»Weiter – Weiter!« flehte Robert, indem er sich auf ein Knie niederließ und ihre Hand ergriff, die sie im Feuer ihrer Rede nach ihm ausgestreckt hatte.
»Nein!« sagte sie und tat sich Einhalt ... »zuviel ... viel zu viel habe ich gesprochen, wenn ich als Siegerin hervorgehe ... und viel, viel zu wenig, wenn ich nicht als Siegerin hervorgehe. Aber ich habe gesiegt,« sprach sie weiter, denn sie sah, daß sich in den Mienen des Jünglings das Feuer ihrer Begeisterung spiegelte, »ich siege, oder vielmehr, die gute Sache siegt durch eigne Kraft – und so weihe ich Dich dieser unsrer guten, unsrer heiligen Sache!«
Und indem sie so sprach, machte sie mit ihrem Zeigefinger über der Stirn des in Staunen versunkenen Jünglings das Zeichen des Kreuzes, neigte ihr Antlitz zu ihm hernieder und schien dem leeren Raume, innerhalb dessen sie dieses Sinnbild gezeichnet hatte, einen Kuß zu spenden. Dann richtete sie sich auf und eilte in das Zimmer der Königin.
Viertes Kapitel
In nachdenklicher Stimmung begab Roland sich am andern Morgen auf die Zinnen des Schlosses, um ruhig seinen Gedanken nachhängen zu können, aber es war ein schlecht gewählter Zufluchtsort, denn er traf hier alsbald den Kaplan Henderson.
»Euch suchte ich, junger Mann,« sprach der Kaplan, »denn ich habe mit Euch über eine Sache, die Euch angeht, zu reden.«
Roland hatte keinen Vorwand, sich diesem Wunsche zu entziehen, so lebhaft er auch fühlte, daß ihm aus der Unterhaltung nur Verdruß erwachsen werde.
»Junger Mann,« hub der Kaplan an, »Du bist hier im Dienst einer Dame, die, von so hoher Geburt sie ist, doch um des Unglücks willen, das sich an ihre Fersen heftet, unser tiefes Mitleid herausfordert, während die großen äußern Vorzüge, die eine gütige Natur ihr verlieh, und die des Mannes Aufmerksamkeit und Neigung in Fesseln schlagen, zur Vorsicht gemahnen. Hast Du je Dein Verhältnis zur Lady Maria von Schottland aus richtigem Gesichtspunkt betrachtet?«
»Ich hoffe die Pflichten, die ein Diener in meiner Stellung einer königlichen Gebieterin in solch trauriger Lage schuldig ist, richtig aufzufassen, würdiger Herr,« sagte Roland. »Recht, aber grade dieses lobenswerte Gefühl kann Dich auf Abwege leiten, die zu Verbrechen und Verrat führen.«
»Ich verstehe nicht, worauf Ihr hinaus wollt, Herr,« erwiderte Roland.
»Ich will nicht über Dinge mit Dir reden, Jüngling, die dieser übelberatenen Fürstin nachgeredet werden, weil sie sich nicht schicken für die Ohren eines Dieners, der ihr zur Treue verpflichtet ist. Es genügt, wenn ich sage, daß dieser Fürstin höhere Gnadengebote, bessere Ruhmeshoffnung geboten waren als je einem Fürsten der Erde. Aber alles wies sie von sich und führte ein Leben, das sie zuletzt in solch einsame Haft führen mußte zu ihrem eignen Seelenheil und zum Besten des schottischen Volks, wie sie sie jetzt verbringt in diesem einsamen Schlosse.«
»Die Gefängnishaft meiner unglücklichen Gebieterin, würdiger Herr,« versetzte Roland mit Ungeduld, »fühle ich selbst, denn ich leide ja infolgedessen selbst unter Beschränkung meiner Freiheit. Und wenn ich offen reden soll, so bin ich dieser Beschränkung herzlich überdrüssig.«
»Eben darüber wollte ich mit Dir reden,« sagte freundlich der Kaplan, »vorher möchte ich Dich aber bitten, mein Sohn, den Blick auf diese gesegneten Fluren zu lenken. Was verdiente wohl der, der über sie Mord und Brand brächte, der die Schwerter des Volks gegeneinander kehrte und die mühsam erbauten Wohnstätten in Schutt und Asche legte? ... Was verdiente der, der des Aberglaubens alte Götzen wieder aufrichtete und unsre Gotteskirchen zu Baalsaltären machte.«
»Ich errate nicht, wem Ihr die Absicht, solch grauses Elend über Land und Volk zu bringen, beimessen wollt!« sagte Roland.
»Verhüte Gott, daß ich sagen wollte, Dir!« erwiderte der Prediger. »Doch achte, Roland Gräme, daß Du über dem Dienste Deiner Gebieterin die höheren Pflichten nicht aus dem Auge verlierst, die der Frieden Deines Vaterlands, und seiner Bewohner Heil und Wohlfahrt erfordern. Sonst, Roland Gräme, könntest Du grade derjenige sein, auf dessen Haupt die solchem Beginnen gebührliche Strafe fiele. Läßt Du Dich vom Gesange dieser Sirene betören, die Flucht dieser unglückseligen Frau aus diesem Orte der Haft und Buße zu befördern, dann ist es aus mit der Ruhe und dem Frieden dieses Landes, mit der Frucht seiner Felder, mit der Wohnlichkeit seiner Hütten, mit der Pracht seiner Paläste ... und das noch ungeborne Kind wird dem Manne fluchen, welcher dem Wirrsal Tür und Tor öffnete, das einem Kriege zwischen Mutter und Sohn entspringen muß!«
»Mir ist solches Beginnen fremd, würdiger Herr,« lautete die Antwort des Pagen, »ich kann also auch nichts dazu tun. Ich habe der Königin gegenüber keine andern Obliegenheiten als die eines Dieners, und ihrer wäre ich am liebsten, je eher, je lieber, ledig, demungeachtet –«
»In der Absicht, Dich für den Genuß größerer Freiheit zu bereiten,« sagte der Prediger, »habe ich mich bemüht, Dir die Verantwortlichkeit einzuprägen, deren Du Dich bei Erfüllung Dieser Pflicht bewußt zu halten hast. Georg Douglas hat der Schloßherrin gesagt, mein Sohn, Du seiest Deines Dienstes überdrüssig, und da Du desselben nicht entlassen werden kannst, hat sich die Lady durch mich bestimmen lassen, Dich für die Besorgung gewisser Aufträge ins Auge zu fassen, die bislang andern Personen überlassen wurden. Komm also mit mir zur Schloßherrin, mein Sohn, denn heut zum ersten Male sollst Du mit solchem Auftrag bedacht werden.«
»Ich möchte doch bitten, würdiger Herr, in diesem Falle von mir abzusehen, denn wie kann es sein, daß einer zweien Herren diene? und ich besorge sehr, daß meine Gebieterin es mir nicht gut anrechnen möchte, wollte ich für andre Herrschaften Dienste tun.«
»Diese Besorgnis, mein Sohn, soll von Dir genommen werden,« erwiderte der Prediger, »denn die Schloßherrin wünscht, daß von Deiner Gebieterin die Erlaubnis in schicklicher Form eingeholt werde. Ich vermute, sie wird sie nur zu gern erteilen, weil sie im stillen hoffen mag, auf diese Weise einen Vermittler mehr zu gewinnen für den Briefwechsel, in welchem sie, wie wir wissen, mit Personen in Schottland steht, die sich als ihre Freunde ausgeben, die aber ihres Namens sich bloß bedienen, um einen Bürgerkrieg zu entfesseln und dies arme Land in Not und Schrecken zu setzen.«
»Und ich werde auf solche Weise dem Verdacht auf allen Seiten ausgesetzt sein,« erwiderte der Page, »denn meine Gebieterin wird mich als einen Kundschafter ansehen, den ihre Feinde ihr an die Seite gesetzt haben und Lady Lochleven wird den Gedanken nie loswerden, ich könne mich schließlich doch zu einem Verrat durch Umstände bestimmen lassen, die sich zurzeit noch nicht ergeben haben, aber jederzeit eintreten können ... Ich möchte darum vorziehen, zu bleiben, was ich bin.«
»Ich verstehe Dich nicht, Roland,« sagte der Prediger nach einer Weile, in der er den Pagen mit scharfem Blicke gemustert hatte, um zu ermitteln, ob nicht in dieser Antwort mehr gelegen sei, als die Worte auszudrücken schienen; aber Roland, von Jugend auf gewöhnt, sich mit seiner Haltung und Miene nach den Worten andrer zu richten, zeigte eine so verdrießliche Miene, daß es nicht möglich war, hinter ihr die Gedanken zu erkennen, die sein Gemüt zurzeit beherrschten ... »ich verstehe Dich nicht, Roland! ich dachte, die Freude, wieder einmal mit Armbrust und Flinte drüben im Lande zu sein, würde alles andre Bedenken bei Dir besiegen.«
»Das wäre wohl auch der Fall gewesen,« versetzte Roland, da er inne wurde, daß es gefährlich werden könne, das Mißtrauen des Kaplans zu wecken, »und wie hätte es anders sein können, hättet Ihr mir nicht so schlimme Worte gesagt von Brand und Mord und Wirrsal!«