»Das Glück ist uns hold, wir genießen heute die Gesellschaft unsrer liebenswürdigen Wirtin zu ungewöhnlich früher Stunde. zu einer Zeit, die man uns sonst für unsre einsamen Spaziergänge vergönnte. Unsre liebe Wirtin weiß jedoch, daß ihr der Zutritt zu unsrer Person jederzeit frei steht, und daß sie nicht an die Förmlichkeit gebunden ist, unsre Erlaubnis für Besuche erst einzuholen.«
»Recht bedauerlich, daß Eure Gnaden mein Erscheinen als Zudringlichkeit auffassen,« erwiderte Lady Lochleven, »ich kam jedoch nur in der Absicht, Euch, die Ankunft eines jungen Menschen anzukündigen, der hinfort Euer Gefolge vermehren soll -- ein Fall, der doch in der Regel uns Frauen nicht so ganz gleichgültig ist.«
»O, ich bitte um Verzeihung, edle Frau! das Gefühl des Dankes gegen meine edlen, oder sage ich richtiger, gnädigen Herren drückt mich zu Boden.«
»Allerdings sind die Herren darauf bedacht gewesen, ihre Wohlmeinenheit Euer Gnaden zum Ausdruck zu bringen, wenn auch vielleicht, wie ich meine, zum Teil auf Kosten der Vorsicht, indessen hoffe ich, man werde, was sie getan, nicht mißdeuten.«
»Unmöglich, ganz unmöglich!« sprach die Königin, »die Güte, der Erbin einer Königskrone, der gesalbten Königin von Schottland zwei Kammerzofen und einen Pagen zur Bedienung zu vergönnen, ist etwas, was eine Maria Stuart vollauf zu würdigen weiß. Aber die Kosten, die durch solchen Zuwachs an Gefolge für den Haushalt unsrer gütigen Wirtin erwachsen, sind sicher Ursache für die Wolken, die ich auf Eurer Stirn sehe. Ach, lasset den Mut nicht sinken! die Krone Schottlands hat manch schönes Lehen, und Euer wohlgeneigter Sohn, mein lieber Bruder, wird sicher Euren Gemahl mit dem besten Krongute belehnen, ehe Maria den Fuß von diesem Schlosse setzt. Wie ginge es an, einer Lady Lochleven Lasten aufzuerlegen, wenn ihr die Mittel fehlen, sie zu tragen?«
»Das Haus Douglas von Lochleven hat sich allzeit seiner Pflichten gegen den Staat entledigt ohne Rücksicht auf Lohn, auch wenn der Auftrag mit Verdruß oder Gefahr verknüpft war,« erwiderte Lady Lochleven.
»Aber, liebe Lochleven,« scherzte die Königin, »Ihr nehmt die Sache zu gewissenhaft! nehmt doch lieber ein gutes Kronlehn an, wenn's Euch geboten wird! Wovon sollte die Königin von Schottland wohl leben, wenn nicht von ihren Krongütern, wenn sie Gast ist an solch fürstlichem Hofe? ... und wer sollte für eine Mutter besser sorgen können als ein so wohlgeneigter Sohn wie Murray? der Wohlwollen und Macht in solch wunderbarer Weise in seiner Hand vereint? ... Oder meintet Ihr, die Gefahr des Auftrags sei es, was Eure sanfte, gastfreundliche Stirn umwölkt? ... Freilich, freilich, ein Page ist ein so erheblicher Zuwachs zu meiner weiblichen Leibgarde, daß Lord Lindesay nur recht daran tut, ohne vielköpfiges Gefolge sich nicht in solch furchtbare Nähe zu wagen!«
Lady Lochleven stutzte. Ihr Blick verriet Erstaunen. Maria aber ging plötzlich von dem Tone erkünstelter Freundlichkeit in den des strengen Befehls über und sprach mit der vollen Hoheit ihres königlichen Ranges:
»Ja, Lady Lochleven, ich weiß, daß Ruthven sich bereits im Schlosse befindet, und daß Lindesay am andern Ufer der Ueberfahrt harrt, in Gemeinschaft mit Sir Robert Melville. In welcher Absicht kommen die Herren, und wie kommt es, daß ich nicht in geziemender Ordnung von ihrer Ankunft unterrichtet wurde?«
»Nach ihrer Absicht,« antwortete Lady Lochleven, »müssen Euer Gnaden diese Herren schon selbst befragen, und eine formelle Anordnung erübrigt sich wohl, da Eure Gnaden über so geschickte Spione in ihrer Umgebung verfügen.«
»Ach, arme Fleming,« sagte die Königin, sich an die ältere Dienerin wendend, »man wird Dich verhören, verdammen, hängen, weil Du das Pech hattest, über den Saal zu gehen, als Lady Lochleven mit ihrer kräftigen Stimme ihrem Lotsen Randal die Weisungen für die Ueberfahrt erteilte ... Mädchen, stopft Euch Watte in die Ohren, sofern Euch daran liegt sie zu behalten! Vergeßt nicht, im Schlosse Lochleven sind Ohren und Zunge Dinge, die man bloß zum Staate hat und nicht gebrauchen darf ... kann doch unsre liehe Frau Wirtin hören und schwatzen für uns alle! ... Gewiß, meine liebe Lochleven, Wir entheben Euch der Verpflichtung längern Verweilens. Entfernt Euch, bitte, und bereitet die Zusammenkunft mit Unsern meuterischen Lords vor! Das Vorzimmer Unsers Schlafgemachs mag Unser Audienzsaal sein, Ihr aber,« wandte sie sich jetzt an Roland, indem sie die bisherige Bitterkeit ihres Tones zu gutmütigem Scherz umstimmte, »Ihr Gesamtinbegriff Unsers männlichen Gefolges vom Oberhofmarschall bis zum Läufer hinunter, Ihr wollt mit Uns gehen, die Anstalten zu Unsrer Audienz zu treffen.«
Sie drehte sich um und ging langsam dem Schlosse zu. Roland folgte ihr, eine Wendeltreppe hinauf, zum zweiten Stockwerk, wo drei ineinander gehende Zimmer der in Gefangenschaft gehaltenen Fürstin als Wohnung angewiesen waren. Das vorderste Zimmer war ein kleiner Saal oder auch Vorgemach, der zu dem eigentlichen Wohngelaß führte, und an dieses stieß das Schlafgemach der Königin. In einem kleinen Nebenzimmer schliefen die beiden Kammerfräulein.
Roland blieb, wie es seinem Dienst sich schickte, in dem Vorgemach und harrte hier der für ihn bestimmten Befehle. Vom Gitterfenster aus sah er Lord Lindesay, Sir Melville und ihr Gefolge aus dem Boote steigen. Im Schloßtore sah er einen dritten Adeling den beiden andern entgegengehen. Dann hörte er, wie Lord Lindesay mit seiner rauhen Stimme sagte: »Mylord Ruthven, Ihr seid früher da als wir!«
In diesem Augenblick drang ans dem Wohngemach der Königin ein tiefes Stöhnen. Die beiden Kammerfräulein schrieen ängstlich auf und der Page eilte schnell zur Hilfe. Die Königin lag in einem Armsessel und rang nach Luft, die ältere Kammerdame hielt sie in den Armen, während die jüngere ihr das Gesicht abwechselnd mit Wasser und Tränen netzte.
»Lauft, Page, nach Hilfe! die Königin wird ohnmächtig,« rief die ältere Kammerdame.
Die Königin aber rief mit gebrochner Stimme: »Bleibt! ich befehle es. Ruft niemand zum Zeugen meiner Schwäche! ich fühle mich schon besser. Es wird gleich vorüber sein.« Sie richtete sich auch wirklich schnell in die Höhe, wenn auch mit der Anstrengung eines Menschen, der um sein Leben ringt, und wenn auch ihr Gesicht von der erlittenen Anstrengung zitterte. »Mädchen,« sprach sie nach einer Weile, »ich schäme mich meiner Schwäche; aber es ist verwunden, und ich bin wieder Maria Stuart. Der rauhe Ton des Mannes, der mir am widrigsten ist von all diesen puritanischen Flegeln, seine mir bekannte Frechheit, der Name, den er nannte, sowie die Absicht, die sie herführt, mögen mir Entschuldigung sein für eine momentane Schwäche, aber sie soll nicht wiederkehren! Diese Menschen sollen mich stark finden!«
Sie ließ die Haube, die ihr während des Anfalls von Krämpfen in Unordnung geraten war, zur Erde fallen, dann strich sie mit den Händen durch das braune Lockenlabyrinth, dann erhob sie sich von dem Sessel und richtete sich auf. Wie eine begeisterte Seherin des alten Griechenlands stand sie da in einer Stellung, in der sich Bekümmernis und Stolz, Lächeln und Tränen mischten.
»Wir sind kümmerlich ausgestattet, unsre meuterischen Untertanen zu empfangen, aber soweit es in unserm Vermögen liegt, wollen wir ihnen, wie es ihrer Königin geziemt, gegenüber treten. Folgt mir, liebe Mädchen, der gewöhnlichen Zierden meiner Würde hat mich Gewalttat, und der geringen, die mir eine gütige Natur verlieh, haben mich Kummer und Angst beraubt.«
Aber während sie so sprach, ließ sie wieder die zarten Finger in ihrem Lockenlabyrinthe wühlen, das ihren königlichen Nacken und schwellenden Busen umhüllte, wie wenn ihr in aller Bekümmernis des Herzens doch nicht das Bewußtsein der unerreichten Schönheit ihres Leibes gänzlich abhanden gekommen wäre. Roland Gräme, auf dessen jugendlichen, für alles Schöne begeisterten Sinn die würdevolle Schönheit, das erhabene Benehmen einer erlauchten Frau wie die Wunderkraft einer Zauberin wirkte, stand wie eingewurzelt auf der Schwelle, festgebannt durch Staunen und Mitgefühl, und erfüllt von dem Verlangen, sein Leben in so herrlichem Kampfe, wie der für Maria Stuart sein mußte, zu wagen. Sie war in Frankreich auferzogen, war im Besitz der erhabensten Schönheit, war Königin gewesen, Königin von Schottland, für die doch Menschenkenntnis so unentbehrlich war wie das Einatmen der Luft. Durch dies alles war Maria vor allen Frauen der Erde sicher am meisten geeignet, das Uebergewicht wahrzunehmen, und zu benützen, das ihre Reize wohl auf jeden ausübten, der in ihren Zauberbann geriet. Und sie warf auf Roland Gräme einen Blick, der ein Herz von Marmor hätte schmelzen können.