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»Es tut mir leid, Bruder, daß ich Dir hierin nicht nach Wunsche dienen kann. Es möchte uns beide in bösen Leumund setzen, sollte es verlautbaren, daß sich protestantische Gäste beim Feste Deiner Weihe befunden hätten. Und soll mir irgend welche Möglichkeit bleiben, als Beschützer für Dich einzutreten, falls Notwendigkeit dazu sich ergibt, muß ich mich frei halten von dem Argwohn, als sei ich ein Freund Eurer Zeremonien und Bräuche. Den kühnen Mann zu schützen, der es dem Gesetz, dem Parlamentsverbot zuwider, wagte, das Amt eines Klosterabts von Sankt-Marien zu übernehmen und anzutreten, wird alles Ansehen erforderlich machen, das ich unter meinen Freunden besitze und noch erlangen kann.«

»Beunruhige Dich ob dieser Sache nicht, Bruder,« erwiderte hierauf der Abt, »wüßte ich, Du verteidigtest die Kirche um der Kirche willen, dann wollt ich mein Herzblut zum Opfer bringen; da Du aber ihr Widersacher bist, möcht ich nicht wünschen, Du machtest Dir irgend welche Ungelegenheit oder Gefahr, bloß um meiner Person willen. Doch wer kommt da? wer nimmt sich heraus, uns die wenigen Minuten zu verkümmern, die ein mißgünstiges Geschick uns zu brüderlichen Worten läßt?«

Die Tür ging auf, und die Gräme trat herein.

»Wer ist dies Weib, und was ist ihr Begehr?« fragte der Ritter rauh.

»Daß Ihr mich nicht kennt, hat nicht viel auf sich,« sagte die Matrone. »Ich komme auf Euer eignes Geheiß, um aus freien Stücken darein zu willigen, daß der junge Mensch mit Namen Roland Gräme den Dienst bei Euch wieder aufnimmt. Hiermit ist der Zweck, der mich in Eure Nähe führte, erfüllt. Ich mag Euch nicht durch meine Gegenwart belästigen. Friede sei mit Euch!«

Sie wollte sich zur Tür wenden, wurde aber durch eine weitere Frage Sir Halberts aufgehalten.

»Wer seid Ihr? ... Was seid Ihr? ... Und warum wartet Ihr nicht, mir Rede und Antwort zu stehen?«

»Als ich der Welt noch angehörte, war ich eine Dame von nicht unbekanntem Namen,« antwortete die Gräme. »Jetzt bin ich Magdalene, eine arme Pilgerin, um der Kirche willen.«

»So? Katholikin seid Ihr? Ich dächte, von meiner Frau gehört zu haben, Roland sei aus protestantischer Familie.«

»Sein Vater war ein Ketzer,« versetzte die Matrone, »oder vielmehr einer von jenem Schlage, der sich weder um Christ noch Antichrist kümmert. Schien doch auch ich mich, denn die Sünde der Zeit schafft Kinder der Sünde, in Eure unheiligen Bräuche zu finden, aber mir ist Vergebung der Sünde geworden.«

»Du siehst, Bruder,« sagte der Ritter, indem er sich mit bedeutsamem Lächeln dem Abt zuwandte, »daß wir ohne Grund Euch Katholiken der Doppelsinnigkeit im Herzen nicht beschuldigen.«

»Und doch tut Ihr uns unrecht, Bruder,« erwiderte der Abt, »denn diese Greisin ist nicht bei vollem Verstande. Und schuld daran seid Ihr, wie ich notgedrungen hinzusetzen muß, mit Euren raubgierigen Baronen und Eurer ständig sich mehrenden Geistlichkeit.«

»Hierüber mit Dir zu disputieren, Bruder, muß ich ablehnen,« versetzte Sir Halbert, »es gibt der Ungerechtigkeit und Unbilden so viel in der schlimmen Zeit, in der wir beide leben, daß für jede der beiden Kirchen wahrlich genug bleibt, wenn sie sich schwesterlich drein teilen.«

Mit diesen Worten bog er sich zum Fenster hinaus und stieß in sein Horn.

»Warum läßt Du Dein Horn erschallen, Bruder?« fragte der Abt, »wir sind doch erst wenige Minuten beisammen.«

»Und selbst diese wenigen Minuten werden der Ungereimtheiten mehr als wir wünschen unter die Leute bringen. Ich will nicht, daß Euer Enkel, gute Frau, mit mir nach dem Schloß zurückkehre. Es möchte bloß zu neuem Zwist zwischen ihm und dem Hausgesinde führen, wenigstens doch zu Neckereien, die sein Stolz nicht vertragen kann. Ich wünsche jedoch, ihm bloß Gutes und Liebes zu erweisen. Drum möcht ich Euch bitten, gute Frau, ihm zu sagen, er solle sich bereit halten, sofort aufzusitzen, weil er sich mit einem aus meinem Gefolge auf den Weg nach Edinburg machen soll. Ich brauche einen Botschafter, der dorthin berichtet, was sich inzwischen hier zugetragen hat.« Er hielt den Blick fest auf die Greisin gerichtet, die aber seinem scharfen Blicke mit Gleichgültigkeit begegnete. »Euch ist's nicht unlieb?« setzte er nach einer Weile hinzu.

»Ich sehe freilich Roland lieber als Spielball von Launen einer fremden Welt denn als Spielball einer Schloßdienerschaft, am wenigsten der von Avenel,« erwiderte die Gräme.

»Macht Euch keine Sorge, gute Frau,« sagte der Ritter in besänftigendem Tone, »er soll keiner von beiden Spielball werden.«

»Mag sein, mag sein,«, versetzte die Gräme, »aber ich will seinem eignen Verhalten doch mehr zutrauen als Eurem Schutze.«

Mit diesen Worten schritt sie aus dem Zimmer. Der Ritter blickte ihr nach. Als sie die Tür hinter sich eingeklinkt hatte, wandte er sich herzlich zu seinem Bruder, sprach die freundlichsten Wünsche für sein Wohlergehen aus und bat ihn um Erlaubnis, sich zu verabschieden. Doch als er sich der Tür zuwandte, sagte der Abt:

»Bruder, gehen wir nicht so auseinander! Da kommt eine kleine Erfrischung, geh nicht von hinnen aus einem Hause, das ich, so lange nicht Gewalt mich daraus vertreibt, das meinige nennen muß, ohne den Bissen Brot genossen zu haben, den jeder bei uns findet, und keiner uns abschlägt.«

Der Laienbruder, der den Pförtner abgab, trat ein mit einem Laib Brot und einem Kruge Wein.

»Ich hab sie im Keller noch vorgefunden,« sagte er unterwürfig, »aber ich hab die fernsten Winkel absuchen müssen.«

Der Ritter goß einen kleinen Becher voll und forderte den Bruder auf, ihm Bescheid zu tun, indem er sagte, es sei ja Bacharacher von bestem Gewächs und hohem Alter.

»Er stammt aus dem Winkel, der im Keller als die Abtsecke bekannt ist, und Abt Ingelram, der ihn so getauft hat, war aus Würzburg zu uns gekommen. Dort wächst wohl dieser Tropfen.«

»Wenn auch nicht in Würzburg selbst, sondern mehr am Rhein, statt am Main, aber die Domherren von Würzburg sind weit und breit bekannt um der herrlichen Weine willen, die ihre Keller bergen. Drum bitte ich meinen Bruder, Bescheid zu tun und Euch nicht minder ein Glas davon zu vergönnen.«

Der alte hagre Pförtner warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf den Abt, der die beiden Worte Do veniam [Ich gebe die Erlaubnis] sprach. Mit zitternder Hand griff der Greis nach dem Glase, das einen Tropfen enthielt, der so lange schon nicht mehr seine Lippen genetzt hatte, und schlürfte mit wonnigem Behagen den edlen Saft. Dann setzte er das Glas mit schwermütigem Lächeln, aus welchem deutlich die Bange sprach, daß es wohl wieder gar lange dauern werde, bis ihm ein solcher Genuß vergönnt sei, auf den Tisch nieder. Die beiden Brüder lächelten. Als nun aber der Ritter den Abt aufforderte, den Becher zu nehmen und ihm Bescheid zu tun, da schüttelte der Abt den Kopf und sagte:

»Heute ist für den Abt des heiligen Marienklosters kein Tag zu leckrer Speise und wonnigem Trunke. In Wasser aus dem Bronnen unsrer lieben Frau trinke ich Dir Bescheid, Bruder,« sagte er, indem er den Becher mit diesem reinen Naß füllte, »und wünsche Dir Glück und Gesundheit, vornehmlich aber die Erkenntnis der Verirrungen Deines Geistes!«

»Und Dir, mein lieber Eduard,« versetzte Glendinning, »wünsche ich den freien Nießbrauch der eignen Vernunft und die Erkenntnis, daß das Leben dem Menschen wichtigere Aufgaben stellt, als solche mit hohlem Namen, zu deren Ausübung Du Dich in einem Augenblicke der Uebereiltheit hast bestimmen und verleiten lassen.«

Die Brüder schieden voneinander. Tiefe Wehmut war in ihr Herz gezogen, und doch fühlte jeder zugleich eine gewisse Erleichterung im Vertrauen auf die Ansicht, die er vertrat, daß er den andern nicht mehr sah, so hoch er ihn achtete.

Bald darauf erklang Trompetenschall, und der Abt bestieg den Turm, von dessen zertrümmerten Zinnen er dem Reiterzuge nachblickte, wie er die Anhöhe zur Zugbrücke hinan sich bewegte.

Da trat die Gräme zu ihm.

»Du kommst, Schwester,« sagte der Abt, »einen Abschiedsblick auf Deinen Enkel zu werfen. Dort zieht er hin, unter dem Schutze des besten Ritters von Schottland, abgesehen allerdings von seiner ketzerischen Glaubensrichtung.«