»Mein armes Kind,« sagte sie, mit einer teils aus Klugheit angenommenen, teils aufrichtigen Empfindung: »Du bist unter uns ein Fremder, aus der Nähe einer zärtlich besorgten Mutter, oder Schwester, oder Geliebten bist Du in dieses traurige Gefängnis übergeführt worden. Mich schmerzt Dein Los, denn Du bist das einzige männliche Wesen in meinem knappen Haushalte ... willst Du bereit sein, meinen Befehlen zu gehorchen?« fragte sie, ergriffen und ergreifend.
»Bis in den Tod, gnädigste Frau!« sagte Roland in festem Tone.
»Dann bewache die Tür dieses Zimmers,« sprach die Königin, »bis diese Männer wirklich Gewalt zu brauchen drohen, oder bis wir unsre Toilette so weit geordnet haben, daß es uns beliebt, ihnen entgegenzutreten.«
»Ich werde tun nach Eurem Geheiß, Majestät,« sprach Roland, denn jedes Bedenken, das er früher hegte, wie er sein Benehmen einzurichten habe, war durch den Eindruck des Augenblicks gänzlich aufgehoben.
»Ich meine,« sprach er bei sich, »Graf Murray müsse selbst einräumen, daß es jedes Pagen heilige Pflicht sei, seine Gebieterin gegen alles Eindringen in ihre Gemächer zu verteidigen.«
Darauf begab er sich in das kleine Vorgemach, verschloß und verriegelte die Tür und setzte sich dann nieder, der kommenden Dinge zu warten. Das brauchte er nicht lange. Denn bald rüttelte eine derbe Faust an der Tür, und als sie dem Druck widerstand, dröhnte der Ruf: »Aufgemacht da drinnen!«
»Auf wessen Geheiß soll ich die Tür zur Wohnung der Königin von Schottland öffnen?« fragte der Page.
Ein zweiter Versuch, die Tür gewaltsam zu öffnen, wurde unternommen, scheiterte aber wie der erste.
»Aufgemacht, befehle ich Euch, oder Ihr riskiert Euer Leben!« rief die dröhnende Stimme wieder. »Aufgemacht! Lord Lindesay ist da, mit der Lady Maria von Schottland zu reden.«
«Lord Lindesay muß als schottischer Edelmann die Erlaubnis seiner Königin abwarten!« erwiderte der Page.
Ein lebhafter Wortwechsel folgte nun draußen zwischen Lord Lindesay und, wie Roland deutlich unterschied, Sir Robert Melville, der sich bemühte, den Lord zu beschwichtigen.
»Nein, nein!« schrie dieser, »lieber spreng ich die Tür mit einer Petarde, als daß ich mich von solch ruchlosem Frauenzimmer aussperren oder von solch frechem Musje an der Tür abfertigen lasse.«
»Erlaubt mir wenigstens vorher, den Weg der Güte zu versuchen,« bemerkte mild Sir Robert Melville. »Gewalttat gegen ein Weib wäre doch ein ewiger Schandfleck für Euer Wappen. Oder wartet wenigstens, bis Lord Ruthven zur Stelle ist.«
»Ich will nicht länger warten,« schrie der Lord, »es ist die höchste Zeit, daß dies Geschäft zu Ende komme. Wir müssen uns auf den Rückweg machen, zum Staatsrat. Versucht Ihr Euren Weg zur Güte, wie Ihr Euch ausdrückt, während ich meinen Reitern befehle, die Petarde zur Stelle zu schaffen. Ich bin mit so feinem Pulver versorgt, daß ich die Feldkirche zum andernmal in die Luft sprengen könnte.«
»Um Gottes willen, haltet an Euch,« rief Sir Melville. Dann näherte er sich der Tür und sagte, zu den Personen gewandt, die er hinter der Tür vermutete: »Laßt die Königin wissen, daß ich, ihr treuer Diener Robert Melville, sie ersuchen lasse, um ihrer selbst willen und um dem Schlimmsten vorzubeugen, die Tür zu öffnen und Lord Lindesay einzulassen, der ihr eine Botschaft vom Staatsrat überbringt.«
»Ich werde Euren Auftrag ausrichten und den Entschluß der Königin Euch kundtun,« versetzte der Page.
Roland trat an die Tür des Schlafgemachs. Die ältere Kammerdame öffnete, und die Königin ließ ihm die Weisung melden, daß sie willens sei, Lord Lindesay und Sir Robert Melville einzulassen. Roland kehrte in das Vorzimmer zurück und öffnete die Tür, durch die Lord Lindesay mit der Miene eines Kriegers, der sich den Zugang zu einer belagerten Festung erstritten hat, eintrat, während Sir Melville ihm mit tiefbetrübter Miene folgte.
Im selben Augenblick öffnete sich die Tür des innern Gemaches, und Maria erschien, mit der Miene der ihr eignen Huld und Majestät, auf der Schwelle, ohne daß es schien, als habe dieser Trotz, den Besuch bei ihr zu erzwingen, im geringsten einen widerwärtigen Eindruck in ihr hinterlassen. Sie war in eine Robe von schwarzem Samt gekleidet, eine schmale, vorn offne Halskrause zeigte ihr schön geformtes Kinn und ihren stolzen Nacken, während der Busen davon verhüllt wurde. Auf dem Kopfe hatte sie ein Spitzenhäubchen, und von den Schultern wallte ein weißer, durchsichtiger Schleier nieder, in großen weiten Falten, über das lange schwarze Gewand, so daß er, je nachdem es der Trägerin beliebte, über das Gesicht und den ganzen Leib gezogen werden konnte. Am Halse trug sie ein goldnes Kruzifix, und im Gürtel hing ihr Rosenkranz aus Ebenholz mit goldnen Perlen. Hinter ihr kamen ihre beiden Dienerinnen, die während der ganzen Unterredung, die nun folgte, hinter ihr stehen blieben. Selbst Lord Lindesay, obgleich der rauheste aller Edelleute damaliger Zeit, wurde ob dieses Anblicks von einer Empfindung wie Ehrfurcht beschlichen, der unbefangne, hoheitsvolle Blick einer Frau, die er entweder in maßloser Leidenschaft oder in nutzlosem, vergeblichem Gram zu finden erwartet hatte, oder von Kummer niedergedrückt ob der ihr entzognen Majestät und Herrschaft, überraschte und verwunderte ihn sichtlich.
»Wir haben Euch, besorgen Wir, warten lassen, Lord Lindesay,« begann, indem, sie sich in Erwiderung seiner Verbeugung huldvoll verneigte, die Königin, »aber eine Frau bringt immer erst, ehe sie Besuch empfängt, ein paar Minuten am Toilettentische zu. Ihr Männer, Mylord, seid an solche Förmlichkeiten nicht gebunden«
Lord Lindesay warf einen Blick auf seinen von der Reise beschmutzten Mantel, murmelte ein paar Worte von großer Eile und langem Ritte. Dann begrüßte die Königin, wie es schien, sehr freundlich sogar, Sir Robert Melville. Dann herrschte ein paar Augenblicke Totenstille, und Lord Lindesay blickte nach der Tür, als sähe er mit Ungeduld dem Eintritt seines Mitgesandten entgegen. Nur die Königin schien frei von aller Verlegenheit.
»Ihr habt ja einen recht verläßlichen, gewichtigen Reisekameraden mitgebracht, Lord Lindesay,« hub sie wieder an, mit einem ironischen Blick auf das breite Schwert, das ihm über die Schulter hing, weisend. »Hoffentlich habt Ihr nicht erwartet, hier einen Feind zu finden, gegen den es solch grimmiger Waffe bedurfte? Für einen Besuch bei Hofe, scheint mir, etwas auffällig, wenngleich ich als eine Stuart vor Schwertern keine Furcht empfinde.«
»Nicht zum ersten Male,« erwiderte Lord Lindesay, indem er die Waffe herumbrachte, so daß die Spitze auf den Boden kam und er mit einer Hand sich auf den kräftigen Griff stützte, »nicht zum ersten Male getraut sich dieses Schwert vor die Augen des Hauses Stuart.«
»Recht wohl möglich,« antwortete die Königin, »meinen Vorfahren mag es gedient haben, denn Eure Vorfahren, Mylord, waren Männer, die ihre Untertanenpflicht kannten.«
»Jawohl, gnädige Dame,« versetzte Lindesay, »gedient hat es, aber in Aemtern und Dingen, die Könige nicht gern anerkennen oder gar lohnen. Wie die Hippe dem Baume dient, indem sie ihn verwundet bis aufs Mark und der überflüssigen Menge von Schößlingen und unfruchtbaren Ranken beraubt, die ihm die Nahrung entziehen.«