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»Wie soll ich das verstehen, junger Mensch?« sagte Sir Halbert Glendinning, »rede deutlich! Rätsel zu raten ist nicht meine Sache ... Daß meine Gemahlin einen Narren an Dir gefressen hatte, weiß ich. Was hast Du Dir zu schulden kommen lassen, daß sie Dir den Laufpaß gegeben hat?«

»Ich muß sagen, nichts, was der Rede wert gewesen wäre, das muß ich sagen an des Knaben Stelle,« nahm Adam Woodcock das Wort, »eine Rauferei mit mir, die man der gnädigen Herrin hinterbracht hat, aber indem man aus der Laus einen Elefanten machte! Bis auf den Umstand, daß ich seinen Nestfalken mit ungewaschnem Fleisch gefüttert hab, hat alles Unrecht, das bekenn ich offen und ehrlich, bei dem ganzen Trödel, der dem Knaben den Dienst gekostet hat, auf meiner Seite gelegen.«

Nun erzählte der ehrliche Falkner den Hergang des Vorfalls, der Roland bei seiner Herrin in Ungnade gestürzt hatte, aber auf eine für den Pagen so günstige Weise, daß Sir Halbert den Beweggrund wohl oder übel fühlen mußte.

»Ein guter Kerl bist Du doch, Woodcock,« sagte er.

»Wie einer nur irgend mal einen Falken auf der Faust getragen hat,« versetzte Woodcock, »aber von der Seite genommen, ist's Junker Roland nicht minder. Nur da er von Abstammungswegen ein halber Edelmann ist, wallt bei ihm leicht das Blut ...«

»Gut, gut,« entgegnete Sir Halbert, »ich sehe, meine Gemahlin hat sich, scheint's, übereilt, zum wenigsten war das Vergehen wohl nicht schwer genug, einen Jungen, den man sieben Jahre bei sich hatte, Knall und Fall zu verabschieden, der Junker mag, wie ich mir denke, durch losen Mund die Sache schlimmer gemacht haben -- indessen trifft sich der Vorfall gut mit dem, was ich vorhabe ... Bring diese Sippschaft von hier weg, Woodcock; Ihr aber, Roland Gräme, geht mit mir.«

Schweigend folgte der Page dem Ritter, der sich nach der Abtswohnung begab. In das erste Zimmer, das Sir Halbert offen fand, eintretend, befahl er einem aus seinem Gefolge, ihn bei seinem Bruder Eduard zu melden. Während er, auf den Bruder wartend, im Zimmer auf und ab schritt, richtete er an Roland Gräme das Wort:

»Es wird Dir wohl nicht entgangen sein, mein Sohn, daß ich Dich durch besondre Aufmerksamkeit nicht grad auszuzeichnen liebte. Ich sehe, Dir schießt schon wieder das Blut zu Kopfe, aber verhalte Dich nur ruhig, bis ich fertig bin. Wenn ich mich so verhalten habe, geschah es nicht, weil ich nichts Lobenswertes an Dir bemerkt hätte, sondern weil ich etwas an Dir wahrnahm, was durch Lob sich noch gesteigert, noch verschlimmert hätte. Deine Gebieterin, der in ihrem Hauswesen vollständig freie Hand gehört, hat Dich vor der übrigen Hausgenossenschaft ausgezeichnet, hat Dich mehr behandelt als Verwandten denn als Diener, und wenn Du Dich durch diesen Unterschied auch verleiten ließest zu Mutwillen, vielleicht auch Eitelkeit, so wäre es ungerecht, nicht gelten lassen zu wollen, daß Du Dir gewisse Fertigkeiten angeeignet und in Deinen Sitten gebessert hast. Zudem wäre es nicht in Ordnung, nachdem man Dich so weit erzogen, Dich dem Mangel und dem Leben auf der Landstraße zu überantworten, bloß weil Du jenen Mangel an Zucht zeigst, der eben eine Folge Deiner in Weiberhand gelegenen Erziehung sein mußte. Aus diesem Grunde und weil es die Rücksicht auf das Ansehen meines Hauses so fordert, habe ich beschlossen, Dich so lange in meinem Gefolge zu behalten, bis sich für Dich eine Unterkunft in Ehren finden läßt. Ich erwarte, daß Du dem langen Aufenthalt in meinem Hause, wie der Erziehung durch meine Frau dann keine Unehre machen wirst.«

Roland erwiderte in ehrerbietigem Tone, indessen nicht ohne Selbstgefühclass="underline"

»Undank gegen den Schutz, den mir der Schloßherr von Avenel hat angedeihen lassen, liegt meinem Heizen ganz gewiß fern, und ich höre zum ersten Male zu meiner hohen Freude, daß ich seiner Aufmerksamkeit nicht, wie ich befürchtete, gänzlich unwert gewesen bin. Es ist wahrlich nichts weiter von nöten als mir zu sagen, wie ich die Schuld der Dankbarkeit gegen meine einstige Wohltäterin abzutragen vermag. An mir soll es nicht fehlen, und ich werde gern an die Lösung solcher Aufgabe das Leben setzen.« Aber er stockte.

»Das sind bloß Phrasen und Worte, junger Mensch,« erwiderte Sir Halbert, »und man dreht sie gern, um sie statt wirklicher Leistungen zu brauchen. Ich weiß nicht, wie sich für Dich Gelegenheit dazu finden sollte, Dein Leben zum Wohle und Heile der Schloßherrin von Avenel einzusetzen. Ich kann nur sagen, daß es ihr lieb sein wird zu hören, Du habest eine Laufbahn gewählt, durch die für Deine leibliche Sicherheit und für Dein Seelenheil gesorgt ist. Was hindert Dich, solchen Vorschlag von mir anzunehmen?«

»Einzig und allein eine noch am Leben befindliche Verwandte von mir,« entgegnete Roland, »die einzige, die ich kenne oder doch wenigstens gesehen habe, und die sich, seitdem ich vom Schlosse entlassen worden, meiner angenommen hat. Mit ihr muß ich, ehe ich Ja zu Eurem Vorschlage sage, Rücksprache nehmen. Das erfordert höfliche Rücksicht.«

»Wo befindet sich diese Verwandte?« fragte Glendinning.

»Hier in diesem Hause,« erwiderte Roland.

»Dann geh und suche sie auf,« beschied der Ritter den Pagen. »Es ist nicht mehr als billig, daß Du sie um ihren Willen angehst. Aber schlimmer denn töricht mochte es von ihr sein, wollte sie Dir ihre Einwilligung weigern.«

Roland ging, und der Abt trat ein.

Die beiden Männer begrüßten einander wie Brüder, die einander in Liebe zugetan sind, einander aber selten sehen. Ihre Lebensverhältnisse legten ihnen gewissermaßen die Bedingung auf, statt brüderlichen Verkehr zu pflegen, einander zu meiden, denn sie standen in zwei einander so feindlichen Lagern, daß jedes andre Verhalten sie in Zwist mit den Parteien hätte führen müssen, deren Interessen sie vertraten oder eigentlich führten. Nach herzlicher Umarmung und nach ein paar Worten des Willkommens von Seiten des Abtes gab Sir Halbert seiner Freude Ausdruck, daß er grade zur rechten Zeit gekommen sei, dem Eulenspiegel die Wege zu weisen.

»Nichtsdestoweniger, Eduard, muß ich sagen, wenn ich auf Dein Gewand blicke,« sagte der Ritter, »es weile noch immer in diesen Mauern ein Abt der Unvernunft.«

»Weshalb solche Reden über mein Gewand?« versetzte der Abt, »es ist das Rüstzeug meines Standes, wie Panzer und Wehrgehenk das Rüstzeug des Deinigen.«

»Es zeugt bloß, meines Dafürhaltens, von einem recht bescheidenen Maße von Klugheit, die Rüstung anzulegen, wenn wir nicht im Stande sind zu fechten. Das ist doch eitle Verwegenheit, den Feind herauszufordern.«

»Das kann niemand, behaupten, Bruder, ehe die Schlacht entschieden ist,« versetzte der Abt, »und wäre es selbst, wie Du sagtest, so möchte, meine ich, ein tapfrer Mann doch lieber fallen mit der Waffe in der Hand, als Waffe und Rüstzeug unter schimpflichen Bedingungen dem Gegner ausliefern. Indessen wollen wir uns nicht entzweien über einen Punkt, in welchem wir zu einer Uebereinstimmnng der Ansicht nie gelangen werden, sondern verweile lieber und nimm, wenn auch Ketzer in meinem Auge, an dem Feste meiner Weihe teil. Du brauchst nicht zu befürchten, daß kirchlicher Pomp Dein Auge hierbei kränken werde. Die Zeiten unsers alten Freundes Bonifazius sind vorbei. Der Abt des heiligen Marienklosters gebietet nicht mehr über Forste und Waldungen, Weiden und Felder, ihm gehören weder Schaf- noch Rinderherden, weder Wild noch Geflügel. Seine Weizenkammern sind leer, und in seinen Kellern lagert weder Bier noch Wein. Aber willst Du das wenige mit Deinem Bruder teilen, dann wollen wir es freudigen Herzens zusammen verzehren, dann will ich mit meinen wenigen Brüdern, denen der Aufenthalt an dieser heiligen Stätte gestattet wird, freudigen Herzens Dir danken für den Schutz, den Du uns gegen die gottlosen Spötter zuteil werden ließest.«