»Der Bursch hat recht,« meinte Wingthewind, »der gnädige Herr wird sicher begierig sein, ihn zu lesen. Es läßt sich doch annehmen, daß über die Vorgänge in Kennaqhueir drin berichtet wird.«
»Der Bursche ist klug genug, sich den Rücken frei zu halten,« sagte Woodcock, »und an anderm fehlt's ihm schließlich auch nicht. Ich dächte, Herr Roland, am Ende wär's das gescheiteste, Ihr überbrächtet dem Lordregenten selbst das ritterliche Schreiben. Ein junkerlicher Page findet wohl leichter freundliches Gehör bei solchem Herrn als ein ausgedienter Falkner.«
»Das mag wohl sein, Ihr, alter Schlaumeier von Yorkshirer Blut. Aber mir kam's doch anfangs so vor, als ob Ihr selber recht erpicht drauf seiet, dem Regenten vor die Augen zu treten? Und nun wollt Ihr den jungen Menschen ins Feuer schicken? Meint Ihr am Ende, die Mortonsche Jungfer schnitte lieber solchen schmucken Hals durch als Euren sonnverbrannten alten?«
»Dein Witz, mein Lieber, versteigt sich zu hoch, um zu treffen,« erwiderte mit beklommenem Lachen der Falkner, »aber der Jüngling läuft keine Gefahr. Darauf könnt Ihr rechnen! hat er doch mit dem Mummenschanz vor der Abtei nicht das mindeste zu tun gehabt, was ihm zum Schaden werden könnte. Aber eine feine Komödie war's, das muß ich Euch sagen. Bloß schade, daß wir nicht mehr dazu kamen, die feine Ballade abzusingen, die ich expreß dazu gedichtet und komponiert hatte. Aber basta! Bring den jungen Menschen vor zur Audienz, ich will hier bleiben und warten, mit dem Zügel in der Faust, wie die Geschichte ausgeht. Nimmt's, schlimme Wendung, dann denk ich, soll bald eine Meile zwischen dem Herrn Regenten und meiner Wenigkeit liegen.«
»Nun, dann kommt, mein junger Herr,« wandte sich Michael Wingthewind an den Pagen, »wenn's doch nicht anders sein soll, als daß Ihr vor dem schlauen Yorkshirer Bauern in den Sprenkel geht.«
Mit diesen Worten ging er Roland voraus, der ihm auf dem Fuße folgte. Durch eine Reihe von gewundnen Gängen gelangten sie zu einer breiten steinernen Wendeltreppe, die sie nach dem obern Stockwerk hinauf führte. Hier wendete sich der Führer seitwärts und stieß die Tür eines finstern, modrig riechenden Vorzimmers auf. So finster war es, daß der Page fast über eine niedrige Stufe gestolpert wäre, die seltsamerweise grade vor der Schwelle angebracht war.
»Vorsicht!« mahnte der Führer den Pagen, ängstlich sich umsehend, ob ihn auch niemand belausche -- -- »Vorsicht, junger Freund! denn wer auf den Dielen hier stolpert, erhebt sich nicht wieder. Schau her,« fuhr er fort, mit noch leiserer Stimme als bisher und zeigte auf ein paar dunkelrote Flecke auf dem Fußboden und verschiedene Spritzer an der Wand, auf die aus einer schmalen Klause ein Lichtstreif fiel, »schau her! und setz behutsam Deine Füße, Jüngling, denn hier sind vor Dir Männer gefallen!«
»Was bedeutet Eure Rede?« fragte der Page, den eine Gänsehaut überlief, ohne daß er sich sagen konnte, warum ... »Ist das Blut?«
»Ja doch, ja doch,« sagte der Diener, noch immer flüsternd, und zog den Pagen hinter sich her. »Blut ist es, aber jetzt ziemt es sich nicht, danach zu fragen oder danach zu schauen ... Blut, greulich und grausig vergossen, und greulich und grausig gerochen! ... es ist,« und seine Stimme sank zu noch tieferem Geflüster, »das Blut des Signor David.«
Roland klopfte das Herz, als er sich so unvermutet an der Stelle sah, wo Rizzio, der Sänger, ermordet worden war, ein Mord so furchtbar, daß die Kunde davon selbst in jener wilden, Zeit alle Gemüter, in Palast und Hütte, mit Grausen erfüllt hatte und auch bis nach Avenel gedrungen war. Aber sein Führer drängte ihn, als hätte er über ein gefährliches Thema bereits zuviel gesprochen. Er klopfte an eine niedrige Tür am Ende des Vorgemachs, ein Türsteher kam herbei und nahm Michaels Anmeldung entgegen, daß ein Page vom Ritter von Avenel da sei und Briefe zu überreichen habe.
»Der Staatsrat will grade auseinander gehen,« sagte der Türsteher, »aber gebt mir die Briefe, vielleicht entschließt sich Seine Gnaden, den Boten vorzulassen.«
»Mein Auftrag lautet, die Briefe an den Regenten selbst abzugeben,« erwiderte Roland.
Der Türsteher maß den Pagen vom Kopf bis zu den Füßen, gleich als ob ihn seine Keckheit in Staunen setzte. Dann fuhr er ihn an:
»So, so, mein Herrlein? für ein Kücken krähst Du ja schon ziemlich laut, obendrein für eins aus dem Bauernstall!« »Wäre Zeit und Ort angemessen,« sagte Roland, »dann wollt ich Dir zeigen, daß ich mehr als krähen kann. Aber tut was Eures Amtes ist, und laßt Euren Herrn wissen, daß ich seiner Befehle mich gewärtig halte.«
»Du bist ein Naseweis, mir von dem zu reden was meines Amtes sei,« erwiderte der diensttuende Türsteher, »aber es wird sich schon Zeit und Gelegenheit finden, Dir zu zeigen, was Deines Amtes ist. Vorläufig kannst Du ja hier auf Bescheid warten.«
Mit diesen Worten schlug er Roland die Tür vor der Nase zu, erschien aber sehr bald wieder mit der Weisung, die er in wesentlich höflicherm Tone ausrichtete. Seine Gnaden der Regent wolle die Botschaft des Ritters von Avenel entgegenzunehmen geruhen.
Demzufolge geleitete er Roland Gräme in ein Gemach, das ganz wie eine Kanzlei eingerichtet war. Der Regent, der an einem mit Akten bedeckten Tische saß, drehte sich langsam um, als die Tür aufging. Seine Züge zeigten den Ausdruck trüben Ernstes. Er war einfach gekleidet, in schwarzen Samt, nach niederländischer Mode; das einzige, was an ihm auffällig hätte sein können, war eine demantne Agraffe, die an der Seite des hohen Hutes steckte, den er auf hatte. An der Seite trug er einen Dolch, und auf einer langen eichnen Tafel, die in der Mitte des Gemaches stand, lag ein Schwert.
Huldvoll nahm er das Schreiben aus der Hand Rolands entgegen und winkte huldvoll mit der Hand, als Roland versuchte, den ihm aufgetragen Gruß des Ritters von Avenel auszurichten. Ja er zögerte einen Augenblick, ehe er den seidnen Faden löste, der das Schreiben zusammenhielt, um Roland, an dessen Zügen er offenbar Wohlgefallen fand, nach dem Namen zu fragen.
»Roland Gräme heiße ich,« antwortete der Page. »Gräme?« wiederholte der Regent, indem er den Namen wiederholte. »Etwa vom Geschlechte der Grahams von Lennox?« »Nein, gnädiger Herr,« erwiderte Roland, »meine Eltern haben in dem bestrittnen Lande gewohnt.«
Murray fragte nicht weiter, sondern las in dem Schreiben des Ritters weiter. Bald aber trat ein düstrer Ausdruck auf seine Stirn wie bei jemand, der von etwas Kunde erhält, die ihn zugleich verwundert und beunruhigt. Er überlas den Brief nochmals, dann lehnte er sich ein paar Augenblicke in dem Stuhle zurück. Als er nach einer Weile aufblickte, traf sein Blick den Türsteher, der sich vergeblich bemühte, einen unbefangnen Ausdruck zu zeigen. Der Regent hatte recht gut den spähenden Blick bemerkt, mit welchem der Diener jedem Zug auf dem Angesichte seines Herrn verfolgte.
»Hinaus, Hyndham,« rief in strengem Ton der Regent, »stell Deine Betrachtungen anderswo an als hier. Du bist mir schon lange zu pfiffig für Deinen Posten, für den ein Schwachkopf besser geeignet ist. So! diese Miene kleidet Dich schon besser, aber es ist Dir bloß nicht darum Ernst. Behalte diese dumme Miene, damit Du Dir Deinen Dienst erhältst ... Und nun hinaus, Patron!«
Zitternd verschwand der Türsteher, mit vermehrtem Grolle auf Roland blickend, weil dieser von dem Unwillen des Regenten gegen ihn unwillkürlich Zeuge gewesen war. Sobald der Regent mit Roland allein war, stellte er an diesen die Frage:
»Armstrong, sagtet Ihr, sei Euer Name?«
»Nein, Gräme,« erwiderte der Page, »Roland Gräme, dessen Eltern im bestrittnen Lande gewohnt haben unter dem Namen Heathergill.«
»Richtig, richtig. So sagtet Ihr ja vorhin. Habt Ihr Bekanntschaft in Edinburg?«
»Gnädiger Herr,« versetzte Roland, bemüht die Frage zu umgehen, statt, unmittelbar zu beantworten, denn sein Abenteuer mit Lord Seyton zu verschweigen, gab ihm ein guter Genius ein -- »ich bin kaum eine Stunde in Edinburg und zwar zum erstenmal in meinem Leben.«