»Laß uns Lady Lochleven aufsuchen,« sagte der Prediger, »und rede selbst mit ihr.«
Sie trafen die Dame mit ihrem Enkel, Georg Douglas, beim Frühstück.
»Friede sei mit Euer Gnaden,« hub der Prediger an, »und mit Euch, Junker!« Dann winkte er dem Pagen. »Ich bring Euch Roland Gräme, der Eures Auftrags gewärtig ist.«
»Unser Kaplan, junger Mensch,« sagte die Schloßherrin zu Roland, »hat sich für Eure Treue verbürgt. Wir möchten Euch daraufhin einige Aufträge geben, die wir in Kinroß, unsrer Stadt, besorgt zu sehen wünschen.«
»Auf meinen Rat hin geschieht es nicht,« sagte kalt Georg Douglas.
»Das ist von mir nicht gesagt worden,« erwiderte empfindlich die Lady. »Ich sollte meinen, Deines Vaters Mutter sei alt genug, in solcher einfachen Sache zu wissen, wie sie sich zu verhalten habe.« Sie wandte sich hierauf zu Roland. »Nimm also das Boot und fahre mit zwei von meinen Leuten, die Dryfesdale oder Randal bestimmen mag, nach Kinroß hinüber und hole einiges Silberzeug und Tapeten ab, die vorige Nacht von Edinburg für uns angekommen sind.«
»Drüben am Ufer wird ein Diener von uns warten, dem gebt zu weiterer Besorgung hier dieses Päckchen,« fügte Georg Douglas bei. »Es ist der schriftliche Wochen-Bericht an meinen Vater,« bemerkte er zu seiner Großmutter, die sich begnügte, mit dem Kopfe zu nicken.
»Ich habe dem Herrn Kaplan gegenüber schon betont,« bemerkte Roland, »daß es zuvor notwendig sei, die Einwilligung ihrer Gnaden meiner Gebieterin hierzu einzuholen.« »Dieser Einwand macht Dir nur Ehre, mein Sohn,« antwortete die Lady, »Georg, sorge hierfür!«
»Mit gütigem Verlaub von beiden Seiten,« bemerkte der Kaplan, »möchte ich mich dieser Aufgabe unterziehen. Die Königin hat mich zwar während der ganzen Dauer meines Aufenthalts in diesem Schlosse keines Wortes oder Blickes gewürdigt, indessen war es, des rufe ich den Himmel zum Zeugen, in erster Linie der Wunsch, ihre Seele auf den rechten Weg des Heils zu führen, der mich hierher geführt hat.«
»Wagt Euch nicht vorwitzig an eine Sache,« meinte Georg Douglas in einem fast höhnischen Tone, »zu der es Euch doch vielleicht an Beruf fehlt ... wer drängt Euch denn zu solchem Dienste?«
»Der Herr und Meister, dessen Dienst ich meine Kräfte geweiht habe,« erwiderte mit gläubigem Aufblick der Prediger. »Er, der mir die Pflicht auferlegte, eifrig zu sein in der Zeit und außer der Zeit.«
»Mein Sohn,« sagte Lady Lochleven, »hemme nicht den Willen unsers wackern Freundes, sondern laß ihn der unglücklichen Fürstin vortragen, was wir von ihr gewährt zu erhalten wünschen.«--
»Mir liegt nichts dran, es ihm zu wehren,« versetzte Douglas, »ich wünsch ihm alles Glück.«
Der Geistliche begab sich zur Königin und traf sie mit ihren beiden Damen in jenem Zimmer, wo sie die denkwürdige Unterredung mit den beiden Lords und Sir Melville gehabt hatte. Sie war, wie immer, mit Stickerei beschäftigt. Sie begrüßte den Diener Gottes mit jener Huld, die fast unzertrennlich von ihrem Wesen war, so daß sich derselbe in gewissem Grade verlegen fühlte.
»Die liebe Lady Lochleven, mit Eurer Gnaden Gunst ...« begann er.
Maria fiel ihm ins Wort.
»Der lieben Lady? ... doch sprecht weiter! was ist dieser lieben Lady Begehr?«
»Eure Gnaden möchten dem Pagen Gräme erlauben, nach Kinroß hinüberzufahren, wo er einige Tapeten und Gerätschaften, bestimmt für Euer Gnaden Gemächer, im Boot herüberholen soll.«
»Wozu eine Erlaubnis von mir in Dingen, die doch im Belieben der Lady stehen?« fragte die Königin. »Hätte man nicht gemeint, der Page stehe mehr unter dem Befehle der Lady als der Königin, so würde man ihn der Königin schwerlich vergönnt haben. Aber Wir geben, da sie gewünscht wird, diese Einwilligung gern, denn es liegt Uns ferne, zu den Erschwernissen der Gefangenschaft, die Wir erdulden müssen, andre Geschöpfe zu verdammen.«
»Ueber Gefangenschaft Klage zu führen, gnädigste Dame,« versetzte der Priester, »ist menschlicher Natur angemessen. Aber es hat auch Menschen gegeben, die erkannten, daß irdische Haft sich verwenden lasse zur Erlösung aus geistigen Banden,«
»Ich errate, was Ihr meint, mein Herr,« versetzte die Königin, »doch spart Euch alle Mühe! Ich habe Gelegenheit gehabt, Euren gewaltigen Ketzer-Apostel John Knox zu hören, auch er hat solche Mühe sich gegeben, und ebenfalls umsonst.«
»Die Worte, die von ihm, den Ihr mit Recht Apostel nennt, vergeblich gesprochen wurden, konnten bei der Muße, die Euch dieser Aufenthalt zum Nachdenken schafft, im Gegensatz zu der Fröhlichkeit und dem bunten Leben bei Hofe, doch vielleicht freundlicherer Aufnahme sich zu gewärtigen haben. Gott ist mir Zeuge, gnädigste Dame, daß ich in der Einfalt meines Herzens rede, und daß es mir fern liegt, mich nur im entferntesten mit jenem heiligen Manne in Vergleich zu stellen, dessen Namen Eure Lippen genannt haben. Wolltet Ihr aber Euch herablassen, von den herrlichen Gaben der Natur und des Geistes, über die Ihr gebietet, den schönsten Gebrauch zu machen – wolltet Ihr nur der leisesten Hoffnung Raum vergönnen, daß Ihr Euer Ohr den Mahnungen nicht verschlösset, Euch freizumachen von dem Irrglauben und Götzendienst, in welchem Ihr erzogen wurdet, dann bin ich gewiß, daß der reichstbegabte meiner Brüder, daß John Knox selbst herbeieilen würde ...«
»Für Eure christliche Liebe bin ich Euch zu allem Dank verbunden, Herr,« erwiderte Maria: »da ich aber zurzeit nur dies bescheidne Audienzzimmer zur Verfügung habe, läge mir wahrlich nichts daran, es zu einem hugenottischen Konzilium verwandelt zu sehen.«
»Doch beharret zum wenigsten nicht, gnädigste Frau,« hub der Prediger wieder an, »in solch hartnäckiger Verblendung auf Euren Irrtümern! Leihet einem Manne Euer Ohr, der hungerte und dürstete, wachte und betete, das fromme Werk Eurer Bekehrung zu unternehmen ...«
»Ich will Eures Eifers nicht spotten,« fiel ihm Maria von neuem ins Wort, »und es möchte sich wohl so anhören, wenn ich Euch sagte, daß Ihr eher zum Hohngelächter der Hölle werden, als über sie siegen dürftet! Eure Nächstenliebe fordert im Gegenteil meinen Dank, denn sie mag wohl redlich gemeint sein ... aber hegt von mir die gleich gute Meinung, die ich von Euch hege, und haltet dafür, daß ich so lebhaft danach verlange, Euch auf den rechten Weg zurückzuführen, wie Ihr es mir gegenüber verlangt.«
»Sofern dies wirklich Eure ehrliche Absicht ist, gnädigste Frau,« nahm sie der Prediger beim Worte, »was hindert uns dann, in die Erörterung solch wichtiger Streitfrage einzutreten? Ihr verfügt, nach aller Zeugnis, die mit Euch verkehrten, über Gelehrsamkeit und Witz ...«
»Nein, nein,« wehrte ihm Maria, »es wäre trotz allem ein ungleicher Kampf! denn Ihr, Herr, könntet Euch, sobald Ihr merkt, daß der Kampf sich zu Euren Ungunsten neigt, aus dem Treffen ziehen, ich aber bliebe an den Pfahl gebunden und könnte nicht sagen, ich sei des Streites müde ... Nein, nein! ich habe bloß einen Wunsch, allein zu sein!«
Mit diesen Worten verneigte sie sich vor dem Kaplan, und dieser, so glühender Eifer ihn auch beseelte, meinte doch nicht, solchem Winke gegenüber seine Anwesenheit länger ausdehnen zu dürfen, sondern wandte sich nach einer tiefen Verbeugung, um das Zimmer zu verlassen. Doch Maria nahm noch einmal das Wort.
»Tut mir in Euren Gedanken nicht unrecht, Herr,« sagte sie; »sollte sich mein Aufenthalt in dieser Burg verlängern, sollten weder meine meuterischen Untertanen ihr Unrecht bereuen lernen, noch die mir treu gebliebenen die Oberhand gewinnen, dann könnte ja vielleicht der Fall eintreten, daß es meinen Ohren nicht unangenehm wäre, einen Mann anzuhören, der so verständig und teilnahmsvoll zu sein scheint wie Ihr; dann lasse ich es vielleicht, auf die Gefahr hin, von Euch belächelt zu werden, auf einen Versuch in dem von Euch angedeuteten Sinne ankommen, aber das müssen wir späteren Zeiten überlassen, und inzwischen mag unsre liebe Lady über meinen Pagen verfügen, wie es ihr gefällt.«