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Mit diesen Worten setzte sich der ehrliche Falkner neben den Junker, dessen Sorge um die Zukunft in der angenehmen Befriedigung einer durch Jugend und Entbehrung geschärften Eßlust schon eine Weile lang geschwunden war. Sie hielten auch wirklich auf königliche Kosten ein tüchtiges Mahl, so schlicht auch die Speisen waren, aus denen es bestand, und ungeachtet des über den Haustrunk des Palastes gefällten Tadels hatte er doch bereits viermal tüchtig an dem Kruge »gezulpt«, bevor es ihm wieder einfiel, daß er sich drüber »mokiert« hatte. Dann warf er sich in einen alten Armsessel, heftete auf seinen Gefährten einen Blick sorgenloser Lust und bedauerte es lebhaft, daß demselben noch immer nicht die Ballade bekannt sei, die er für den Aufzug des Narrenabtes komponiert habe. Und ohne auf eine Aufforderung zu warten, stimmte er munter und fidel an:

Der Papst in stolzer Heidenpracht

Hüllt uns in Narrenkappen.

Wenn Blinder Blindenführer macht,

Im Irrsal beide tappen;

Auf seinem Thron spricht keck er Hohn.

Dem, was Vernunft gebeut ...

Singt dudeldum und dudeldei

Im Grünen ungescheut.

Der Bischof brummt, wie Ihr ja wißt,

Und neckt sich mit der Dirne.

Der Sündenmönch frönt dem Gelüst

Mit frecher Muckerstirne.

Nicht lesen schier kann sein Brevier

Der Pfaff. O arge Zeit!

Singt dudeldum und dudeldei

Im Grünen ungescheut.

Roland fand an diesem Spottgedicht, wie sich bei seiner Denkart und Glaubensrichtung wohl denken läßt, kein sonderliches Behagen und griff nach seinem Mantel, um ihn über die Schulter zu werfen, und Adam Woodcock setzte deshalb in seinem Gesange aus. »Wo soll's denn schon wieder hin, unruhiger Knabe?« rief er, »Du hast doch ganz gewiß Quecksilber in Deinen Adern! hältst genau so wenig aus, wie ein Falke auf dem Handgelenk, wenn er die Haube nicht auf hat.«

»Je nun, Woodcock,« antwortete der Page, »ich will mal einen Gang durch die Stadt machen, wenn Du es durchaus wissen willst. Wenn man die ganze Nacht hier zwischen vier Steinmauern verbringen sollte, dann könnte man grad so gut eingekerkert sitzen im alten Schloß am See.«

»Aber allein laß ich Euch keinen Schritt tun,« sagte der Falkner, »bis der Regent Euch wohlbewalten aus meiner Hand empfing. Drum laßt uns, wenn's Euch paßt, nach Sankt-Michael in den Gasthof gehen. Dort werden wir Menschen genug sehen, aber durchs Fenster, wohlgemerkt! denn daß Ihr etwa noch mal hinauslauft, um Euch mit Seytons und Leslies herumzuschlagen, das geb ich auf keinen Fall zu.«

»Na, also auf nach Sankt-Michael!« stimmte der Page bei; und sie verließen den Palast, gaben der Wache am Tore Bescheid über Namen und Stand und Zweck ihrer Anwesenheit im Schlosse und wurden dann gegen Ausfolgung von Einlaßkarten für den kommenden Tag durch eine enge Pforte des Haupttors hinausgelassen. Bald hatten sie den Gasthof, der am Fuße des Calton-Hügels lag, erreicht, ein großes, unwirtliches Gebäude, das mehr einer Karawanserei des Morgenlandes glich als einem Gasthofe im Abendlande,

Der jeden Wunsch des Gastes zu erfüllen trachtet,

Der nicht auf Kreide bei der Zeche achtet.

Immerhin gab es für Roland, dessen Auge an solchen Anblick, wie ihn eine volle Gaststube des damaligen Schottland darbot, nicht gewöhnt war, des Aufregenden und Ergötzlichen grade genug zu sehen. Einheimische und Fremde trafen einander hier, begrüßten einander, spielten Karten und pokulierten zusammen, ohne daß sich einer um den andern kümmerte, und bildeten so einen schroffen Gegensatz zu der strengen Ordnung und einförmigen Ruhe, mit der sich alles in dem wohlgeordneten Haushalte des Ritters von Avenel vollzog. Neckerei, Wortwechsel und Zank gab es an allen Tischen, und doch schien der Lärm, der dadurch entstand, niemand zu stören, ja niemand zu kümmern als die Gruppe, zu der die im Disput befindlichen grade gehörten.

Der Falkner setzte sich, in eins der Erkerfenster, ließ sich kalten Kapaun und Rindszunge und Landwein bringen und sagte zu Roland:

»So, Kamerad! nun zugelangt, heut soll's noch ein paar lustige Stunden setzen! Begraben wir die Sorgen bis morgen!«

Aber Roland war noch zu satt von dem Abendessen im Schlosse und vergnügte sich durch die Beobachtung des draußen in dem großen Hofe herrschenden Lebens und Treibens. Die vielen, jetzt zur Hauptstadt strömenden Adelinge des Landes hatten alle Ställe mit ihren Pferden in Beschlag genommen, und es wimmelte draußen von kriegerischem Gefolge und von Dienerschaft in allen möglichen Trachten und Livreen. Das war ein Singen und Lärmen und Pfeifen und Schreien und Lachen, untermischt mit Waffen- und Sporengeklirr, mit Stampfen und Wiehern, daß Roland bald die Ohren weh taten. Aber er hörte nicht auf, zu sehen und zu staunen. Wiederholt hatte Woodcock ihn aufmerksam gemacht auf das und jenes, das ihm besonders verdiente, beobachtet zu werden, und worunter sich auch manche Dirne befunden hatte, die im buntfarbigen Mieder, in schmuckem Rock und Unterrock mit der Gelte zum Trog gelaufen war, um dem einen oder andern bevorzugten Knecht oder Diener bei der Abwartung seines Rosses zur Hand zu gehen. Aber kein einziges mal hatte Roland ihn einer Antwort gewürdigt.

»Na, Schockschwerenot! Roland, was seht Ihr denn bloß, daß Ihr gar kein Wort für mich übrig habt?«

Roland blieb nach wie vor stumm.

»Na, wißt Ihr, Herr Roland,« sagte der Falkner wieder, »bei mir zu Hause ist's nicht Mode, daß man jemand die Antwort weigert, der mit einem spricht.«

Aber auch jetzt kam keine Antwort aus dem Munde des Gefährten.

»In dem Burschen steckt wahrhaftig der Henker,« brummte der Falkner vor sich hin, »der muß sich die Augen verguckt und die Zunge lahm geschwatzt haben.«

Er goß den Krug Wein hinunter und rückte näher zu Roland heran, der wie eine Bildsäule dasaß und in den Hof hinaus stierte, trotzdem sich dort, wenigstens für die Augen des Falkners, nicht das geringste zeigte, was solches stieren Gaffens als wert hätte erscheinen können. Aber das Staunen des Pagen hatte seine guten Gründe, wenngleich sie nicht danach beschaffen waren, daß er sich zu seinem Kameraden darüber hätte aussprechen können.

»Der Bursche ist, weiß der Himmel, von Sinnen!« brummte Woodcock vor sich hin. Der Lärm im Hofe hatte verschiedene Leute von der Straße herbeigelockt, darunter auch einen Pagen, dessen Erscheinung, als er ins Hoftor trat, die Aufmerksamkeit Rolands sogleich auf sich gezogen hatte. Er war etwa von gleichem Alter mit ihm, eher junger als älter, und mochte, der Tracht und Haltung nach zu schließen, einem gleich vornehmen Hause angehören wie er, bloß war er zierlicher und schmächtiger von Gestalt. Er warf, kaum in den Hof getreten, einen Blick zu den obern Fenstern hinauf, und da erkannte Roland zu seinem höchsten Staunen unter der purpurnen Samtmütze mit der weißen Feder, die den Pagenkopf bedeckte, die seiner Erinnerung so tief eingeprägten Gesichtszüge mit den wohlgeformten Brauen unter den goldnen Ringellocken und der Purpurlippe, die in der Regel von halb unterdrücktem schelmischem Lächeln umspielt war, mit einem Worte, da erkannte Roland in dem schmücken Pagen die lustige Maid, die er zum erstenmal in dem Kloster, zum andern mal in dem Palaste des Lords Seyton gesehen hatte, Katharina Seyton! ja, Katharina Seyton in Pagentracht, und, dem Anschein nach, mit Geschick und Glück bemüht, ihn nachzuäffen.

»Beim heiligen Georg und was weiß ich noch allem!« sprach Roland bei sich, »sah man wohl je eine keckere Dirne? .. Indessen sieht's doch so aus, als ob sie ihrer Vermummung sich ein wenig schämte, denn jetzt hält sie schon wieder den Mantelzipfel vors Gesicht ... aber, mit welcher Keckheit drängt sie sich durch diesen Haufen von Mannsvolk .. Ich glaube gar, jetzt zieht sie dem Stallburschen in der Friesjacke mit der Reitgerte ein paar über!«