Ein Tölpel von Stallburschen in dicker Friesjacke hatte dem, wie es schien, in großer Eile befindlichen Pagen nicht Platz machen wollen und bekam jetzt seine Reitpeitsche zu kosten. Sie sauste ihm um die Ohren, und brummend trat der ungelenke Mensch beiseite! Während seine Kameraden sich darüber vor Lachen ausschütten wollten, trat eine Dirne, in rotem Mieder, die ihm geholfen hatte und seinem Mißgeschick dadurch die Krone aufsetzte, daß sie aus vollem Lachen mitlachte, zu dem Pagen heran und fragte, ob er vielleicht hier jemand suche.
»Richtig erraten, mein Kind, einen jungen Schößling mit Palmenzweig auf der Mütze, schwarzäugig und schwarzlockig, in grünem Wams und mit den Mienen eines Gecken vom Lande. Ich hab ihn schon überall in der Canon-Gate gesucht und kann ihn nicht finden.« »Na, nur gemütlich,« murmelte Roland verwundert in sich hinein, »das hört sich ja recht schmeichelhaft an!«
»Ich will dem schmucken jungen Herrn gern den Gefallen tun und Umschau nach dem jungen Buben vom Lande halten,« sagte die Magd zu dem Pagen.
»Seid so gut,« antwortete dieser; »bringt Ihr ihn mir her, sollt Ihr heut abend auch einen guten Groschen und am andern Sonntag, wenn Ihr ein reines Mieder anhabt, einen Schmatz bekommen.«
»Na, das nenn ich die Keckheit doch etwas weit getrieben, gegen mich wie gegen die Dirne,« brummte Roland in sich hinein.
»Den Groschen könnt Ihr behalten,« beschied die Dirne, »und den Schmatz schenk ich Euch!«
Im andern Augenblick war die Magd, die für Pagen einen schärfen Blick zu haben schien, in der Gaststube und sah sich um. Dann ging sie heraus, um gleich darauf mit dem Pagen hereinzutreten.
Die verkleidete Maid ließ ihren Blick keck über die in der Gaststube sitzende und stehende Gesellschaft von Mannsvolk schweifen; Roland wußte nicht, was er von ihr denken sollte, nahm sich aber vor, sich nicht einschüchtern zu lassen, sondern ihr lustig gegenüberzutreten und sie gleich merken zu lassen, daß er sie erkannt habe und um ihr Geheimnis Bescheid wisse, daß also ihr Schicksal in gewissem Sinne in seiner Hand liege, und daß er sie recht wohl nötigen könne, sich vor ihm zu »ducken« oder wenigstens doch so zu tun, als »krieche sie vor ihm zu Kreuze«.
In dieser Weise hatte sich Roland die weitere Entwicklung der Situation recht fein ausgedacht; aber als er die zu solchem Verhalten passende Miene grade aufsetzen wollte, trafen seine Blicke auf das kecke, unverwandt auf ihn gerichtete Augenpaar seines brüder- oder schwesterlichen Pagen, der in ihm sogleich mit seinem Falkenblick die Persönlichkeit erkannt hatte, auf deren Suche er begriffen war, und mit der unbefangensten Miene und dem unerschrockensten Wesen von der Welt hörte er sich plötzlich angesprochen:
»Ei, Herr Palmenzweig, Euch such' ich, weil ich mit Euch was zu sprechen habe.«
Es war dieselbe ruhige, zuversichtliche und kalte Stimme, wie er sie im Kloster aus ihrem Munde vernommen hatte, es waren dieselben Gesichtszüge, die ihm so scharf vor der Seele standen, die ihm, aus solch unmittelbarer Nähe gesehen, ganz unmöglich Zweifel wecken konnten, und doch stand er da perplex und außer stande, sich die Situation zurechtzulegen, und es war ihm, als wenn ihn Ungewißheit beschliche, ob er nicht doch am Ende das Opfer einer Augen- oder Sinnestäuschung sei; und aus der Klugheit, die er hatte entfalten wollen, aus der pfiffigen Miene, die sein Gesicht hatte zeigen sollen, war eine alberne Blödigkeit, aus dem spöttischen Lächeln, das auf seine Lippen hatte treten wollen, ein dummes Grinsen geworden, so daß er ganz aussah, wie jemand der lachen will, um seine Verlegenheit zu bemänteln.
»Na, ich denke doch, bei Dir zu Lande wird Schottisch gesprochen, Palmzweig?« fragte die wundersame Fee in der noch wundersamern Verkleidung, »ich sagte doch, ich hätte mir Dir zu reden!«
»Was habt Ihr junges Kampfkücken denn vor mit meinem Kameraden?« fragte Adam Woodcock, der sich anschickte, seinem Kameraden zu Hilfe zu kommen, obgleich er über den Grund von dessen Verwirrung auf durchaus falscher Fährte war.
»Mit Euch altem Hahne gar nichts,« erwiderte das jugendliche Stutzerlein, »geht Ihr in aller Ruhe und reicht Euren Falken Pillen zum Abführen! Ich seh es ja an Eurer Tasche und Eurem Handschuh, daß Ihr so was seid wie Falkenier?«
Das Stutzerlein lachte, und dieses Lachen rief ihm jenes andre, das er im, Kloster gehört hatte, so deutlich in die Erinnerung, daß er sich kaum, enthalten konnte auszurufen: »Katharina Seyton, so wahr Gott lebt« -- aber er unterdrückte noch rechtzeitig diesen Ausruf und sagte statt, seiner nur: »Mir kommt so vor, mein junger Herr, als seien wir einander nicht ganz fremd.«
»Dann müssen wir einander grade im Traume gesehen haben,« sagte der Page, »ich habe tagsüber aber so viel zu tun, daß es mir ganz unmöglich ist, mich um Träume zu kümmern.«
»Oder Euch derjenigen bei Tage nicht mehr zu entsinnen, die Ihr abends gesehen habt,« versetzte Roland.
Der Page sah ihn verwundert an, dann sagte er: »Ich verstehe von Euren Reden nicht mehr und nicht weniger als dort der Gaul. Soll in Eurer Rede ein Tort gegen mich liegen, so steh ich nicht an, Euch darüber zur Rede zu stellen, wie jeder andre junge Kavalier von Edinburg.«
»Daß ich mich mit Euch nicht in Händel einlassen werde, wißt Ihr recht gut,« erwiderte Roland, »wenn's Euch beliebt mit mir wie mit einem Fremden zu reden. Mir muß ja jeder Streit mit Euch fern liegen.«
»Dann laßt mich in Ruhe den Auftrag ausrichten, den ich für Euch habe« sagte der Page. »Aber, tretet ein wenig hier herüber, damit uns das alte Falkenleder nicht hört.«
Sie trat in einen Verschlag am Fenster, der Jüngling kehrte der Gesellschaft in der Gaststube den Rücken zu, nachdem er sich noch einmal mit scharfen Blicken rings umgesehen, dann zog er unter seinem Purpurmantel ein kurzes, aber fein ziseliertes Schwert hervor, dessen Griff und Scheide mit silbernem Zierat ausgelegt waren, und sprach zu Roland wie folgt:
»Ein Freund sendet Euch diese Waffe und schenkt sie Euch unter der Bedingung, daß Ihr sie nicht früher ziehen sollt, als bis es Euer angestammtes Oberhaupt Euch befiehlt. Weil man Euer heißes Blut kennt, und Eure Keckheit, Euch um ungelegte Eier zu bekümmern, soll dies Eure Strafe sein, erteilt von denjenigen, die Euch wohlwollend gesinnt sind und deren Hand bestimmt ist, in Euer Geschick einzugreifen. Dies ist mein Auftrag. Wollt Ihr nun ein ehrliches Wort austauschen gegen ein gutes Schwert und Euer Gelübde durch Handschlag und Handschuh verpfänden, dann laß ich Euch meinen Flamberg da, andernfalls bin ich gehalten, ihn denen wieder zurückzubringen, die ihn mir übergeben haben.«
»Ich darf nicht fragen, wer die Auftraggeber sind?« fragte, die herrliche Waffe bewundernd, Roland.
»Mein Auftrag ermächtigt mich nicht, auf solche Frage Bescheid zu tun,« sagte das Stutzerlein im Purpurmantel.
»Und auch, wenn mich Beleidigung trifft, soll ich nicht vom Leder ziehen dürfen?« fragte Roland wieder.
»Nicht dieses Schwert,« versetzte der Page, »aber dazu habt Ihr ja doch das eigne Schwert, das ich Euch doch nicht nehmen soll; und wozu habt Ihr denn Euren Dolch?«
»Unter dieser Bedingung, und da es von so lieber Hand kommt, nehme ich das Schwert,« erklärte Roland, »doch glaubt mir, sofern wir in irgend welcher Unternehmung von Wichtigkeit, wie ich ja doch anzunehmen veranlaßt worden bin, gemeinsam handeln, dann wird doch ein gewisser Grad von Vertrauen und Offenheit Eurerseits von nöten sein, um meinem Eifer das nötige Feuer zu geben. Für den Augenblick will ich nicht weiter in Euch dringen. Es genügt mir, wenn Ihr mich versteht.«