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»Geziemt es sich für Euch,« fuhr er fort, »ein Paar Greise mit Hohn zu überschütten, deren Vorgänger Euch und Euren Eltern und Ureltern immer nur Gutes erwiesen? die keinen andern Wunsch mehr hienieden haben, als in Ruhe und Frieden unter den Trümmern der Stätte zu sterben, die einst der Ruhm des Landes war? die täglich zu Gott ihrem Herrn bitten, sie früher abzurufen, als der letzte Funken verlöschen und dieses Land in Finsternis begraben wird? Wir haben die Schärfe des geistlichen Schwertes nicht gegen Euch gerichtet, als Ihr unsrer Ländereien uns beraubtet, als Ihr uns alles nahmt, was uns bisher den kargen leiblichen Unterhalt lieferte, den dieses Land uns spendete. Nein! bloß um das eine haben wir gebettelt, daß Ihr uns sterben lasset an der Stätte, da wir zu unserm Gott gebetet haben zeit unseres Lebens, daß Ihr uns auch weiter vergönnt, für Euer Seelenheil zu beten zu Gott und unsrer lieben Frau, auf daß uns und Euch die Sünde verziehen werde, die uns allen anhaftet! und dazu bitten wir heute noch, daß Ihr uns in unserm stillen Werke nicht stören möget durch solchen Mummenschanz und solches Possenspiel, das Gott nicht wohlgefällig, sondern ein Aergernis ist!«

Und so verschieden war diese Rede in ihrem Ton und ihrem Schlüsse von derjenigen, die die Menge hier zu vernehmen gerechnet hatte, daß sie eine Wirkung erzielte, die der Fortsetzung des possenreißerischen Treibens nicht günstig war. Die Tänzer mit den schwarzbemalten Gesichtern standen still, das Steckenpferd bockte nicht mehr. Pfeife und Trommel verstummten, und eine düstre Stille fing an, über das wilde Völkchen sich zu legen. Und der Kirchenabt stand mit zuversichtlicher Miene auf dem gleichen Plätze wie von Anbeginn und die frommen Brüder begannen wieder Mut zu fassen. Aber Eulenspiegel-Abt war nicht gewillt, seinen Plan so schnell fallen zu lassen.

»Ei, ei, Kumpane,« rief er lustig, »heißt das spielen, wie es sich gehört? habt Ihr mich darum, zum Abte der Unvernunft erwählt, weil Ihr vernünftiger Rede Gehör geben wollt? Bin ich darum durch Euer feierliches Kapitel im Martinschen Leihhause zum Abte der Unvernunft gekürt worden? Spielt das Spiel zu Ende, und helft mir jeden Wortvergessnen unsers Ordens mit Sang und Klang unters Wehr zu tauchen!«

Der Pöbel, wie immer wetterwenderisch, ließ ein lautes Hurra erschallen, und der ganze Hexensabbat hub von neuem an. Aber es wäre dem Abte Ambrosius ohne Zweifel noch einmal gelungen, durch seine Reden und Bitten den Sieg zu gewinnen, hätte nicht Frau Magdalena Gräme sich verleiten lassen, dem Unwillen Raum zu geben, der so lange in ihrer Brust schon tobte.

»Ihr Spötter! Ihr Gotteslästerer, Ihr Belialskinder!« eiferte sie.

»Ruhe, Schwester, ich befehle es Euch, ich bitt Euch darum,« sagte der Kirchenabt, »lasset mich meine Pflicht tun und, störet mich in der Ausübung meines Berufs nicht durch selbstwilligen Eingriff!«

Aber die Gräme fuhr fort zu eifern und zu wettern, bis der Abt der Unvernunft das Wort nahm und unter Lachen rief:

»Kumpane! auch nicht eine einzige verständliche Silbe hat die alte Dame über ihre Lippen gebracht: drum mag sie nach dem Gesetze unsers Ordens freigesprochen werden von jeglicher Schuld! Aber was sie gequatscht hat, war vernünftig gemeint, drum soll sie erklären, daß es Quatsch gewesen, wenn sie nicht Bekanntschaft machen will mit dem Wehr. So steht's in den Statuten unsers Ordens, und also wollen wir's halten! ... Darum, mein frommes Madamchen, ob Ihr nun Pilgerin seid oder Aebtissin, Küchen- oder andre Nonne, laß ab von Deinem Faschingsquatsch, oder nimm Dich vorm Wehr in acht! Wir brauchen in unserm Sprengel der Unvernunft weder geistliche noch weltliche Schimpfmäuler.«

Mit diesen Worten streckte er die Hand aus nach der Greisin, und seine Kumpane schrieen:

»Vor den Schöppenstuhl mit ihr! vor den Schöppenstuhl!«

Aber als sich Eulenspiegel-Abt anschickte, dem Begehr der Menge zu folgen, da ereignete sich plötzlich ein Vorfall, der ihn unfähig dazu machte. Roland Gräme, dem schon lange die Hand juckte, geriet außer sich über diese seiner bejahrten Verwandten angetane Schmach und stieß, indem er sich der angebornen Heftigkeit seines Temperaments überließ, dem Eulenspiegel-Abt den Dolch in den Bauch, daß der Dickwanst wie ein Klotz zu Boden niederschlug.

Zwölftes Kapitel

Der Pöbel, auf so grauenhafte Art in seiner Freude gestört, erhob ein furchtbares Rachegeschrei. Aber für den ersten Augenblick hielt ihn das flammende Auge und der Dolch in der Hand des Jünglings in Schranken, im Verein mit dem Bewußtsein, daß ihm jegliche Waffe fehlte. Der Abt aber, ob dieser Gewalttätigkeit tief entsetzt, hob die Hände zum Himmel und flehte um Vergebung ob des in den heiligen Mauern vergossenen Blutes. Bloß die Gräme war verzückt vor Freude über die Strafe, die ihr Tochtersohn diesem sündigen Spötter erteilt hatte, wenngleich sich langsam die Bange ob des Schicksals, das diesem Sproß ihres Geschlechts nun winkte, an sie heranschlich. Indessen hatte die Menge sich umsonst ereifert, die Gräme sich umsonst gefreut und umsonst gebangt, und der Kirchenabt sich umsonst bekümmert, denn der Eulenspiegel-Abt, den alle Welt auf den Tod verwundet wähnte, sprang plötzlich puppenlustig von der Erde auf und stimmte ein helles Gelächter an. Dann rief er:

»Ein Wunder, Kumpane, ein Wunder! so herrlich und groß, wie es die Kirche von Kennaqhueir noch nie erlebt hat, so lange sie steht ... Und nun befehle ich Euch, Kumpane, als Euer gewählter Abt, daß Ihr an niemand Hand legt! ... Wolf und Bär, vorgetreten! Ihr beide nehmt den naseweisen Musje unter Obhut, sorgt aber, daß ihm kein Leid geschehe! Und Ihr, ehrwürdiger Herr Kollega, werdet Euch mit Euren Brüdern in Eure Zellen zurückziehen, denn unsre Zwiesprach ist zu Ende, wie all solche Dispute, bei denen jeder auf dem bestehen bleibt, was er sich in seinen Dickkopf gesetzt hat. Ich rechne drauf, daß Ihr Euch fügen werdet, denn sollte es zu einem Kampfe kommen, so müßtet Ihr doch unbedingt den kürzeren ziehen. Drum geht, und wir, Herr Kollega, wir werden auch nicht länger hier verweilen. Umsoweniger,« setzte er in weit natürlicherem und freundlicherm Tone als bisher hinzu, »als es unsre Absicht ja überhaupt nicht war, Euch Böses zu tun. Vergeßt nicht: Hunde, die viel bellen, beißen wenig, und es ist immer das klügste, die Partie aufzugeben, so lange man noch gute Karten kriegt. Drum geht, sage ich Euch nochmals. Laßt die Leute ruhig austoben. Mit der Zeit bekommen sie den Spuk von selber satt. Ueberlaßt es dem Abte der Unvernunft, sie wieder zur Vernunft zu bringen!«

Auch die Brüder drangen in den Abt, dem Strome zu weichen.

»Nun, so geschehe es nach Eurem Willen!« sagte endlich Abt Ambrosius. »Begebt Euch in Eure Zellen, und Euch, Magdalena Gräme, bei dem Gehorsam, den Ihr mir schuldig seid und bei der Rücksicht, die Ihr auf Euren Enkel zu nehmen habt, befehle ich, mit uns zu gehen ohne jedes weitere Wort! Euch aber, böser Mann, frage ich, was habt Ihr mit dem Jünglinge vor? Ihr wißt,« setzte er in strengerm Tone hinzu, »daß er die Livree des Hauses von Avenel trägt. Und wer den Zorn des Himmels nicht scheut, der möge zum wenigsten den Unwillen der Menschen nicht außer acht lassen!«

»Um seinetwillen laßt Euch kein graues Haar wachsen, Herr Abt,« erwiderte Eulenspiegel, »wer der Musje ist und was der Musje ist, das wissen wir recht gut.«

»Gewährt meiner Fürsprache Gehör,« sprach der Abt in bittendem Tone, »und tut ihm nichts zu leide! es war jugendlicher Uebereifer, der ihn zu der Tat spornte.«

»Ich sage Euch ja, macht Euch um seinetwillen keine Sorge,« wiederholte Eulenspiegel, »aber entfernt Euch mit Eurem Gefolge, sonst kann ich mich nicht verbürgen, daß Eurer zelotischen Madam der Sprung ins Wehr erspart bleibt ... Und was die Nachträgerei anbetrifft, so laßt Euch sagen, daß in meinem Herzen dafür kein Raum ist. Dazu ist mein Bauch zu fein mit Häcksel und Wachstuch ausgestopft ... das hat den Dolch des jungen Brausekopfs verhindert, seine Wirkung zu tun.«