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Das dunkle Haar des Mannes wies Spuren von grauen Fäden auf, aber in seinen Augen und aus seinen stolzen Zügen strahlte noch das ungeschwächte Feuer der Jugend. Der Oberteil seine Leibes war, bis auf das Hemd aus holländischem Linnen, unbekleidet, und dessen weite bauschige Falten waren mit Blut bespritzt.

Aber ein scharlachroter Mantel, mit reichem Pelzaufschlag, den er über die Schulter geworfen hatte, und eine Mütze aus scharlachrotem Samt, auf der einen Seite aufgekippt und mittels einer güldnen Kette gehalten, die sich dreimal um sich herumlegte, und ein güldnes Medaillon mit dem Geschlechtswappen, wie es damals Brauch war, in buntfarbiger Gravur, verrieten auf den ersten Blick, daß der Mann zu dem vornehmsten Adel Schottlands und Edinburgs gehörte.

»Wen habt Ihr da, Söhne und Vettern,« fragte er streng, »den Ihr so unwirsch bedrängt? .. Wißt Ihr nicht, daß mein gastliches Dach jedem eine freundliche Stätte sichert, der sich darunter begibt, sei es in friedlicher Absicht, sei es zu offner, männlicher Fehde?«

»Hier hat sich aber ein Schurke eingeschlichen, Mylord,« antwortete einer der Jünglinge, »in der verräterischen Absicht, uns auszuspähen.«

»Das stell ich in Abrede,« versetzte Roland Gräme keck, »denn ich bin bloß hierher gekommen, um mich nach Mylord zu erkundigen.«

»Eine billige Ausflucht,« riefen die Ankläger, »aus dem Munde eines Glendinning.«

»Tut Einhalt, junge Freunde,« sprach Lord Seyton, »denn dieser Adeling selbst war es, laßt mich den Jüngling ins Auge fassen! Bei der lieben Jungfrau, es ist der nämliche, der sich vor wenigen Minuten so kühn mir an die Seite stellte als mehrere meiner eignen Schurken, besorgt um die Sicherheit ihres Leibes, es an Tapferkeit in bedenklichem Maße fehlen ließen. Laßt ab von ihm, denn er verdient mehr ein freundliches und ehrenvolles Willkommen Eurerseits als solche rauhe Behandlung.«

Die Jünglinge traten gehorsam zurück, und der Lord nahm Roland Gräme bei der Hand und zog ihn an seine Seite. Dann dankte er ihm für den tapfern Beistand, den er ihm mit so schnellem Entschlusse geleistet hatte, und setzte hinzu, »der Grund seiner Herkunft sei wohl nur der, sich zu erkundigen, wie es um die Verwundung stehe, die er sich bei diesem Strauße geholt habe?«

Roland verbeugte sich tief zum Zeichen der Zustimmung.

»Oder kann ich Euch sonst meinen Dank bezeugen?« fragte der Lord.

Der Page erachtete es aber für am besten, wenn er bei der Entschuldigung für seine Anwesenheit im Hause des Lords bliebe, die dieser selber als wahrscheinlich erklärt hätte, und sagte, er habe bemerkt, daß der Lord blessiert worden sei; und das Verlangen zu erfahren, wie sich derselbe befinde, sei der einzige Grund für sein ungestümes Eindringen in das Haus des Lords.

»Die Blessur ist eine Lappalie,« erklärte der Lord, »ich hatte, grade mein Wams abgelegt, damit der Feldscher mir einen Verband anlege, als die voreiligen Burschen hier den Lärm anhoben und mich nötigten, den Feldscher in seiner Arbeit zu stören.«

Roland verneigte sich wieder und wollte sich, vergnügt, um den Verdacht der Spionage so bequem herumgekommen zu sein, anderseits um seinen Kameraden Adam Woodcock besorgt, den er so jäh im Stich gelassen, und der doch gar nicht wußte, wie er daran und wohin »sein junger Unband« hingeraten war, aus dem Gemache und dem Palaste entfernen, Lord Seyton machte ihm das jedoch nicht so leicht.

»Nicht so geschwind, mein junger Freund,« sagte er, »erst mach mich bekannt mit Deinem Stand und Namen. Lord Seyton hat es letzter Zeit öfter erlebt, daß Freund und Diener ihn im Stiche ließen, als daß ihm Beistand von fremder Seite wurde. Aber es können ja wieder andre Verhältnisse kommen, die ihn in die Möglichkeit setzen, solchen unvermuteten Freundschaftsdienst besser zu lohnen als zurzeit.«

»Mein Name, gnädiger Herr,« antwortete der Page, »ist Roland Gräme. Ich stehe als Page im Dienste Sir Halbert Glendinnings.«

»Hab ich es nicht gleich gesagt?« rief einer der Jünglinge, »mein Leben setz ich ein, daß dies ein Pfeil ist aus dem Köcher der Ketzer, eine Kriegslist, einen Späher in unser Vertrauen einzuschmuggeln. Die Halunken verstehen es, Kinder und Weiber zu Spionen und Sendboten abzurichten, wie kein andrer sonst.«

»Wenn die Worte auf mich gemünzt sein sollen, so treffen sie ein falsches Ziel. Es sollte kein Mann in Schottland mich zu solcher Schurkerei dingen!«

»Ich glaube Dir, mein Sohn,« erwiderte der Lord, »denn Deine Streiche wurden, zu kräftig geführt, daß sie auf Einverständnis mit denen hätten schließen lassen, denen sie galten. Indessen kann ich nicht ungesagt sein lassen, daß ich mich kaum der Hilfe von einem Diener Deines Herrn versehen hätte, und darum möchte ich wohl wissen, was Dich bestimmt hat, bei solchem Strauße eines Seyton Dich selbst in Gefahr zu setzen.«

»Mit Verlaub, gnädiger Herr,« erwiderte Roland, »aber mein Herr hätte wohl selbst nicht müßig dagestanden, um einen Ehrenmann unter einer Mehrzahl unterliegen zu sehen. So wenigstens lautet die Lehre für Ritter auf Schloß Avenel.«

»Der gute Samen ist auf gutes Land gefallen, junger Freund,« sagte Lord Seyton, »aber wenn Du in solch ehrloser Zeit Fehde üben willst in solch ehrenwerter Weise, dann wird Dein Leben, mein armer Junge, nicht lange währen.«

»War's ehrenvoll, kann's kurze Dauer haben,« versetzte Roland Gräme; »aber jetzt erlaubt mir mich zu verabschieden, gnädiger Herr, denn ich werde auf der Straße von einem Kameraden mit meinem Pferde erwartet.«

»Dann nehmt doch wenigstens das mit, mein junger Freund,« sagte Lord Seyton und löste von seiner Mütze die goldne Kette und das goldne Medaillon, um beides Roland zu reichen, »und tragt es zu meinem Gedenken!«

Roland Gräme war nicht wenig stolz auf solches Geschenk, das er eilends an seiner Mütze befestigte, wie er es schon bei vielen der jungen Edinburger Herren beobachtet hatte. Dann verbeugte er sich nochmals vor dem Lord und verließ schleunigst die Halle, eilte quer über den Hof und gelangte grade auf die Straße hinaus, als Adam Woodcock, in Sorge und auch ärgerlich über Rolands Ausbleiben, die beiden Rosse im Stiche lassen wollte, um sich nach seinem Verbleib umzusehen.

»Das ist doch wiederum ein Streich, wie Ihr ihn besser nicht gewagt hättet,« rief er Roland entgegen, als er ihn in dem Straßengewühl auftauchen sah, denn wenn auch seine Mienen deutlich erkennen ließen, daß er Angst ausgestanden hatte, so war er doch herzensfroh, daß der Jüngling sich wiedergefunden hatte, und er ließ sich von Verdruß nichts mehr merken.

»Laß die Fragen und Reden, Woodcock, und sieh her, in welch kurzer Zeit ich mir solch schwere goldne Kette verdienen konnte!« rief Roland mit strahlender Miene und sprang auf sein Roß.

»Na, verhüt's Gott, daß Ihr sie nicht auf unrechtem Wege gewonnen habt,« versetzte der Falkner, »denn wie Ihr anders hättet dazu kommen sollen, könnt ich mir freilich kaum sagen. Ich bin oft hier gewesen, und zuweilen ganze Monate, aber mir ist so etwas nie bisher zu teil geworden, das dürft Ihr mir freilich wohl glauben.«

»Na, und ich hab das hier nach kurzer Bekanntschaft mit der Residenz ergattert,« sagte lachend der Page, »aber stimmt Euer biedres Gemüt nur zur Ruhe, Medaillon und Kette sind weder geraubt noch gestohlen, sondern mir zu teil geworden durch freiwillige Spende.«

»Na, Du wirst wohl in keinem Wasser ersaufen und an keinem Strick aus Hanf ersticken!« meinte der Falkner: »als Page der Schloßherrin wirst Du weggejagt und kehrst als Knappe des Schloßherrn wieder, und dafür, daß Du einem Mädel in ein Schloß nachrennst, aus dem ein andrer mit einer Tracht Prügel gejagt worden wäre, wenn er nicht einen Dolchstoß zwischen die Rippen bekommen hätte, dafür erwischst Du ein Paar Pfund Gold! ... Das darf man sich schon gefallen lassen. Aber da sind wir vor der Abtei. Ich wünsche Dir bloß, mein lieber Junge, daß Dir Dein Glück treu bleiben möge, auch wenn Du den Fuß über dieses Steinpflaster setzest, denn dann, bei unsrer lieben Frau! könntest Du fragen, was ganz Schottland kostet?«