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Hierauf wandte sie sich an Roland.

»Hier, mein lieber junger Freund, nimm die kleine Börse! es sind ein Paar Goldstücke drin, geprägt mit meinem eignen, nichtssagenden Gesichte, und doch hab ich sie immer wirksamer gegen als für mich gefunden – grad so wie meine eignen Untertanen die Waffen gegen mich ergreifen und meinen eignen Namen als Losung und Feldgeschrei gegen mich gebrauchen – da, Freund! nimm die paar Goldfüchse und amüsiere Dich auf dem Feste drüben! tanze, jubiliere, laufe, springe, liebe, drüben in der Stadt ist alles passabel, aber hier in diesem Kastell müßte jemand mehr als Quecksilber in den Adern haben, wollte er lustig sein.«

»Aber, gnädigste Dame,« wandte der Kaplan ein, »wozu ermuntert Ihr diesen Jüngling, da doch die Zeit enteilt und unser die Ewigkeit harret. Läßt sich das Heil durch eitle Lust erringen? lassen sich fromme Werke üben ohne Zittern und Zagen?«

»Furcht und Zittern,« erwiderte die Königin, »sind Maria Stuart fremd; aber siechen Herzens bin ich, und Wir möchten nicht ferner in Unsrer Ruhe gestört sein durch weitern Disput, Drum bitt ich, Herr, mit aller Schonung, die mit solcher Bitte vereinbar ist, Ihr wollet Euch anderswohin verfügen.«

Und durch die Aufnahme, die ihm zu teil geworden, mehr gedemütigt als erfreut, entfernte sich der Kaplan, und bald nach ihm verließ auch Roland Gräme seine Gebieterin, um sich von Lady Lochleven die Weisungen für den ihm zugedachten Auftrag zu holen,

»Unser Kämmerer oder, wie er sich doch nennt, törichterweise, Doktor Lukas Lundin drüben in Kinroß, wird Dich belehren über Zweck und Aufgabe der kleinen Reise, Im übrigen vergiß nicht, daß man Vertrauen in Dich setzt. Zeige Dich also desselben würdig!«

Er eilte in sein kleines Stäbchen und legte seine schmuckeren Pagenkleider von Avenel an statt der schwarzen, die von Maria Stuart in Lochleven nur gelitten wurden. Dryfesdale, der Hausmeier, wartete schon am Bootsplatz und trieb zur Eile. Roland sprang in das Boot und war bald am andern Ufer, wo er sich sogleich nach dem Kämmerer Lundin erkundigte. Aber dieser hatte schon gehört, daß ein Bote von Lochleven da sei und ihn sprechen wolle, und kam Roland halbwegs entgegen.

Fünftes Kapitel

Lukas Lundin war aus der benachbarten Grafschaft Fife gebürtig, stand mit dem den Lochlevens befreundeten Geschlechte der Lundins in entfernter Bluts- oder Seitenverwandtschaft und hatte sich dem Studium der Heilkunde zugewandt, aber nicht mit dem gewünschten Erfolg. Er war deshalb froh gewesen, die behagliche Anstellung eines Kämmerers in der Lochlevenschen Güterverwaltung zu bekommen. In den unruhvollen Zeiten waren die Kämmerei-Einkünfte aber auch zurückgegangen, und er hatte sich nebenher wieder zu seiner frühern Kunst gewandt, und nun hatte man in der Herrschaft Kinroß bald die Erfahrung gemacht, daß die Bewohnerschaft es in der Zwangsmühle des Barons nicht schlechter gehabt hatte als jetzt, wo sie von dem Doktor und Kämmerer gezwungen wurde, sich mit allen möglichen Arzneien und Mixturen vom Leben zum Tode zu kurieren; und wehe dem reichen Landbauern, der es sich herausnahm, ohne einen Paß vom Doktor Lundlin aus dem Leben zu scheiden!

In seiner doppelten Bedeutung, als Arzt und als Amtsperson, und eingebildet auf die gelehrten Brocken, mit denen er seine Rede so spickte, daß sie fast unverständlich wurde, hieß er den Pagen, der auf ihn zutrat, willkommen,

»Der Morgen spende Euch Kühlung, schöner Herr! Ihr seid gewiß hierher gesandt, um Euch zu erkundigen, ob ich die mir übertragne Ordnung auch angemessen aufrecht erhalte. Ihre Gnaden wünschen ja alle abergläubischen Observantien und Zeremonien bei diesem unserm Fest aufgehoben zu sehen. Aber wie ich die Ehre hatte, ihr aus den Büchern des gelehrten Hercules Saxo auseinanderzusetzen, daß omnis curatio est vol canonia vol coacta, was soviel heißt, schöner Herr, denn Samt und Seide haben selten ihr Latein ad unguem [sonderlich genau], jede Kur muß durch Kunst und Anwendung der Regeln oder mit Gewalt bewerkstelligt werden; und der weise Arzt zieht das erstere vor. Da Ihre Gnaden solchem Grund ihre Anerkennung nicht versagten, habe ich mir die veniam [Erlaubnis] genommen, Unterweisung und Vorsicht mit gaudium [Freude] zu vermischen, so daß ich dafür bürgen kann, daß das Volksgemüt durch die gebrauchten Medikamente von veralteten päpstlichen Torheiten gereinigt und ausgefegt werden dürfe, tuto, cito, jucundo [gänzlich, geschwind und angenehm].

»Doktor Lundin,« antwortete der Page, »ich habe keinen Auftrag.«

»Nennt mich nicht Doktor,« antwortete der Kämmerer, »denn ich bin doch im wesentlichen jetzt auf das weltliche Geschäft der Kämmerei beschränkt, wenn Ihr auch in meiner Wohnung, wohin ich Euch jetzt geleite, gut tun werdet, nicht über Retorten zu stolpern.«

Dort angelangt, fand der Page freilich allen Grund, vorsichtig zu sein, denn neben ausgestopften Vögeln, Eidechsen, Schlangen in Spiritus, Kräuterbündeln und andern zum Trocknen ausgebreiteten Ingredienzien, wie sie sich auf dem Warentische eines Spezereihändlers befinden, lagen und standen auch Berge von Holzkohle, Schmelztiegel, Kohlenbecken und allerhand andres Zubehör einer chemischen Werkstätte herum.

Doktor Lundin war Philosoph und war unordentlich wie ein Philosoph, und die alte Wirtschafterin, die, wie er sagte, über dem Nachräumen dessen, was er verlege und verkrame, ihr Leben hinbringe, hatte sich heut schon beizeiten auf den Weg nach dem Tanzboden gemacht. Es dauerte also geraume Zeit, bis der Doktor aus all seinen Glasbeständen zwei Gläser herausgefunden hatte, die geeignet waren, solch schmuckem Gaste etwas zum Trinken vorzusetzen, und nicht minder lange dauerte es, bis er aus seinen anderen Vorräten dasjenige herausgefunden hatte, was er solchem Gaste als Herzstärkung vorsetzen durfte. Aber endlich war ihm beides gelungen, und nun mußte sich Roland dazu bequemen, von dem in allen Tonarten gepriesenen Getränk seines Wirtes zu kosten; aber er fand das Zeug so abscheulich bitter, daß er gern aus der ärztlichen Werkstatt in den Hof hinaus geschlüpft wäre, um ein Glas Wasser zu trinken. Aber sein redseliger Wirt wollte ihn nicht von sich lassen, sondern schwatzte ihm die Ohren voll mit allerhand Geschichten von Kuren und Mixturen, bis Roland endlich die Geduld riß und er dem Doktor erklärte, er wolle unbedingt keine Zeit weiter verstreichen lassen, sondern sich das Fest ansehen.

»Ein passabler Vorschlag,« stimmte der Doktor bei, »und ich täte auch gut, mich auf dem Festplatze sehen zu lassen. Ueberdem erwartet uns das Schauspiel, junger Mann, denn heute spielt totus mundus histrionem [alle Welt dem Schauspieler] .

So machten sie sich beide auf den Weg. Das Erscheinen des Kämmerers erregte großen Jubel, denn nun ließ sich annehmen, daß es mit dem Beginn des Schauspiels nicht mehr lange dauern werde. Alles andre, was auf dem Feste geboten wurde, war jüngern Datums, aber das dramatische Spiel fesselte noch immer die Aufmerksamkeit am meisten. Im Nu wurden alle andern Belustigungen unterbrochen, der Tanz um den Maienbaum wurde eingestellt, und Tänzer wie Tänzerinnen sprangen zur Waldwiese, wo die Bühne aufgerichtet war. Der große braune Bär und die drei bis vier Bullenbeißer, die zur Augenweide des Publikums einen grimmigen Kampf ausfochten hatten, wurden von einem halben Dutzend Bauernburschen im Verein mit dem Bärenführer mit Stangen auseinander gebracht. Der Bänkelsänger sah sich grade bei der interessantesten Stelle seines Liedes von seinem ganzen Publikum verlassen und merkte zum lebhaftesten Verdrusse, daß er den günstigen Moment zum Einsammeln seines Spielhonorars verpaßt hatte, schob seine dreisaitige Fidel mit verdrossnem Gesicht in ihr Futteral und folgte mit einem Gebrumm, wie es keine Baßgeige kräftiger hätte herausbringen können, dem Volke zu jener andern Vorführung, die die seinige so schmählich in den Hintergrund gedrängt hatte. Der Taschenspieler gab es auf, Feuer zu schlucken und Drachen zu speien, und machte es wie sein Kollege der Bänkelsänger.