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»Lindesay,« sprach die Königin in jenem Ton und Wesen unaussprechlicher Anmut, und mit jenem Zauberblicke, den ihr der Himmel verliehen hatte, Menschenherzen für sich zu gewinnen, – Gaben wie sie kaum ein weibliches Wesen in höherm Maße besessen hat als sie – »Lindesay, an jenem lieblichen Sommerabend, als Ihr mit mir gegen den Grafen Max und Maria Livingstone nach der Scheibe schosset, und als sie für uns die Zeche zahlen mußten im Andreasgarten, damals waret Ihr mein Freund und gelobtet, mein Ritter zu sein. Wodurch ich Lord Lindesay beleidigt habe, kann ich nicht sagen, es müßte denn sein, daß der höhere Rang sein Benehmen verändert hätte.«

»Gnädigste Frau,« antwortete Lindesay, der bei aller Hartherzigkeit durch diese Sprache doch ergriffen worden war, aber nichts von dem seiner Meinung nach gewonnenen Terrain verloren gehen lassen mochte – »daß Euer Gnaden bei jenem Anlasse betören konnte, wer in Eure Nähe kam, ist ja bekannt, und ich maße mir durchaus nicht an, klüger als andre gewesen zu sein. Aber meine ungehobelte Huldigungsweise fand gar bald Ersatz durch höfischer veranlagte Herren, und ich meine, Euer Gnaden dürften sich noch entsinnen, daß ich durch mein Bemühen, es diesen andern gleichzutun, bloß Spott und Hohn bei Gecken und Zofen und fränkischem Gelichter geerntet habe.«

»Mylord, wenn ich durch arglose Fröhlichkeit Euch kränkte, so tut mir das von Herzen leid,« erwiderte die Königin, »ich kann reinen Herzens versichern, daß es ohne alle Absicht geschah. Indessen, Mylord, Ihr seid vollauf gerächt, denn ich werde hinfort durch frohen Sinn und ausgelassenes Wesen niemand mehr zu nahe treten.«

»Wir vergeuden Zeit, gnädigste Dame,« sagte Lord Ruthven, »und ich muß um Bescheid bitten in der wichtigen Sache, über die ich Euch Vortrag gehalten habe.«

»Ei, ei, Mylord, in solcher Angelegenheit kann doch Euer Staatsrat, wie er selbst sich nennt, nicht Bescheid im Handumdrehen erwarten!«

»Der Staatsrat, gnädigste Dame,« versetzte bitterernst der Lord, »vertritt die Meinung, daß seit der Zeit, die zwischen der Nacht von König Heinrichs Ermordung und dem Tage von Carberry-Hill verstrichen ist, Euer Gnaden hätten gefaßt sein müssen auf solchen Antrag als den einfachsten und naheliegendsten Ausweg aus diesen zahlreichen Gefahren und Schwierigkeiten.«

»Und wenn ich mich,« rief die Königin, erbleichend, »dieser Entsagung, die jeder christliche König als einen dem Verlust des Lebens gleichzuachtenden Verlust an Ehre betrachten würde, wenn ich mich solcher Forderung, mit solchem Ungestüm gestellt, nicht füge, was geschieht dann?«

Sie sprach diese Worte in einem Tone, in welchem angeborene weibliche Furchtsamkeit mit dem Gefühl tiefverletzter Würde kämpfte.

Eine Stille trat ein. Es war, als ob sich niemand getraue, Antwort auf solche bestimmte Frage zu geben. Endlich nahm Ruthven das Wort:

»Es wird kaum notwendig sein, Euer Gnaden, die ja in den Gesetzen unser Landes besser bewandert ist als mancher Untertan, darauf hinzuweisen, daß Mord und Ehebruch Verbrechen sind, um deren willen ehedem selbst Königinnen den Tod erlitten.«

»Und wo, Mylord, fandet Ihr die Gründe zu solch gräßlicher Anklage gegen die Frau, die vor Euch steht?« sprach Königin Maria. »Gemeine Verleumdungen schändlicher, gehässiger Menschen sind noch keine Schuldbeweise, mögen sie auch die allgemeine Stimmung in Schottland vergiftet und mich als hilflose Gefangne in Eure Hände geliefert haben.«

»Wir brauchen nach andern Beweisen als der schamlosen Vermählung zwischen der Witwe des Ermordeten und dem Anführer der Mörderbande nicht zu suchen!« erwiderte Lord Ruthven. »Die beiden, die sich die Hand zum verbrecherischen Bunde an jenem verhängnisvollen Maitage reichten, hatten einander schon Herz und Hand gelobt, als sie kurze Wochen vorher gemeinschaftlich die Hände im Blute badeten.«

»Mylord, Mylord,« sprach erbittert die Königin, »besinnt Euch, daß mehrere, nicht ich allein, in diese unheilvolle Verbindung, den unglückseligsten Entschluß des unglückseligsten Lebens, gewilligt haben. Ein Herrscher tut oft einen Fehltritt auf argen Rat hin, aber solche Berater sind dann schlimmere Teufel als die Hölle sie birgt, wenngleich sie die ersten sind, die ihren beklagenswerten Fürsten um der Folgen solchen Rates willen zu Rate ziehen. Hörtet Ihr niemals von einem Schriftstück, unterzeichnet von zahlreichen Adelingen, das diese unselige Vermählung der unseligen Maria anempfahl? Mir ist so in Erinnerung, als würden sich, wollte man der Sache auf den Grund gehen, auch die Namen Morton, Lindesay und Ruthven unter dem Schriftstücke finden! Ach, wie recht hattest Du doch, Du wackrer, getreuer Lord Herries, vor der drohenden Gefahr mich zu warnen! und doch warest Du der erste, das Schwert für mich zu ziehen, als ich die Folgen der Mißachtung Deines Rates zu spüren anfing! O, welcher Abstand zwischen Dir und diesen Ratgebern zum Argen, die mir jetzt nach dem Leben streben, weil ich in das gelegte Garn fiel!«

»Meine Gnädige,« sagte Lord Ruthven nicht ohne Anflug von Hohn, »Eure Beredsamkeit ist sattsam bekannt, und darum hat wohl der Staatsrat Männer zu dieser Mission ausgesucht, die mehr mit Kriegssachen als mit Staatsintrigen Bescheid wissen. Hier handelt es sich einzig und allein um die Frage, ob Ihr Euch der Herrschaft über dieses Königreich Schottland begeben wollt oder nicht?«

»Und was leistet mir Gewähr, daß Ihr den Vertrag haltet, wenn ich meine königliche Würde tauschen wollte gegen das Gnadengeschenk, in stiller Abgeschiedenheit zu weinen?«

»Unsre Ehre und unser Wort, gnädigste Frau!« erwiderte Ruthven.

»Das sind zu leichte Pfänder, Mylord,« sagte die Königin, »fügt wenigstens noch eine Handvoll Distelflaum hinzu als Gewichtsmehrung in der Wagschale!«

»Gehen wir, Ruthven!« rief Lindesay, »gutem Rat verschloß sie ja immer ihr Ohr, und für Sklaven und Windbeutel war sie zu haben. Soll sie beharren auf ihrer Weigerung!«

»Verzeiht, Mylord,« nahm jetzt Sir Robert Melville das Wort, »oder vielmehr, gestattet mir bei Ihrer Gnaden ein paar Minuten privaten Gehörs! Soll meine Anwesenheit in der Kommission von Nutzen sein, so kann es ja doch nur sein als Vermittler ... Drum beschwöre ich Euch, verlaßt nicht das Schloß früher als bis ich von dem definitiven Entschlusse Ihrer Gnaden Euch Kenntnis gegeben habe.«

»Wir wollen eine halbe Stunde im Saale warten,« sagte Lindesay, »aber da sie unser Wort und unsre Ehre schmähte, soll sie nun selbst sehen, wie sie sich zu verhalten hat. Verstreicht die halbe Stunde, ohne daß sie sich erklärt, in unsre Forderungen zu willigen, so ist sie eben ihrem Ziele nahe genug.«

Die beiden Lords gingen, ohne erwähnenswerte Beweise von Höflichkeit, aus dem Zimmer und stiegen die Wendeltreppe hinunter, auf der das gewaltige Schwert Lord Lindesays ein gewaltiges Dröhnen verursachte. Georg Douglas, der mit Melville mancherlei Zeichen von Staunen und Teilnahme ausgetauscht hatte, folgte ihnen.

Sobald die Männer aus dem Gemache hinaus waren, warf sich die Königin wieder in den Armsessel und überließ sich ihrem Gram und ihrem Kummer und schien tiefster Verzweiflung anheimzufallen. Ihre Kammerfräuleins suchten sie zu beruhigen, und auch Sir Robert Melville versuchte ihr Trost zuzusprechen. Ein leidenschaftlicher Ausbruch ihres Schmerzes erschütterte sie noch einmal, dann war es, wie wenn sie ihre Gewalt wieder über sich gewänne; sie richtete sich langsam auf und sagte zu dem vor ihr knieenden Edelmanne:

»Steht auf, Sir Robert! höhnt mich nicht durch äußere Zeichen von Huldigung, während Euer Herz sich doch von mir gewendet hat. Warum bleibet Ihr zurück bei einem von Entsetzen geschlagenen Weibe, dem vielleicht bloß wenige Lebensstunden winken? Warum beobachtet Ihr, da Ihr doch die gleiche Auszeichnung bekommen wie die übrigen, länger den äußern Schein von Dankbarkeit und Ergebenheit als sie?«