»Und zum Heil Eurer Freunde!« versetzte Morton, »daher hoffe ich unverzüglich auf einen Befehl von Euch, der die Wahl dieses Faulpelzes von Mönch, dieses Glendinning, zum Abt von Kennaqhueir für ungültig erklärt!«
»Euch soll sogleich Genüge getan werden!« erklärte der Regent, trat einen Schritt vor und wollte eben rufen: »Holla, Hyndman!« als sein Blick auf Roland Gräme fiel.
»Meiner Treu, Douglas,« rief er, zu seinem Freunde sich wendend, »hier haben drei Rat gehalten.«
»Aber nur zwei gehören dazu,« versetzte Morton, »der Junge muß beiseite geschafft werden.«
»Pfui doch, Morton! ein Waisenknabe!« verwies ihm der Regent solches Ansinnen. Dann rief er Roland zu sich. »Höre, mein Sohn, Du hast mir vorhin einiges genannt, was Du gelernt habest. Hast Du auch gelernt, die Wahrheit zu reden?«
»Jawohl, gnädiger Herr, sofern es zu meinem Frommen sei,« erwiderte kühn Roland Gräme.
»Zu Deinem Frommen sollst Du sie jetzt sagen,« sprach in strengem Tone der Regent, »Lüge wäre Dein Verderben. Was hast Du gehört oder verstanden von dem, was zwischen uns beiden gesprochen wurde?«
»Nur wenig, gnädiger Herr,« entgegnete Roland, »bloß soviel ist mir klar geworden, daß man die Treue des Ritters von Avenel in Zweifel zieht, unter dessen Dache ich erzogen worden bin.«
»Und was denkst und weißt Du darüber?« fragte der Regent weiter, einen durchdringenden Blick auf den Jüngling richtend.
»Das richtet sich nach dem Stande desjenigen, der die Ehre des Ritters antastet, dessen Brot ich so lange gegessen habe,« antwortete der Page. »Steht solcher Mensch unter mir, dann sage ich ihm, daß er ein Lügner sei und daß ich ihm mit meinem Stocke dienen werde, sofern er den Mund nicht hält. Ist er meinesgleichen, so halt ich den Lügner aufrecht und fordre ihn zum Zweikampf. Steht er über mir, dann . ..« er stockte in seiner Rede.
»Fahre getrost fort,« munterte ihn der Regent auf, »also: wenn solcher Mensch, sagst Du, über Dir steht, dann ...«
»Dann würde ich ihm sagen,« fuhr Gräme fort, »es sei nicht in Ordnung, über einen Abwesenden Uebles zu sprechen, und mein Herr sei Mannes genug, Rechenschaft über sein Tun und Lassen jedem zu geben, der sie mannhaft von Angesicht zu Angesicht von ihm fordert.«
»Mannhaft gesprochen, mein Sohn,« sagte der Regent, indem er dem Pagen die Hand auf die Schulter legte, »wie denkst Du darüber, Morton?«
»Ich denke,« versetzte der Graf, »daß sich zwischen seinem Denken und Tun eine große Verschiedenheit finden möchte, falls er einem gewissen alten Freunde an Verschlagenheit ebenso gleichkommt wie er ihm im Ausdruck des Auges und an Stirn und Nase ähnelt.«
»Und wem soll er Deiner Ansicht nach ähneln?« fragte der Regent.
»Dem redlichen und treuen Julian Avenel,« antwortete Morton.
»Aber der Jüngling stammt doch aus dem bestrittenen Lande,« sagte Murray.
»Das kann ja sein, aber Julian war ein Jäger, der gern in fremde Gehege strich und dem es auf einen Weg nicht ankam, wenn er ein schmuckes Wild auf dem Rohr hatte.«
»Pah!« rief der Regent, »das sind hohle Vermutungen ... Da, Hyndman, Du Naseweis, bring den jungen Menschen wieder zu seinem Kameraden! ... Du hältst Dich mit Deinem Begleiter zu sofortigem Aufbruch bereit,« sprach er zu Gräme. »Ich laß Dir Weisung zukommen.«
Dann winkte er ihm freundlich, sich zu entfernen, und die Unterredung hatte ein Ende.
Fünfzehntes Kapitel
Hyndman der Türsteher führte den Falkner und den Pagen nach einem Raume im Erdgeschoß und bedeutete sie, daß sie dort sich zu verhalten hätten, bis ihnen durch Seine Gnaden Bescheid zu weiterem Dienste zuginge. Speise und Trank fänden sie in der Küche, und ihr Nachtlager hätten sie, da alles im Schlosse besetzt sei, im Gasthofe zu Sankt-Michael zu nehmen, sich morgens aber hier wieder einzufinden.
Kaum war Hyndman verschwunden, so fragte der Falkner mit aller Hast gespannter Neugierde:
»Nun, Roland, die Neuigkeiten, die Neuigkeiten! komm, öffne Deinen Zeitungsbeutel! Was spricht der Regent? hat er sich nach Adam Woodcock erkundigt? ist alles niedergeschlagen, oder wird der Abt der Unvernunft noch dran zu glauben haben?«
»Alles steht nach dieser Seite hin gut,« antwortete der Page; »aber« -- und hier sah er verwundert auf seine Mütze -- »habt Ihr mir etwa Kette und Medaillon von der Mütze abgemacht?«
»Freilich, und grade noch zur rechten Zeit, als der sauertöpfische Patron von Türsteher sich eben erkundigen wollte, was Ihr da für pfäffischen Plunder an Euch trüget! denn sonst wäret Ihr doch Euer Medaillon los, denn man hätt's Euch Gewissens halber konfisziert! Aber wie steht's denn mit Euren weitern Neuigkeiten? laßt Ihr sie nun bald fliegen? was hat der Regent zu Euch gesagt?«
»Nichts was ich weiter sagen werde,« erwiderte Roland.
»Was der Tausend!« rief Adam, »wie klug und weise wir doch mit einem Male geworden sind! Herr Roland, Ihr habt's wirklich in kurzer Zeit recht weit gebracht! Nahe dran wart Ihr, Euch einen blutigen Schadet zu holen, und habt Euch eine goldene Kette geholt, dann einen Feind erworben, den Herrn Türsteher nämlich mit seinen Säbelbeinen, dann habt Ihr Audienz gehabt beim ersten Mann in ganz Schottland, und nun steht Ihr da mit so geheimnisvollem Schleier um die Stirn, als wärt Ihr am höfischen Himmel geflattert, schön, als Ihr aus Eurem Ei krocht.. Meiner Treu, Ihr seid, scheint's mir, mit einem Stück Eierschale auf dem Kopfe herumgelaufen wie die Schnepfen drüben in Avenel ... wollte Gott, wir wären wieder hinter ihnen her! ... aber setz Dich, Junge! Adam Woodcocks Sache ist's nie gewesen, sich in Heimlichkeiten einzudrängen: da, setz Dich, ich will was zu essen und trinken holen, mir hängt der Magen schon ganz windschief, ich weiß ja von früher her, wo man hier was Gescheites bekommt.«
Der Falkner ging und überließ Roland den seltsamen und verwickelten, zugleich auch höchlich beunruhigenden Betrachtungen, die die Vorgänge dieses Vormittags in seinem Gemüte geweckt hatten. Gestern noch ohne Zweck und Ziel auf der Landstraße, als Begleiter einer Greisin, mit deren Verstand es ihm selbst nicht ganz richtig zu sein schien, und jetzt, ohne daß er selbst wußte, wie und weshalb, und in welchem Maße, der Hüter eines Staatsgeheimnisses von solch wichtiger Natur, daß der Regent selbst ihm treues Verschweigen ans Herz gelegt hatte. Der Umstand, daß er selbst die Tragweite dieses Geheimnisses nicht vollständig begriff, in dessen Besitz er wider Willen gesetzt worden war, war mehr geeignet, die Situation für ihn interessant, als gleichgültig zu gestalten. Es war ihm zu Mute, wie jemand, der eine romantische Landschaft zum ersten Male in einen Nebelsack gehüllt erblickt, so daß die Berge und Abgründe, zufolge der schwanken Umrisse, in denen Felsen, Bäume und andre Dinge ringsumher dem Auge erscheinen, doppelte Höhe und Tiefe gewinnen, weil es an jedem Maßstabe für sie gebricht. Selten gewinnt aber beim Menschen, vorzüglich, wenn er kurz vorm Eintritt in das zweite Lebensjahrzehnt steht, die Phantasie dermaßen die Herrschaft über sein ganzes Wesen, daß ihm das Bewußtsein für irdische Nahrung abhanden kommt. So war es auch unserm Helden, wie wir ihn nachgerade wohl nennen dürfen, ganz lieb und recht, daß sein Freund Adam Woodcock mit einer tüchtigen Schüssel voll Rindfleisch und Gemüse wieder in der Stube erschien und hinter ihm drein ein Diener sichtbar wurde, der Salz und Brot und was sonst zu einer rechtschaffnen Mahlzeit gehört, herbeitrug. Der Falkner sagte freilich, für das armselige Dienervolk des Adels werde es mit jedem Tage schlechter und karger, es sei wirklich ein Stück Arbeit, etwas Bessers noch zu ergattern als Haut und Knochen, grobe Reden und Püffe seien weit leichter zu haben, und Bier gebe es überhaupt nicht mehr, sondern nur Malzwasser ... »aber, Kamerad,« setzte er bei, »es kommt nichts heraus dabei, Klagelieder über alte Zeiten anzustimmen, besser ist's schon, man sucht die Gegenwart zu nehmen, wie sie ist.«