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Da war es aber im Nu aus mit Rolands Ruhe und Geduld.

»Woodcock,« rief er, »seid Ihr ein Mann, dann zieht vom Leder und helft den Seytons!«

Und ohne auf Antwort aus dem Munde des Falkners zu warten, sprang der feurige Jüngling vom Pferde und stürzte sich mit dem Rufe: »Ein Seyton! ein Seyton! Drauf und dran!« mitten hinein in den dichtesten Haufen und rannte einen von denen, die dem Lord am heißesten zu Leibe gingen, mit einem Dolchstoße nieder. Dieser unvermutete Zuwachs lieh der schwächern Partei Mut, sie begann den Kampf von frischem, als mit einem Male vier Magistratspersonen, kenntlich an den samtenen, Mänteln und güldnen Ketten, mit einer Wache von Hellebardieren und Bürgern, auf dem Kampfplatze erschienen. In solchem Dienste wohlerfahren, drangen Hellebardiere und Bürger frisch und munter vor und zwangen die Streitenden, von einander zu lassen. Augenblicklich stoben die Raufbolde auseinander, die einen hierhin, die andern dorthin, und beide Parteien ließen ihre Verwundeten, die sich nicht vom Platze bewegen konnten, im Stiche. Der Falkner, außer sich über diesen Unbedacht seines jungen Gefährten, raufte sich erst den Bart, dann ritt er mit dem Pferde, das er am Zügel faßte, zu Roland heran und rief ihm zu:

»Ei, ei, Herr Roland, Herr Springinsfeld, Herr Tausendsasa, wollt Ihr wohl aufsitzen und Euch auf und davon machen? Oder wollt Ihr warten, bis man Euch greift und ins Loch steckt und zwingt, Rede und Antwort zu stehen für solch edles Tagwerk?«

Dem Pagen ward es zum Glück im Nu bewußt, welch alberne Rolle er bei der ganzen Sache gespielt habe und noch spiele; er folgte der Aufforderung seines Begleiters und saß im Nu auf seinem Pferde, um hinter der Partei der Seytons herzugaloppieren und glücklich im Verein mit ihnen der Häscherschar zu entrinnen. Wenn er auch einen der Magistratsbeamten dabei schier über den Haufen rannte und von wüstem Lärm und Geschrei verfolgt wurde, so waren doch solche Auftritte in Edinburg damals so an der Tagesordnung, daß die Polizei, sofern nicht eine Person von Rang und Bedeutung das Leben dabei eingebüßt hatte, am liebsten sich ruhig verhielt und alles auf sich beruhen ließ. Auch in diesem Falle hatte man sich, trotzdem der Regent, ein Mann von großer Willenskraft und Charakterfestigkeit, es durchgesetzt hatte, daß die Stadt eine ständige Scharwache auf den Beinen hielt, dabei bewenden lassen, die beiden Parteien auseinander zu bringen, und von aller Verfolgung abgesehen, zum großen Glück für Roland, der jetzt mit dem Falkner die Canongate entlang ritt, und zwar, um keine Aufmerksamkeit wachzurufen, in langsamem Tempo. Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als Roland seinem Begleiter, der sich eben anschickte, ihm eine derbe Standrede zu halten, die Zügel seines Rosses zuwarf und vom Pferde sprang, um in einen der vielen schmalen Durchgänge hinein zu stürmen, die nach der Hauptstraße führten, wie es Adam Woodcock vorkam, einer zierlichen jungen Dame hinterher, die kurz vor ihm in demselben Durchgange verschwunden war.

»Heiliger Barnabas! heilige Magdalena!« rief er einmal übers andre, »solche Geschichten könnten einen wirklich zum Fluchen bringen! was kann dem jungen Menschen bloß in die Glieder, gefahren sein? und was soll ich in dieser Zeit hier anfangen? Wenn sie den Menschen erwischen, so schneiden sie ihm womöglich die Gurgel ab, so wahr ich am Fuße des Rosenhügels geboren bin. Könnt ich bloß jemand auftreiben, mir das Pferd zu halten, daß ich dem Junker hinterher könnte! aber die Leute sind ja hier flink wie der Teufel. Oder wenn ich wenigstens einen von unsern Leuten erwischen könnte, oder von den Leuten des Regenten! Aber einem wildfremden Menschen kann ich doch die Pferde nicht, anvertrauen; und vom Platze weichen, wenn der Junge am Ende in die Patsche gerät, das geht doch erst recht nicht an!«

Wir müssen aber den Falkner, obschon in so schwerer Not, verlassen, um uns nach dem Jüngling umzusehen, der schon wiederum die Ursache hierzu geworden war.

Roland Gräme hatte in, der Canongate, wie gesagt, eine weibliche Gestalt gesehen, deren Zierlichkeit und lebhaftes Wesen ihn an Katharina Seyton erinnerte. Er hatte sie mit seinen Blicken schon eine kurze Weile verfolgt, als es der Gestalt beigekommen war, vor einem der gewölbten Durchgänge an einer Stelle, wo ein kunstreiches Wappenschild sich spreizte, den seidnen Ueberwurf, in den sie gehüllt war, zu lüften. Vielleicht trieb auch sie die Neugierde, zu erfahren, wer der Reiter sei, der sie schon ein Weilchen mit den Blicken verfolgte, Roland aber hatte genug gesehen, um sich zu sagen, daß er sich in seiner Vermutung nicht getäuscht habe, daß es dieselben himmelblauen Augen, die schönen Locken, die fröhlichen Mienen seien, die ihm den Aufenthalt in jenem Kloster, wohin ihn die Großmutter mitgenommen, so unvergeßlich machten.

Nach einem alten Sprichwort geht Weiberwitz über allen Witz, aber in diesem Falle mochte er Katharina doch im Stiche lassen, denn sie wußte sich keinen andern Rat, als so geschwind das Weite zu suchen, wie ihre kleinen Füße sie irgend tragen wollten. Aber die Beine eines achtzehnjährigen Jünglings sind in der Regel auch noch nicht vom Zipperlein geplagt, und so geschah es denn, daß Katharina, als sie quer über einen gepflasterten Hof floh, der mit großen Zypressen in weiten Kübeln, mit Eichenbäumen und andern immergrünen Gewächsen angefüllt war, und eine hohe Tür in der Mitte zu gewinnen trachtete, von Roland ereilt und gestellt wurde. Aber sie riß sich los und huschte wie ein gejagtes Reh durch die Tür, und in das Gebäude hinein und über verschiedene Gänge hin, um in einer Halle zu verschwinden, deren Tür sie hinter sich ins Schloß fallen ließ. Roland, nicht gewillt, die heißersehnte Beute fahren zu lassen, war wie ein Sturmwind hinter ihr her, unbedacht, was sich alles für schlimme Folgen hieraus für ihn ergeben konnten, als er mit einem Male dumpfes Stimmengewirr vernahm, das ihn einigermaßen zur Vernunft brachte. Aber er stand nun vor der Tür, ratlos, wohin er sich wenden, ob er stehen bleiben oder zurückgehen solle, da tat sich eine Seitentür auf und Katharina kam auf ihn zugerannt mit ganz derselben Eile, wie sie bisher vor ihm geflohen war.

»Welcher Unstern hat Euch bloß hierher geführt?« flüsterte sie. »Flieht, flieht! oder Ihr seid des Todes! .. oder besser, bleibt! sie kommen ... Flucht ist unmöglich ... sagt, Ihr seiet gekommen, um nach Lord Seyton Euch zu erkundigen.«

Im Nu war sie hinweg und durch die Tür verschwunden, aus der sie zum zweitenmal gekommen war. In demselben Augenblick flogen ein paar Flügeltüren am obern Ende der Galerie auf, und ein halbes Dutzend Männer, bewaffnet mit Schwertern, die sie in der Faust schwangen, in reicher Tracht, stürzten herein.

»Wer ist's, der uns dermaßen höhnt, daß er sogar in unsre Wohnung uns verfolgt?« rief der eine.

»Haut ihn, in Stücke!« schrie ein andrer, »büßen soll er für den Frevel und für die Gewalttätigkeiten dieses Tages! Es ist ein Anhänger der Roten.

»Nein, bei der heiligen Jungfrau!« rief ein dritter, »es ist einer vom Gefolge des Erzfeindes, des geadelten Bauers Halbert Glendinning, der sich den Namen Avenel anmaßt ... einst einer, der ein Kirchenlehen erhielt und der jetzt die Kirche plündert!«

»So ist's,« schrie, ein vierter, »ich erkenn ihn an dem Palmenzweige, der ja das Abzeichen der Glendinnings ist. Vertretet ihm die Tür, denn für solche Frechheit soll der Kerl büßen!«

Zwei der jungen Herren traten, indem sie die Degen zogen, vor die Tür, durch die Roland in die Halle getreten war, wie um sein Entrinnen zu verhindern. Die andern traten auf Gräme zu, der eben noch Ueberlegung genug fand, um sich zu sagen, daß jeder Versuch zu Widerstand ebenso fruchtlos wie unbedacht wäre. Von verschiedenen Stimmen wurde er nun aufgefordert, zu sagen, wer er sei, woher er komme, was er wolle, wer ihn hierher schicke. Da trat, noch ehe er Zeit zu irgend welcher Antwort hatte finden können, ein Mann in die Halle von hoher Gestalt, und vor ihm wichen die jungen Männer, die Roland so heftig bestürmt hatten, scheu und ehrfurchtsvoll zurück.