. und nennt Ihr weltliche Güter Euer eigen, so besitzt Ihr sie aus den Händen meiner Vorgänger; und standen Euch, sofern Ihr sie nicht verschmähtet, nicht jederzeit auch bessere Gaben zur Verfügung, wie die göttliche Gnade und die Vergebung der Sünden? Haben wir nicht, während Ihr fröhlich waret, gebetet für Euer Seelenheil? haben wir nicht für Euch gewacht, dieweil Ihr schliefet?«
»So haben wohl die Klostermuhmen immer gern gefaselt,« hub Eulenspiegel-Abt an, aber diesmal fand sein Spott nur mäßigen Beifall, und Pater Ambrosius nahm den Vorteil des Umschwungs in der Stimmung mit Eifer wahr.