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Er richtete einen Blick furchtbarer Strenge auf sie und preßte ihren Arm noch immer, bis ihm Ruthven sowohl als Melville ein erregtes Pfui! zuriefen und Georg Douglas, der sich bisher im Zustande anscheinender Teilnahmlosigkeit im Hintergrunde verhalten hatte, einen Schritt vortat, wie wenn er der Königin zu Hilfe eilen wollte. Da erst ließ der rohe Baron den Arm der Königin frei und verbarg die Beschämung darüber, daß er sich in seinem Grimm so weit hatte hinreißen lassen, unter einem verächtlichen, hämischen Lachen.

Mit einem Ausdruck heftigen Schmerzes streifte die Königin ihr Gewand vom Arme auf, und man sah die roten Male vom Drucke dieser Panzerfaust.

»Mylord,« sprach die Königin, »als Ritter und Edelmann hättet Ihr mir diesen schmerzlichen und handgreiflichen Beweis dafür, daß das Uebergewicht auf Eurer Seite liegt, und daß Ihr es wahrzunehmen gedenkt, ersparen können. Aber ich bin Euch dankbar dafür, zu welchem Ausgange das heutige Tagewerk führen soll. Ihr Herren und Frauen, ich rufe Euch insgesamt zu Zeugen dafür,« und bei diesen Worten zeigte sie auf die Male an ihrem Arm, »daß ich diese Urkunden unterfertige, gehorsam dem eigenhändigen Zeichen, das Ihr von Lord Lindesay meinem Arme eingeprägt seht.«

Lindesay wollte sprechen, aber Ruthven kam ihm zuvor.

»Still, Mylord,« sagte er, »Maria von Schottland soll ihre Unterschrift geben, wozu es ihr genehm ist. Unser Amt ist es, uns ihre Unterschrift zu verschaffen und dem Staatsrat zu überreichen. Erhebt sich in Zukunft Streit darüber, wie die Unterschrift erlangt und vollzogen worden ist, so bleibt zur Erörterung noch immer Zeit genug.«

Lindesay schwieg. Aber in den Bart brummte er doch:

»Weh tun wollte ich ihr, weiß Gott, nicht, aber Weiberfleisch ist, scheint mir, so zart und weich, wie frisch gefallner Schnee.«

Mittlerweile unterfertigte die Königin hastig und gleichgültig, wie wenn es eine bloße Förmlichkeit zu erfüllen gelte oder um Geringfügiges sich handle. Dann stand sie auf, verneigte sich vor den Lords und wollte sich in ihr Schlafgemach zurückziehen. Ruthven verneigte sich förmlich wie die Königin, Melville zeigte deutlich den Wunsch, ihr seine Teilnahme zu bezeugen, traute sich aber nicht aus Besorgnis, sich vielleicht in den Augen der beiden Lords bloßzustellen. Lindesay stand, selbst als sich die beiden andern anschickten, aus dem Zimmer zu treten, da wie an den Boden gewurzelt. Plötzlich schritt er um den Tisch herum, wie von jähem Impuls getrieben, bis dorthin, wo die Königin stand, ließ sich auf ein Knie nieder, ergriff ihre Hand, küßte sie und ließ die Hand dann wieder sinken.

»Weib,« sagte er, »Du bist, ob Du gleich Gottes herrlichste Gaben mißbrauchtest, ein edles Geschöpf. Ich zolle diese Huldigung nicht der Macht, die Du lange Zeit unverdientermaßen übtest, sondern Deinem entschlossnen Geiste. Nicht vor der Königin, sondern vor Maria Stuart kniee ich.«

»Und beide, Lindsay, die Königin sowohl als Maria Stuart, beklagen und bedauern Dich nicht minder als sie Dir verzeihen. Hättest Du einem König treu und in Ehren gedient, so hättest Du Dir selbst genügt. Aber mit Meuterern im Bunde bist Du nichts als ein gutes Schwert in Bubenhand! ... Lebt wohl, Mylord Ruthven, Ihr sanftrer, aber schlimmerer Verräter! ... Lebt wohl, Melville! ich wünsch Euch Herren, die staatsklüger sind und über bessre Mittel verfügen, Eure Dienste zu lohnen, als Maria Stuart ... Lebt wohl, Georg Douglas, macht Eurer verehrten Großmutter begreiflich, daß Wir für den Rest des Tages ungestört sein wollen ... Gott sei Uns Zeuge, daß es Uns not tut, Unsre Gedanken zu sammeln.«

Alles verneigte sich und schied; aber kaum waren die Lords im Vorzimmer, als sich zwischen beiden ein Wortwechsel erhob.

»Laßt mich in Ruhe, Ruthven,« sagte Lindesay, »ich dulde solchen Vorwurf nicht. Mir teilt Ihr in dieser Sache das Henkeramt zu, aber selbst dem Henker ist es gestattet, seinem Opfer vor der Hinrichtung ein paar freundliche Worte zu sagen und es um Pardon zu bitten für das, was er an ihm vollziehen muß ... Ich wünschte, ich hätte gleich triftigen Grund, ihr Freund zu sein, wie ich Grund habe zur Feindschaft gegen sie ... Ihr solltet es erleben, daß ich weder meine gesunden Glieder noch meines Lebens schonen würde in ihrer Fehde.«

Sie stiegen die Treppe hinunter und in die Boote. Die Königin winkte Roland, sich in den Vorsaal zurückzuziehen und sie mit ihren Zofen allein zu lassen.

Zweites Kapitel

Roland Gräme stellte sich in einer Ecke des Vorzimmers hinter das Fenster und sah zu, wie die Lords einstiegen und abstießen, nachdem sie sich von Lady Lochleven höflich verabschiedet hatten. Als die Dame mit ihrem Sohne zum Schlosse zurückkehrte, konnte er die folgende Zwiesprach zwischen Großmutter und Enkel erlauschen:

»Also hat sie ihren Sinn doch gebeugt, sich auf Kosten ihrer königlichen Würde das Leben zu erhalten?« sagte die Lady.

»Das Leben, gnädige Frau Großmutter?« versetzte Georg; »ich wüßte nicht, wer es anzutasten im Schlosse meines Vaters wagen sollte. Hätt ich solche Absicht hinter dem Besuch der Lords vermutet, so hätt ich die drei Herren mitsamt ihrem Gefolge wieder über den See gejagt.«

»Nicht von Mord spreche ich, Sohn, sondern von öffentlichem Anklageverfahren, Prozeß, Urteil und Hinrichtung. Denn damit ist sie bedroht worden. Aber flösse nicht mehr Guisen- als Schottenblut in ihren Adern, so hätte sie ihnen ins Angesicht Trotz geboten. Bei ihr stimmt eben alles zusammen, und Niederträchtigkeit ist die natürliche Gefährtin der Verworfenheit, Ich bin für heut abend der Beschwerde ihrer Gesellschaft entbunden. Geh also Du, mein Sohn, und erfülle beim Abendtisch die notwendigen Höflichkeitspflichten gegen die Dame, die hinfort nicht mehr Königin für uns sein wird.«

»Mit Verlaub, Frau Großmutter, mir ist an ihrer Gesellschaft nicht sonderlich gelegen.«

»Recht so, mein Sohn, darum vertrau ich auch Deiner Klugheit. Immerhin möchte es sich mit unsrer Ehre nicht vereinbaren, sie in unserm Hause eine Mahlzeit einnehmen zu lassen, ohne daß jemand von uns mit bei Tische wäre. Sie könnte sterben, sei es durch höheres Gericht, oder weil der Böse Macht über sie gewänne in ihrer Verzweiflung, dann möchte es sich mit unsrer Ehre nicht vereinbaren, könnten wir nicht nachweisen, daß ihr im Hause und bei der Tafel gute Behandlung und alle geziemende Höflichkeit zu teil geworden sei.«

Da fühlte Roland sich durch einen derben Klaps auf die Schulter im Lauschen gestört. Er drehte sich um, innerlich fest überzeugt, daß er den Klaps von dem Pagen bekommen habe, der ihn in dem Gasthofe zu Sankt-Michael, als er mit Woodcock dort nächtigen mußte, aufgesucht hatte. Und wirklich sah er Katharina Seyton vor sich stehen.

»So, schöner Page,« sagte die Maid, »horchen ist wohl eine Haupttugend von Euch?«

»Schön Schwesterchen,« versetzte Roland, »sind gewisse unsrer Freunde mit den andern Geheimnissen unsers Dienstes ebenso gut vertraut wie mit Ausspionieren, Verkleiden ec., dann brauchen sie keinen Pagen der Christenheit um Einsicht in seine Bestallung zu bitten.«

»Was Ihr mit diesen Worten meint, schöner Page, weiß ich nicht,« sagte die Maid, »aber wir haben jetzt keine Zeit mehr zu Disput. Das Essen kommt. Tut was Eures Amtes, Herr Page.«

Vier Diener erschienen mit Schüsseln, ihnen voraus schritt der alte, grämliche Hausmeier, den Roland schon bei der Ueberfahrt gesehen hatte, hinterher Georg Douglas, der in Abwesenheit des Schloßherrn, seines Vaters, das Amt eines Seneschalls versah. Die Arme über der Brust verschränkt und die Blicke zu Boden haltend, trat er zu der Tafel heran, auf der mit Rolands Hilfe das Essen aufgetragen wurde. Darauf verneigten sich Hausmeier und Seneschall tief, wie wenn die königliche Gefangne schon an der Tafel Platz genommen hätte. Nun tat sich die Tür des anstoßenden Schlafgemachs auf. Georg Douglas sah sich schnell um, richtete den Blick aber gleich wieder zur Erde, als er sah, daß bloß das ältere Kammerfräulein eintrat.