Er hieß die Tochter das Feuer schüren und ein Nachtlager herrichten. Inzwischen schob er den Tisch in einen Winkel, wohin der Feuerschein nicht reichte, dann legte er Brot und Schinken auf den Tisch und forderte Waverley auf, »derb einzuhauen«, indem er meinte, der Magen würde ihm wohl »verteufelt schief hängen nach solcher Affäre.«
Waverley ließ sich nicht nötigen. Er drückte dem wackern Manne warm die Hand. Die Tochter brachte auch einen Krug kräftigen Doppelbiers, das dem halbverdursteten Plaidmann trefflich mundete. Als sich Waverley gestärkt hatte, fragte der Pächter, was er nun anzufangen dächte, wenn die Nacht vorbei sei? »Das Gescheitste wär,« sagte er, »sich ordentlich auszuschlafen und dann zu warten, bis die Rotröcke sich verzogen hätten, was wohl im Lauf des Vormittags der Fall sein dürfte, dann je nach den Nachrichten, die man bekäme, zu versuchen, ob es noch möglich sei, sich zum Hochländertrupp durchzuschlagen.« Dann führte ihn der Mann zu einem zwar groben, aber reinlichen Bett, und Edward schlief ungewiegt ein.
Am Morgen verlautbarte, daß die Hochländer nach Penrith abgezogen seien, daß sie aber schon vor den Cumberlandtruppen nicht hätten stand halten können. Sie stünden noch in Carlisle, aber die ganze Gegend wimmle jetzt von britischen Soldaten, und an ein Durchkommen in dieser Richtung sei nicht mehr zu denken. Hierauf wurde der »rechte Edward« zu Rate gezogen, den das Mädchen am Morgen vor der Hütte getroffen hatte. Er meinte, das beste würde sein, wenn Edward Bauerntracht anlegte und zusammen mit ihm nach Ulswater hinüber marschierte zu seinen Eltern; dort würde er sicher bleiben können, bis es ruhiger im Lande geworden sei. Die zur Verkleidung notwendigen Sachen wurden bald beschafft. Edward gab der Pächterstochter, da der Vater nichts annehmen wollte, eine reichliche Entschädigung für Speise und Trank und für das Nachtquartier. Dann brach er nach herzlichem Abschiede mit Ned auf einem Seitenpfade auf über die Gefilde, die tags vorher der Schauplatz des blutigen Treffens gewesen waren. Ein kurzer Strahl der kalten, hellen Dezembersonne beleuchtete die düstre Heide. Leichen von Menschen und Pferden deckten sie, über denen schon das gewöhnliche Schlachtengefolge, Krähen, Habichte und Raben, sich zu sammeln anfing. Und da gedachte er des ehrgeizigen Freundes mit seinen hochfliegenden Plänen, der, sofern nicht alles trügte, hier ewige Ruhe gefunden hatte, und bei diesem letzten Gedanken traten ihm heiße Tränen in die Augen. »Hier also,« sprach er bei sich, »ist das alte Geschlecht der Vich-Ian-Vohr erloschen, hier auf dieser namenlosen Heide, in einem Nachtkampfe ist der Feuergeist erkaltet, der sich mit dem stolzen Gedanken trug, seinem angestammten Herrn den Weg zum Throne Englands zu bahnen? Hier fanden Ehrgeiz und Tapferkeit das Schicksal alles Sterblichen! Hier gingen alle Tränen zu Grabe, die Dein Herz erfüllten, nicht bloß für Deine, sondern auch für Deiner Schwester Zukunft, der einzigen, der wohl Deine Liebe gehörte, deren Geist, stolz und kühn, wie der Deine, gleichen Zielen zustrebte, der gleich Dir die dem Menschen gezognen Schranken zu eng waren!« Er sagte dem Begleiter, daß er einen kurzen Gang über die Heide machen wolle. Er konnte nicht anders. Es hielt ihn nicht, er mußte wissen, ob Vich-Ian-Vohrs Leiche den Platz deckte. Es drängte ihn unwiderstehlich hinaus. Hätte er, wenn Vich-Ian-Vohr unter den Leichen lag, vom Platze eilen können, ohne ihm die letzte Ehre zu erweisen? ... Sein Begleiter versteckte sich hinter einem Gebüsch und versprach zu warten. Hier unter der Landbevölkerung noch streng patriarchalischen Sinnes gab es keine Hyänen des Schlachtfelds, aber die Nachzügler des englischen Heeres hatten den Toten geraubt, was sie von Wert noch bei sich hatten. Etwa sechzig bis siebenzig Dragoner deckten das Schlachtfeld, verstreut an der Mauer, wo der Kampf am heißesten getobt hatte, verstreut über der moorigen Heide, wo die Kugeln der Hochländer sie erreicht hatten. Und dann kam er an das kleine Häuflein der Tapfern, die in ihren Plaids den Todesstreich erlitten, den letzten Kampf gekämpft hatten.... Aber den er suchte, fand Waverley nicht. Auf einer kleinen Bodenerhöhung sah er neben den Leichen von etwa einem halben Dutzend britischer Dragoner die Leiche Callum-Begs liegen, aber weder von Fergus, dem Häuptling, noch von Evan Mac Dhu, dem Fähnrich, war die geringste Spur! Sein Clan konnte die Leichen der beiden nicht hinweggenommen haben, das war ausgeschlossen, denn es konnten dem Gemetzel nur wenige entronnen sein; und daß es ihm gelungen sei zu fliehen, war ebenso wenig zu glauben, denn Waverley hatte ihn ja zuletzt noch inmitten feindlicher Haufen gesehen; also war er gefangen? gefangen mit seinem Fähnrich, dem getreuen Evan Mac Dhu? ... War die Prophezeiung des Bodach Glas in solcher Weise erfüllt worden? ...
Ein englisches Kommando trat in Sicht, das ein paar Bauern vor sich hertrieb, wahrscheinlich um sie zur Bestattung der Toten zu zwingen. Edward eilte, seinen Führer wieder zu erreichen, der voll Angst und Unruhe hinter seinem Busche lauerte. Der Weg bis zu dem Pachthof von Williams' Eltern in Ulswater war in Zeit von sechs Stunden ohne weitere Zwischenfälle zurückgelegt worden. Edward fand bei den Leuten freundliche Aufnahme. Er wurde für einen Vetter ausgegeben, der sich dem geistlichen Beruf widme, aber sich so lange hier aufhalten wolle, bis der Bürgerkrieg ausgetobt habe. Das war ein plausibler Vorwand, gegen den bei keinem der Leute im Dorfe ein Verdacht aufkam, und das war um so besser, als sich der Aufenthalt Waverleys infolge eines heftigen Schneesturms, der durch das Land fegte, um mehrere Tage länger erstreckte, als zuerst angenommen worden war. Als die Wege wieder gangbar geworden waren, erfuhr man, daß der Chevalier sich wieder nach Schottland ins Gebirge geflüchtet habe, daß der Herzog von Cumberland Carlisle belagere, und daß auf der östlichen Grenze der Marschall Wade mit einem starken Korps im Anmarsch begriffen sei.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
So mußte Edward die Zeit bis Ende Januar in dem einsamen Pachthofe weilen. Die Trauer, die sein Gemüt erfüllte, erregte bei den biedern Menschen, deren Herz noch humanes Empfinden kannte, inniges Mitgefühl, und man gab sich alle Mühe, Waverley aufzuheitern und zu zerstreuen. Eine kleine Abwechslung in sein eintöniges Leben brachte die Hochzeit zwischen Ned Williams und Cily Jopson, der Pächterstochter von Penrith, der er die eigentliche Rettung zu verdanken hatte. Aber aus Rücksicht auf die noch immer nicht ungefährliche Lage ihres Gastes wurde die Hochzeit in aller Stille gefeiert. Der Geistliche, der die jungen Leute getraut hatte, fand an Waverley, der ihm als angehender Amtskollege vorgestellt worden war, soviel Gefallen, daß er schon am andern Tage wiederkam, um sich mit ihm zu unterhalten. Zum Glück beschränkte er sich auf weltliche Gegenstände und berührte die Amtsgeschäfte und theologischen Fragen nicht, sonst hätte es leicht offenbar werden können, daß Waverley alles andre, bloß kein Studiosus der Theologie war. Aber der Geistliche brachte ein Zeitungsblatt mit auf den Pachthuf hinaus, in welchem Edward eine Nachricht las, die ihn jäh taub gegen alles machte, was der Geistliche mit ihm redete.
»In seinem Hause, Berkeley Square, Hill Street, starb am 10. ds. Mr. Richard Waverley, Esquire, zweiter Sohn des Sir Giles Waverley, Esq. von, auf und zu Waverley-Würden, ec. ec. Eine abzehrende Krankheit, durch den auf ihm ruhenden Verdacht hochverräterischer Umtriebe verschlimmert, hat ihn vor der Zeit hingerafft. Die Beerdigung erfolgt in aller Stille, da auch auf dem Haupte des ältern Bruders, Sir Everard Waverley, die gleiche Anschuldigung schwebt. Wie wir vernehmen, wird diesem letzten Sprossen eines unserer ältesten Geschlechter im nächsten Monat der Prozeß gemacht werden, sofern sich nicht Edward Waverley, Sohn des verstorbnen Richard Waverley, dem Gerichte freiwillig stellen sollte. In diesem Falle ist es, wie von informierter Seite verlautet, unsers gnädigsten Monarchen Absicht und Wille, jede weitere Untersuchung gegen Sir Everard einstellen zu lassen. Es verlautet, daß dieser übelberatne junge Mann im Dienst und Solde des Prätendenten die Waffen gegen England erhoben habe und mit dem Heere der Hochländer in England eingefallen sei. Es ist jedoch seit dem Treffen bei Clifton noch nichts wieder über ihn und von ihm verlautet.«