Durch diese Worte einigermaßen beruhigt, zog sich der Kirchen-Abt an der Spitze seiner Mönche zurück, während der Eulenspiegel-Abt sich an die Lärmer wandte, die trotz ihrer tollen Laune sich so lange ruhig verhielten, bis der letzte Mönch durch die Seitentür verschwunden war, die zu ihrem Wohnhause führte. Soviel hatte die Rede des Abtes doch bei ihnen gefruchtet. Und selbst nachher noch bedurfte es mehrfacher Anregung von seiten Eulenspiegels, um den Geist des Aufruhrs noch einmal wachzurufen, nachdem er in solcher Weise gedämpft worden war.
Da aber trat in der Gestalt eines Ritters in voller Rüstung und in Begleitung von drei bis vier Bewaffneten eine neue Erscheinung auf die Bühne dieser wunderlichen Handlung. Mit strenger Stimme befahl er auf der Stelle die Einstellung des ungebührlichen Mummenschanzes.
Das Visier des Ritters war aufgeschlagen, aber auch ohnedem hätte jeder sofort an dem Helmzierate des Palmenzweigs erkennen müssen, daß er in dem Ritter den Schloßherrn von Avenel, Sir Halbert Glendinning, vor sich habe. Auf seinem Heimritt war er zufällig grade zurzeit des Tumults durch das Dorf Kennaqhueir gekommen und hatte sich, vielleicht um das Schicksal des eignen Bruders besorgt, sofort nach der Kirche begeben.
»Was soll das heißen, Leute?« rief er empört, »seid Ihr Christen und Untertanen eines christlichen Königs und verwüstet Kirche und Chor wie gemeine Heiden?«
Alle standen stumm da, wenn sich auch manche gar nicht zurechtlegen konnten, wie es einem protestantischen Ritter beikommen könne, sich einer katholischen Kirche auf solche Weise anzunehmen.
Endlich übernahm es der Drache, für seine Gefährten eine Rechtfertigung zu versuchen, und er brummte, »es sei doch bloß geschehen, um den Götzendienst der Päpste aus dem Lande zu fegen.«
»Was setzt Ihr Euch da für Unsinn in den Kopf?« fuhr der Ritter den Drachen an. »Daß solcher Mummenschanz weit Schlimmeres in sich birgt als diese steinernen Mauern, das leuchtet Euch wohl nicht ein? Solch zügelloses Treiben ist eitel Torheit und Frevel. Drum tut ihm Einhalt und zerstreut Euch in Ruhe!«
»Nu, da hätten wir ebenso gut römisch bleiben können,« brummte der Drache, »wenns nach wie vor verboten sein soll, sich einen Jux in seiner freien Zeit zu machen.«
»Ist das ein Zeitvertreib für einen anständigen Kerl, auf dem Boden herumzukriechen wie ein Ungetüm von Kohlraupe?« fragte der Ritter, »mach, daß Du aus Deinem Gehäuse herauskommst, oder ich will Dich traktieren, wie man's mit solchem Gewürm macht, zu dem Du Dich selbst erniedrigst.«
»Gewürm?« wiederholte knurrend der Drache, »von Eurer Eigenschaft als Ritter abgesehen, ist meine Herkunft wohl nicht schlechter als die Eurige.«
Der Ritter versetzte dem Drachen statt aller Antwort ein paar Püffe mit dem Lanzenschafte, daß bloß die Rippen seines Drachenschweifs ihn vor dem Bruche der Rippen seines Leibes schützten. Eiligst kroch nun der Mann aus seinem Drachenleibe heraus und entpuppte sich dem Ritter als sein alter Kamerad Daniel von Howlethirst, der so manches Abenteuer mit ihm erlebt hatte, ehe das Schicksal ihn so hoch über den Stand seiner Geburt emporheben sollte. Der Bauer glotzte den Ritter knurrig an, wie wenn ihm heftige Vorwürfe über solche Grobheit auf den Lippen schwebten. Glendinnings Gutmütigkeit brach schnell wieder hervor und es tat ihm selbst leid, daß er den Mann so derb geschlagen hatte.
»Hätt ich Dich gekannt, Daniel, wär's Dir nicht so ergangen,« sagte er zu dem Bauern, »aber ich hab Dich wahrlich nicht in solch alberner Tracht vermutet. Ein toller Schlingel warst Du ja immer, das muß ich sagen. Aber komm mit hinauf aufs Schloß, und wir wollen mal probieren, wie meine Falken fliegen.«
»Und zeigt Ihr ihm nicht Falken, die wie Raketen steigen,« mischte der Abt der Unvernunft sich ein, »dann müßten meine Knochen Euren Lanzenschaft ganz ebenso fühlen wie vorhin seine.« »Was?« rief der Ritter, »Du Halunke bist auch dabei?«
Eulenspiegel-Abt hatte im Nu die falsche Lötkolben-Nase abgerissen und den Bauch von sich abgestreift und die Schellenkappe vom Kopfe genommen, und stand nun da als Falkner Adam Woodcock.
»Kerl, Du hast Dich erfrecht, solchen Tanz aufzuspielen, und obendrein in dem Hause, das meinem Bruder als Wohnstatt dient?« herrschte der Ritter ihn an.
»Grade wegen des Tanzes, Euer Gnaden, hab ich's mir herausgenommen,« erwiderte der Falkner, »denn ich hatte gehört, daß man in der Gegend vorhabe, einen Abt der Unvernunft zu wählen, und da hab ich mir gesagt, daß es bloß zu Dummheiten kommen könne, wie sie mir recht sein würden, wenn sich's einrichten ließe, daß die Wahl auf mich träfe. Das ist eingetroffen, und so hab ich Eurem Bruder wohl zu einem bißchen Verdruß verhelfen müssen, aber hab ihn vielleicht dadurch vor schwererem Leid bewahrt.«
»Du bist ein geriebener Patron, Woodcock, das weiß ich schon eine Weile, und mehr als die Anhänglichkeit an mich und mein Haus ist's die Lust an Lärm und Narretei, die Dich hierher geführt hat. Aber sorge drum, führe Deine Kumpane sonst wohin, nur hier im Gotteshause habt Ihr nichts zu suchen. Da hast Du ein paar Kronen für die Zeche. Beschließt den Tag so toll, wie Ihr ihn begonnen habt, aber richtet keinen Schaden weiter an, sondern vergeßt nicht, daß Ihr morgen wieder in Eurem Berufe arbeiten sollt. Drum tut's Euch nicht gut, daß Ihr Euch heute betragt wie Raubgesindel!«
Dem Befehle seines Dienstherrn gehorsam, rief der Falkner seine Leute zusammen und raunte ihnen zu:
»Fort, fort von hier! und zur Frau Martin hin, der Brauersfrau! Dort wollen wir Kehraus machen. Zieht ab mit Drommel und Dudelsack, aber fein manierlich und still, bis Ihr über den Kirchhof seid, dann könnt Ihr Euch zeigen wieder als die Bestien, die Ihr hier wart ... aber, was zum Teufel, hat bloß den Ritter über uns gebracht, daß er uns stören mußte in unserm Spiele! Merkt Euch bloß eins, Kumpane, den böse zu machen, ist keinem zu raten, denn seine Lanze ist keine Flaumfeder. Unser Daniel wird's schon gemerkt haben.«
»Na, wenn mir ein andrer das angetan hätt,« rief Daniel, »und nicht mein alter Kamerad, dann hätt ich ihm meines Vaters Hirschfänger um die Ohren gehauen!«
»Still, Kamerad, still!« versetzte Adam Woodcock, »in diesem Tone kein Wort weiter! kommt's nicht als gar zu grobes Wetter über einen, dann muß man sich halt ducken.«
»Mir paßt's aber nicht, mich zu ducken,« brummte Daniel, als Woodcock ihn aus der Kirche hinausziehen wollte, und stemmte sich mit Händen und Beinen dagegen. Da traf der scharfe, durchdringende Blick des Ritters die beiden Kämpfenden, und er rief:
»Heda, Falkner Woodcock, noch ein Wort!« und er zeigte auf den zwischen seinen beiden Wächtern, dem Wolf und dem Bären, befindlichen Pagen, »hast Du den Pagen meiner Frau in dieser Livree hierher gebracht, Schurke, damit er an Eurem hirnverbrannten Unfug mit teilnehme? ... Dann hättet Ihr doch wenigstens soviel Anstand wahren sollen, mein Haus nicht zu kompromittieren, und ihn auch in so eine Hanswurstjacke stecken können, wie Ihr sie tragt ... Bringt mir den jungen Menschen her, Ihr Bursche!«
Adam Woodcock war ein zu ehrlicher Gesell, um an Roland Gräme eine Schuld haften zu lassen, die ihn nicht traf, und er sagte:
»Euer Gnaden, ich schwöre Euch, der Knabe ist nicht hierher gekommen auf meine Weisung oder durch meine Vermittlung, am wenigsten in solcher Absicht.«
»Aber um die eigne Lust an Spektakel solcher Art zu befriedigen,« sagte der Ritter, »wird er sich wohl hergefunden haben, das kann ich mir denken.« Dann wandte er sich zu Roland. »Hierher, junger Springinsfeld, und gebt mir Bescheid, ob Eure Herrin Euch erlaubt hat, Euch soweit vom Schlosse zu entfernen und meine Livree durch Teilnahme an solchem Mummenschanz zu schänden!«
»Sir Halbert Glendinning,« versetzte Roland Gräme mit Entschiedenheit, »Eure Gemahlin hat mir vielmehr befohlen, über meine Zeit hinfort nach eignem Ermessen zu verfügen. Mir war das Schauspiel hier im höchsten Grade zuwider, das hab ich dem Eulenspiegel-Abt zu kosten gegeben, und Eure Livree trage ich bloß so lange, bis ich Sachen mir schaffen kann, an denen solches Zeichen der Knechtschaft nicht haftet!«