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»Du kannst mir Zeuge sein dafür, daß es weder auf Wunsch von mir noch meinem Enkel geschehen ist, daß der Ritter von Avenel, wie Du ihn nennst, Roland, Gräme wieder in seine Dienerschaft aufnahm. Der Himmel, der die Klugen mit Blindheit schlägt und die Gottlosen in ihrer List zum Verderben bringt, hat ihn dahin gebracht, wo ich ihn zum Heile der Kirche am liebsten zu sehen wünschte.«

»Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht, Schwester,« sagte der Abt.

»Hochwürdiger Vater,« antwortete Magdalena, »hörtet Ihr nie, daß es Geister gibt, die Schloßmauern sprengen, wenn sie erst einmal den Weg ins Schloßinnere fanden? Und Roland Gräme hat ihn zweimal ins Schloß Avenel hinein gefunden, ohne alles Zutun von eigner Seite; zweimal haben ihn diejenigen, so jetzt den Namen Avenel führen, an sich gezogen, erst die Schloßherrin, dann der Schloßherr. Mögen sie beide des Ausgangs gewärtig sein!«

Mit diesen Worten verließ sie den Turm, und der Abt, nachdem er einen Augenblick noch über die Worte der Greisin nachgesonnen, deren Inhalt er dem verworrenen Zustande ihres Gemüts beimaß, folgte ihr die Wendeltreppe hinunter, um den Antritt seines schweren Amtes, statt mit Bankettieren und Pokulieren, mit Kasteien und Fasten und Beten zu feiern.

Dreizehntes Kapitel

Seelenvergnügt trabte jetzt Roland Gräme im Gefolge des Ritters von Glendinning einher, war er doch frei von der verdrießlichen Sorge, mit Spott und Hohn auf dem Schlosse begrüßt zu werden, und durfte er doch hoffen, daß in der Zeit seines Aufenthaltes in Edinburg sich so viel ereignen, soviel ändern werde, daß, wenn er die Schritte hinweglenkte, dies geschehen würde in andrer Rolle, am Ende als Ritter, der Taten vollbracht hätte, die die Augen der Welt auf ihn lenkten! Die Brust geschwellt von Stolz, ein Roß unter dem Leibe zu fühlen, statt wie in den Tagen seit seinem Abschiede vom Schlosse auf Schusters Rappen zu reiten, erregt durch die seltsame Lebhaftigkeit seines Geistes, die durch die letzten Ereignisse so reiche Nahrung gefunden, ließ er seine Stimme hell und munter erschallen und gab auf alle Reden, die an ihn gerichtet wurden, so kecke und muntre Antwort und drückte seinem Rosse die Sporen so derb und flott in die Weichen, daß der Ritter mehr denn einmal mit zufriedner Miene den Blick auf ihm ruhen ließ.

Nicht lange währte es, so gelangte der Reiterzug an den Hohlweg, der zur Brücke hin führte, die noch immer unter der Obhut des alten Brückenvogts Peter stand, der inzwischen freilich nicht jünger geworden war, aber auch an knurrigem Wesen nichts eingebüßt hatte.

Hier ließ der Ritter halten und winkte den Falkner und Roland heran.

»Woodcock,« sagte er, »Du weißt, wohin Du den Jüngling geleiten sollst. Und Dir, Jüngling, gebe ich auf, mit Überlegung und Pünktlichkeit die Weisungen zu erfüllen, die Dir erteilt werden. Beuge Deinen eiteln, trotzigen Sinn! sei brav, wahrhaft und treu! es ist in Deinem Wesen etwas gelegen, das wohl im stande ist, Dich über Deinen gegenwärtigen Stand hinauszuheben. Und nimmer soll es Dir, allerdings nur in der Voraussetzung, daß Du bestrebt bleibst, zu erfüllen, was ich Dir als Deine Pflichten genannt habe, fehlen an dem Schutze des Schloßherrn von Avenel.«

Nach diesen Worten wandte der Ritter sich zur Linken, der Hügelkette zu, in deren Kranze Schloß und See Avenel lagen, während Woodcock und Roland mit dem Knappen, den ihnen der Ritter mitgegeben, sich zur Brücke hin wandten und den alten Vogt aufforderten, ihnen Durchgang zu gewähren. Das geschah jedoch erst, als ihm der Brückengroschen gereicht worden war, worauf sich die drei Reiter gen Norden wandten. Woodcock, bekannt in diesem Landstrich, schlug vor, ein Stück von der Landstraße abzuschneiden dadurch, daß sie den Weg quer durch das schmale Felsental von Glendearg nähmen, das durch die im eisten Teile der Handschrift des Benediktiners erzählten wilden Abenteuer den Lesern des Romanes »Das Kloster« noch bekannt sein dürfte. Auch Roland kannte diese Abenteuer und erklärte sich gern einverstanden mit Woodcocks Vorschlage.

Vergnügt allerhand lustige Lieder trällernd, deren er über einen reichen Schatz in seinem Gedächtnis barg, ritt der Falkner an Rolands Seite, bis sie zu einer Hütte tief unten im Tale gelangten, wo sie, unbekümmert um Abenteuer und Geister, sich für die Nacht ein leidliches Quartier zurechtmachten.

Am Tage darauf setzten sie ihre Reise nach Edinburg fort, das sie am Spätnachmittag in Sicht bekamen.

»Das also ist die Hauptstadt, von der ich so viel schon gehört habe?« rief Roland aus, als er auf den Kamm einer der Höhen gelangt war, die den Blick ins Tal bislang verschlossen hatten, »das da drüben ist wirklich Edinburg?«

»Allerdings,« sagte der Falkner, »dort steht das alte Rauchnest, von dem Ihr den Qualm und Dunst auf zwanzig Meilen weit lagern seht. Dort Pulsiert das Herz Schottlands, und jeder seiner Schläge wird von Solways Bord bis zu Duncans Hafenspitze gefühlt. Dort liegt das alte Schloß, und dort das Schloß von Craigmillar, das meiner Lebtage immer ein lustiger Winkel gewesen ist.«

»Hat dort nicht die Königin Hof gehalten?« fragte der Page.

»Gewiß, gewiß,« erwiderte der Falkner, »damals war sie Königin, aber jetzt dürft Ihr sie so nicht mehr nennen -- na, die Leute mögen reden, was sie wollen, es wird sich manches Herz in Schottland um Maria Stuart grämen, sie war doch das lieblichste Geschöpf, das ich je im Leben mit meinen Augen erschaute, und keine Dame im ganzen Lande hätte solche Freude an einem steigenden Falken! Ich weiß es noch wie heute, als in Roslinmuor die große Wettbalz abgehalten wurde zwischen Bothwell -- für sie ein garstiger Anblick -- und dem Baron von Roslin, dem es in solchem Sport keiner gleichtat in Schottland und England. O, ich seh sie noch, wie sie auf ihrem weißen Zelter saß, der über den Heideboden hin sauste, als tät's ihm leid, die roten Blümchen mit seinen Hufen zu zertreten. O, ich höre noch ihre silberhelle Stimme mit dem so berückenden Klange, die so süß schmettern konnte wie die Kehle der Weindrossel! O, ich seh sie noch alle vor mir, die stolzen Adelinge, wie sie buhlten um einen einzigen Blick von ihr, und wie sie jubelten, wenn sie ein Wort zu ihnen sprach, wie sie Leib und Leben wagten im tollsten Ritte, um ein Lob von ihr zu ernten oder an einem Blicke aus diesen herrlichsten aller, Königinnen-Augen sich zu laben ... Ach, und da, wo sie jetzt weilt, da wird sie nicht viel zu sehen bekommen von Falken und Falkenbeize, von Rittern und Ritterturnieren... Ja ja, Pracht und Herrlichkeit, sie rauschen vorüber so flink wie der Schlag eines Falkenfittichs.«

»Und wo hält man die arme Königin in Haft?« fragte Roland.

»Wo man sie in Haft hält?« wiederholte der Falkner die Frage des Jünglings. »Je nun, in irgend einem Schlosse hoch oben im Norden ... wo, kann ich nicht sagen, und sich drum zu kümmern, möcht auch nicht der Mühe verlohnen, denn ändern könnte man doch nichts dran! Hätt sie ihr Regiment besser geführt, so lange sie es noch in der Hand hielt, dann stünde es besser um sie! Wie es heißt, hat sie um des Buben willen, des kleinen Prinzen, Verzicht auf die Krone leisten müssen. Um seinetwillen soll man sie ihr nicht mehr gelassen haben. Unser Herr ist bei der Affäre so stark beteiligt gewesen, wie kein einziger seiner Nachbarn, und sollte die Königin je wieder zu ihrem Eigentume gelangen, so dürfte Schloß Avenel dafür leicht in Rauch aufgehen, der Schloßherr müßte denn seinen Vorteil auf andre Weise zu wahren wissen.«

»In einem Schlosse im Norden, sagt Ihr, wird die Königin in Haft gehalten?« fragte der Page.

»Ja, so wenigstens heißt's, jenseits des großen Flusses, der dort herabkommt, der aber kein Fluß, sondern ein Arm der See ist, bitter wie Salz.«

»Und unter all ihren Untertanen,« fragte der Page weiter, »ist nicht einer, der die Hand aufheben will zu ihrer Rettung?«