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»Das ist eine kitzlige Frage, Junker,« erwiderte der Falkner, »und wenn Ihr solche Frage stellt, dann muß ich Euch leider sagen, daß Ihr riskiert, selbst in ein solches Schloß gesperrt zu werden, sofern man es nicht gar etwa vorziehen dürfte, Euch einen Kopf kürzer zu machen, um keine weitere Schererei mit Euch zu haben. Die Hand aufheben, sagt Ihr? I du meine Güte! jetzt hat Murrays Schiff das volle Fahrwasser und segelt so flott, daß es dem Teufel nicht beikommen dürfte, es mit ihm aufzunehmen ... Nein, nein! sie ist nun mal dort und muß dort bleiben, bis ihr der Himmel Erlösung schickt oder bis ihr Sohn alles in seine Gewalt bekommt. Aber daß Murray sie frei geben sollte, daran ist gar nicht zu denken, denn da kennt er sie viel zu gut. Und dann noch eins, Herr Roland, unsre Bestimmung lautet nach Holyrood, dort wird's weder an Neuigkeiten noch an Höflingen mangeln, die damit aufwarten werden ... aber, Herr Roland, laßt Euch von mir raten! streut Eure Saat, wie der Schotte sagt, im stillen! hört auf jedermanns Meinung, behaltet die Eure aber für Euch! Und wenn Ihr mal was hört, das Euch nicht in den Kram paßt, dann springt nicht gleich auf, als wolltet Ihr Euch fürs Gegenteil gleich selbst ins Zeug legen. Nehmt Euch unsern Haushofmeister Wingate auf Schloß Avenel zum Muster! der versteht's, wie man sich durchschlängeln muß, ohne es wo zu verderben, und dabei doch lustig sein Pfeifchen zu schneiden! Laßt meinen Rat gelten, Herr Roland, denn Ihr kommt unter eine Gattung von Menschen, die einen Blick haben so scharf wie ein Falke, und fahrt nicht gleich mit der Hand nach dem Dolche bei jedem schiefen Worte, das Euch zu Ohren gelangt, denn Ihr werdet auf so flinke und scharfe Degen treffen, daß der Eurige Mühe haben möchte, standzuhalten. Und für solche Aderlässe ohne Ort und Kalender dank ich schön, und ich glaube, Ihr bedankt Euch auch besser dafür!«

»Nun, Ihr sollt sehen, daß ich mich zusammennehmen will, Woodcock, und ruhig und behutsam bleiben,« versetzte Gräme; »aber was ist das für ein herrliches Gebäude, das hier in Schutt und Asche liegt? in so dichter Nähe bei der Stadt? Ist hier am Ende auch mal »Abt der Unvernunft« gespielt worden, und hat das Gaukelspiel hier mit der Zerstörung der Kirche geendet?«

»Da seid Ihr schon wieder im Schusse wie ein wilder Falke, der um Köder und Pfeife sich den Geier was schert! Danach solltet Ihr so leise fragen, wie ich Euch jetzt Antwort gebe.«

»Nun, wie's scheint, komm ich noch um den Gebrauch meiner Sprache, wenn ich lange hier bleibe!« versetzte Gräme .. »nun, so sagt doch, was das für Trümmer sind?«

»Die Feldkirche ist's!« belehrte mit leisem Flüstern der Falkner den Pagen und legte bedeutsam den Finger an die Lippen, »fragt nicht weiter danach, denn hier ist jemand gar übel mitgespielt worden, und einem andern jemand hat man die Schuld dann in die Schuhe geschoben, und damit hat eine Komödie begonnen, deren Ausgang wir vielleicht noch erleben ... Armer Heinrich Darnley! ein Esel will ich heißen, wenn er sich nicht großartig aufs Beizen verstanden hat, aber man hat ihn selber auffliegen lassen in einer stillen, mondhellen Nacht.«

Die Erinnerung an diese grausige Katastrophe war zu neu, und der Page wandte entsetzt die Augen von dieser Stätte. Die wider die Königin erhobnen Beschuldigungen traten mit solcher Lebendigkeit vor sein geistiges Auge, daß das Mitleid, das sich bei ihm für sie geregt hatte, zu schwinden anfing. Mit unheimlichen Empfindungen durchwanderte er den Schauplatz jener furchtbaren Ereignisse, deren bloßes Gerücht die entferntesten Einöden Schottlands erschüttert hatte gleich dem Widerhall fernen Donners, der durch ein Gebirge rollt.

Dann fiel ihm Katharina Seyton ein, und er fragte sich, ob es ihm wohl beschert sein werde, die Maid, deren Bekanntschaft er auf so seltsame Weise gemacht hatte, in dieser Stadt, die ihr ja gleichfalls jetzt zum Aufenthalte diente, wiederzutreffen. Und mit dieser Frage war seine Phantasie noch beschäftigt, als er sich schon in der Stadt befand und jenes frohe Staunen alle andern Empfindungen verstummen machte, das den Bewohner einsamer Landstriche erfüllt, wenn er sich zum ersten Male in den Straßen einer volkreichen Stadt, in dem Gewühle von tausenden sieht.

Die Hauptstraße von Edinburg war damals, wie auch heute noch eine der geräumigsten Straßen von ganz Europa. Die imposante Höhe der Gebäude, das bunte Durcheinander von gotischen Giebeln, Altanen und Zinnen, von Balkonen und Erkern, die den Gesichtskreis nach allen Seiten hin einengten, die gewaltige Lange der Straße, die, schnurgerade Linie, die sie bildete, hatte wohl bewandertere Augen in Verwunderung gesetzt als diejenigen Roland Grämes. Innerhalb der Wälle wimmelte es von geschäftig hin und her eilenden Menschen wie in einem Bienenkorbe. Alles, hatte sich zur Stadt gedrängt, dem Regenten Murray aufzuwarten, was mit Politik irgend zu tun hatte oder sich von der Beteiligung an den politischen Fragen, die das Land beherrschten, irgend welchen Vorteil versprach. Eine unendliche Reihe von Verkaufsbuden waren zu beiden Seiten der Straße aufgeschlagen worden, und wenn die darin zum Verkauf gestellten Waren auch nicht zu den reichsten der Welt gehörten, so meinte doch Roland, in den Ballen flandrischer Tücher und in den Stößen von Teppichen und in den Schwertern und Dolchen und Rüstungsstücken alle Reichtümer der Erde zu sehen. Bei jedem Schritt, den er machte, fand er soviel zu sehen und zu staunen, daß es Woodcock dem Falkner unendlich schwer wurde, ihn in dieser Zauberwelt vom Flecke zu bringen. Auch die Unmenge von Menschen setzte ihn in Staunen. Da kam eine feingeputzte Dame in Schleier und seidnem Ueberwurf getrippelt, der ein Kammerdiener vorauf schritt um ihr Bahn durch die Menge zu brechen, während ein Page ihr die Schleppe trug und eine Zofe, mit Bibel oder Gesangbuch unter dem Arme, ihr zur Seite schritt. Dort stand eine Bürgergruppe in weiten Pluderhosen, Wämsern mit hohen Kragen und kurzen flämischen Mänteln.«

Dann kam ein Geistlicher im schwarzen Genfer Mantel mit steifer Halskrause, der mit Würde sondergleichen dem Gespräch einiger Leute lauschte, die sich in seiner Begleitung befanden und einen religiösen Disput führten. Am häufigsten aber sah er Herren in neuester Pariser Modetracht, mit zierlichen Manschetten an den Händen, die aus dem aufgeschlitzten Wams hervorguckten, und mit Schwertern an der Seite, -- dahinter, je nach dem Rang und Vermögensstand, eine Schar stämmiger Leibdiener, die, in der Regel mit Schwert und Spieß bewaffnet, ganz wie ein kriegerisches Gefolge in strengem Takte einherschritten. Zwei solcher Scharen stießen zufällig auf der Straße aufeinander, etwa in der Mitte derselben, und keiner wollte der andern ausweichen, sondern beide marschierten direkt aufeinander los. Die beiden Häupter, einander an Rang jedenfalls ebenbürtig und durch politischen Hader aufeinander erbittert, blieben, als sie den Fuß nicht weiter setzen konnten, ohne einander anzurennen, einen Moment lang stehen, maßen einander mit Blicken, und dann flogen die Schwerter aus den Scheiden. Ihre Mannen folgten diesem Beispiel der Herren, und im Nu blitzten an zwanzig Klingen in den Sonnenstrahlen, und klirrend rasselten die Schilde aneinander, und hüben und drüben ertönte das Schlachtgeschrei: »Hie Leslie!« und »Hie Seyton!«

Hatte der Falkner schon immer seine liebe Not gehabt, den Pagen vom Flecke zu bringen, so war es ihm hier gradezu unmöglich, seiner Stimme bei ihm Geltung zu verschaffen. Der Page hielt sein Roß an, klatschte, in die Hände und lärmte und schrie, lauter als alle bei der Schlägerei, beteiligten Mannen. Sein Lärm zog andre Edelleute herbei, die sich bald für die eine, bald für die andre Partei entschieden. Nun wurde die Schlägerei allgemein, und wenn auch im Grunde genommen mehr mit den Schwertern und Schilden gerasselt als zugehauen wurde, so ging es doch ohne mancherlei Beulen auf beiden Seiten nicht ab. Als nun in der Kampfeswut einige gar statt des Schwertes zu der gefährlichern Waffe des Stoßdegens griffen, da lagen schließlich auf der Seite, wo der Ruf: »Hie Seyton!« erklungen war, zwei Mannen am Boden, und die Seytons begannen zu weichen, denn sie standen den andern an Zahl erheblich nach.