»Wenn ich Euch verstehe?« wiederholte der Page, jetzt seinerseits unverblümte Verwunderung zeigend, »nicht leben will ich, wenn dem so ist ... Ihr steht da und lächelt und schneidet Gesichter, als wenn Gott weiß welches Wunderding von Rank und Intrige zwischen uns sich abspielte, und dabei habe ich doch weder Euch noch habt Ihr mich gesehen!« »Was?« rief Roland Gräme, »Ihr wolltet in Abrede stellen, baß wir einander schon gesehen hätten?«
»Potztausend! vor jedem christlichen Potentaten will ich's beschwören!« rief der andre Page.
»Und wollt Ihr ferner leugnen, daß es uns eingeschärft worden ist, uns wechselseitig unsre Gesichtszüge einzuprägen?« rief Roland. »Gedenkt Ihr nicht der Damen Brigitte und Magdalene ...«
Hier unterbrach ihn der Page mit mitleidsvollem Achselzucken und sagte:
»Was schwatzt Ihr da von einer Brigitte und einer Magdalena? ... Na, das ist doch helle Verrücktheit oder Träumerei! ... Wißt Ihr was, mein Herr Palmenzweig? Mir scheint, Ihr seid nicht mehr recht bei Euch! oder Euer bißchen Griebs ist Aehren lesen gegangen! Trinkt einen guten Magenbitter, oder zieht über Euer krankes Hirn eine wollne Nachtmütze ... und damit Gott befohlen!«
Damit war der Page verschwunden.
Sechzehntes Kapitel
Am andern Morgen dämmerte es kaum, so wurde am Wirtshaus durch laute Schläge am Türklopfer Einlaß begehrt im Namen des Regenten. Gleich darauf stand Michael Wingthewind vor unsern Reisenden, die sich in den Betten befanden.
»Auf, auf!« rief er, »wenn Murray ruft, ist's aus mit Schlaf!«
Im Nu waren beide aus den Betten und auf den Beinen.
»Alter Freund,« sagte Michael zu Adam, »Ihr müßt sofort aufsitzen mit diesen Schriftstücken nach Kennaqhueir und Avenel! dies eine hier dem Abt, und jenes andre dem Ritter Avenel behändigen.«
»Das heißt also auf schottisch: die Mönche sollen die Abtei räumen,« rief Adam, die Schreiben in seine Jagdtasche steckend, »und mein Herr soll dafür sorgen, daß es prompt geschieht. Aber zwei Brüder aufeinander zu hetzen ist keine rühmliche Sache.«
»Kümmert Euch nicht um ungelegte Eier,« verwies ihn Michael, »sondern macht, daß Ihr in den Sattel kommt, denn werden die beiden Befehle nicht sofort vollstreckt, dann wird man vom Marienkloster bald bloß noch die Mauern und vom Schloß Avenel nicht viel mehr sehen. Ich hörte Murray in heftigem Disput mit Morton, und wir sind beide so gestellt miteinander, daß über Kleinigkeiten keine Differenzen erwachsen dürfen.«
»Ist noch vom Abte der Unvernunft die Rede gewesen, oder gilt das als beigelegt?«
»Das hat man als Jux nicht weiter beachtet, weil's keinen Schaden gestiftet hat. Aber laßt künftig die Finger von solchen Geschichten und denkt an die Mortonsche Jungfer.«
»Die soll mir den Hals nicht wegsäbeln,« meinte Woodcock und schlang sich das Tuch dreimal um den dicken, sonnverbrannten Hals, indem er dreimal hintereinander Roland zurief, sich schnell fertigzumachen.
»Laßt den Pagen in Ruh,« sagte Wingthewind, »der begibt sich nicht mit Euch zurück, für den hat der Regent einen andern Auftrag.«
»Alle Heilige! Herr Roland Gräme soll hier bleiben?« rief Woodcock, »und ich soll allein nach Avenel zurück? Aber das geht doch nicht! so ein junges Blut weiß sich doch nicht durch die Welt zu bringen! da gibt's doch der Fälle noch gar zuviel, wo er auf meiner Pfeife Lockruf hören muß!«
Roland schwebten schon Worte auf der Zunge, den Falkner auf eine Gelegenheit zu verweisen, bei der er selber besser gefahren wäre, wenn er auf andrer Rat geachtet hätte, aber er unterließ die Bemerkung, als er die echte Bekümmernis auf dem Gesichte des braven Alten über die Trennung wahrnahm. Indessen kam er ohne Neckerei doch nicht los, denn Michael nahm ihn jetzt beim Arme und fragte ihn:
»Aber sag doch bloß, Alter, was ist denn mit Deinen Augen? die sind ja geschwollen, als sollten sie aus den Höhlen treten!«
»Ach, laß meine Augen!« versetzte unwirsch Adam, »das kommt vom Schlafen auf den vermaledeiten Schloßpritschen! ich laß mir einen Holzapfel braten und setz eine Flasche Bier drauf, da wird die Geschwulst bald weg sein!«
»Recht so, Adam! ich werde Dir Deinen Gaul satteln lassen und für den Holzapfel sorgen. Aber spute Dich! Der Regent hat's eilig!« Während seiner Abwesenheit nahm Woodcock den Pagen, bei der Hand.
»Mein lieber Roland,« sagte die biedre Seele, »wer weiß, ob wir je wieder einen Falken zusammen steigen lassen. Mir tut's leid, daß wir scheiden müssen, als wenn Ihr mein eigner Sohn wärt, nehmt's mir nicht übel! Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich kann's nicht ändern, Ihr seid mir lieber als jeder andre Junge auf dem Schloß. Drum laßt Euch heut dreierlei noch sagen zum Abschied, Roland! Ihr sollt Euch nun allein bewegen in dieser unruhigen Welt, in der wir uns zurzeit befinden. Also merkt Euch folgendes: Zieht Euren Dolch nicht bei geringfügiger Veranlassung, denn nicht jedermanns Wams möchte so ausgepolstert sein, wie das des Unvernunftabtes; lauft nicht jeder hübschen Dirne nach wie der Sperber der Drossel! denn Ihr werdet nicht immer güldne Ketten dabei ergattern; und drittens: nehmt Euch vorm Kruge in acht! ein guter Trunk hat schon klügre Männer als Euch um die gesunden fünf Sinne gebracht. Und nun, lieber Junge, lebt wohl. Wir haben zu mehr jetzt keine Zeit ... Aber da habt Ihr noch Eure Kette und Euer Medaillon! fast hätt ich beides vergessen. Verwahrt die Dinge gut, denn sie sind massiv und können Euch in manchem Fall der Not zum Nutzen sein. Aber seid auch hübsch vorsichtig damit!«
Roland erwiderte den warmen Händedruck des braven Falkners, trug ihm auf, seiner Gebieterin zu sagen, daß es ihn noch jetzt schmerze, ihr weh getan zu haben, und daß er sich in der Welt so aufführen werde, daß es ihr zur Freude gereichen solle, wie es ja um des gütigen Schutzes willen, den sie ihm gewährt habe, für ihn Pflicht und Schuldigkeit sei.
Dann bestieg der Falkner seinen frischen, gut gefütterten Gaul und trabte von dannen. Jeder Hufschlag schien Roland Gräme zu treffen, denn er fühlte, wie innig auch er an dem braven Manne hing und wie seltsam es ihm zu Mute war, jetzt allein, bloß auf sich selbst angewiesen, in der Welt zu stehen. Aber Michael kam jetzt zurück und riß ihn aus seinem Sinnen durch den Zuruf, daß der Regent auf ihn warte. Er müsse sich außerordentlich sogar beeilen, denn es sei heut eine sehr eilige Staatsratssitzung anberaumt und der Regent habe ausdrücklich befohlen, den Pagen vorher ihm zuzuführen.
Michael führte Roland in ein kleines, mit Teppichen dicht belegtes Zimmer, wo Graf Murray im dunkelfarbigen Schlafrock, in Pantoffeln und Mütze auf einem Sessel saß. Aber auch bei dieser bequemen Morgentracht trug er den Degen an der Seite, halb aus persönlicher Vorsicht, halb den Vorstellungen seiner Freunde sich fügend. Auf die ehrfurchtsvolle Verbeugung des Pagen antwortete er durch ein Nicken. Dann ging er ein paarmal in dem Zimmer auf und nieder, den Blick scharf auf Roland gerichtet, wie wenn er im Innern seiner Seele lesen wolle. Endlich brach er das Schweigen durch die Frage:
»Julian Gräme lautet Euer Name -- nicht so?«
»Roland Gräme,« versetzte der Page, »nicht Julian, gnädigster Herr!«
»Ach richtig, mein Gedächtnis hat mich im Stich gelassen. Roland Gräme aus dem bestritten Lande, richtig! ... Nun, Roland! Dir sind die Obliegenheiten im Dienst einer Dame bekannt?«
»Ja, gnädigster Herr, denn ich bin auferzogen worden im Dienste der Dame von Avenel. Aber ich denke sie nie wieder zu üben, da mich der Ritter von Avenel ...«
»Schweigt, Bursche,« fuhr der Regent ihn an, »zu sprechen habe hier ich, und Ihr habt zu hören und zu gehorchen. Es ist notwendig, daß Ihr auf einige Zeit wieder in den Dienst einer Dame tretet, die an Rang in Schottland nicht ihresgleichen hat. Ist dieser Dienst vorüber, und ward er prompt erfüllt, dann soll Eurem Ehrgeiz, darauf gebe ich Euch mein gräflich Wort, eine Bahn sich eröffnen, die dem stolzesten Manne recht sein dürfte ...«