»Gnädigste Frau,« antwortete Sir Robert, »so mir der Himmel helfe! weil ich treu bin, weil mein Herz an Euch hängt noch ebenso, als wie Ihr standet am höchsten!«
»Mir treu! Ihr mir treu?« fragte mit herbem Tone die Königin! »was soll Treue heißen, Melville, die Hand in Hand wandelt mit der Treulosigkeit meiner Freunde? Euer Schwert und Arm haben sich nie so bewährt, daß ich Euch vertrauen könnte, da, wo Tapferkeit in Frage tritt. Ja, Seyton, Dein wackrer Vater, mein Käthchen, der ist treu, klug und tapfer zugleich!«
Da geriet Rolands heißes Blut in Wallung. Schon lange hatte er den Drang, der so bedrängten und doch so schönen Frau sein Schwert zu weihen.
»O Königin!« rief er, »vermag meine Waffe Eure gerechte Sache irgendwie zu stützen oder den weisen Worten dieses edlen Herrn nach irgend welcher Seite hin zu nützen, dann verfügt über meinen Arm!« und indem er mit der einen Hand sein Schwert aushob, faßte er mit der andern an den Griff. Da aber rief Katharina Seyton, wie außer sich vor Verwunderung, indem sie zu Roland hinrannte und ihn am Zipfel seines Mantels faßte:
»Was seh ich? ein Geschenk meines Vaters?« ... und dann fragte sie Roland aufs ernstlichste, wie er zu diesem Schwerte ihres Vaters gekommen sei.
Drauf der Page, nicht minder erstaunt: »In solcher Gegenwart, wie dieser unglücklichen Dame, ist Scherz fürwahr nicht am Platze. Ihr wißt doch selbst am besten, Fräulein, durch wen und wie ich zu dieser Waffe komme!«
»Ist das jetzt Zeit zu Getändel?« sagte Katharina, »zieht augenblicklich Euer Schwert aus der Scheide!«
»Schäm Dich doch, Mädchen!« sagte die Königin, »Du willst doch den armen Burschen nicht in zwecklosen Zwist stürzen mit den tüchtigsten Streitern von Schottland?«
»Für Euer Gnaden setz ich gern mein Leben ein!« rief der Page, und bei diesen Worten zog er das Schwert halb aus der Scheide.
Da fiel ein um die Klinge gewickeltes Papier zu Boden. Katharina aber hatte es blitzschnell aufgehoben.
»Es ist meines Vaters Schrift,« sagte sie, »doch sicher bestimmt für Eure Majestät! ... Daß man gewillt sei, ihn auf solche Weise an Euch gelangen zu lassen, wußte ich, doch vermutete ich, durch einen andern Boten.«
»Meiner Treu, meine Schönste!« dachte Roland bei sich; »Wenn Du es nicht wußtest, daß ich solch geheime Botschaft bei mir trage, so habe ich es doch noch weit weniger gewußt!«
Die Königin warf einen Blick auf den Zettel und blieb eine Weile in Gedanken versunken. Endlich sagte sie:
»Sir Melville! dieser Zettel rät mir, mich der Not zu fügen und die Urkunden, die mir diese Leute bringen, zu unterschreiben, gemäß der infolge der Drohungen von Meuterern und Mördern in meinem Gemüte erweckten Furcht. Ihr, Sir Robert, seid ein kluger Mann, und Lord Seyton ist sowohl klug als tapfer. Keiner von Euch beiden wird mich in dieser Sache irre leiten wollen.«
»Gnädigste Dame,« rief Sir Melville, »wohl besitze ich nicht die körperliche Kraft eines Lord Herries oder Lord Seyton, und vermag nicht für Euch zu fechten wie sie, aber ich will weder dem einen noch dem andern nachstehen in Eifer und Treue im Dienste Eurer Majestät, und keiner von beiden kann mehr bereit sein, das Leben für Euch hinzugeben als ich.«
»Ich glaub Euch, mein alter treuer Berater,« erwiderte die Königin, »und hab Euch, seid versichert, nur einen Augenblick verkannt. Hier leset, was uns Lord Seyton zu wissen tut, und gebt uns Euren besten Rat.«
Er warf einen Blick auf den Zettel und rief dann:
»O, meine teure königliche Gebieterin, nur ein Verräter hätte Euch andern Rat geben können, als hier Lord Seyton schreibt. Gewiß, Herries, Huntley, der englische Gesandte Throymorton und alle Eure andern Freunde stimmen darin überein, daß alle Urkunden, die Euer Gnaden abgerungen werden durch Härte, Ungemach, Furcht und Drohung, während Eurer Gefangenschaft in diesen Räumen, in dieser Burg, alle Kraft und Bedeutung verlieren müssen. Gebt also den Umständen nach und haltet Euch überzeugt, daß Ihr Euch durch solche Unterschrift zu gar nichts verpflichtet, denn Eure Handlung ermangelte, als Ihr sie gabt, des freien Willens, und nur er kann einer Handlung Giltigkeit verleihen.«
Noch zögerte Maria.
»Gnädigste Frau,« nahm da Melville von neuem das Wort, »die Zeit drängt, und Ihr dürft diese Boote, die eben in Bereitschaft gesetzt werden, wie ich sehe, nicht abstoßen lassen, ohne Euch zu erklären. Hier sind der Zeugen genug, Eure Zofen, der Page, auch ich, wenn ich auch nicht zu sehr in den Vordergrund treten möchte, – die alle aussagen können, daß man Euch die Unterschrift abgezwungen hat! Schon sind die Boote bemannt zur Rückfahrt. O, erlaubt Eurem alten Diener, die Lords zurückzurufen!«
»Melville, Du bist ein alter Hofmann,« sagte die Königin, »wann hörtest Du, daß ein absoluter Fürst Untertanen wieder in seine Gegenwart berief, die mit solchen Worten von ihm gingen! ... die weder sich unterwerfen, noch sich entschuldigen wollen! ... Nein, Melville! mag es mich Leben und Krone kosten, in meine Gegenwart bescheide ich solche Männer nicht wieder!«
»O, gnädigste Frau, soll eine leere Förmlichkeit zur Scheidewand werden? Sofern ich recht verstanden habe, seid Ihr gewillt, wohlgemeintem und vorteilhaftem Rate Gehör zu geben ... aber, gnädigste Frau, von selbst heben sich Eure Bedenken, die Lords kommen von selbst zurück, nach Eurem Rate zu fragen ... O, folgt dem Rate des edlen Seyton, und Ihr werdet noch einmal Gebieterin sein über diejenigen, die sich jetzt einen Triumph über Euch anmaßen! ... Doch still! ich höre sie im Vorzimmer.«
Melville hatte kaum ausgesprochen, als Georg Douglas die Tür öffnete, um den beiden Lords den Eintritt zu gewähren.
»Gnädigste Frau, wir kommen Eure Antwort zu holen,« sagte Ruthven.
»Eure entscheidende Antwort auf den Antrag des Staatsrats,« setzte Lord Lindesay hinzu, »denn an eine abschlägige Antwort muß sich für Euch die Gewißheit knüpfen, daß Ihr der letzten Gelegenheit entsagt, Euren Frieden mit Gott und den Menschen zu machen und Euch einen längern Aufenthalt in dieser Welt zu sichern.«
»Mylords,« sagte Maria mit unnachahmlicher Grazie und Würde, »dem Uebel, dem wir nicht Widerstand leisten können, müssen wir uns fügen. Ich will diese Pergamente unterzeichnen mit solcher Freiheit meines Entschlusses, wie meine derzeitige Lage mir zur Verfügung läßt. Wäre ich drüben auf dem andern Ufer, mit einem flüchtigen Andalusier und zehn wackern und getreuen Rittern, dann wollt ich ebenso bereitwillig das Urteil meiner ewigen Verdammnis wie diesen Verzicht auf meinen Thron unterzeichnen. Hier aber, in den Mauern des Schlosses Lochleven, vom tiefen See umgeben, nur Euch, Mylords, zur Seite, hier bleibt mir keine freie Wahl. Gebt mir die Feder, Melville, zur Unterschrift und seid mir Zeuge, was und wie und warum ich es tue.«
»Eure Gnaden werden sich doch, wie wir hoffen wollen, nicht durch Furcht vor uns für gezwungen halten, das zu vollziehen, was Eure freie eigne Willenserklärung sein soll.«
Schon war die Königin an den Tisch herangetreten, auf welchem Schreibzeug und Urkunden sich befanden, schon hielt sie die Feder zur Unterschrift bereit, da blickte sie ob der von Lord Ruthven gesprochnen Worte auf, hielt inne und warf die Feder weg. –
»Wenn man die Erklärung von mir erwartet,« sprach sie, »daß ich meine Krone niederlege aus freien Stücken oder einem andern Grunde, als weil ich mich gezwungen sehe ihr zu entsagen, infolge der Androhung andrer und schwerer Uebel für mich und meine Untertanen, dann setz ich meinen Namen nicht unter diese Urkunde voll solcher Unwahrheit – nein! und gälte es, den vollen Besitz von England, Frankreich und Schottland zu gewinnen, alle dereinst mein eigen, dem Rechte nach oder durch Besitz.«
»Seht Euch vor, Weib,« rief Lindesay und faßte den Arm der Königin mit seiner Panzerfaust, um ihn in der rohen Leidenschaftlichkeit, die in ihm aufwallte, stärker zu drücken, als vielleicht er selbst inne wurde ... »seht Euch vor, Weib, ob Ihr gut tut, gegen die zu kämpfen, in deren Händen die Gewalt ruht und Euer Schicksal.«