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Der neben ihm reitende Mann zeigte den unmittelbaren Gegensatz zu dem rauhen Lord, sowohl in Gestalt und Gesicht wie in Haltung und Wesen. Sein spärliches zartes Haar war auch bereits ergraut, obgleich er nicht über die Mitte der Vierziger sein mochte. Der Klang seiner Stimme war sanft und schmeichlerisch, seine Gestalt schmächtig, hager und leicht gebeugt, das bleiche Gesicht hatte einen auffälligen Zug von Klugheit, eher noch Verschmitztheit, aber auch hoher Einsicht, sein Auge war lebhaft aber freundlich, und sein ganzes Benehmen mild und einnehmend. Er ritt einen Zelter, wie ihn Frauen und geistliche Herren zu reiten liebten, und trug ein Koller von schwarzem Samt, Mütze und Feder von der gleichen Farbe, letztere durch ein goldnes Medaillon gehalten, und -- mehr als Schmuck und Rangabzeichen als zum Gebrauch -- einen Staatsdegen, sonst keinerlei Waffen.

Der Zug war aus der Stadt heraus und in gleichmäßigem Tempo in der Richtung nach Westen zu unterwegs. Roland hätte gern über das Endziel ihres Rittes etwas vernommen, aber der Reiter, dem er zugewiesen worden war, zeigte ein so bärbeißiges Gesicht, daß es Roland für geratener hielt zu schweigen. Die gleiche Schweigsamkeit herrschte in dem ganzen Trupp, der eher einer Prozession von Mönchen als einem Kriegerzuge glich, und diese übertriebne Strenge setzte Roland nicht wenig in Staunen, denn selbst der Ritter von Avenel, der auf sehr strenge Mannszucht hielt, gestattete seinen Mannen auf dem Ritt zur Kurzweil den Austausch von Reden wie den Sang eines muntern Reiterliedes. Indessen kam ihm diese Ruhe insofern zu gute, als sie ihm Zeit schuf, die eigene Lage mit Sammlung zu überdenken und sich klar zu werden über die Aufgaben, die ihm die Zukunft, nach den Instruktionen des Ritters zu schließen, stellen mußte.

Es lag klar auf der Hand, daß es ihm durch seltsame Fügung der Umstände, deren Aenderung nicht in seiner Hand lag, beschieden worden war, zu den Parteien, die jetzt in Schottland um die Herrschaft rangen, in Beziehungen zu gelangen, die sich unmöglich zusammen vertragen konnten, wenngleich er weder als Anhänger der einen Partei noch der andern gelten konnte. Es wurde ihm jetzt nach und nach klar, daß ihm die gleiche Stellung, zu der ihn der Regent auserwählt hatte, auch von seiner Großmutter, der Frau Magdalena Gräme, bestimmt gewesen war, denn darüber mußte ihn manches Wort, das in der Unterhaltung zwischen Murray und Morton, deren unwillkürlicher Zuhörer er gewesen war, Aufklärung gegeben haben. Nicht minder klar war es ihm aber, daß ihn der Graf als erklärter Feind, die Großmutter als inbrünstige Anhängerin des katholischen Glaubens, der Graf als der anerkannte Führer einer neuen Regierungspartei, die Großmutter als strenge Verfechterin der alten Legitimität, für diese Aufgabe bei Maria von Schottland ersehen hatte. Es bedurfte nur eines sehr geringen Grades von Witz und Ueberlegung, sich darüber klar zu werden, daß dieser Widerstreit der an ihn gestellten Anforderungen ihn binnen kurzem in eine Situation bringen mußte, in der seine Ehre in schlimmster Gefahr schwebte, Schiffbruch zu leiden, und daß er sein Leben dabei nicht minder in die schwerste Bedrängnis setzte. Aber es lag nicht in Rolands Charakter, sich um Not früher zu sorgen, als sie wirklich da war, und sich mit Schwierigkeiten früher zu befassen, als sie sich tatsächlich zeigten ... »Sehen will ich sie, die unglückliche und schöne Maria Stuart,« sprach er bei sich, »von der ich schon so unendlich viel gehört habe, und dann wird es noch immer Zeit genug sein, sich darüber klar zu werden, ob ich mich zum Regenten oder zur Königin schlage. Kann doch weder die eine noch die andre Partei sagen, ich hätte mich durch Wort oder Spruch verpflichtet, denn sie haben mich beide wie einen blinden Hans an ihrem Gängelbande geführt, und keine hat mir bestimmt gesagt, was sie eigentlich von mir erwartet und will. Ein Glück für mich war's, daß der grimmige Douglas heut morgen ins Kabinett des Regenten schneite, sonst wäre ich ohne Verpfändung der Treue nicht von dem Herrn losgekommen.«

Unter solchen Gedanken kam Roland mit der Reiterschar des Lords Lindesay ohne weiter bemerkenswerte Abenteuer, als daß ihnen beim Uebersetzen über die Königinnenfurt ein Pferd lahm wurde -- zur damaligen Zeit ein sehr häufiger Unfall -- und daß von den Zinnen der alten Ritterburg Rosythe nördlich der Fähre, ohne daß zwischen dem Burgherrn und Lindesay Fehde bestanden hätte, eine alte Feldschlange auf sie gefeuert wurde, die aber keinerlei Schaden anrichten konnte ... bis zu dem malerisch schönen See, in dessen Mitte, auf einem Eilande, das alte Schloß Lochleven sich erhebt. Wie heute, so bestand auch damals die wellenumgürtete Burg aus keinem andern Gebäude als einem von einem großen Hofe umschlossenen Gefängnisturme, den zwei Ecktürme flankierten. Den Anblick trostloser Abgeschiedenheit frischten ein paar Gruppen von alten hohen Bäumen auf. Indessen konnte sich der Page, als er sich sagte, daß hier eine jugendliche Königin in Haft gehalten werde, eines tiefen Schmerzes nicht erwehren, und wenn er des eignen Loses gedachte, das ihn an solch öde Stätte führte, so war er von Freude darüber auch fern.

Die Reiterschar hatte jetzt das Seeufer erreicht, und einer aus dem ersten Zuge ritt vor, das Fähnlein Lord Lindesays zu entfalten, wahrend der Baron selbst in sein mächtiges Hifthorn stieß. Sogleich stieg als Antwort an der Turmspitze die Burgfahne auf, und ein paar Männer liefen an den See hinunter, das Boot loszumachen.

»Es wird geraume Zeit währen,« sagte Sir Robert zum Lord, »ehe sie mit dem Boote herüber sind. »Wär's nicht gut, die Zwischenzeit zu einem Ritt ins Städtchen zu benutzen und unsern Anzug ein wenig in Ordnung zu bringen? Wir können doch unmöglich so schmutzig vor ...«

»Haltet Ihr das, wie Ihr wollt!« versetzte Lindesay, »ich habe für solch eitlen Tand weder Zeit noch Lust. Sie hat manch sauern Ritt gekostet und braucht jetzt an meinem schäbigen Mantel und schmutzigem Wams nicht Anstoß zu nehmen. Es ist die Tracht, in die sie ganz Schottland versetzt hat.«

»Sprecht nicht so hart,« erwiderte Sir Robert, »denn tat sie unrecht, hat sie's schwer gebüßt! Ihr all die kleinen äußerlichen Huldigungen zu entziehen, auf die sie als Fürstin wie auch als Frau noch Anspruch hat, will mir nach solchem Verlust königlicher Gewalt als überflüssige Herzlosigkeit erscheinen.«

»Macht das, wie Ihr wollt, Sir Robert, sag ich Euch nochmals,« fuhr ihn Lord Lindesay grob an, »ich bin zu alt, um die Putzstube einer Dame noch als Geck zu zieren.«

»Putzstube, Mylord?« fragte Sir Robert mit einem Blick auf den alten Turm, »beliebt's Euch, die düstre Burg mit den vergitterten Fenster, das Staatsgefängnis einer in Haft genommenen Königin mit solch, lustigem Namen zu belegen?«

»Nennt's so oder anders,« versetzte grob der Lord, »wenn der Regent den alten Grobian von Lindesay zu dieser Visite bestimmt hat, statt einen der vielen Stutzer vom Hofe zu nehmen, so wird er wohl gewußt haben, warum, und wie mit dem irre geleiteten Weibe geredet werden muß. Ich habe mich zu dieser Kommission nicht gedrängt, sie ist mir aufgetragen worden, und wenn ich mich ihrer entledige, mag ich nicht mehr Umstände damit haben als eben notgedrungnerweise damit verknüpft sein müssen.«