Der Page war zwar nahe daran, diese kecke Behauptung in Abrede zu stellen, erinnerte sich aber noch rechtzeitig der zwischen ihm und dem Regenten vorgefallenen Dinge und beherzigte deshalb den Wink, den ihm Katharina durch Aufheben ihres Zeigefingers erteilte. Wie schon in Avenel, so übte er auch hier wieder die Rolle eines Glaubensleugners und folgte dem Hausmeier in die Schloßkapelle, wo er der Abendandacht beiwohnte, die hier vom Schloßkaplan Elias Henderson, einem geistlichen Herrn in der Vollkraft des Alters und ausgestattet mit guten, durch sorgfältige Erziehung ausgebildeten Gaben der Natur, gehalten wurde.
So verstrich der erste Tag im Schlosse Lochleven, und die folgenden hatten eine Zeitlang den gleichen, wenn nicht noch eintönigeren Charakter.
Drittes Kapitel
Die Lebensweise, zu der sich Maria Stuart und ihr Gefolge verurteilt sahen, war im höchsten Grade einsam und abgeschieden, und bloß wenn das Wetter einen Spaziergang im Garten oder auf den Schloßzinnen gestattete, kam eine geringe Abwechslung in das ewige Einerlei. Für Roland war die Zeit, die er in Gesellschaft der Damen zuzubringen hatte, noch am angenehmsten, denn dann befand er sich doch in der Nähe der muntern Katharina Seyton, für deren unvergleichlichen Witz und herrliche Gabe, ihre Gebieterin aufzuheitern, er immer große Bewunderung fand.
Sie tanzte, sang, erzählte Märchen und Geschichten, trieb allerhand Spaß und Kurzweil, ja zeigte zuweilen eine so übertriebne Lustigkeit, wie sie sich besser für ein Dorfkind, die Königin beim Maienfeste, geschickt hätte als für die Tochter eines altadligen Hauses. Wenn sich die ernstere Gefährtin bei solchen Anlässen mit Vorhalt und Tadel gegen sie kehrte, dann verglich die Königin sie einem abgerichteten, dem Käfig entflohenen Singvögelchen, das in der Wonne der Freiheit und im unbeschränkten Besitze waldigen Grüns all die Lieder und Weise anstimmt, die es während seiner Gefangenschaft gelernt hat.
Die wenigen Augenblicke, die der Page in der Nähe dieses bezaubernden Wesens zubringen durfte, eilten ihm zuvor wie Blitze vorüber, aber sie schufen ihm doch reichliche Entschädigung für die ermüdende Langweile des ganzen übrigen Tages, selbst wenn es ihm auch nie wieder vergönnt war, allein mit ihr zu sprechen oder gar zusammen zu sein. Ob der Grund zu dieser Absperrung in besondrer Vorsicht auf den Haushalt der Königin lag oder ob sie zu solchen Bestimmungen durch ihre Begriffe von Anstand und Schicklichkeit überhaupt veranlaßt wurde, oder ob die eigentliche Triebfeder hierzu mehr die ältere Zofe Maria Fleming war, darüber sich genauen Einblick zu verschaffen, wollte ihm nicht gelingen, so wenig wie es ihm glückte, genauere Nachforschungen über die geheimnisvolle Pagen-Erscheinung im Sankt-Michaels-Gasthofe anzustellen.
So schlichen langsam die Wintermonate hin, und der Frühling war bereits wieder eingekehrt, als Roland Gräme in dem Verhalten seiner Mitgefangnen langsam eine gewisse Veränderung wahrzunehmen meinte, und bald gewann er die Ueberzeugung, daß unter ihnen etwas im Werke war, das sie nicht zu seiner Kenntnis gelangen lassen mochten, daß Königin Maria durch Mittel und Wege, in die er keinen Einblick gewinnen konnte, einen Briefwechsel mit Personen außerhalb der Schloßmauern unterhielt und sich mit Fluchtgedanken trug. Nicht immer konnte sie es ganz verbergen in den Gesprächen, die sie mit ihren Damen führte, daß sie von den Dingen, die sich in der Welt zutrugen, Kenntnis hatte. Er machte die Beobachtung, daß sie sich weniger mit ihrer Stickerei als mit Briefschreiben befaßte, und daß sie auch, wahrscheinlich um jeden Argwohn in Schlummer zu wiegen, ein weniger schroffes Wesen gegen Lady Lochleven an den Tag legte, daß sie mehr ein Benehmen zeigte, als fange sie allmählich an, sich in ihre Lage zu schicken.
»Die Damen müssen grade denken, ich sei blind,« sprach er bei sich, »und scheinen zu meinen, ich verdiene ihr Vertrauen nicht, vielleicht weil sie mich noch zu jung halten oder weil mich der Regent hergeschickt oder weil ich bei dem Kaplan den Gottesdienst anhöre? aber dazu haben sie mich doch selbst veranlaßt!« indessen hatte Roland hiermit wahrscheinlich das Richtige getroffen und zwar darum mochte man gegen ihn eingenommen sein, weil er dem Kaplan den Wunsch ausgesprochen hatte, sich über verschiedne religiöse Themata mit ihm in besondrer Weise zu unterhalten, und ihm offen bekannt hatte, daß er ein gewisses Bedürfnis nach seinem Unterricht in seinem Herzen fühle.
Der Kaplan, der mit dem Plan im Herzen nach Lochleven gekommen war, unter der Dienerschaft der Königin Proselyten zu machen, nahm die Gelegenheit, die ihm Roland Gräme bot, gern wahr, und Lady Lochleven erschloß ihm zufolge seines frommen Eifers ihr Herz so weit, daß sie ihm ein paarmal, wenn auch mit aller Vorsicht, Erlaubnis erteilte, nach Kinroß, einem über dem See gelegnen Dorfe, hinüber zu fahren, und für seine Herrin einige unbedeutende Besorgungen zu machen. Aber zu seinem Leidwesen machte er die Wahrnehmung, daß er im selben Verhältnis, wie er bei Lady Lochleven in der Gunst stieg, bei der Königin und ihren beiden Damen in der Gunst sank, und immer deutlicher wurde es ihm, daß er von ihnen für einen Aufpasser angesehen wurde, vor dessen Ohren man sich zu hüten habe. Mit diesem Schwinden des Vertrauens trat auch eine Veränderung in dem Benehmen gegen den Pagen ein: die Königin, die ihn früher oft einmal durch eine Artigkeit ausgezeichnet hatte, würdigte ihn jetzt noch kaum eines Wortes, Lady Fleming zeigte bloß durch allgemeine Bemerkungen noch, daß sie von seiner Anwesenheit Kenntnis hatte, und Katharina wurde schnippisch, herb und grillig bei dein geringsten Anlaß, der sich ihr bot, dem Pagen ein Wort zu sagen. Am meisten aber verdroß es ihn, daß sich zwischen Georg Douglas und Katharina Seyton freundlichere Beziehungen in die Wege zu leiten schienen. Mit einem Worte, Rolands Situation wurde von Tag zu Tag unbehaglicher, und es war nur begreiflich, daß sich sein Herz gegen solch ungerechte Behandlung empörte, daß er die Königin sowohl als Katharina Seyton, denn die Meinung des Fräuleins Fleming war ihm gleichgültig, einer Ungereimtheit beschuldigte, wenn sie ihm gram sein sollten um seines Verhaltens willen, das doch einzig und allein die Folge einer von ihnen selbst gegebnen Weisung war. Warum hatten sie ihn geheißen, den Gottesdienst dieses gewaltigen Streiters vorm Herrn, der nun einmal Kaplan Henderson war, zu besuchen? was konnte er dafür, daß Kaplan Henderson ein unendlich eifrigerer Gottesmann war als der greise Heinrich Worden auf dem Schlosse Avenel? daß er ganz anders zu predigen, dem Worte Gottes viel faßlichere, weit mehr zum Herzen gehende Auslegungen zu geben verstand als jener?... »Aber ich will dieses Leben nicht länger mehr ertragen,« sprach Roland bei sich; »denken die Damen am Ende, ich werde meine Gebieterin deshalb verraten, weil mir Gründe aufsteigen, an der Religion zu zweifeln, an die sie glauben?« In einer schlaflosen Nacht reifte der Entschluß in seinem Herzen, sich gegen Georg Douglas auszusprechen, am Morgen aber wurde er wieder wankend, und da traf es sich, daß er an diesem Tage zu einer frühern Stunde als sonst zur Königin beschieden wurde. Da er sich vorgenommen hatte, mit Douglas angeln zu gehen, trug er die Angelrute in der Hand, als er der Königin gegenübertrat.
»Katharina muß wohl oder übel auf andern Zeitvertreib sinnen,« sagte die Königin zu Maria Fleming, »denn unser fürsorglicher Page hat schon über seine Zeit für heute verfügt.«
»Ich sagte ja gleich, daß Eure Gnaden nicht zu sicher auf einen jungen Menschen rechnen dürften, der so manche Bekanntschaft unter Hugenotten hat und infolgedessen über weit mehr Mittel, sich Unterhaltung zu schaffen, verfügt als wir.«