Mit diesen Worten sprang der Lord vom Pferde und warf sich ins Gras, um auf das Boot zu warten, während seine Reiter im Sattel blieben. Sir Robert Melville war gleichfalls abgestiegen und ging mit verschränkten Armen am Gestade auf und ab, den Blick oft nach dem Turme hinüber lenkend, dessen unheimliches Düster ihm Betrübnis und Kummer zu machen schien. Die Fährleute näherten sich inzwischen dem Ufer. Kaum hatte der Lord das Boot mit einem Blicke gesehen, als er den Mann am Steuer anfuhr, weshalb er kein größeres gebracht habe, sein Gefolge mit überzusetzen.
»Mit Verlaub,« antwortete der Mann, »weil der Befehl der gnädigen Frau lautet, nicht mehr als vier Personen zur Burg hinüber zu rudern.«
»Deine gnädige Madam ist eine kluge Sibylle,« versetzte Lindesay, »daß sie in mir Verrat wittert. Aber hätt ich dergleichen im Sinne, was hinderte mich wohl, Dich und Deine Leute ins Wasser zu schmeißen und mit meinen Mannen das Boot zu füllen?«
Der Mann am Steuer wiederholte, daß er nach seinem Befehle handeln müsse, er wolle aber zurückrudern und eine Aenderung des Befehls zu erwirken suchen.
»Tut das, Mann,« sagte Sir Robert Melville, nachdem er sich umsonst bemüht hatte, den Lord zu einer Beschränkung seines Gefolges auf die kurze Zeit zu bestimmen ... »Wartet,« rief Lord Lindesay dem Fährmanne zu, »nehmt hier den Pagen mit hinüber, der für den Gast Eurer Gebieterin ausgesucht worden ist ... Abgesessen, Musje!« befahl Lord Lindesay dem Pagen, »fahr mit dem Boote hinüber!«
»Und was wird aus meinem Rosse?« fragte der Page, »für das ich doch meinem Herrn verantwortlich bin?«
»Der Sorge will ich Dich überheben,« brummte Lindesay ihn an, »in den nächsten zehn Jahren sollst Du nicht viel zu Pferde kommen.«
»Wenn ich das glauben müßte ...« hob Roland an, wurde aber von Sir Robert unterbrochen, der in beschwichtigendem Tone zu ihm sagte: »Füge Dich, junger Freund! Widerspruch kann hier nichts frommen, bloß Dich in Gefahr setzen.«
Roland Gräme fühlte, wie richtig es sei, sich den Vorstellungen Sir Melvilles zu fügen, ohne dem rauhen Baron auf seine Grobheit weitere Antwort zu geben, und stieg in das Fährboot. Die Ruder griffen ins Wasser, und bald war Robert an dem neuen Schauplatze seines Lebens.
Siebzehntes Kapitel
Am Hoftore stand die stattliche Lady Lochleven, die einstige Geliebte König Jakob des Fünften, dem sie den Grafen Murray, den derzeitigen Regenten von Schottland, geboren hatte. Da sie von edler Abkunft war und aus dem uralten Geschlechte der Mar stammte, wie auch von hervorragender Schönheit war, hatten sich nach dem Könige Jakob noch andre Freier für sie gefunden, und unter ihnen hatte sie Sir William Douglas von Lochleven den Vorzug gegeben. Aber weder der hohe Rang, den sie als Lady Lochleven einnahm, noch die Eigenschaft als Mutter einer Reihe von rechtmäßigen Kindern, noch die hervorragenden Talente, und die Macht und Würde ihres außerehelichen Sohnes, der jetzt das Staatsruder führte, waren im stande gewesen, sie in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben als makellos gelten zu lassen. Und sie selbst fand nie die volle Lebensfreude wieder, denn immer nagte an ihr die ihr von dem Könige Jakob angetane Ungerechtigkeit, sie nicht zur Königin zu erheben, denn in diesem Falle hätte sie jetzt in ihrem Sohne den rechtmäßigen Landesherrn über Schottland gesehen, und das Geschlecht der Mar hätte sich rühmen dürfen, unter seinen Töchtern eine Königin zu besitzen, statt in ihr jetzt eine jener Frauen sehen zu müssen, denen weibliche Schwäche anhaftet und die immer im Munde der Leute bleiben, auch wenn sie sich eines königlichen Liebhabers zu rühmen hatten. Dieser Kummer prägte sich auch in ihren Gesichtszügen aus, die aber trotzdem noch immer schön zu nennen waren. Vielleicht fand auch bei ihr ein altes Wort, dessen letzte Hälfte von »alten Betschwestern« spricht, bis zu einem gewissen Grade Anwendung, denn sie hatte in ihre Vorstellungen von religiösem Wandel grade jene schlimmsten Irrtümer aufgenommen, die die Segnungen christlichen Evangeliums auf diejenigen beschränken, die sich zu den strengsten Sittenlehren der Kirche bekennen. In allen Hinsichten war die unglückliche Königin Maria Stuart als der gezwungne Gast oder vielmehr als Gefangne des Schlosses Lochleven von dieser verbitterten Dame abhängig, der sie schon darum ein Dorn im Auge war, weil sie die legitime Tochter eben jenes Königs Jakob aus seiner Ehe mit Maria von Guise war, um derentwillen ihr Sohn hatte zurückstehen müssen, und weil sie katholischen Glaubens war, den sie tiefer als das Heidentum verabscheute.
Diese Frau, deren scharf geschnittene, aber wie schon bemerkt, noch immer schöne Gesichtszüge von einer schwarzen Samthaube überschattet wurden, fragte jetzt den im Boote heranrudernden Diener, wo Lord Lindesay und Sir Melville geblieben seien. Der Diener teilte ihr mit, was sich drüben zugetragen hatte, und die Lady erwiderte spöttisch:
»Solchen Narren muß man schmeicheln, nicht aber der Quere sein. Rudre wieder hinüber, Randal, und entschuldige Dich, so gut Du kannst; sage, Lord Ruthven sei schon im Schlosse und sehe Lord Lindesays Ankunft mit Ungeduld entgegen. Tummle Dich, Randal -- aber sprich, was bringst Du uns denn da für einen Springinsfeld mit herüber?«
»Mit Verlaub, meine Gnädige, es ist der Page für ...«
»Ach, richtig,« meinte Lady Lochleven, »der neue Günstling! gestern ist ja auch die kleine Zofe angelangt.. Durch diese Dame bekomme ich einen recht bunten Haushalt, hoffentlich findet man bald eine andre, die sich statt meiner solcher Mühe unterzieht. Fahr jetzt hinüber, Randal, und Ihr, Musje Springinsfeld, begebt Euch mit mir in den Garten!«
Langsamen, vornehmen Schritts ging sie voraus nach dem kleinen Garten, der von einer mit Statuen geschmückten Steinmauer umfriedigt war und in dessen Mitte eine Fontäne spielte. In dem engen Bereiche seiner regelmäßig angelegten Gänge lernte Maria Stuart sich in die Gefangnenrolle schicken, die ihr mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung hinfort bestimmt sein sollte. Zwei Dienerinnen begleiteten sie auf ihrem langsamen, eintönigen Spaziergange, aber mit dem ersten Blicke, den Roland auf die schöne, durch hohe Gaben des Geistes, herrliche Leibesschönheit und hohe Geburt ausgezeichnete Frau warf, fühlte Roland sich in Fesseln geschlagen. Gesicht und Gestalt dieser unglücklichsten aller Königstöchter haben sich der menschlichen Phantasie so tief eingeprägt, daß es selbst nach Verlauf drei voller Jahrhunderte überflüssig ist, eine Schilderung der selbst dem unwissendsten Leser bekannten Züge dieses merkwürdig schönen Antlitzes zu geben, das alle Begriffe von Hoheit, Liebreiz und Glanz in sich vereinigte und in Zweifel darüber ließ, ob in ihm die Herrscherin oder das vollendet schöne Weib glücklicher zum Ausdrucke trat. Wem träte dieses Antlitz, wenn er den Namen Maria Stuart hört, nicht vor die Seele, ganz wie ihm das Antlitz der Geliebten seiner Jugend vor die Seele tritt oder der Lieblingstochter seiner reiferen Jahre? Selbst jene, die allem oder manchem, was ihr von ihren Feinden zur Last gelegt wird, Glauben beimessen, können nicht anders als mit einem Seufzer an ein Antlitz denken, das auf alles andre schließen läßt, bloß nicht auf die schändlichen, ihr schon bei Lebzeiten beigemessenen Verbrechen, die in der Geschichte ihr Andenken verdüstern: an jenes Antlitz mit der hohen königlichen Stirn, den Brauen von solch regelmäßiger und gegen den Tadel der Schalheit durch die herrliche Wirkung der nußbraunen Augen so tief gesicherter Schönheit, mit der echt griechischen Nase, dem ebenmäßig, so überaus lieblich geformten Munde, daß von ihm nur Liebes und Lauteres zu erwarten stand, mit dem Grübchen im Kinn und den zart gerundeten Wangen: an jenes von so reichem Haar gekrönte Antlitz auf dem hohen Schwanenhalse, das eine solche Allgewalt übte, daß es nach so langer Zeit noch der Gegenstand nicht bloß kalter Bewunderung, sondern heißer romantischer Verehrung geblieben ist!?
Mit unvergleichlicher Anmut in Mienen, Gestalt und Wesen, aber in tiefer Trauer kam Maria Stuart der Dame entgegen, die ihrerseits Abneigung und Scheu unter ehrerbietiger Kälte zu verbergen suchte, hatte sie ja schon oft die geistige Überlegenheit der Königin durch versteckten, aber beißenden Spott erfahren. Die Verbeugung der Lady Lochleven erwiderte die Königin durch ein leichtes Nicken.